von Anna Zamolska

Birgit Dankert hat eine aktuelle Biografie Astrid Lindgrens vorgelegt. In dieser zeichnet sie ein differenziertes Bild der schwedischen Autorin, erfasst ihr Werk wissenschaftlich und hinterfragt den heutigen Umgang des Literaturmarktes mit Lindgren – alles Aspekte, die unser Wissen um Astrid Lindgren ergänzen.

Dankert, Birgit: Astrid Lindgren – Eine
lebenslange Kindheit

Lambert Schneider, Darmstadt 2013.
320 Seiten. 24,90 Euro
ISBN 978-3-650-25526-6

Inhalt

"Die Legende Astrid Lindgren droht im Verein mit der allgegenwärtigen Multimediapräsenz von Lindgren-Texten zunehmend den Blick auf Leben und Werk dieser außergewöhnlichen Frau zu verstellen." Diese Erkenntnis, die Birgit Dankert in der Einleitung formuliert, fungiert als roter Faden der ersten deutschsprachigen wissenschaftlichen Biografie zu Astrid Lindgren.

Anhand einer klaren Struktur – die Kapitel werden in sechs Lebensabschnitte eingeteilt, denen bestimmte Schlüsselbegriffe zugeordnet sind – und mit dem Anspruch einer möglichst umfassenden Darstellung führt Dankert den Leser durch Lindgrens Leben. Dies gelingt ihr, indem sie geschickt die jeweilige Lebensphase skizziert, mit Lindgrens literarischem Werk verbindet, die wichtigsten wissenschaftlichen Ergebnisse dazu präsentiert und zudem Lindgrens Einfluss auf die Kinder- und Jugendliteratur und andere Bereiche, wie Umweltschutz und Politik, mit einbindet.

Hierbei fließen sehr viele bereichernde Erkenntnisse mit ein: Beispielsweise zeichnet Dankert sehr deutlich Lindgrens Weg zum Schreiben nach, der mit ersten Märchen für Zeitschriften begann, in denen Lindgren verschiedene Schreibstile erprobte, bis sie ihren eigenen fand. Weiterhin zeigt Dankert durchgehend den immensen literarischen Fundus auf, den sich Lindgren mit der Zeit aneignete und aus dem sie für ihre eigenen Bücher schöpfte.

Ebenso erhellend ist die Darstellung Astrid Lindgrens als Privatperson, deren Schwermut und Melancholie bereits bei Margareta Strömstedt (Strömstedt 2001) zur Sprache kommt, hier allerdings noch vertieft wird durch die Benennung der privaten Probleme Lindgrens. Diese erklären Lindgrens lebenslanges Bedürfnis, zu den Erinnerungen an ihre Kindheit zurückzukehren und daraus Trost zu schöpfen – aber auch ihre Kreativität und ihr Bedürfnis zu schreiben, das zum Ventil ihrer aufgestauten Sehnsüchte, Enttäuschungen, Ängste und Erinnerungen wird. Diese Erkenntnis zieht sich durch Dankerts Biografie und erklärt den Untertitel "Eine lebenslange Kindheit".

Besondere Beachtung verdient das letzte Kapitel "Astrid Lindgren im Literaturbetrieb und auf dem Markt". Hier erfolgt eine luzide Analyse, wie Verlage, Erinnerungsorte, kulturelle Verbände und Wissenschaftler heutzutage mit Lindgrens Werk umgehen. Dankert unterscheidet hierbei einleuchtend zwischen der Autorin (ihrem Kampf für die Rechte von Kindern, ihrem gesamten Gedankengut) und der Vermarktung der 'Marke' Astrid Lindgren, bei der die Person und Autorin Astrid Lindgren eher in den Hintergrund tritt, um von etwas einvernahmt zu werden, das bisweilen nicht mehr viel mit ihr zu tun hat.

Kritik

Die neueste Astrid-Lindgren-Biografie ist eine wahre Fundgrube an Fakten und Einsichten in das Leben und Wirken der bekanntesten schwedischen Kinderbuchautorin: Man sieht dieser Biografie den immensen Forschungsaufwand an, den Dankert betrieben hat, um den Lesern einen fundierten Überblick über ihr facettenreiches Werk zu bieten. Über die Privatperson Astrid Lindgren erfährt man in dieser Biografie ebenfalls mehr als aus vergleichbaren Publikationen. Obwohl die Erkenntnis nicht neu ist, dass Lindgren oft melancholisch war und ihre Bücher vor allem für das trostbedürftige Kind in ihr geschrieben hat, sind die Tiefgründigkeit dieser Traurigkeit und die Gründe dafür (beispielsweise die Schuldgefühle dem Sohn gegenüber, die nicht immer glückliche Ehe) bisher in dieser Deutlichkeit kaum herausgearbeitet worden. Bereits in Strömstedts Biografie wird die Melancholie Lindgrens angedeutet, allerdings eher als ein allgemeiner Weltschmerz dargestellt, unter dem Lindgren litt. Es ist verständlich, dass Strömstedt sich durch ihre persönliche Freundschaft zu Astrid Lindgren nicht berechtigt fühlte, über deren Privatleben zu erzählen, zumal ihre Biografie noch zu Lebzeiten Lindgrens veröffentlicht wurde. So ist Strömstedts Monografie eher als literarische Darstellung des historischen (das "Pferdezeitalter") und geographischen Hintergrunds (Småland) zu sehen, in dem Lindgren aufgewachsen ist.

Dankert lotet dieses Weltschmerz-Bild detaillierter aus und zeigt einerseits Lindgrens Probleme im Privatleben und zahlreiche Schicksalsschläge auf, andererseits lässt sie uns erkennen, wie wenig wir eigentlich über Astrid Lindgren als Menschen wissen: "Sicher ist, dass sie von ihrer Jugend bis ins hohe Alter Erfahrungen, Gefühle und eine – nicht nur innere – eigene Welt besaß, zu der sie niemandem, der davon hätte erzählen können, Zugang gewährte." (Dankert 2013, S. 9) Zu den wenigen, die an dieser Welt teilhaben durften, gehört Sara Schwardt, die im Alter von 12 Jahren erstmals an Astrid Lindgren schrieb und bis zu deren Tod in regem Briefkontakt mit ihr stand. 2012 wurde die Korrespondenz in Schweden von der Lindgren-Erbengemeinschaft veröffentlicht: "Lindgren wurde für die immer in Schwierigkeiten steckende, psychisch labile Briefpartnerin eine Beraterin, die aber auch von ihrem eigenen Kummer schrieb. […] Es gibt Briefe von Astrid Lindgren, in denen sie ihre persönlichen Schwierigkeiten, ihre Depressionen zur Sprache bringt. Auch die Anforderungen ihrer Schriftstellerexistenz bringt die Autorin dem jungen Mädchen nahe. Die dokumentierte Brieffreundschaft mit Sara Schwardt gehört zu dem Teil des privaten Lebens von Astrid Lindgren, in dem sie sich der Öffentlichkeit entzog." (Dankert 2013, S. 194f.) Diese Seite Astrid Lindgrens ist uns bisher in der Fülle an Anekdoten und immer denselben Erzählungen um Astrid Lindgren entgangen – in dieser Biografie wird dies erstmals durchbrochen. Damit erschließt sich auch, wie Lindgren so einfühlsame Beschreibungen von einsamen und traurigen Kindern gelingen konnten, die neben den unbekümmerten Bullerbü- und Krachmacherkindern ebenso häufig in Lindgrens Schaffen vorkommen.

Dankerts Ansatz, Lindgrens Traurigkeit als Antriebsfeder zum Schreiben zu sehen, zieht sich leitmotivisch durch die ganze Biografie, wird immer wieder aufgegriffen und lässt sie dadurch stimmig erscheinen. Gleichzeitig bemüht sich Dankert, wie sie selbst in der Einleitung betont, stereotypische Bilder Lindgrens nicht zu übernehmen, sondern sie aufzubrechen. In diesem Bemühen geht sie sehr kritisch mit allen um, die sich mit Lindgrens Werk befassen und stellt manches in Frage, was dem Leser hilft, nicht alles unüberlegt anzunehmen, was mit dem Namen Lindgrens versehen wird. Allerdings bedeutet dies nicht, dass man auch hier allem zustimmen muss: Die Rezensentin schätzt die Kochbücher zu Lindgrens Büchern oder den Reiseführer Wo ist Bullerbü? im Gegensatz zu Dankert positiv ein. Auch Dankerts Auffassung, dass Ilon Wiklands Illustrationen statisch und Lindgrens Texten nicht ebenbürtig seien, dürfte diskutabel sein.

Die größte Stärke dieser Biografie ist ihr Umgang mit Lindgrens Werken: Es wird durchgehend alles berücksichtigt, analysiert und mit wichtigen Hintergrundinformationen versehen, was Lindgren je publiziert hat – von den ersten Märchen, die Lindgren für verschiedene Zeitschriften geschrieben hat, bis zu der Weihnachtserzählung in der Anthologie Weihnachten vor langer Zeit, der letzten Publikation Lindgrens. Dankert führt die einzelnen Werke in Auszügen an, um ihre analytischen Ausführungen zu den Büchern an Beispielen zu veranschaulichen und einen Eindruck von Lindgrens Werk zu vermitteln. Dieses wird in den Kontext der jeweiligen Schaffens- und Lebensphase Lindgrens gestellt und nicht zuletzt in die Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur eingebunden. Hierzu findet sich im Anhang eine "Chronologie der Veröffentlichungen Astrid Lindgrens", die jeweils den Titel und das Jahr der schwedischen und deutschen Erstauflage sowie dazugehörige Schlüsselbegriffe (z. B. das literarische Genre) anführt.

Fazit

Ob diese Biografie "eine umfassende Neubewertung Lindgrens" vornimmt, wie es vielversprechend im Klappentext heißt, muss jeder Leser für sich entscheiden. Ohne Zweifel ist Dankert jedoch eine fundierte, wissenschaftliche Einführung in Leben, Werk und Wirkung Lindgrens gelungen, die neue Erkenntnisse präsentiert und Altbekanntes über Lindgren prägnanter als zuvor formuliert. Dies betrifft vorwiegend Lindgrens Privatleben, ihren Weg zum Schreiben und den heutigen Umgang mit ihrem Gesamtwerk in verschiedenen Bereichen.

Literatur

Strömstedt, Margareta: Astrid Lindgren – Ein Lebensbild. Hamburg: Oetinger, 2001

Weitere Informationen zu Astrid Lindgren

Rezensionen von ausgewählten Werken Lindgrens finden Sie auf KinderundJugendmedien.de hier.

Einen Lexikoneintrag zu Leben und Werk von Astrid Lindgren auf KinderundJugendmedien.de finden Sie hier.

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