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von Dr. phil. Michael Stierstorfer

Die griechisch-römische Antike und Science-Fiction haben absolut nichts miteinander zu tun?! Michael Kleu belehrt die Leser anhand seines Sammelbandes Antikenrezeption in der Science Fiction eines Besseren und weist zusammen mit den in diesem Werk publizierenden Experten nach, dass nicht nur weltweit bekannte Sci-Fi-Autoren wie Lovecraft die Antike als Fundus zur Evokation von fantastischen Motiven nutzen, sondern auch der Filmindustrie Hollywoods.

Kleu, Michael (Hg): Antikenrezeption in der Science Fiction.
Oldib, Essen 2019. 188 Seiten. 19,90 €
ISBN 978-3939556725.

Inhalt

In seiner Einführung berichtet Kleu über einen wichtigen Berührungspunkt zwischen Antike und Weltraum, nämlich die Namen für Himmelskörper, die "traditionell der antiken Mythologie entlehnt sind" (11). Darüber hinaus definiert er die Science Fiction treffend als Untergattung der Phantastik, welche einen zum Zeitpunkt ihrer Entstehung zwar unmöglichen, jedoch in einer (fernen) Zukunft unter anderen Bedingungen durchaus möglichen technischen Fortschritt vor Augen führe. Sodann wird der breite Umfang dieses Sammelbandes zielführend abgesteckt: Er reicht von dem Einfluss antiker Philosophie auf die Science Fiction über die Rezeption der antiken Historie bei Asimov bis hin zum Einfluss des römischen Imperialismus auf die nordamerikanische Filmindustrie. Da sich die im Sammelband behandelten Themen laut Kleu über ein sehr weites Forschungsfeld erstreckten, sei es das Ziel dieses Sammelbandes, den Forschungszweig anhand von Einzelthemen exemplarisch abzudecken, die als Ausgang weiterer Studien angesehen werden könnten.

 

Kritik

Der Band wird eröffnet durch Weinreichs "Gedanken über den Einfluss der Antike auf die Science Fiction" (19). Der Autor greift nochmals die umstrittene Genre-Diskussion auf und plädiert für einen deskriptiven Begriff der Science-Fiction, da Genregrenzen stets hybrid seien. In einem nächsten Schritt zeigt er anhand von Klassikern der Science-Fiction, wie z. B. Shelleys Frankenstein, Orwells 1984 und Huxleys Brave New World, dass die antike Kultur als Folie die dargestellte Welt der imaginierten Zukunft kritisch hinterfrage. David Engels widmet sich Lovecrafts Werk At the Mountains of Madness, in dem ein Forschungstrupp in der Antarktis auf eine untergegangene Hochkultur von übernatürlichen Wesen stößt, vor denen sie letztlich fliehen müssen, und analysiert dabei einerseits Parallelen zur antiken Philosophie, wie z.B. zum bereits u.a. von Livius, Cicero und Seneca erwähnten Biologismus, andererseits Analogien zu Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes. Dabei gelangt er zu dem Ergebnis, dass der Roman als "eine geschichtsphilosophische Parabel" (74) fungiere, die im Sinne Spenglers den Niedergang einer jeglichen Zivilisation einer Hochkultur konstatiert, da eine jede Kultur sich nach einer ultimativen Hochphase nur noch abwärts entwickeln könne. Christian Weigel thematisiert ebenfalls auf der Antike fußende Hochkulturen von einem Kollektiv an Fabelwesen, die der Menschheit gefährlich werden können, wie dies in Heinleins Werk Starship Troopers der Fall ist. Trotz seiner antikommunistischen Tendenzen – die Gegner der Menschen namens Bugs, ekelhafte Riesenkäfer, spiegeln das politische System der Sowjetkommunisten wider – habe das Werk 1960 den Hugo-Award als bestes Sci-Fi-Buch des Jahres erhalten. Weigel arbeitet insgesamt heraus, dass durch die Benennung von Protagonisten mit Namen aus der griechisch-römischen Mythologie und Historie wie Horatius Cocles als Exemplum für die Opferbereitschaft eines tapferen Kriegers für die Gesellschaft bei Polybios oder Livius Analogien zu der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg geschaffen werden.

Kleu widmet sich hingegen knapperen Narrativen und fokussiert die Antikenrezeption in den Kurzgeschichten von Asimov, der neben dem im letzten Beitrag erwähnten Heinlein und Arthur C. Clarke ab den 1960er Jahren zu den drei größten Sci-Fi-Autoren der englischsprachigen Literatur zählte. Sodann stellt Kleu heraus, dass der Autor Asimov in ausgewählten Erzählungen Analogien zur Ilias, zu dem bedeutenden athenischen Staatsmann und Feldherrn Alkibiades, dessen Biographie in Nepos Werk De viris illustribus vorliegt, und zu Hannibal als bedeutenden Antagonisten der Römer herstellt. Insgesamt trage die Antikenrezeption von Asimov weniger zur Handlung bei, sondern sei vielmehr "eine kleine Liebhaberei Asimovs" (124). Lentzsch widmet sich hingegen der Antikenrezeption in Tad Williams Otherland. Dabei fokussiert er in der vierbändigen Reihe, die von 1996 bis 2001 erschienen ist, Motive der Odyssee, antike Welten wie das kaiserzeitliche Rom, welches darin als virtuelle Welt reinszeniert wird, oder antike Gestalten aus der Ilias wie Kassandra, Achilleus oder Patroklos als Rollenmodelle für die Protagonisten. Zudem wissen auch die Protagonisten selbst über den Trojanischen Krieg und die Odyssee Bescheid. In Bezug auf die antike Historie zeigt er zudem, dass ein Antagonist namens Dread zur Eroberung Roms in die Rolle des karthagischen Feldherrn Hannibal schlüpft, der Elefanten als Angriffswaffe verwendet. Auch tauchen in seiner virtuellen Welt rund um das Mittelmeer diverse mythologische Settings aus der Odyssee wie Ogygia, die Insel der Calypso, auf, bei deren Bereisen der Protagonist Paul Jonas mithilfe eines Avatars in die Rolle des Odysseus schlüpft. Als weitere mythologische Orte kommen die Insel des Polyphem, die der Phäaken und die Meerenge von Scylla und Charybdis vor. Insgesamt werde das Narrativ des Trojanischen Kriegs funktionalisiert, um damit moderne Kriegserfahrungen wie die des Zweiten Weltkriegs oder des Vietnamkriegs auf mythologischer Ebene entfremdet darzustellen.

Diesen vielseitigen Sammelband rundet schließlich Huhnholz mit einer Betrachtung der "antikisierenden Recodierung kulturindustrieller Populärformate" (156) der Filmindustrie Hollywoods ab und widmet sich damit populären Sci-Fi-Filmen und Serien, die antike Sujets mit einbeziehen. Er untersucht auch die Antikisierung populärer Sci-Fi-Filme aus Hollywood im Kontext des "American Empire"-Diskurses. Er kommt dabei zu dem überzeugenden Ergebnis, dass sich eine kritische Reflexion des amerikanischen Imperialismus in aktuellen Sci-Fi-Filmen, die biopolitische Ängste und die Schrecken des internationalen Terrorismus thematisieren, widerspiegle. Als Beispiel führt er u.a. Star Wars, Minority Report oder Krieg der Welten an. Darin würden postheroische Figuren fokussiert, die nicht selten stürben. Nicht nur in der Serie Star Trek werde mit den negativ besetzten "Romulanern" auf den Romulus-und-Remus-Mythos zurückgegriffen, sondern auch in der Fortsetzungsserie Next Generation. Star Trek: Nemesis werde der auf Brudermord basierende Gründungsmythos von Rom im Weltraum reinszeniert. In der bekannten Star Wars-Saga setze zudem der im Jahr 2005 erschienene Prequel Episode III – Die Rache der Sith die römische Revolution als Sujet ein, um zu zeigen, wie die Republik durch Gewaltexpansion immer mehr geschwächt wird. In aktuellen Sci-Fi-Reihen und -Serien, werden also gezielt Prequels produziert, um die populären Stoffe auf politischer Ebene neu zu reflektieren, sodass gerade aktuelle Sci-Fi-Blockbuster ein aufklärerisches und ernüchterndes politisches Moment in Bezug auf die Zukunft der westlichen Welt innehaben. Insgesamt hätten die einzelnen Beiträge durch eine stärkere Bezugnahme aufeinander noch intensiver vernetzt werden können. So stehen sie etwas isoliert nebeneinander. Außerdem berufen sich die Beiträger z.T. auf unterschiedliche Definitionen von Science Fiction, was den Leser etwas verwirrt. Um dies zu vermeiden, wäre ein noch einheitlicheres theoretisches Konstrukt, auf das sich alle Experten berufen, sinnvoll gewesen. Zudem destillieren die Verfasser unterschiedlichste Arten von Versatzstücken, die die Sci-Fi der Antike entlehnt, heraus. Diese werden jedoch nicht weiter kategorisiert oder in ihrer Art der Adaption näher bestimmt, sondern nur beschrieben. In diesem Kontext wäre eine Anführung einer systematischen Übersicht wie sie bei Stierstorfer (2017, 106) mit Blick auf die antikenhaltige Fantasy und Phantastik zu finden ist, sinnvoll gewesen.

Fazit

Der Sammelband zeigt auf vielfältige Weise, wie eng die Verbindung zwischen der antiken Historie und Mythos und dem im Vergleich dazu relativ jungen Genre der Science-Fiction ist. Diese reicht von Einzelelementen wie Namen über Figuren nach Vorbild antiker Heroen bis hin zu ganzen Narrativen wie dem der Odyssee, welche die Science-Fiction auf einer scheinbar futuristischen, fortschrittlich technischen Ebene aufgreift, um zentrale politische Ereignisse der Vergangenheit oder Gegenwart auf einer metaphorischen Ebene nochmals zu überdenken. Der fundierte und tiefgreifende Sammelband ist ein Muss für alle Altertums- und Literaturwissenschaftler. Man kann nur hoffen, dass sich dieses sehr breite und mit diesem Sammelband erstmals tiefgründig anhand einiger eklektisch ausgewählter prominenter Werke der Science-Fiction noch weiter ausdifferenziert, um auch gerade wichtige Klassiker der Sci-Fi-Literatur wie die Der Wüstenplanet – Dune-Serie von Herbert mit dem Protagonisten Paul Atreides (die Atriden Agamemnon und Menelaos lassen grüßen…) oder Leguins Freie Geister noch stärker berücksichtigen zu können. Des Weiteren wäre es auch für künftige Projekte noch interessant, die Schnittstelle zwischen Science Fiction und Fantasy, also Science-Fantasy-Literatur bzw. Dystopien hinsichtlich antiker Motive zu untersuchen. In diesem Kontext wären Die Tribute von Panem von Collins, Das fünfte Element von Besson oder die Stargate – Atlantis –Serie von Cooper et al. Für eine noch systematischere Forschungsebene wäre insgesamt ein Anschluss dieses sehr ambitionierten Forschungsprojekts an den internationalen Antikenrezeptionsverbund Past for the Present sinnvoll.

Literaturhinweise