von Anna Fredrich

Folgt man der traditionellen Filmgeschichtsschreibung, feiern Anime – das japanische Animationsfilmgenre – in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen: 1917 kamen die ersten in Japan produzierten Zeichentrickfilme in die Kinos. Der Kulturwissenschaftler Freddy Litten weist im Zuge seiner Untersuchung nach, dass die Produktion des ersten japanischen Animationsfilms wesentlich weiter zurückreicht als bisher angenommen. Der dreisekündige Streifen Katsudō shashin entstand nämlich bereits zwischen 1907 und 1912.

Litten, Freddy:
Animationsfilm in Japan bis 1917.
Die Anfänge des Anime und seine westlichen Wurzeln,

Norderstedt 2016.
103 Seiten. 9,99 Euro
ISBN 9783741285387

Inhalt 

Auf rund hundert Seiten widmet sich Freddy Litten den Anfängen des japanischen Animationsfilms: Der Anime sei schon länger existent als angenommen. Litten argumentiert dafür, dass sich bereits im ersten und zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ein erster Animationsfilmversuch nachweisen lässt. In insgesamt sechs Kapiteln (zählt man die Einleitung mit) legt Litten sein Forschungsthema dar. Er beginnt mit einer Definition der verwendeten Begriffe. Dabei erklärt er zuerst westliche Begriffe rund um den Animationsfilm und zeigt diverse gattungsinterne Unterscheidungen auf. Besonders wichtig ist Litten hierbei die Unterscheidung zwischen der Bildanimation als zweidimensionales Ausgangsmaterial und der Objektanimation als dreidimensionales Ausgangsmaterial. Für seine Untersuchung relevant ist die erste Kategorie. Anschließend widmet er sich dann den japanischen Begriffen. Dabei wird u.a. deutlich, dass der weitverbreitete Begriff Anime in Japan erst ab den 60er-Jahren verwendet wurde, davor nannte man das Filmgenre dekobō shingachō („Des Schlingels neues Bilderalbum“).

Im ersten Kapitel beschreibt Litten die Entstehung der Filmprojektionstechnik und Zeichentricktechnik in Deutschland und Japan. Im zweiten Kapitel untersucht er den Einfluss westlicher Animationsfilme in Japan bis 1917, während das dritte Kapitel den Pionieren des japanischen Animationskinofilms gewidmet ist: Shimokawa Ōten, Kōuchi Jun'ichi und Kitayama Seitarō. Den Kern seiner Arbeit bildet dann das vierte Kapitel, in dem er die japanischen Animationsfilmerscheinungen des Jahres 1917 Monat für Monat vorstellt. Im – mit Was blieb? – betitelten Fazit der Arbeit macht Litten noch einmal deutlich, dass der bisher eher als Kuriosität abgetane Filmstreifen Katsudō Shahin, der Vermutungen zufolge zwischen 1907 und 1912 entstanden ist, ebenfalls als vollwertiger Animationsfilm gewertet werden müsse – und somit den Beginn des japanischen Animationsfilms bereits vor 1917 markiert. Es sei allerdings richtig, dieses Jahr im Zusammenhang mit den ersten wirklichen Kinoaufführungen japanischer Animationsfilme zu nennen. Den Abschluss des Buches bildet ein Anhang mit Hinweisen zur Benutzung, einem Glossar mit den Zeichenäquivalenten der verwendeten japanischen Begriffe und diverse Abbildungs- und Literaturverzeichnissen. 

Kritik

Ausgehend von der Annahme, dass Katsudō shashin, eine drei Sekunden lange Filmsequenz, als vollwertiger Animationsfilm zu werten sei, stellt Litten die These auf, dass dieser ebenfalls die Geburtszeit des Genres markiert – zumindest in Japan. Dieses Detail ist deswegen von so hoher Bedeutung, weil sich westliche Animationsfilme schon in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts nachweisen lassen. Litten klammert diese ausländischen Animationsfilme, die in Japan vor 1917 gezeigt wurden, jedoch aus und konzentriert sich lediglich auf die landesinterne Filmproduktion. Katsudō shashin orientiert sich zwar mit großer Wahrscheinlichkeit an deutschen Vorbildern, ist aber der erste nachweisbare japanische  Filmversuch. Litten identifiziert somit einen relevanten Vorläufer des Animes und datiert den Beginn der japanischen Animationsfilmgeschichte um mehrere Jahre zurück. 

Plausibel gemacht wird dieser Schluss durch eine umfangreiche Faktendarstellung, die zweifellos auf eine sehr aufwendige Recherche verweist. Diese ermöglicht es Litten nicht nur, die zahlreichen Begriffe und thematischen Zusammenhänge ausführlich zu definieren, sondern darauf mit zahlreichen Beispielen und dem Verweis auf historische Hintergründe aufzubauen. Wie der Autor selbst im Zuge seiner Danksagung mitteilt, bezog er die Informationen und Abbildungen über diverse Kontakte direkt aus Japan. 

Leider muss gesagt werden, dass die Stilistik des Textes der hohen Faktendichte allerdings in gewisser Weise zum Opfer fällt: Die Informationen wirken gereiht und aneinander geschoben, sodass es schwierig fällt, das Geschriebene zu absorbieren. Die Arbeit erhält dadurch einen lexikonartigen Charakter. Für mehr Übersichtlichkeit wäre es sinnvoll gewesen, den Anhang um ein Begriffsverzeichnis mit entsprechenden Seitenzahlen zu erweitern (so wie es Litten bereits für Namen und Titel getan hat).

Fazit

Animationsfilm in Japan bis 1917 ist ein wertvoller Beitrag zu der japanischen Filmgeschichtsforschung, da er die Zugehörigkeit des Filmstreifens Katsudō shashin zum Genre verteidigt und ebenfalls den Start der japanischen Animationsfilmgeschichte mehrere Jahre vordatiert. 


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