von Lena Törnqvist, aus dem Schwedischen übersetzt von Ute Wolters

Während Birgit Dankerts 2013 veröffentlichte Biographie Astrid Lindgren. Eine lebenslange Kindheit von deutschen Kritikern überwiegend wohlwollend aufgenommen wurde, übt die versierte Lindgren-Kennerin und ehemalige Leiterin des Astrid Lindgren-Archivs der Königlichen Bibliothek Stockholm, Lena Törnqvist, massive Kritik an dieser. Eine leicht gekürzte Version der 2014 im Mitgliedsblatt der Astrid Lindgren-Gesellschaft publizierten Rezension, die von Ute Wolters ins Deutsche übertragen wurde, findet sich im Folgenden:

 
Dankert, Birgit: Astrid Lindgren - Eine lebenslange Kindheit
Lambert Schneider, Darmstadt 2013.
320 Seiten, 24,90 Euro
ISBN 978-3-650-25526-6

Inhalt

Astrid Lindgren war eine öffentliche Person, sowohl für die Massenmedien wie Bewunderer zugänglich. Gleichzeitig besaß sie eine hohe Integrität und zog eine klare Trennlinie zwischen ihrem öffentliche und ihrem privaten Leben. Sie war mit dem Interesse der Allgemeinheit einverstanden, aber auch darüber im Klaren, was und wie viel sie über sich selbst erzählen wollte. Ihre Familie und die meisten ihrer nahen Freunde respektierten dies. Aber nun funktioniert ihre persönliche Autorität nicht mehr als Sperre gegen das Überschreiten dieser mentalen Trennlinie und viele fühlen sich herausgefordert, um ein intimeres Bild zu zeichnen und/oder dunkle Heimlichkeiten zu entschleiern.

Bisher mussten sich die meisten ihrer Biographen im Ganzen auf Margarete Strömstedts Lebensbeschreibung von 1977 (neu bearbeitet 1999) verlassen, zu der Lindgren selbst mit Informationen aus erster Hand beigetragen hat. Die begrenzten Quellen gaben Raum für je persönliche, mehr oder weniger gut unterbaute Deutungen der Biographen. Seit 2011, seitdem das Archiv in der Königlichen Bibliothek für die Forschung geöffnet wurde, sind die Voraussetzungen verändert.

Ob Birgit Dankert (geb. 1944), emeritierte Professorin der Bibliothekswissenschaften in Hamburg, diese Möglichkeiten in ihrer Biographie Astrid Lindgren. Eine lebenslange Kindheit(2013) genutzt hat, geht nicht deutlich hervor. Sie verweist verschiedene Male auf das Archiv, aber es ist unsicher, ob sie es genutzt hat. Es bleibt gleichfalls unklar, ob sie schwedisch versteht und auf diese Weise sich der wenigen schwedischen Quellen bedienen konnte, auf die sie verweist. Im Allgemeinen werden Zitate und Hinweise aus schon auf Deutsch publizierten Quellen genommen.

Dankert ist eine bekannte und produktive Kinderliteraturforscherin und hat sich auch früher für Lindgrens Verfasserschaft interessiert. Unter anderem verantwortet sie die beeindruckende Datenbank über Lindgren-Material, mit der im Zusammenhang mit dem 100-jährigen Jubiläum angefangen wurde (http://www.bui.haw-hamburg.de/lindgren/).

Kritik

In der aktuellen Biographie will Dankert die Spuren der erwachsenen Astrid Lindgren in den Kinderbüchern suchen und sie mit der Lebenssituation der Autorin zu der Zeit in Zusammenhang setzen, in der die Bücher entstanden, nicht mit der Zeit, die sie schildern. „Um eine authentisches Bild der Autorin zu bekommen, muss man vielleicht das Lebenswerk in seine Bestandsteile zerpflücken und neu zusammen setzen“, schreibt sie im Vorwort S.13.

Mit Hinblick auf ihren Forschungshintergrund ist völlig klar, dass Dankert belesen ist, sowohl was Lindgrens eigenes Werk wie die theoretische Literatur betrifft. Die Darstellung umfasst nicht nur die literarischen Werke, sondern auch Filme und Gesellschaftsdebatten, an denen sich Astrid Lindgren in den letzten Jahren beteiligte, wie auch Informationen über Auszeichnungen, Erinnerungen und andere Ehrenbezeugungen und den aufsuchenden Tourismus, der als Folge der Verfasserschaft heranwuchs. Die Literaturliste enthält vor allem deutschsprachige Titel, z.T. aus dem Schwedischen übersetzte. Ein Verzeichnis über Lindgrens Werke auf Schwedisch und auf Deutsch gibt es auch.

Die Intention ist also, durch eine chronologische Darstellung als Basis, sich auf die Lebensabschnitte zu konzentrieren, die durch charakteristische, zentrale Begriffe zusammen gehalten werden oder diese Zeitabschnitte durch Parallelen im Werk oder Interpretationen zu erweitern (S. 10). Die Kapitel haben Rubriken wie Kindheit, Kummer, Grenzüberschreitungen, Arbeit, Erfolg etc. Jedes Kapitel hat eine Unterrubrik, z.B. „Grenzüberschreitungen (1931 – 1954). Ehe, Kinder, Krieg, erste Bücher“, aber lassen in sich nicht nur Zwischenrubriken, sondern auch Leerzeilen vermissen. Fußnoten vermisst man auch – einen Teil der Informationen hätte man vorteilhaft dort angeben können. Das Ergebnis ist sehr schwer zu überschauen.

Das chronologische Vorgehen hat zu Problemen geführt und die Darstellung zersplittert. „Arbeit (1954-1973)“ beinhaltet neben vielem anderen relativ ausführlich die Information über die Bildbücher mit Riwkin-Brick, aber auch einen Abschnitt über die Filme, der hauptsächlich ein Bericht darüber ist, wie es den früheren Kinderstars „später erging“. Der Text beruht ganz auf Karlsson/Erseus Buch Von der Holzwerkstatt zur Villa Villekulla, das es in deutscher Übersetzung gibt […]. Im Kapitel „Alter 1992 – 2002“ wird der Leser zwischen der Aufzählung von einer Menge Auszeichnungen, dem gezeichneten Pippi-Film, dem Engagement für Flüchtlingskinder und Überlegungen zu Astrid Lindgrens eventuellem Gottesglauben hin und her geworfen. Der Abschnitt „Erfolg“, der die Jahre 1972 -1992 deckt, ist aus leicht einzusehenden Gründen noch disparater. Dort finden sich z.B. Analysen zu den Brüdern Löwenherz und die Diskussionen darüber, wie die Schlussszene mit der Pomperipossa-Debatte verstanden werden soll, Ronja Räubertochter, Lindgrens Verhältnis zu Deutschland, ständig sich wiederholende Aufzählungen von Auszeichnungen und Ehrungen, und der Tod des Sohnes Lasse 1986.

Dankert kommt immer wieder auf den melancholischen Zug in Astrid Lindgrens Persönlichkeit zurück. Sie sieht eine Person mit „lang anhaltenden inneren Konflikten“ (S.234), mit brüchigem Selbstvertrauen, einem Komplex wegen schlechter Schulbildung und intellektuellen Mängeln, mit unterdrückte rebellische Gefühle gegenüber einer dominanten Mutter und deren Erwachsenenleben nie den eigenen Erwartungen entsprochen hätte. Nach Dankert flüchtete Astrid Lindgren aus der Erwachsenenwelt in eine „lebenslange Kindheit“ (s. Untertitel der Biographie) und schuf ihr eigenes Kindheitsparadies als Schutz und Zuflucht aus persönlicher Trauer und Misslingen, „ der Wunschtraum eines alten Kindes“. (S. 229)

Das Problem ist, dass es Dankert nicht gelingt, von der Gültigkeit dieser Deutung zu überzeugen. Ihre Darstellung enthält allzu wenige Zitate und Aussagen von Lindgren selber und von denen, die sie wirklich kannten, zu viele unbestimmte Angaben nach dem Typ „man sagt“, „man darf vermuten“, „man hat gemeint“, „ einige Psychologen sind der Auffassung…“, um wirkliche Glaubwürdigkeit zu erlangen. Sicher – niemand verleugnet, dass Lindgren einen melancholischen Zug in ihrer komplizierten Persönlichkeit hatte – aber es gab auch Intelligenz, Handlungsfähigkeit, Humor, Zivilcourage, Mitgefühl und vor allem ein untrügliches Gefühl für Demokratie und Recht. All das vermisse ich völlig in Dankerts Buch.

Fazit

Überhaupt ist es ein Fehler, dass Dankert nicht zu den Quellen geht und die neue Forschungssituation nutzt, von der sie offenbar weiß. Stattdessen bezieht sie sich ganz auf Auskünfte zweiter Hand. Sie stützt sich massiv auf frühere deutschsprachige Biographien (inkl. die Übersetzung von Strömstedt) und fügt rein sachlich nicht viel Neues hinzu. Nicht einmal die vielen psychologischen Deutungen werden mit Beziehungen auf relevante Quellen untermauert. Sogar deutsche Verlagsbriefe werden nach einem ungedruckten österreichischen akademischen Aufsatz zitiert, obwohl mindestens bestimmte von diesen Briefen im Archiv in Stockholm liegen. Trotzdem sind, was kaum überrascht, die Abschnitte, die spezifisch deutsche Verhältnisse betreffen, die interessantesten für schwedische Leser. Was ein deutscher Leser der Biographie entnehmen kann – neben den psychologischen Deutungen und Spekulationen, die ich oben in Frage gestellt habe – ist zweifelhafter. Die meisten Fakten waren schon früher auf Deutsch verfügbar.

Und dass eine Professorin für Bibliothekswissenschaft eine Arbeit mit so vielen fehlerhaften Angaben freigibt, ist direkt bemerkenswert. Mehr als 50 direkte Sachfehler kommen vor und das Verzeichnis über Astrid Lindgrens Arbeiten auf Deutsch und Schwedisch beinhaltet mindestens 27 Korrekturfehler allein unter den schwedischen Titeln.

Dieser Artikel ist bereits in dem Mitgliedsblatt der Astrid Lindgren Gesellschaft (Nr. 43, Febr. 2014, S. 20-23) erschienen.

 


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