von Steffen Röhrs

Auch im Zeitalter von Dekolonialisierung und postkolonialer Kritik werden in Literatur und Medien vielfach stereotype Vorstellungen über den sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts von kolonialen Strukturen emanzipierenden afrikanischen Kontinent sowie über Kulturen und Lebensgewohnheiten von Afrikanerinnen und Afrikanern fortgeschrieben. In seiner Monografie Kinder- und Jugendliteratur als Gegendiskurs? setzt sich der kamerunische Germanist Alain Belmond Sonyem kritisch mit solchen Afrikavorstellungen in zeitgenössischen Kinder- und Jugendbüchern auseinander und fragt danach, ob diese Texte nicht vielmehr Gegendiskurse zu klischeehaften Repräsentationen Afrikas etablieren können. Dabei werden sowohl stereotype als auch interkulturelle Ansätze in Büchern deutscher und deutsch-afrikanischer Autorinnen und Autoren in den Blick genommen, um so insgesamt zu einer kritischen Bestandsaufnahme des gegenwärtigen Afrikadiskurses im literarischen Feld zu gelangen.

 
Sonyem, Alain Belmond: Kinder- und Jugendliteratur als Gegendiskurs? Afrikavorstellungen in neueren deutschen und deutsch-afrikanischen Kinder- und Jugendbüchern (Kinder- und Jugendkultur,  -literatur und -medien. Bd. 116)
Peter Lang Verlag, Berlin 2019
320 S., 62,60 Euro
ISBN 978-3-631-75719-2

Inhalt

Ausgehend von der Annahme, dass Afrika in öffentlichen Debatten und künstlerisch-medialen Darstellungen auch heute oftmals noch "mit bestimmten problematischen Vorstellungen in Verbindung gebracht wird" (S. 18), spürt Sonyem in seiner Studie der Frage nach, ob "in der KJL [Kinder- und Jugendliteratur] zwischen 1990–2015 von einem neuen Afrikabild gesprochen werden kann und ob bzw. inwiefern deutsch-afrikanische Kinder- und Jugendbuchautorinnen und -autoren einen Gegendiskurs zum deutschen kinder- und jugendliterarischen Afrika-Diskurs artikulieren" (S. 21). Um diese Frage zu beantworten, werden zum einen konkrete Textbeispiele auf Stereotypisierungen, Exotismen und kolonial-rassistisches Denken, aber auch im Hinblick auf interkulturelle, subversive Potenziale untersucht. Zum anderen befasst sich Sonyem mit dem literarischen Feld und den konkreten Bedingungen, unter denen Kinder- und Jugendliteratur über Afrika entsteht und rezipiert wird. Der Blick fällt hierbei auf Initiativen wie den Kinderbuchfonds Baobab, der seit den 1970er Jahren als eine Art "Kontrollinstanz" (S. 18) fungiert, die es sich zur Aufgabe macht, Empfehlungen für Texte auszusprechen, die sich in der Thematisierung Afrikas von rassistischen, ethnozentrischen oder sexistischen Darstellungen loslösen und für Toleranz, Gleichberechtigung und einen respektvollen Umgang mit afrikanischen Kulturen stehen.

Nach der Einleitung (Kapitel 1), in der Sonyem seine Forschungsfragen und Thesen sowie den Korpus und die diskursanalytische Methodik der Argumentation skizziert, folgt ein Kapitel zur Klärung der verwendeten Theorien und Begriffe (Kapitel 2). Die Analyse der Romane und Erzählungen gliedert sich in drei zentrale Teile, die sich jeweils einem anderen Themenfeld zuwenden: Geht es in Kapitel 3 um "Reisen von und nach Afrika" (S. 79) – und somit um Situationen, die in besonderer Weise zur Reflexion eigener und fremder Perspektiven anregen –, steht in Kapitel 4 das Spannungsverhältnis von "Tradition und Moderne" (S. 129) für afrikanische und afrodeutsche Kinder im Fokus. Zuletzt wendet sich Kapitel 5 der literarischen Darstellung des 'afrikanischen Problems' zu (vgl. S. 191), womit die (Re-)Präsentation von Armut, Gewalt, Krankheiten und ethnischen, sozialen wie auch politischen Spannungen in Kinder- und Jugendbüchern gemeint ist.

In den Kapiteln unterscheidet der Verfasser jeweils zwischen einer deutschen und einer deutsch-afrikanischen Perspektive und berücksichtigt die Entstehungs- und Publikationskontexte der Primärquellen wie auch biografische Hintergründe der Autorinnen und Autoren. Die konkreten Textanalysen beschäftigen sich eingehender mit textinternen Merkmalen wie etwa Figurenkonstellationen und narrativen Besonderheiten. Die Verortung der Romane und Erzählungen im literarischen Feld erfolgt in eigenen Unterkapiteln und wird vor allem am Ende in einem Kapitel zum diskurskritischen Potenzial der Bücher (Kapitel 6) und in der Schlussbetrachtung (Kapitel 7) noch einmal aufgegriffen und im Hinblick auf die Sichtbarkeit gegendiskursiver Veröffentlichungen auf dem deutschen Buchmarkt diskutiert.

Eine wichtige Erkenntnis der Studie ist, dass sich aus den untersuchten Erzähltexten "vielfältige, unterschiedliche und gegeneinander kämpfende Diskurspositionen [ergeben], die sich zum einen an den hegemonialen Diskurs anschließen, zum anderen diesen deutlich infrage stellen." (S. 257) Sonyem leitet daraus ein Nebeneinander von Schreibweisen ab, in dem "der 'alte' rassistische, ethnozentrische hegemoniale Diskurs der Afrika-KJL weiterhin besteht, daneben jedoch 'neue' gegendiskursive Entwürfe zu erkennen sind." (S. 278) Man könne "sowohl von Büchern sprechen, die von Ethnozentrismus oder Paternalismus dominiert sind und den kolonialen Diskurs weiter verbreiten, als auch von Büchern, die explizit diese Phänomene dekonstruieren und zu einer differenzierteren Fremdwahrnehmung einladen." (S. 267) Dieses Nebeneinander gelte für die deutsche Kinder- und Jugendliteratur ebenso wie für die 'afrikanische' Perspektive, da auch in Büchern deutsch-afrikanischer Autorinnen und Autoren zum Teil paternalistische oder ethnozentrische Strukturen (re-)produziert würden (vgl. S. 269). Eine weitere Feststellung lautet, dass gerade das gegendiskursive Schreiben über Afrika noch keinen richtigen Eingang in die literarische Öffentlichkeit gefunden habe und oftmals nur über Self-Publishing-Strategien möglich sei (vgl. S. 272). Damit werden auch der Sinn und die Relevanz von 'Kontrollinstanzen' für Kinder- und Jugendmedien in Frage gestellt, da diese vielfach nur bestimmte Autorinnen und Autoren berücksichtigen (vgl. S. 277). Nach Sonyem scheitere "[d]ie postkoloniale Aufgabe der deutsch-afrikanischen Literatur […] vor den Normen des literarischen Feldes, und daher schwanken die Autor_innen zwischen Selbstbehauptung und Selbstverleugnung, um sich einen Platz in diesem Feld zu schaffen." (S. 272) Eine Folge sei eine oftmals zu einseitige Orientierung an veralteten, hegemonialen Denkweisen (vgl. ebd.).

Kritik

Die Studie besticht insgesamt durch ihre methodische und strukturelle Klarheit. Dem Autor gelingt es, seine argumentativen Prämissen übersichtlich und konzise darzulegen, wobei auch kurze Abstracts zu Beginn der einzelnen Kapitel zum Verständnis beitragen. Die Binnengliederung der Analyse, die sich aus zentralen, wiederkehrenden Motiven im Schreiben über Afrika ableitet, scheint hierbei gut geeignet, um verschiedene diskursive Standpunkte herauszuarbeiten. Angesichts des relativ umfangreichen Textkorpus tragen die klaren Unterteilungen in deutsche und deutsch-afrikanische Sichtweisen – auch wenn diese Trennung in Anbetracht der komplexen kulturellen Wechselwirkungen auf den ersten Blick vielleicht etwas zu schematisch erscheint – grundsätzlich zur Übersichtlichkeit und zu einem guten Nachvollzug der Argumentation bei. In seiner Analyse greift Sonyem auf eine Vielzahl von Romanen und Erzählungen zurück, darunter etwa Nasrin Sieges Sombo-Romane (1990 u. 1994) und Hermann Schulz' Mandela & Nelson, Das Länderspiel (2010), aber auch unbekanntere Texte, beispielsweise von Mouchi Blaise Ahua oder Mbu Maloni. Der Textkorpus und die Wahl des Untersuchungszeitraums sind sinnvoll begründet und tragen dem Umstand Rechnung, dass es seit den 1990er Jahren einen regelrechten "Veröffentlichungs-Boom" (S. 21) von Kinder- und Jugendbüchern gibt, die sich mit einzelnen afrikanischen Ländern, Themen wie Migration und Flucht sowie mit kulturellen und ethnisch-religiösen Konflikten im Aufeinandertreffen von 'Eigenem' und 'Fremdem' auseinandersetzen. Der unter anderem an Foucault orientierte, diskursanalytische Ansatz der Studie, der nicht auf eine außertextuell verifizierbare afrikanische 'Wirklichkeit' referiert, sondern vielmehr die Konstruktivität und Wandelbarkeit von Vorstellungen betont, erweist sich als überzeugend, um die teils sehr unterschiedlichen Repräsentationen Afrikas in der Kinder- und Jugendliteratur zu erfassen. Gleichzeitig rückt hiermit vor allem die ästhetische Dimension der ausgewählten Texte und weniger deren pädagogische Funktion in den Mittelpunkt der Deutung.

Indem Sonyem Textbeispiele betrachtet, die sowohl stereotype und exotistische als auch interkulturelle Aspekte enthalten, stößt er mit seiner Untersuchung in ein bisher nur relativ wenig erforschtes Feld vor und berücksichtigt zudem, dass sich in den meisten literarischen Texten widersprüchliche oder doch zumindest vielfältige Diskurspositionen entdecken lassen. In den einzelnen Analysen geht der Verfasser kritisch-reflektiert vor und hinterfragt – berechtigterweise – auch solche Darstellungen Afrikas, die vordergründig ein positives oder 'authentisches' Bild einzelner Länder und Kulturen zeichnen, unter dem sich allerdings allzu oft noch paternalistische oder exotistische Vorstellungen verbergen können. Durch die vergleichende Gegenüberstellung deutscher und deutsch-afrikanischer Schreibweisen ergeben sich zahlreiche interessante Beobachtungen. Dabei gelingt es Sonyem, gerade auch die Besonderheiten der in den Erzähltexten inszenierten kindlichen Perspektiven auf (post-)koloniale Erfahrungen zu akzentuieren. Spannend ist in diesem Kontext etwa, dass in Kinder- und Jugendbüchern über Afrika (und sicherlich nicht nur in diesen) oftmals kindliche Wahrnehmungen mit denen von Erwachsenen kontrastiert werden, um auf diese Weise Möglichkeiten, aber auch Grenzen des (Fremd-)Verstehens und der Interkulturalität zu inszenieren. Den jungen Protagonistinnen und Protagonisten kann demzufolge eine wichtige gegendiskursive Rolle zukommen (vgl. etwa Kap. 3.1.3, Kap. 3.1.4 u. Kap. 3.3). Dass die Fokalisierung der kindlichen und jugendlichen Figuren aber nicht immer überzeugend 'funktioniert' und somit auch zu einem Repräsentationsproblem in Afrikadarstellungen werden kann, zeigt Sonyem ebenfalls auf (vgl. etwa S. 201).

Als Schwachpunkt der Publikation erweisen sich wiederkehrende grammatikalische, orthografische und sprachlich-stilistische Fehler, die nicht nur den Lesefluss stören, sondern bisweilen auch zu irritierenden Stilblüten und Missdeutungen führen (so wird beispielsweise eine Gläubige als "Gläubigerin" (S. 139) bezeichnet). Auffällig ist, dass sich diese sprachlichen Ungenauigkeiten vor allem in den Textanalysen finden, wobei das methodisch-theoretische Kapitel und die Einleitung sowie der Schlussteil offensichtlich sorgfältiger lektoriert und überarbeitet worden sind. Zu betonen ist in diesem Zusammenhang, dass bei einem solch umfangreichen wissenschaftlichen Projekt eines nichtmuttersprachlichen Autors keinesfalls ein perfekter Sprachgebrauch erwartet wird. Ein sorgfältigeres (Verlags)Lektorat hätte aber deutlich zum Verständnis einzelner Abschnitte beitragen können und wäre letztlich nötig gewesen, damit der Text insgesamt idiomatischer geworden wäre. Zudem fallen die Textformatierung und der konkrete Umgang mit Zitaten mitunter uneinheitlich aus, wodurch einige wenige Literaturnachweise intransparent erscheinen.

Fazit

Unabhängig von den genannten Ungereimtheiten im sprachlichen und textgestalterischen Bereich stellt die Veröffentlichung von Alain Belmond Sonyem einen wertvollen Beitrag zum zeitgenössischen Umgang mit dem kinder- und jugendliterarischen Afrikadiskurs dar. Die Studie bietet einen spannenden Einblick in ein vielschichtiges Textkorpus, wobei gerade auch die Ausführungen zu den gegenwärtigen Produktions- und Rezeptionsvoraussetzungen im literarischen Feld überzeugen – und durchaus alarmieren. Sonyems Auseinandersetzung mit hegemonialen und diskurskritischen Schreibweisen sensibilisiert dafür, auf welch vielfältige und bisweilen widersprüchliche Weise das 'Eigene' und das 'Fremde' in literarischen Texten repräsentiert sein kann und wie viele ethnozentrische und koloniale Denkmuster sich letztlich auch in der heutigen postkolonialen und vermeintlich 'weltoffenen' Zeit noch im Schreiben über Afrika verbergen.

 

 Erstveröffentlichung 06.01.2020

 


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