von Annette Antoine

Die ästhetische Beschäftigung mit Flucht und Migration hat Konjunktur. Dabei lässt sich fragen, was Literatur und andere Kunstformen zu diesem gesellschaftlichen Großthema beitragen können und wie sich zudem wissenschaftlich adäquat damit auseinandergesetzt werden kann. Der vorliegende Sammelband ist aus der Jahrestagung der Gesellschaft für Interkulturelle Germanistik 2017 an der Europa-Universität Flensburg heraus entstanden und befasst sich mit der Thematik, die für die Herausgeber in dem Phänomen der Grenze kulminiert.   

Bauer, Matthias/Nies, Martin/Theele, Ivo (Hrsg.): Grenz-Übergänge.
Zur ästhetischen Darstellung von Flucht und Exil in Literatur und Film.
transcript, Bielefeld, 2019
266 S., 39,99 Euro
ISBN 978-3-8376-4609-2

Inhalt

Dabei durchaus von einer Mission getragen – aus den titelgebenden "Grenz-Übergängen" soll laut Einleitung ein "Prospekt der Zuversicht" (S. 8) statt der Barrieren werden – stellt die Einleitung zunächst kategoriale Überlegungen an. Ausgehend von der Wahrnehmung, dass neben Grenzen auch Grenzregionen und -regimes bestehen, die das Grenzübertreten bereits im Vorfeld zu kontrollieren suchen, werden drei Arten von Grenzübergängen benannt: mithilfe von Kontakten, der kritischen Reflexion von Grenzregimes und dem "Übergang von der Kunst, die Reales reflektiert und transfiguriert, zur gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit" (S. 9). Die Anbahnung dessen, um Europa weniger als Bollwerk und mehr als Völkergemeinschaft zu installieren, soll wiederum in drei Varianten geschehen – mit einem Denken gegen Barrieren, deren Auflösung und der Reflexion über die Folgen, die Grenzen haben können.

An dieser Stelle setzt nach Meinung der Herausgeber die Literatur ein. Ausgestattet mit dem "Möglichkeitssinn" (S. 10; die Assoziation mit Musil ist sicherlich mitgedacht, auch wenn er nicht genannt wird), könne sie fiktive Handlungsräume entfalten und den faktisch bestehenden Barrieren entgegensetzen. Dies kann auch auf didaktische Weise geschehen. Literatur solle, mit der Vergegenwärtigung von früheren Grenzerfahrungen, der Gedächtnisbildung im Sinne eines "Re-Enactment[s]" (ebd.) und mit Vorschlägen für ein Handeln unter heutigen Voraussetzungen dienen. Außerdem gehe es um Horizonterweiterung und die Erfahrung, dass man auch im Verstehenwollen an Grenzen stoßen könne.

Die Zusammenstellung des Bandes markiert ebenfalls Übergänge und plädiert sowohl für die Aufgabe einer eurozentrischen Sicht als auch für die Gleichrangigkeit von Erfahrungs- und Forschungsberichten, unterrichtspraktischen und theoretischen, historischen und aktuellen Beiträgen. Dementsprechend findet sich auch eine Reihe von Beiträgen von forschend und lehrend tätigen Wissenschaftler*innen der Universität Pune, Indien. Die Ordnung ist nicht chronologisch oder geographisch aufgebaut, sondern zielt auf thematische und methodische Grenzübergänge mit den drei Sektionen "Flucht und Asyl", "Migration und Mehrsprachigkeit" und "Exil und Diaspora". Die Beiträge des ersten Bereichs beschäftigen sich mit Multiperspektivität und Interkulturalität in Fluchtgeschichten sowohl migrantischer als auch deutscher Provenienz. Die Verschränkung mit einer historischen oder auch mythologischen Perspektive kann der Beitrag von Mumina Hafez Abd El-Barr über Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen und Jenny Erpenbecks Gehen, ging, gegangen gut herausarbeiten. In allen Beiträgen wird der Sehnsuchtsraum Europa kritisch hinterfragt und mit seinen Versprechungen und Projektionen abgeglichen. Ivo Thele wirft in seiner Betrachtung von Bodo Kirchhoffs Widerfahrnis Fragen rund um dem Begriff "Flucht" auf, wenn darunter sowohl privilegierte als auch existentielle Bewegungsverläufe in jeweils umgekehrter topographischer Richtung fallen.

Die zweite Sektion ist im Schwerpunkt didaktisch orientiert und erschließt dadurch interessante Blickwinkel. Friederike Heinz berichtet von Erfahrungen mit dem Einsatz des Films Als Paul über das Meer kam in Seminaren Deutsch-Studierender in Benin. Die Bewertung des Handelns der Hauptfigur durch die Seminar-Teilnehmenden hält Überraschungen bereit und veranschaulicht einmal mehr die Notwendigkeit zur Aufgabe von eurozentrisch gepflegten Stereotypen. Auch in den Beiträgen von Lehrkräften der Universität Punegeht es um das Ausloten des didaktischen Potentials von Literatur und Film zur Schulung von Fremdverstehen gegenüber Flucht und Migration. Die Mehrsprachigkeit von Filmen, im synchronisationsgewohnten deutschsprachigen Raum anders als in den meisten Ländern der Welt eher unvertraut, kann dabei eine wichtige Unterstützung leisten, da sie dem Betrachtenden das Nichtverstehen-Können des anderen sinnfällig vor Augen führt. Im Rahmen des vorliegenden Bandes wird dies durch die Parallelführung von der Mehrsprachigkeit indischer Filme und dem deutsch-französischen Biopic Vor der Morgenröte über Stefan Zweig demonstriert.

In der letzten Sektion geht der Blick zurück auf Flucht und Vertreibung in historischer Sicht mit Fokussierung auf die Ereignisse in der Mitte des 20. Jahrhunderts und ihre Spätfolgen bis heute. Eingeleitet durch Raluca Rădulescus Lesart von Hölderlins Hyperion als einer europäischen Fluchtgeschichte, verpflichtet einer "Poetik der Transkulturalität" (S. 173), sowie von Carola Hilmes' Nachvollzug der Suche einer arabischen Prinzessin nach Identität zwischen Hamburg und Sansibar, setzen sich die weiteren Beiträge mit Vertreibungsnarrativen im Zusammenhang mit Diktatur und Gewaltherrschaft im 20. Jahrhundert und dem Umgang der Nachgeborenen damit auseinander.

Kritik

Der Sammelband schafft es, ein vielstimmiges Geflecht von Ansätzen und Verfahrensweisen zu den Themen Flucht und Migration sowie ihren Folgeerscheinungen zu präsentieren. Die Mischung aus dia- und synchron vorgehenden Einzelstudien, anwendungsbezogenen Fallbeispielen und Grundsatzüberlegungen bietet eine Vielzahl an Anregungen. Spannend lesen sich die Beiträge insbesondere aus Pune und Benin, da sie die Beschäftigung mit der Thematik unter gleichsam umgekehrten Vorzeichen nahebringen sowie insbesondere mit den Hinweisen zur Mehrsprachigkeit neue Wege in der Vermittlung aufzeigen können. Nicht ganz überzeugen kann die These der Herausgeber, dass die beiden Forschungsbereiche Flucht und Exil bislang eher getrennt betrachtet wurden (vgl. S. 11) – hier ließen sich Gegenbeispiele aufführen, erwähnt sei nur der von Stephanie Bremerich, Dieter Burdorf und Abdalla Eldimagh 2018 im Quintus-Verlag herausgebrachte Band Flucht, Exil und Migration in der Literatur. Syrische und deutsche Perspektiven, der ebenfalls inter- und transkulturelle Sichtweisen, in diesem Fall unter Beteiligung syrischer und deutscher Literaturwissenschaftler*innen, sowie in aktualisierender Bezugnahme die Ereignisse der Zeit zwischen 1933 bis 1945 verhandelt. Auch könnte die ebenfalls in der Einleitung geäußerte Haltung, Literatur vor allem als Lieferantin von Handlungsoptionen zu begreifen, als etwas funktional-verkürzend verstanden werden.

Fazit

Dies schmälert jedoch insgesamt gesehen nicht die Leistung des vorliegenden Bandes, der die Möglichkeiten von Literatur und Film zur Darstellung und Überschreitung von Grenzen eindrucksvoll vor Augen führt und nicht zuletzt der Didaktik dieses wichtigen Themas konstruktive Impulse zu geben vermag.


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