von Ulrike Ziemer

In der Kinderliteratur ist Max Kruse vor allem für die Figur des Urmel bekannt. Mit Urmel aus dem Eis beginnt 1969 eine Buchreihe, die durch die Augsburger Puppenkiste berühmt wurde. Das Hörbuch Alle lieben Urmel ist als Ehrerbietung an den 2015 verstorbenen Max Kruse entstanden und gibt das gleichnamige Kinderbuch in gekürzter Form wieder. Wieland Freund, Sabine Ludwig, Salah Naoura und Annette Pehnt, alle selbst erfolgreiche Schriftstellerinnen und Schriftsteller, haben sich neue Urmel-Geschichten ausgedacht, die Gustav Peter Wöhler auf zwei CDs vorliest.

 

Urmel

Quelle: Coverillustration

Inhalt

Wieland Freund: Urmel kommt ins Museum

Auf der Insel Titiwu herrscht große Aufregung. Der Seele-Fant und Ping Pinguin haben einen Brief per Flaschenpost erhalten. Sie beschließen, den anderen nichts zu erzählen und machen sich auf den Weg nach Pumpolonien. Dort plant Direktor Dr. Zwengelmann die Eröffnung seines neuen Umweltmuseums, der Biosphäre. Er versucht mit einer List, die sprechenden Tiere von der Insel Titiwu zu sich zu locken. Dies scheint ihm anfangs auch zu glücken, doch als auch das Urmel erscheint, überschlagen sich die Ereignisse.

Sabine Ludwig: Nur ein Fliegenschiss oder wem gehört Titiwu?

Direktor Dr. Zwengelmann erfährt, dass er sein Museum schließen muss. Er entdeckt jedoch eine alte Urkunde, die besagt, dass dem ehemaligen König von Pumpulonien, König Pumpunell, eine Insel gehört. Dr. Zwengelmann glaubt, dass es sich bei der Insel auf der Urkunde um die Insel Titiwu handelt. Er hofft, dass es ihm gelingt, das Urmel einzufangen. Die sprechenden Tiere der Insel mit ihren charakteristischen Sprachfehlern streiten darüber, wer als erster auf Titiwu gelebt hat. Die Geschichte spitzt sich zu, nur durch die Gründlichkeit und Sauberkeit von Wutz nimmt alles eine gute Wendung.

Salah Naoura: Der Besuch der kleinen dicken Dame

Die Tiere auf der Insel Titiwu entdecken eine kleine dicke Frau in einem Baum. Es stellt sich heraus, dass es sich um Frau Eleonore Schlemm vom Jugendamt handelt. Sie ist gekommen, um Tim Tintenklecks abzuholen, er soll eine neue Familie bekommen. Alle halten zusammen, doch der Professor verhält sich eigenartig. Er scheint sein Gedächtnis verloren zu haben. In letzter Sekunde kann Tim die Situation retten.

Annette Pehnt: Urmel in der Schule

Eine Brieftaube mit einem wichtigen Brief für Tim Tintenklecks landet auf der Insel Titiwu. Er muss zur Schule. Da es auf der Insel nur eine Sprachschule für Tiere gibt, soll er auf dem Festland im Ort Fischingen zur Schule gehen. Tim ist sehr traurig und möchte seine geliebte Insel und seine Freunde nicht verlassen. Da beschließen die Tiere, Tim zu begleiten. Seele-Fant kann nicht mit, da er im Wasser lebt. In Fischingen angekommen, besorgt Professor Habakuk Tibatong die Schulsachen für Tim. Derweil schleicht sich das Urmel in die Schule und sorgt für große Aufregung. Tim entdeckt, dass einiges an der Schule interessant sein kann und sein Wissen über das Meer und dessen Bewohner dort sehr gefragt ist.

Kritik

Eine Huldigung an Max Kruses Urmel-Figur ist eine beachtenswerte Aufgabe und es ist beeindruckend, wie die Autorinnen und Autoren sie gelöst haben. Alle vier haben sich schriftstellerisch auf die Insel Titiwu begeben und sich dem Thema Alle lieben Urmel auf unterschiedliche Weise genähert. Sie haben neue Urmel-Geschichten entwickelt, ohne den ursprünglichen Rahmen und die Charaktere zu verändern. Jede Figur ist sich treu geblieben und leicht an ihren Sprachfehlern, Eigenarten und Vorlieben wiederzuerkennen. Der Sprecher Gustav Peter Wöhler ist ein vielseitiger Theater-, Film- und Fernsehdarsteller, dass er die Musik liebt, ist unschwer zu erkennen. Er trägt die ach so traurigen Lieder von Seele-Fant so vor, dass der Zuhörer emotional berührt wird. Die unterschiedlichen Rollen werden klar durch viele individuelle Besonderheiten herausgearbeitet. Die schwierige Aufgabe, die jeweiligen Sprachfehler und Stimmklänge so wiederzugeben, dass erkennbar ist, dass es immer die gleichen Buchstaben sind, die Probleme bereiten, ist ihm hervorragend gelungen. Er spricht mit einer ruhigen Stimme und passt sich dem Erzählfluss gut an.

Die Ereignisse der Geschichte von Wieland Freund werden erlebbar und emotional vorgetragen, sie entwickeln sich aus dem Alltag der Inselbewohner. Vorkenntnisse helfen, um sich direkt auf den Charme der Charaktere einlassen zu können, im weiteren Verlauf kristallisieren sich die Besonderheiten dann aber mehr und mehr auch für Urmel-Ersthörerinnen und -hörer heraus. Der Sprecher nimmt sein Publikum mit auf eine aufregende Reise. Er gestaltet mit seiner Stimme jede Figur so eindeutig und lebendig, dass im Kopf der Hörerinnen und Hörer Bilder der Charaktere entstehen: Seele-Fant, der davon träumt, berühmt zu werden, Ping Pinguin, der schon immer neidisch auf die Riesenmuschel von Wawa ist, und das Urmel, das etwas babyhaft und naiv auf Wunscherfüllung hofft, treffen auf den sensationslustigen Museumsdirektor. Mit einzigartigem Gespür für Sprachausdruck und Klang lässt Wöhler die Wesen agieren. Die Zuhörenden werden durch den Lese-Rhythmus mit hineingenommen in die Dynamik und Spannung der Story. Die eher ruhige Erzählerstimme wechselt in eine den Ereignissen angepasste temporeiche Lesung.

Sabine Ludwig greift mit ihrer Erzählung den Konflikt zwischen Dr. Zwengelmann und Professor Habakuk Tibatong auf. Der Professor ist stolz auf das Urmel und seine sprechenden Tiere. Dr. Zwengelmann, der mit seinem Museum auf dem Festland keinen Erfolg hat, versucht die Insel Titiwu zu beherrschen. Mit diesen Gedankengängen nimmt Ludwig vorhandene Erzählstränge von Max Kruse auf und fügt eigene Ideen hinzu. Es macht Spaß, mit Hilfe von Wöhlers Stimme der Handlung zu folgen, ist doch schon bald zu erkennen, dass ein kleiner Punkt, der Fliegenschiss, einen Irrtum erzeugt. Es gelingt mit kleinen Wendungen in der Stimme, die Tiere mit ihren klitzekleinen Problemen vorzustellen. Urmel-Neulingen wird mit dem Hörbuch der Einstieg in die Fantasiewelten von Titiwu und Pumpolonien erleichtert.

Salah Naouras Text stellt Tim Tintenklecks in den Mittelpunkt. Es entstehen allerhand Verwicklungen und eine kleine dicke Dame, Frau Eleonore Schlemm, wird zur Bedrohung für die Bewohner der Insel Titiwu – wunderschön erzählt und behutsam gelesen mit einigen faszinierenden Wendepunkten. Mit Frau Schlemm wird eine neue Person in die Gemeinschaft der bekannten Figuren eingeführt und Gustav Peter Wöhler entwickelt mit Intensität und Kreativität die Individualität dieser neuen Figur. Er wechselt die Stimmlage und erschafft eine etwas schrullige kleine dicke Dame. Die vorhersehbaren Reaktionen der Einwohner werden so durch eine neue Komponente ergänzt. Es glückt, den Rhythmus der bekannten Erzählungen aufzunehmen und die Geschichte zu einem guten Ende zu führen.

Mit Urmel in der Schule hebt Annette Pehnt den Zusammenhalt und die Rücksichtnahme der Menschen und Tiere der Insel Titiwu bestens hervor. Tim Tintenkecks wird nicht alleine gelassen. Der Sprecher bleibt seinem Stil treu und die Figuren sind leicht wiedererkennbar. Liebevolle kleine Details, die die Charaktere gut ausdrücken, werden sprachlich und akustisch hervorgehoben. Wutz, die immer für alle sorgt, näht zum Beispiel wasserdichte Taschen für die Schiffsreise nach Fischingen. Und Annette Pehnt bezieht Stellung: Nicht alles, was außergewöhnlich ist, muss ins Fernsehen. Also ist Geheimhaltung wichtig. Es finden sich neue Freunde und Wutz träumt davon, das klügste Schwein der Welt zu werden. Die einfühlsame Stimme Wöhlers macht die Abenteuer glaubhaft, kleine und große Zuhörer werden sicher geleitet. Die Tiere achten darauf, dass es allen gut geht. Eine Geschichte ganz im Sinne von Max Kruse.

Fazit

Das vorliegende Werk ist eine einzigartige Zusammenführung von einem virtuosen Sprecher und bemerkenswerten Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Ihnen ist es gelungen, sich ganz auf die Fantasiewelt eines hervorragenden und unvergessenen Autors einzustellen. Sie haben das Lebenswerk von Max Kruse ausgezeichnet und geehrt, indem sie seine besondere Art der Einbildungskraft und des Humors aufgegriffen haben. Die Inselgemeinschaft ist ihrem Ursprung treu geblieben. Das Hörbuch lässt eindeutige Strukturen erkennen und bietet so auch für jüngere Kinder ein auditiv leicht verfolgbares Geschehen. Die Autorinnen und Autoren heben ihre individuelle Note hervor und setzen in ihren Geschichten neue Impulse. Gustav Peter Wöhler zieht alle Stimmregister und nimmt Kinder und Erwachse mit auf eine zauberhafte Reise. Das "öfföff" von Wutz, dem Hausschwein, weist je nach Stimmungslage verschiedene Nuancen auf und Seele-Fant mit seinen "traurögön Lödörn" wird zum klanglichen Star der Geschichten. Die CD bietet meisterhafte Hörliteratur für die ganze Familie.


Titel: Alle lieben Urmel – Neue Urmel-Geschichten
Autoren: Wieland Freund, Sabine Ludwig, Salah Naoura, Annette Pehnt
Produktion: Hörbuch-Hamburg, Silberfisch
Produktionsjahr: 2016
Dauer: 164 Minuten
Sprecher: Gustav Peter Wöhler
  Ab 6 Jahren geeignet

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