von Michael Stierstorfer

Religion spielt in der populären Kinder- und Jugendliteratur (KJL) fast keine Rolle – so der Vorwurf einiger Kritiker. Tomberg beweist anhand seines Sammelbandes jedoch genau das Gegenteil. Seiner Meinung nach fokussiert die Kinder- und Jugendliteratur verstärkt seit ca. 20 Jahren Fragen des Glaubens und wird so immer mehr zu einem wichtigen Medium für religiöse Belange. Gerade bei der Fantasy-Literatur lassen sich religiöse Motive nicht immer sofort auf der Textoberfläche erkennen, sondern diese transportiert implizit – wie dieser Band auf beeindruckende Weise beweist – christliche Werte und Normen. Damit kann aus religionspädagogischer und didaktischer Sicht das Vorurteil widerlegt werden, dass fantastische Literatur lediglich heidnische Bräuche stärkt.

Tomberg, Markus (Hg.): Alle wichtigen Bücher handeln von Gott. Religiöse Spuren in aktueller Kinder- und Jugendliteratur.
Echter, Würzburg 2016. (= Fuldaer Hochschulschriften 58)
206 Seiten. 16,80 €
ISBN 978-3429039646.

Inhalt
In seinem Vorwort erklärt Tomberg, dass dieser Band aus einer Vorlesungsreihe der Theologischen Fakultät Fulda hervorgegangen sei. In diesem Rahmen wurde thematisiert, dass aktuelle KJL die Bibel als das "Buch der Bücher" in moderne und für Jugendliche ansprechende Themenfelder transferiert. Zunächst gibt Georg Langenhorst einen profunden Einblick in diverse Religionsmotive der zeitgenössischen KJL. Er betont, dass darin wichtige religiöse Aspekte wie die Frage nach Gott, der Pluralismus der Weltreligionen und der Umgang mit dem Tod enthalten sind. Religiöse Topoi würden die Bücher jedoch zumeist nicht dominieren, sondern seien nur eine Facette davon. Sein vielseitiger Überblick beginnt in den 1960er Jahren und endet in der Gegenwart. Dabei gelangt er zu dem Ergebnis, dass viele Werke nur Stereotype verfestigen, während ein paar wenige innovative Plots um die Frage nach der Religiösität spinnen: Im Rahmen eines religious turn macht er in diesem Kontext die Tendenz zur Interreligiosität, also einen Trend zur Annäherung der Weltreligionen nach dem Prototyp von Theos Reise von Catherine Clément, ausfindig. Außerdem untersucht Anne Holterhues in ihrem Beitrag das religionspädagogische Potenzial von ausgewählten Jugendbüchern wie u.a. Jutta Richters Der Anfang von allem, John Greens Das Schicksal ist ein mieser Verräter oder Mirjam Presslers Nathan und seine Kinder. Sie kommt zu dem Schluss, dass in diesen Werken religiöse Dimensionen wie die Aktualisierung des Sündenfalls oder des Brudermords thematisiert werden.

Darüber hinaus finden sich in den Romanen auch eine Aufarbeitung der verschiedenen Sterbephasen totkranker Menschen oder eine Abhandlung ethisch-religiöser Themen wie der Umgang der Menschen mit Gottes Schöpfung. Christine Heidler fokussiert hingegen keine realistische Literatur, sondern das Genre der Phantastik am Beispiel von Tintenherz (Cornelia Funke) und Harry Potter (J.K. Rowling). Sie stellt fest, dass in den gerade genannten Werken auf der Bildebene religiöse Einflüsse zu finden sind. So werde in Tintenherz die Kirche als sakrale Stätte des Christentums von einer bösen Macht zunächst dekonstruiert, am Ende jedoch rehabilitiert. In Harry Potter würden sogar hohe christliche Bräuche wie Weihnachten von den Zauberern gefeiert. Aufgrund des Siegs über eine Übermacht lassen sich ihrer Meinung nach in beiden Werken Bezüge zu den biblischen Figuren Moses als Sieger über das ägyptische Imperium und David als Bezwinger des Riesen Goliath herstellen.

Auch der Topos des Hoffnungsträgers, der als messianische Figur die Welt erlöse, spielt eine wichtige Rolle. Schließlich geht Tomberg der interessanten Frage nach, was sich in Punkto Theologie aus der aktuellen KJL lernen lässt. Dabei zeigt er u.a. an Kirsten Boies Werk Der durch den Spiegel kommt nachvollziehbar auf, dass es Gottes Allmacht und Omnipräsenz bestätigt, indem intradiegetisch Wunder etabliert werden, wodurch bei Menschen die Hoffnung auf Erlösung gestärkt wird. Ein übersichtliches Register an Autorinnen und Autoren aus der KJL-Szene, deren Werke in diesem Band analysiert werden, rundet den Band sinnvoll ab. So können sich Lehrkräfte zielführend geeignete Titel für ihren Unterricht auswählen.

 

 
Kritik
Tomberg und den Beiträgern gelingt es in dem Band auf plausible Weise, vielseitige religiöse Dimensionen in der Kinder- und Jugendliteratur aus den 60er Jahren bis in die Gegenwart aufzuzeigen. Diese erstrecken sich von Aktualisierungen von Bibelerzählungen über Lektüren, die Toleranz für ein Nebeneinander verschiedenster Weltreligionen demonstrieren, bis hin zu expliziten Verweisen auf Bibelstellen. Noch viel wichtiger ist, dass auch implizite angeführte Werte und Normen, die aus dem Christentum stammen, offengelegt werden. Der wirklich herausragende und mit unerwartet gewinnbringenden Kenntnissen angereicherte Beitrag von Heidler stellt präzise heraus, dass in aktuellen weltweiten Fantasy-Bestsellern nicht nur christliche Feste nach angemessenem Ritus, sondern auch christliche Tugendethik und Nächstenliebe zelebriert werden. Zudem spiele Alteritätstoleranz eine zentrale Rolle.

Konservative Verfechter des Glaubens argumentieren, dass in der Bibel stünde, dass wahre Christen mit Zauberei und Magie nichts zu tun haben dürften. Dies stimmt natürlich, bezieht sich jedoch in der Bibelstelle aus dem 5. Buch Mose 18, 9-13 m.E. auf die extradiegetische Realität, und damit sind nicht literarische Narrative gemeint, in denen Figuren zaubern können: „"Wenn du in das Land kommst, das dir der Herr, dein Gott, geben wird, so sollst du nicht lernen, die Greuel dieser Völker zu tun, daß nicht jemand unter dir gefunden werde, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt oder Wahrsagerei, Hellseherei, geheime Künste oder Zauberei treibt oder Bannungen oder Geisterbeschwörungen oder Zeichendeuterei vornimmt oder die Toten befragt. Denn wer das tut, der ist dem Herrn ein Greuel, und um solcher Greuel willen vertreibt der Herr, dein Gott, die Völker vor dir. Du aber sollst untadelig sein vor dem Herrn, deinem Gott." Weitere Bibelstellen, die sehr Ähnliches konstatieren, sind u.a. Galater 5, 19-21 und  Jesaja 8, 19.

Mit keinem Satz wird darin also erwähnt, dass Pleasure- und Immersions-Lektüre von Narrativen, in denen gezaubert wird, untersagt ist. Auch werden die allermeisten christlichen Leser von Harry Potter wohl nicht in der extradiegetischen Realität zu zaubern anfangen, um damit auf die Außenwelt einwirken zu können. Denn wie schon Frank Weinreich treffend gesagt hat, dass Fantasy ist nicht fantastisch sei, sollten kundige Leserinnen und Leser den übernatürlichen Rahmen weglassen, um zu den dahintersteckenden Werten und Normen zu gelangen, was Literaturexperten ohnehin schon seit Jahrzehnten bekannt ist. Lässt man den magischen Plot bei Harry Potter weg, so siegt die Liebe der Familie als wichtigster Wert über das Böse, das sein Nachleben nicht in der liebevollen Gründung einer "traditionellen" Familie, sondern anhand von profanen Werken manifestieren möchte. Abschließend lässt sich noch ein kleiner Kritikpunkt anbringen. Da der Sammelband über 25 Kinder- und Jugendliterarische Werke thematisiert und nicht eine holistische Lektüre vonseiten der Leserinnen und Leser  vorausgesetzt werden kann, wären alphabetische, nach Werktiteln geordnete Zusammenfassungen der Romane am Ende sinnvoll gewesen, um den Rezipienten den Einstieg in die Lektüre dieses wertvollen Bandes zu vereinfachen.


Fazit
Der Band schafft es, den schwierigen Bogen von einer religionspädagogischen Beleuchtung zu einer literaturwissenschaftlich profunden und hermeneutischen Auswertung zu spannen, ohne dabei zu sehr in das Feld der Deutschdidaktik abzudriften. Doch nicht nur für Religionslehrkräfte, sondern gerade auch für Deutschlehrkräfte bietet der Band interessante Ansätze zur Herausarbeitung von religiösen und moralischen Perspektiven im Unterricht. Zuletzt enthält dieses Werk auch vielseitige Anregungen für einen interdisziplinären Unterricht zwischen Deutsch und Religion.


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