Vom 3. bis 4. März 2016 findet die Tagung "Denn sie rauben sehr geschwind jedes böse Gassenkind …" – "Zigeuner"-Bilder in Kinder- und Jugendmedien im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma (Berlin) statt. Die Tagung soll im interdisziplinären Austausch den Auftakt bilden für eine grundlegende Auseinandersetzung mit Kinder- und Jugendmedien und den in ihr enthaltenen "Zigeuner"-Bildern, vor allem aus Sicht der Kinder- und Jugendliteraturforschung, aber auch in bildungspolitischer und didaktischer Perspektive.

Von Arpad bis Zigeunerfrieda: "Zigeuner"-Figuren und "Zigeuner"-Bilder bevölkern die Kinder- und Jugendliteratur seit ihren Anfängen und sind in allen ihren Gattungen vertreten. Zum festen Personal gehören sie in Märchen, ebenso sind sie in kinderliterarischen Klassikern zahlreich beheimatet: Man denke an Ottilie Wildermuths Das braune Lenchen (1872), Alex Weddings Ede und Unku (1931) oder Kurt Helds Die rote Zora (1941). Auch nach 1945 sind "Zigeuner"-Kinder in vielen Werken vertreten. Sei es in Ursula Wölfels Mond, Mond, Mond (1962) oder in unterhaltungsliterarischen Romanen wie Enid Blytons Fünf Freunde-Reihe. "Zigeuner"-Bilder findet man auch in illustrierten Büchern und Comics, in aktuellen kinder- und jugendliterarischen Romanen, wie denen von Kevin Brooks, oder in autobiographischen Texten von Zeitzeugen, die Anja Tuckermann aufgezeichnet hat. – Die Tagung "Denn sie rauben sehr geschwind jedes böses Gassenkind" greift mit ihrem Titel ein Zitat aus Die Zigeunerfrieda von Georg Dennler (1910) aus diesem Textfundus auf.

Im Bereich der Literatur- und Gesellschaftswissenschaften erschienen in den vergangenen Jahren eine Reihe wichtiger Veröffentlichungen, die der Geschichte dieser Konstruktionen und Stereotypenbildung, den Auswüchsen der Vorurteile und antiziganistischen Tendenzen nachgingen. Eine fundierte wissenschaftliche Bestandsaufnahme und Berücksichtigung der historischen Kinder- und Jugendliteratur fehlt weitgehend bzw. liegt nur in zeitlich begrenztem Umfang vor, ebenso eine differenzierte Darstellung der Sinti und Roma. Zudem steht eine Auseinandersetzung mit aktuelleren Entwicklungen auf dem Buchmarkt aus. Vergeblich sucht man in den vorliegenden literaturwissenschaftlichen Untersuchungen auch nach von Sinti und Roma geschriebenen Texten.

Die erste und bislang einzige Tagung zum Thema Zigeunerbilder in der Kinder- und Jugendliteratur fand 1999 im Kultur- und Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg statt. Die Vorträge sowie ergänzende Arbeiten wurden im Heidelberger Verlag Wunderhorn veröffentlicht (2000). Die Arbeitsgemeinschaft Jugend Medien (AJuM) der GEW gab 2012 eine Broschüre mit Rezensionen aktueller Titel heraus; inzwischen wurden 450 Titel dieses Textkorpus erfasst. Ute Wolters lieferte eine erste Systematik in einem Lexikonbeitrag zu der Thematik. Damit liegen wichtige Vorarbeiten zur Erforschung der "Zigeuner"-Bilder in der Kinder- und Jugendliteratur vor.

Die Tagung "Denn sie rauben sehr geschwind jedes böses Gassenkind" schließt an diese ersten Untersuchungen an und führt in interdisziplinärer und kulturwissenschaftlicher Perspektive die Fragestellungen weiter.

Bei der zweitägigen Fachtagung widmen sich 14 Beiträge aus den Bereichen Literaturwissenschaft und -didaktik, Geschichts- und Kulturwissenschaft, Interkulturalitäts- und Antiziganismusforschung "Zigeuner"-Bildern in Kinderliteratur und ihren Medien. Sowohl in historischer Perspektive und bezogen auf Entwicklungen nach 1945 als auch unter Bezugnahme auf aktuelle Tendenzen der Fragestellung richtet sich der Blick auf Wissensbestände in  bildungspolitischer und didaktischer Perspektive. Zudem wird der Frage nachgegangen, wie die pädagogische Arbeit in Schule und Unterricht neben der sachkundigen Vermittlung von Wissen über die Geschichte und Gegenwart der Minderheit der Sinti und Roma vor allem hinsichtlich der Dekonstruktion antiziganistischer Stereotype konstruktiv befördert werden kann. Die Vortragenden sind u. a. Prof. Dr. Hans Richard Brittnacher (Das Märchen von den Kinderdieben – zur Unverwüstlichkeit eines Vorurteils), Dr. Tobias Kurwinkel ("Zigeuner"-Imagines in Kinder- und Jugendfilmen), Dotschy Reinhardt (Popkultur zwischen Ausgrenzung und Respekt), Dr. Frank Reuter (Strategien der visuellen "Zigeuner"-Konstruktion), Prof. Dr. Gina Weinkauff (Bilder authochtoner Minderheiten in der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur seit 1945) und Ute Wolters (Katarina Taikon (1932–1996) – eine schwedische Kindheit (1940–1947)). Eine Übersicht über das Gesamtprogramm und die BeiträgerInnen enthält der Tagungsflyer. Ab Januar sind die Kurzdarstellungen der Beiträge online zu finden.

Begleitet wird die Veranstaltung am Donnerstag, 3. Februar 2016 (17.30 Uhr) mit einer szenischen Lesung: Petra Rosenberg, die Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburgs, wird Das Brennglas (2012) vorstellen, die autobiographische Erinnerung ihres Vaters Otto Rosenberg; musikalisch wird sie von Ferenc Snetberger, Gitarre begleitet.

Tagungsort: Ausgerichtet wird die Veranstaltung in den Räumen der neu eröffneten Repräsentanz des Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Berlin – Aufbau Haus, Prinzenstraße 84 (Aufgang 2, 3. OG), 10969 Berlin

Kontakt/ Anmeldung: Prof. Dr. Petra Josting, Universität Bielefeld, Universitätsstraße 25, 33615 Bielefeld, Tel. (Sekretariat): 0521 106-3706/ 3713; Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Tagungsleitung: Prof. Dr. Petra Josting (Universität Bielefeld, LiLi-Fakultät/ Germanistik), Dr. Frank Reuter (Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg), Prof. Dr. Caroline Roeder (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Institut für Sprachen), Ute Wolters (Berlin)

 

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