von Dr. Michael Stierstorfer

Welche Arten des Schweigens oder Reflektierens über Kriegsverbrechen und schreckliche Erlebnissen aus der NS-Zeit gibt es in der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) der 1950er Jahre? Dieser spannenden Fragestellung geht von Wietersheim (W.) nach und betrachtet dabei auch unterschiedliche Erinnerungs- und Aufarbeitungskulturen in der Unterhaltungsliteratur. Zudem untersucht sie, inwiefern die Thematisierung von problematischen historischen Ereignissen aufklärerisch oder eher manipulativ erfolgt, um für nachfolgende Generationen Licht in das Dunkel der Kriegsereignisse und -verbrechen zu bringen oder um diese weiter zu verschleiern. Diese Fragestellung verfolgt sie anhand eines mittelgroßen Corpus von 17 ausgewählten Texten, deren Bandbreite sich von den Folgen der NS-Zeit, Flucht und Vertreibung, Judenverfolgung und Holocaust über Krieg und Wiederaufbau erstreckt. Durch die Fokussierung dieses aus historischer Sicht sehr heiklen Themas leistet ihre Dissertation in Zeiten des Erstarkens von populistisch-rechtsextremen Bewegungen einen aktiven und wichtigen Beitrag für eine nachhaltige Erinnerungs- und Aufarbeitungskultur der NS-Vergangenheit.

Wietersheim, Annegret von: “Später einmal werde ich es dir erzählen”. Leerstellen in der Kinder- und Jugendliteratur der 1950er Jahre.
Winter, Heidelberg 2019.
219 Seiten. 36,00 €
ISBN 978-3825369903

Inhalt

Die Arbeit setzt sich zum Ziel, herauszufinden, auf welche Weise problematische Kriegsereignisse in der NS-Zeit in der Literatur der 1950er Jahre entweder verschwiegen oder verarbeitet werden. Dazu zieht W. eine mittelgroße Stichprobe von 17 Romanen heran. Vor der zentralen Analyse dieser Texte nach thematischen Gesichtspunkten fokussiert die Autorin zunächst den Begriff der KJL im Kontext von Aufarbeitungsstrategien und zeichnet dabei konzise den Forschungsdiskurs nach. Dabei sieht die Arbeit nach Ewers’ Modell eine Dreiteilung der Vergangenheitsbewältigung in der KJL vor: Reflexion der Geschehnisse von persönlich Beteiligten, Nachforschungen durch die zweite Generation und Aufarbeitung der Vergangenheit durch die Enkelgeneration. Darüber hinaus thematisiert W. den kinder- und jugendliterarischen Forschungsdiskurs über die Nachkriegs-KJL der 1950er Jahre und stellt hierbei insbesondere die aufschlussreiche fachwissenschaftliche Kontroverse in den Mittelpunkt, ob es sich bei dem zentralen Werk zur Aufarbeitung der Judenverfolgung und des Holocausts Damals war es Friedrich (Richter, 1961) um einen verkappt antisemitischen Roman handelt, der Stereotypisierungen des Jüdischen fortschreibe und das Verhalten der Täter indirekt entschuldige. Dies alles geschehe unter dem Deckmantel der Freundschaft eines Nicht-Juden mit einem Juden. Außerdem werden auch (anti-)kulturelle Praktiken im Umgang mit angeblicher „Schmutz und Schund“-Lektüre im Kontext von Verbrennungs- oder Eintauschaktionen gerade mit Blick auf das den Nazis verhasste Medium der (US-)Comics thematisiert. In einem Folgekapitel erklärt W. die Auswahl ihres Textkorpus, um sich sodann der NS-Zeit und ihren Folgen in bestimmten Romanen der Kinder- und Jugendliteratur der 1950er Jahre zu widmen. Dabei bearbeitet sie systematisch die Themenblöcke Vertreibung, Flucht und Ankunft im Westen, Judenverfolgung und Holocaust, Krieg und Heimkehrer, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder.

 Kritik

W. trägt in ihrer Arbeit der zielführenden Hypothese Rechnung, dass die exemplarisch besprochenen Werke aus den 1950er Jahren die Verarbeitungsmechanismen der breiten Bevölkerung hinsichtlich der Verbrechen zur Nazi-Zeit widerspiegeln. So teilt sie die Epochen der Aufarbeitung in folgende Phasen ein: Entschuldigung, Verdrängung bzw. Rückzug in die bürgerliche Familie und Reflexion im Zuge der Auschwitz-Prozesse. In sprachlicher Hinsicht changieren diese Werke zwischen einem “Experiment und stilistischem Konservatismus” (S. 41). Untersucht würden laut W. Texte, “deren Handlungsbögen zwar auf den zeitgeschichtlichen Hintergrund bezogen sind, die ihre Spannung aber nicht allein aus dem politischen Kontext heraus beziehen” (S. 41). Die Werke aus dem Corpus richten sich an Rezipienten im Alter von 10 bis 14 Jahren. In einem besonders lehrreichen Kapitel zur Funktion der KJL mit Blick auf die Verarbeitung der NS-Vergangenheit geht W. auf den wissenschaftlichen Konsens ein, dass ein Großteil der Romane die NS-Vergangenheit trivialisiert, die Mitverantwortung von Mitläufern verschweigt oder von Selbstmitleid geprägt ist, ohne auf die Schuldfrage einzugehen.

Zu Beginn des Hauptteils begründet die Autorin die von ihr untersuchten Themenbereiche hinsichtlich der NS-Vergangenheit und betont, dass nicht die Chronologie, sondern die Häufigkeit der Thematisierung in der KJL den Ausschlag für die Auswahl gab. Leider wird diese Aussage nicht empirisch belegt und verbleibt somit auf der Ebene einer Hypothese. Im Rahmen des Kapitels Vertreibung, Flucht und Ankunft im Westen untersucht W. die Romane Die Arche Noah, Der Ebereschenhof, Alles wegen Gisela, Hummel und das Zwillingskrönchen und Das Jahr der Wölfe. Dabei gelangt sie zu dem Ergebnis, dass diese Texte gefährliche Fluchten in den Mittelpunkt rücken, bei deren Literarisierung erst in den 1960er Jahren eine Reflexion über individuelle Mitschuld beginnt. Im darauffolgenden Kapitel Judenverfolgung und Holocaust stehen die Werke Sternkinder, … und alle gingen vorüber, Damals war es Friedrich, Stern ohne Himmel und Die Verfolgten im Zentrum. Hierbei kommt die Autorin zu dem zielführenden Schluss, dass diese Werke in Ansätzen einen Anstoß dazu geben, dass die Opferrolle nach und nach von Reflexionen über eine (Mit-)Täterschaft abgelöst wird. Im Rahmen eines Exkurses über Euthanasie findet W. am Beispiel des Romans Jan und das Wildpferd heraus, dass die Protagonisten mit ihren empathischen Charaktereigenschaften als eine Art Gegenkraft zur NS-sozialisierten Generation der Eltern angesehen werden können, welche die systematische Tötung von schwachem oder behindertem Nachwuchs strikt ablehnen. Der Autor Denneborg beziehe zudem subtil kritisch Stellung zur sogenannten "Rassenlehre" der Nazis, indem er den Protagonisten Natz ein alter ego kreieren lässt, welches das Euthanasie-Programm verurteilt.

Im achten Kapitel Krieg zeigt W. anhand der Romane Die Kinder aus Nr. 67, War Paul schuldig? und Guiseppe und Maria, dass diese Werke die Geschehnisse um den Zweiten Weltkrieg vorwiegend anhand der akustischen Geräuschebene imitieren, sodass der Rezipient die Leerstellen mit Blick auf Tod und Zerstörung füllen muss. Des Weiteren werde bei diesen Romanen auch eine ablehnende Haltung gegenüber totalitären Werte- und Normensystemen deutlich und trotz der schlimmen Kriegssituation bestehe weiterhin eine Hoffnung auf die Verwirklichung von “(gesellschafts-)politischen Utopien von Solidarität und politischer Freiheit” (S. 171). Im letzten Kapitel Heimkehrer, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder erschließt W. anhand der Texte Abel und Anabella, Vrenelis großes Vorbild und In der Taiga gefangen, dass sich in diesen eine Tendenz zur Verdrängung von traumatischen Ereignissen abzeichne, die somit nicht selten als wenig “nacherlebbar inszeniert” (S. 192) werden. Ihre Monographie rundet W. durch ein zielführendes Fazit ab, aus dem hervorgeht, dass die von ihr untersuchten Werke bereits in den 1950er Jahren ihren Leserinnen und Lesern wichtige Impulse für eine “offiziell weithin tabuisierte[n] Vergangenheit geben können” (S. 201). So unterschiedlich die thematisierten Werke auch mit Blick auf die Leserschaft seien, so ist doch der gemeinsame kleinste Nenner aller eine Gesinnung des Loslösens von den inhumanen Dogmen aus der Nazi-Zeit, wodurch sie neben der (Re-)Etablierung einer demokratischen Gesinnung auch einen wichtigen Beitrag zur Initiation einer deutschen Erinnerungskultur leisteten, die bis heute fortbestehe. In diesem Kontext würden darin stets auch für eine Demokratie essentielle Werte wie Solidarität und Pazifismus transportiert.



Fazit

W.s Monographie erweist sich als wichtiger Meilenstein in der Erforschung der Verarbeitung der NS-Vergangenheit auf der fiktionalen Ebene der Kinder- und Jugendliteratur, die zugleich Rückschlüsse auf real-historische Phasen der Verarbeitung der NS-Verbrechen ziehen lässt. Die Autorin trägt dieser Hypothese konzise Rechnung, stimmt die einzelnen Kapitel gezielt aufeinander ab und stützt den Hauptteil durch notwendige Klärungen der wichtigsten Fachbegriffe im Rahmen von fundierten fachwissenschaftlichen Diskursen zur historischen KJL. Neben der tiefschürfenden inhaltlichen Auswertung des Corpus, geht W. auch gezielt auf die Sprache der Werke ein und stellt immer wieder nachvollziehbar deren sehr unterschiedliche Qualität heraus. Auch wenn die Autorin die Plots ihres in sich stimmigen Corpus während der Analyse en passant wiedergibt, wäre es sinnvoll gewesen, am Ende der Arbeit knappe Inhaltsangaben aller Romane anzufügen, damit sich Rezipienten noch systematischer und zielgerichteter über diese ihnen wohl nur zum Teil bekannten Romane informieren können.

Ein weiterer Kritikpunkt wäre, dass z.B. Das Tagebuch der Anne Frank (1947) aus Gründen einer angeblichen Nicht-Intendierung als KJL völlig vernachlässigt wird. Dabei hätte dieser gelungenen Arbeit gerade ein solch wirkungsmächtiger Text m. E. um ein vielfaches mehr Aufmerksamkeit beschert, da der gerade erwähnte autobiographische Roman noch immer zu den Klassikern der Schullektüre gehört. Leider finden sich nach den thematischen Analysen der Teilcorpora auch keine Zwischenfazits, sodass die Suche nach gebündelten Erkenntnissen für weitere Forschungen erschwert ist. Dafür enthalten die abschließenden Betrachtungen am Ende knapp die Essenz der Publikation und zeigen, wie viel eine systematische Erinnerungskultur von Kriegsverbrechen und Vertreibung in der Unterhaltungsliteratur auch zum Verstehen der aktuellen Flüchtlingskrise beiträgt. Aus diesem Grund kann man nur hoffen, dass W.s Arbeit eine breite Aufmerksamkeit erfährt und den Boden für einen empathischeren Umgang mit Kriegsgeflüchteten bereitet.

Erstveröffentlichung: 29.08.2019


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