von Dr. des. Marion Rana

 Quelle: Anika Ullmann

Was dem Mann der Penis, ist der Busen der Frau: Dies zumindest suggerierten die freundlichen Strichzeichnungen der Toilettenmännchen im Tagungshaus Neuland nahe Bielefeld, in dem sich das frisch gendersensibilierte Publikum der GKJF-Tagung "Immer Trouble mit Gender" nicht zweimal bitten ließ, in entspannter abendlicher Runde über die Abwesenheit der Vagina und die Relevanz primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale für die weibliche und männliche Identität zu diskutieren. Und wie stellt sich die öffentliche Konstruktion von Geschlecht und Sexualität eigentlich für Menschen mit Behinderung dar, die im Haus Neuland gänzlich ohne Geschlechtsmerkmale gekennzeichnet waren? Dass sich die abendlichen Gespräche solch praktischen Geschlechts-Dekonstruktionen zuwandten, lag in den theoretisch fundierten und gleichzeitig in der Praxis verankerten Vorträgen begründet, die die Tagung bereicherten. So gestärkt und inspiriert von den literaturhistorischen, populärkulturellen, didaktischen und medientheoretischen Tagungsbeiträgen ließ es sich dann auch abends beschwingt weiterdiskutieren.

Dass die KJL-Forschung von einer gendertheoretischen Debatte und der Einbeziehung gendertheoretischer Überlegungen profitieren kann und sollte, hob Petra Josting schon in ihrer Einführung hervor, bevor Siegrid Nieberle in ihrem Vortrag zu "Gender und Literatur in Reprise" den theoretischen Rahmen absteckte, innerhalb dessen eine Diskussion und Analyse von Genderkonstruktionen in der KJL stattfinden könnte, und dabei deutlich machte, dass binäre Geschlechtsdarstellungen bei weitem noch nicht überwunden sind. Im Anschluss illustrierte Julia Benner in ihrem Vortrag "Intersektionalität und Kinder- und Jugendliteraturforschung" die analytisch und methodisch bereichernde Funktion von intersektionellen Ansätzen in der Forschung, indem sie die sich überschneidenden Geschlechts-, Ethnie- und Klassezuschreibungen der Hauptfigur Esmeralda in Disneys Der Glöckner von Notre Dame aufzeigte und diskutierte. Dass traditionell stereotype Genderzusammenhänge durchaus auch subversiv und ambivalent besetzt sein können, zeigte Ute Dettmar in ihrem Beitrag zu "Barbie, Bildung und Beruf", in dem sie argumentierte, dass die Barbie-Reihe der 1960er zwar durchaus traditionelle Genderkonstruktionen perpetuierte, dabei aber gleichzeitig auch modernere Interpretationen von Frausein aufzeigte und zuließ, die von einer gesamtgesellschaftlichen Modernisierungs- und Aufbruchsstimmung und hier vor allem einer Emanzipation in den Bereichen Mode und Beruf inspiriert waren. In ihrem Abendvortrag "Imaginationen und Figuren des Kindheitskörpers" zeichnete Gundel Mattenklott schließlich die Entwicklung der ikonographischen Darstellung des Kinderkörpers im Bilderbuch von den 80er Jahren bis heute nach und legte dabei einen Schwerpunkt auf die sinnliche und damit im weitesten Sinne sexuelle Narration und Visualisierung kindlicher Realität.

Ein lebhafter Vortrag Helga Karrenbrocks über die, wie sie schmunzelnd anmerkte, "an unserem  Küchentisch" wiederentdeckte Autorin Ruth Landshoff-Yorck, die in den 1920er Jahren sinnbildlich für die "moderne Frau" stand und in ihren Texten, Fotoserien und dem eigenen, intensiv öffentlichen Lebensstil die Binarität und Exklusivität von Genderrollen in Frage stellte, läutete den zweiten Konferenzstag ein, der anschließend in jeweils drei Parallelsitzungen fortgesetzt wurde. In der Sektion "Geschichte und Zeitgeschichte" setzte sich Iris Schäfer mit lesbischen Protagonistinnen in der KJL auseinander, Kerstin Gittinger referierte das Frauenbild in der aktuellen österreichischen KJL zum Thema Nationalsozialismus und Bettina Oest beleuchtete mit einem Blick auf Holocaust-Schreibungen Genderperspektiven in der zeitgeschichtlichen KJL. Sektion 2 zu "Bilderbuch-Narrativen" bereitete die Bühne für den Vortrag von Margarete Hopp zur genderspezifischen Auseinandersetzung mit Tod und Trauer im aktuellen Bilderbuch, Manuela Kalbermattens Auseinandersetzung mit Queerness im Bilderbuch und Anika Ullmanns Diskussion von König & König vor der theoretischen Folie des noch-nicht-heterosexuellen Kindes. Dem Thema "Mythenrezeption und Medienverbund" widmeten sich die Beiträge aus Sektion 3: Die aufeinander aufbauenden Vorträge Markus Jankas und Michael Stierstorfers zur Transformation antiker Liebeskonzeptionen und Genderrollen in der postmodernen KJL respektive der Heldinnenkonstruktion in der aktuellen Phantastik, sowie Kerstin Böhms Überlegungen zum männlichen Heldenmythos im Medienverbund der Wilden Kerle.

Nach der Mitgliederversammlung der GKJF wurde die Konferenz am Nachmittag in den Sektionen zu "Autorinnen", "Räume" und "Typische Heldinnen und atypische Helden" fortgesetzt. Über den Tellerrand der deutschen KJL schauten dabei Judita Kanjo mit ihrem Vortrag über die kroatische Autorin Ivana Brlik-Mazuranic sowie Susanne Blumesberger mit ihrer Diskussion von Genderkonzepten in der österreichischen KJL. "Räume" wurden von Peter Rinnerthaler und Sarolta Lipóczi ausgeleuchtet, die genderspezifische Räume im zeitgenössischen Bilderbuch bzw. historische und aktuelle Geschlechterbilder in der ungarischen KJL in den Fokus rückten. Heldenkörper und Körperbilder im Superheldencomic am Beispiel vor allem von Batman untersuchte schließlich Anna Stemmann in der Sektion "Typische Heldinnen und atypische Helden", die von Geralde Schmidt-Dumonts Rekonstruktion der Darstellung unangepasster Mädchen im Bilderbuch seit dem 19. Jahrhundert abgeschlossen wurde. Nadine Seidels Vortrag über die 'bacha poshs' – afghanische Mädchen, die als Jungs erzogen werden – thematisierenden Jugendbücher bildete den Abschluss des rein akademischen Teils des zweiten Konferenztages, bevor dieser mit einer Lesung Susanne Krellers abgerundet wurde. Im Gespräch mit Caroline Roeder gewährte die preisgekrönte Autorin dem interessierten Publikum offen und unterhaltsam Einblicke in die eigene Arbeit und den kreativen Schaffensprozess und las nicht nur aus ihren bereits veröffentlichten Schneeriese und Elefanten sieht man nicht, sondern weckte mit einigen Passagen aus einem aktuell in Arbeit befindlichen Manuskript auch Vorfreude auf ihr nächstes Werk.

Der letzte Konferenztag fand wieder komplett im Plenum statt. Hier diskutierte Birgit Schlachter ihr Modell feministischer und postfeministischer Lektüren von Liebesromanen für (weibliche) Jugendliche und illustrierte, wie dort trotz aller Ambivalenz und möglicher Subversivität doch zumeist traditionelle Rollenzuschreibungen zum Tragen kommen. Annette Kliewers Kritik an der soziologischen Untertheoretisierung der Literaturdidaktik in Bezug auf geschlechtstheoretische Fragestellungen mündete in einer angeregten Diskussion über das Gendermainstreaming in der Konzeption und Vermittlung von KJL. Im Abschlussvortrag stellte Marion Rana schließlich eine soziologisch inspirierte Diskussion über Konzepte der Körperoptimierung und Kommodifikationen des Körpers in der aktuellen KJL vor, die häufig in einem Spannungsverhältnis von Emanzipation und Fremdbestimmung resultieren, ihrer Ansicht nach aber nicht ausschließlich als entmündigend und objektifizierend gelesen werden sollten.

So viel Trouble es mit Gender auch geben mag, so machte die Tagung doch unmissverständlich klar: Die KJL-Forschung kann durch die Diskussion von Geschlechtskonstruktionen nur bereichert werden. Dass diese Diskussion aktuell häufig noch nicht genügend von der aktuellen Genderdiskussion inspiriert ist und auch die post-Butler-Debatten der Gender Studies stärker nachvollzogen werden müssen, wurde allerdings ebenso deutlich. Geschlechtsdichotome Betrachtungsweisen nicht nur in der KJL selbst, sondern auch in deren Erforschung hinter sich zu lassen, und sich dadurch nicht nur den durchaus auch in Populärtexten vorhandenen subversiven und ambivalenten Betrachtungsweisen widmen zu können, queere Diskussionen einzubeziehen und Genderkonstruktionen auch als Männlichkeitskonstruktionen und in Bezug auf intersektionelle Thematiken zu hinterfragen: Diesen Aufgaben muss sich die deutschsprachige KJL-Forschung noch intensiver stellen. Die GKJF-Tagung hat dafür einen bedeutenden Impuls gegeben und man darf gespannt sein auf die für 2016 angekündigte Publikation ausgewählter Tagungsbeiträge in einer Extraausgabe der kjl&m.

Das Programm der Tagung im Überblick.

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