von Philipp Schmerheim

Alle Literatur entführt ihre Lesenden in erfundene, zumindest aber ausgedachte Welten. Die US-amerikanische Kulturjournalistin Laura Miller bündelt in ihrer lesenswerten Anthologie Wonderlands. Die fantastischen Welten von Lewis Carroll, J.K. Rowling, Stephen King, J.R.R. Tolkien, Haruki Murakami u.v.a. kurze Essays zu insgesamt 100 berühmten Erzähltexten der Literaturgeschichte.

Miller, Laura (Hrsg.): Wonderlands. Die fantastischen Welten von Lewis Carroll,
J.K. Rowling, Stephen King, J.R.R. Tolkien, Haruki Murakami u.v.a.

Aus d. Englischen von Hanne Henninger, Susanne Kolbert und Madeleine Kaiser.
Darmstadt: wbg THEISS, 2020.
320 Seiten. 28,00 €
ISBN 978-3836956239.
Empfohlen ab 12 Jahren.
Leseprobe

Inhalt

Für die deutsche Ausgabe hat die WBG den pompösen englischen Originaltitel Literary Wonderlands. A Journey through the greatest fictional worlds ever created etwas heruntergeschraubt. Beeindruckend ist das Gebiet, das in den 100 Einzelbeiträgen abgehandelt wird, dennoch, umfasst es doch Erzähltexte aus 300 Jahren Kulturgeschichte.

Die fünf Makrokapitel folgen einer groben literarhistorischen Gliederung, von antiken Mythen bis hin zu Erzähltexten des frühen 21. Jahrhunderts. Dementsprechend rekapitulieren die Einträge des ersten Kapitels "Alte Mythen & Legenden" mythenhafte antike Erzähltexte wie Homers Odyssee, Ovids Metamorphosen und das Gilgamesch-Epos ebenso wie mittelalterliche und frühneuzeitliche Texte wie den Beowulf, Dantes Divina Commedia, Wu Cheng’ens Reise nach Westen (Xiyouji) oder Margaret Cavendish' The Blazing-World.

Das zweite Kapitel, "Wissenschaft & Romantik" wendet sich bekannten und weniger bekannten Weltenerzählungen des 18. Und 19. Jahrhundert zu, wobei der Fokus vor allem auf der englischsprachigen gothic fantasy liegt und dementsprechend Swifts Gulliver's Travels, Carrolls Alice's Adventures in Wonderland, Abbotts Flatland, Stevensons Treasure Island, aber auch Wagners Nibelungen-Bearbeitung besprochen werden.

Um "Das goldene Zeitalter der Fantasy" geht es im dritten Kapitel, in dem es ein Wiedersehen mit Barries Peter Pan, Saint-Exupérys Le petit prince, aber auch mit Franz Kafkas Das Schloss gibt – allesamt Erzählungen, die im Zeitalter der Weltkriege entstanden sind.

Politisch-dystopisch ist der Fokus des vierten Kapitels über eine "Neue Weltordnung", die den Zeitraum nach Ende des Zweiten Weltkriegs bis etwa 1980 umfasst und dabei so unterschiedliche Weltentwürfe präsentiert wie Tolkiens Lord of the Rings, Stanislaw Lems Solaris, Ursula K. Le Guins A Wizard of Earthsea oder García Marquez‘ Cien años de soledad.

Im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert manövriert das abschließende Kapitel „Das Computerzeitalter“, dessen Titel etwas irreführend ist: Zwar geht es auch um Erzählwelten, die in diesem angesiedelt sind, wie etwa William Gibsons Trilogie Neuromancer, die den Begriff des "Cyberspace" geprägt hat – besprochen werden aber vor allem Weltenentwürfe zeitgenössischer Autorinnen, die teils traditionelle Fantasy erzählen (Cornelia Funke, Philip Pullman, Terry Pratchett), teils dystopische Welten entwerfen, wie etwa Suzanne Collins mit ihrer Hunger Games-Tetralogie.

Aufgebaut sind die Beiträge nach einem ähnlichen Raster: Ein typographisch hervorgehobener Teaser bringt die Bedeutung des jeweils besprochenen Werks auf den Punkt, der eigentliche Beitrag referiert kurz Autorin und Inhalt, bevor die restlichen Abschnitte skizzieren, was für eine besondere erzählte Welt uns hier präsentiert wird. In den Marginalspalten werden weitere ggf. interessante Informationsbrocken gestreut.

Kritik

Als Mitgründerin von salon.com sowie als Kolumnistin bei Slate und der New York Times Book Review ist die Herausgeberin Laura Miller ein fester Bestandteil des US-amerikanischen Journalismus. Diese feuilletonistische Prägung merkt man dem Band an (und das ist positiv gemeint): Wonderlands bietet keine ausufernden, tiefschürfenden Aufsätze zu den ausgewählten fiktionalen Weltentwürfen, sondern pointierte, stilsicher illustrierte Kurzeinträge, die meistens zwei Seiten umfassen, in selteneren Fällen vier bis sechs Seiten. Dieser knappe Umfang bekommt nicht allen Texten gleichermaßen gut, was auch daran liegen dürfte, dass nicht alle Autorinnen des Bandes das Kurzformat beherrschen: Während sich beispielsweise der Beitrag zum Gilgamesch-Epos (von Andrew R. George) eher lustlos in der Inhaltswiedergabe erschöpft, sprühen die Einträge etwa zu den Metamorphosen (von Tom Shippey), zu Tausendundeiner Nacht, zu der baskischen Erzählung Obabakoak (von Reyes Lázaro) oder Neil Gaimans Sandman-Zyklus (von Abigail Nussbaum) vor Spielfreude an ihrem Gegenstand. Aber derlei Unterschiede lassen sich bei 100 Einträgen auch schwerlich vermeiden, wenngleich die fachliche Expertise in allen Fällen gegeben ist: Ein Großteil der Verfasserinnen und Verfasser sind mit Lehrstühlen versehene Spezialistinnen und Spezialisten auf ihrem Gebiet oder Mitglieder der nordamerikanischen Kultur-Bohème, die sich in erheblichem Maße aus dem Reservoir der Ivy-League-Universitäten rekrutiert.

Während die Qualität der Beiträge schwankt, ist die äußerst gelungene Auswahl an Illustrationen hervorzuheben: Es gibt Abbildungen von Erstausgaben sowie eine treffsichere Mischung aus teils bekannten, teils weniger bekannten Illustrationen der teils ja weltberühmten und immer wieder bearbeiteten Erzählwelten. Dadurch dürfte die kulturell bewanderte Leserschaft sich einerseits im Wiedererkennen zahlreicher Intertexte im eigenen Wissen bestätigt fühlen, andererseits aber genügend neue Bilder und/oder Hinweise entdecken, um Spaß an der Lektüre zu haben.

So vertraut gerade die älteren "Wonderlands" sein dürften, so sehr bemüht sich Miller aber auch, einen euro- bzw. anglozentrischen Blick zu aufzubrechen. Dennoch ist klar, dass Wonderlands letztlich keine Globalgeschichte des Erzählens, sondern einen westlich geprägten, sich kosmopolitisch gerierenden Blick präsentiert. Und das ist für die Zwecke dieses Bands auch völlig in Ordnung. Spannend wäre es dennoch zu erfahren, wie wohl ein Wonderlands-Band aussehen würde, der nicht aus dem nordamerikanischen, sondern afrikanischen oder asiatischen Kulturbetrieb hervorgeht.

Fazit

Wonderlands funktioniert auf verschiedenen Ebenen: als wunderbarer Geschenkband ebenso wie als Liebhaberstück, das sowohl kultur- und literarhistorischen Nerds wie Neugierigen, noch nicht so sehr mit der Literaturgeschichte vertrauten Lesenden viel Freude bereiten kann. Da sich bereits die Illustrationen zum Schmökern eignen, kann man das Buch auch schon Zwölfjährigen aushändigen, ansonsten sind eher Erwachsene und Jugendliche ab 15 Jahren die Zielgruppe.

 Erstveröffentlichung: 15.11.2020

 


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