von Dr. Bettina Oeste 

Aus wissenschaftlicher Perspektive werden historische Jugendromane als hybride Werke betrachtet, die sich im Grenzgebiet von Literatur und Historiographie bewegen. Spätestens mit der Abkehr von einem rein objektivistischen Geschichtsverständnis in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts wird ihre Bedeutung für historisches Lernen und Geschichtsbewusstsein auch aus geschichtsdidaktischer Perspektive untersucht. Die fiktiven und fiktionalen Anteile der einschlägigen kinder- und jugendliterarischen Werke werden dabei jedoch zumeist ausgeklammert und in den alleinigen Zuständigkeitsbereich der Literaturwissenschaft verbannt. Die Neuperspektivierung des historischen Jugendromans als "geschichtskulturelle Manifestation" (Rox-Helmer, S. 13) erlaubt indessen eine Ausweitung der Bewertungs- und Analysekriterien, die gerade auf die fiktiven Momente und die damit einhergehenden Fiktionalisierungsstrategien abzielt und deren didaktisches Potential hervorkehrt.

Rox-Helmer, Monika: Der historische Jugendroman als geschichtskulturelle Gattung.
Fiktionalisierung von Geschichte und ihr didaktisches Potential (= Forum Historisches Lernen).
Wochenschau Verlag, 2019
464 S., 39,99 Euro
ISNB 978-3-7344-0742-0 

Inhalt

Nach der Darlegung des Erkenntnisinteresses in Kapitel 1 unterteilt die Autorin ihre Arbeit in drei größere Sinnabschnitte, wobei der erste der theoretischen Fundierung der für die Fragestellung relevanten interdisziplinären Teilaspekte dient. Um das Zusammenspiel von Fiktion und Geschichte zu veranschaulichen, werden in Kapitel 2 die geschichts- und literaturwissenschaftlichen Diskurse zu Textgattungskonventionen aufgerollt und die in den jeweiligen Disziplinen vorherrschenden Erzählkonventionen hervorgehoben. An deren Schnittstelle bewegt sich als hybrides Gebilde der historische Jugendroman, der in Kapitel 3 einer Begriffsbestimmung unterzogen wird. Aus den zentralen Forschungsergebnissen einschlägiger Kinder und Jugendliteraturforschung werden Analysekriterien für die hier anstehende geschichtsdidaktische Untersuchung generiert. Als bedeutsam haben sich in diesem Zusammenhang etwa die klassischen Erzählmuster des Abenteuer- und Adoleszenzromans erwiesen, die auch in historischen Jugendromanen häufig zur Anwendung kommen. Diese Untersuchungskriterien werden um die Typologien erweitert, die aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive für diese Textgattung erarbeitet wurden. Vor der Folie des Authentizitätsanspruches, der für geschichtserzählende Literatur anzusetzen ist, werden mit Rückgriff auf den Geschichtsdidaktiker Hans-Jürgen Pandel Aspekte wie die historische Referenz der Texte, die Markierung der temporalen Differenz, für die die Verfasserin den Begriff 'Zeitzeichen' prägt (Rox-Helmer, S. 123), sowie die fiktionale Devianz produktiv gemacht.

Der zweite große Teilabschnitt der Arbeit ist der Darlegung des Methodensettings gewidmet. Ein systemtheoretischer Zugang ermöglicht die Einbettung des historischen Jugendromans in den historischen und gesellschaftlichen Gesamtkontext, woraus sich in Kapitel 4 ergänzende Analysekriterien ableiten lassen, denen die Autorin in den Kapiteln 5-7 an ausgewählten Textbeispielen nachgeht. Neben den gattungstypischen Merkmalen von Abenteuer- und Adoleszenzroman werden weitere Erzählmuster des historischen Jugendromans ausgemacht und untersucht. So finden sich in den literarischen Texten häufig Spuren eines detektivischen Narratives, jugendliterarische Tabus werden gebrochen, Helferfiguren inszeniert, mit dem Motiv der Zeitreise gespielt. Auf diese Weise, so das Resümee der Verfasserin aus Kapitel 5, bieten fiktionale Texte "das Erleben und Handeln der Figuren als Leitfaden zur Zeiterfassung an" (Rox-Helmer, S. 251) und stellen ihren Leserinnen und Lesern damit Erfahrungs- statt Faktenwissen bereit.

Zu einem ähnlichen Befund führen die Untersuchungen zu historischer Referenz bzw. zu der Darstellung von zeitlicher Differenz in historischen Jugendromanen aus Kapitel 6. Fiktionale Abweichungen von historischen Sachverhalten sind in den jugendliterarischen Werken keineswegs als Kontrapunkt zur Authentizität zu verstehen. Vielmehr verleihen sie den Texten Multiperspektivität und Offenheit und gewähren den jungen Leserinnen und Lesern damit Freiräume für Sinnbildung und Interpretation.

Neben Adressatenorientierung und Sinnbildungsangeboten werden von der Verfasserin allgemeine Verfahren, die das Vergehen der Zeit darstellen, als gängige Fiktionalisierungsstrategien im historischen Jugendroman ausgemacht. In Kapitel 7 werden diese Erkenntnisse durch Aussagen einschlägiger Autorinnen und Autoren, die zu diesem Thema befragt wurden, gestützt. Kapitel 8 dient der Zusammenführung der Teilanalysen und ihrer didaktischen Auswertung. Potential der Fiktionalisierung in historischen Jugendromanen sieht die Verfasserin insbesondere in den Identifikations- und Imaginationsangeboten, die die Texte ihren Leserinnen und Lesern unterbreiten. Der didaktische Anspruch, der daraus abzuleiten ist, sei die Verzahnung von literarischem und historischem Lernen und damit einhergehend der Ausbau von Fiktionskompetenz als Baustein einer allgemeinen geschichtskulturellen Kompetenz. 

Kritik 

Mit ihrer Untersuchung zum sinnstiftenden Potential der Fiktionalisierungsstrategien historischer Jugendromane, leistet Rox-Helmer einen wichtigen Beitrag zur Nivellierung des Spannungsverhältnisses zwischen Historiographie und Literaturwissenschaft bei der Frage nach dem Stellenwert geschichtserzählender Literatur. Mit ihren Einlassungen zur Frage von Authentizität und Authentizitätsansprüchen in historischen Romanen für heranwachsende Leserinnen und Leser trägt sie zudem zu einer Aufwertung dieser Gattung bei, die noch immer einem gewissen Trivialitätsverdacht unterliegt.

Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive ist die gleichsam fundierte und facettenreiche Darstellung des kinderliterarischen Handlungs- und Symbolsystems hervorzuheben, die allerdings, bedingt durch den multiperspektivischen Zugang zur Gattung des historischen Jugendromans, unvermeidlich kleinere Redundanzen birgt, etwa bei der Typologisierung oder der Frage nach dem Verhältnis von Fakten und Fiktion. Das umfassende Methodentableau wird in einem theoretischen Grundlagenteil plausibel hergeleitet, wobei insbesondere die kreativen Verfahren hervorzuheben sind, die hier zu einem wissenschaftlich versierten Methodendesign kombiniert werden. Dazu zählt die Titelanalyse ausgewählter Werke (Kapitel 4.4) genauso wie die qualitative Analyse von Romananfängen im Close Reading-Verfahren (Kapitel 6). Durch ein gezieltes Reduktionsverfahren, bei dem die Verfasserin die ausgewählten Textstellen auf ein "überzeitliches Handlungsskelett" (Rox-Helmer, S. 256) reduziert, werden die darin angewandten Fiktionalisierungsstrategien besonders anschaulich hervorgekehrt. Die "Analyse der zeitlichen Verortung" erfolgt anhand eines 300-Wörtertests (vgl. Ebd., S. 264), der neben der semantischen Ebene auch Fragen nach Authentizität oder den Vergleich mit historischen Quellentexten umfasst. Das Textkorpus von einem Kinder- und 19 Jugendromanen mit Referenz auf unterschiedliche historische Epochen und Sachverhalte, wurde zuvor in einem induktiven Verfahren, zusammengestellt. Alle Romane weisen Kriterien auf, die Rox-Helmer in ihrer langjährigen Forschungstätigkeit als aktuelle Tendenzen im Bereich der historischen Kinder- und Jugendliteratur ausgemacht hat. Neben den bereits erwähnten Narrativen des Abenteuer-, Adoleszenz- oder Detektivromans gehört dazu beispielsweise auch der All-Ages-Charakter oder die Berücksichtigung weiblicher Leseinteressen. Die methodische Vielfalt ist sowohl zielführend im Hinblick auf die Fragestellung als auch anregend wenn es um die didaktische Umsetzungen im Kontext des historischen Lernens geht.

Neben textimmanenten Verfahren wird durch die Auswertung von Autoreninterviews zusätzlich die Produzentenebene in die Analyse einbezogen. Eine Rezeptionsstudie war, wie die Verfasserin selbst betont, im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht möglich. Hier ergäbe sich Potential für weitere Forschungstätigkeiten, die empirisch belegen, wie Jugendliche mit Fiktionalisierung in geschichtserzählender Literatur umgehen und diese für historische Sinnbildung produktiv machen. 

Fazit 

Gattungsgemäß richtet sich Rox-Helmer mit ihrer Dissertation in erster Linie an ein wissenschaftliches Fachpublikum, wobei die Arbeit gerade auch aus literaturwissenschaftlicher Perspektive interessante Ansätze im Umgang mit zunehmend hybriden Textsorten bietet.

Für die konkrete Unterrichtspraxis mag der "Ausblick auf unterrichtspragmatische Konsequenzen" (Kapitel 8.5) auf den ersten Blick noch zu theoretisch und abstrakt wirken, im Zusammenspiel mit dem Œuvre der Verfasserin erweisen sich die erbrachten Forschungsergebnisse allerdings als ein bedeutsamer Beitrag im Diskurs um den didaktischen (und methodischen) Umgang mit geschichtskulturellen Medien und damit für das kulturelle und historische Lernen im gesellschaftlichen und schulischen Kontext.

Mit der Grundannahme eines Mehr- und Eigenwertes von Fiktionen für das historische Lernen beschreitet Monika Rox-Helmer mit der hier vorliegenden Dissertation Neuland im Bereich der Geschichtsdidaktik. Der interdisziplinäre Forschungsansatz und das methodischen Vorgehen ist an der Schnittstelle von Geschichts-, Kultur und Literaturwissenschaften und den dazugehörigen Didaktiken zu verorten. Für ihre Arbeit wurde Rox-Helmer mit dem sektionsübergreifenden Dissertationspreis der Justus-Liebig-Universität Gießen ausgezeichnet. Nach Abschluss eines Peer-Review-Verfahrens erfolgte 2019 in der Reihe Forum historisches Lernen die Veröffentlichung durch den Wochenschau-Verlag.


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