von Holger Twele

Der "Schlingel" in Chemnitz ist längst zu einem stattlichen jungen Mann herangewachsen und gilt neben der Sektion Generation der Berlinale als zweitwichtigstes bundesdeutsches Festival für Kinder und junges Publikum. Von der Quantität her stimmt das schon mal auf jeden Fall. Die 19. Ausgabe ging mit einem neuen Besucherrekord von etwa 15.500 Zuschauern zu Ende, nachdem 136 Produktionen aus 50 Ländern auf die Leinwände des Cinestar Multiplexkinos projiziert und 13 Preise im Gesamtwert von etwa 35.000 Euro vergeben waren. Allein schon die Programmfülle macht das Festival für Entdeckungen insbesondere auch aus ehemaligen Ostblockländern zu einer Fundgrube.

Neben den drei Hauptwettbewerben im Kinder-, Junior- und Jugendfilmbereich, dem Kurz- und Animationsfilmwettbewerb und dem Panorama lassen sich in der Sektion "Blickpunkt Deutschland" auch zahlreiche wichtige Filme des laufenden Kinojahres im unmittelbaren Vergleich zueinander nachholen. Der beste unter ihnen wird mit dem Förderpreis der DEFA-Stiftung gekrönt, der dieses Jahr an Und morgen Mittag bin ich tot von Frederik Steiner ging. Das Goethe-Institut vergab seinen Jugend- und Kinderfilmpreis an Rico, Oskar und die Tieferschatten von Neele Leana Vollmar nach der Romanvorlage von Andreas Steinhöfel.

Freundschaft und Familie im Kinderfilm

Im Kinderfilmwettbewerb standen neun Filme zur Auswahl, allerdings keine einzige rein deutsche Produktion. Stark vertreten waren wieder die skandinavischen Länder, die über eine lange Tradition im Bereich des Kinderfilms verfügen und gleich zwei der Preisträgerfilme stellten. Karsten und Petra in den Winterferien (Karsten og Petra på vinterferie) von Arne Lindtner Næss, von der Fachjury als bester Kinderfilm ausgezeichnet, wendet sich an das ganz junge Publikum und erzählt von den Erlebnissen zweier miteinander befreundeter Vorschulkinder in den Winterferien, von ihrer durch einen Streit auf die Probe gestellten Freundschaft und von Karstens Angst, seine Eltern könnten sich bald trennen. Ganz in der Lebenswelt jüngerer Kinder verankert, etwa auch durch animierte Szenen mit ihren beiden Kuscheltieren, macht der Film den Kindern Mut, sich den eigenen Problemen und Konflikten zu stellen und sie auch lösen zu können.

Ricky Rapper und der schlaue Leonard (Foto: Schlingel Festival)

Die 16-köpfige Europäische Kinderjury entschied sich ihrem "reiferen" Alter entsprechend dagegen für Ricky Rapper und der schlaue Leonard (Risto Räppääjä ja liukas Lennart) von Timo Koivusalo und zeichnete Hauptdarsteller Samuel Shipway als Ricky zugleich als besten Kinderdarsteller aus. Auch bei diesem für die ganze Familie geeigneten knallbunten Film stehen Freundschaft und Familie im Fokus, wobei sich Ricky hier mit tatkräftiger Unterstützung seiner Freundin gegen die tragikomischen Versuche seiner Mutter und seiner Tante zur Wehr setzt, einen neuen Vater zu bekommen. Genüsslich werden anhand von witzigen und perfekt getimten Verkleidungsaktionen eines väterlichen Freundes von Ricky zahlreiche männliche Rollenklischees durch den Kakao gezogen, ohne in billigen Klamauk abzugleiten.


Land der Guten Kinder (Strana choroschich djetotschek) von Olga Kaptur entstand als russisch-deutsche Koproduktion und ging bei der Preisvergabe leer aus. Dennoch besticht der Film durch seine parabelhaft inszenierte künstliche Welt, die an Der Zauberer von Oz und Alice im Wunderland erinnert. In diesem Fall heißt das Mädchen Sascha und strapaziert die Geduld ihrer Eltern durch viel Fantasie und lustige Streiche, die manchmal auch böse Folgen haben. Zum Jahreswechsel wünscht sich Saschas Familie daher eine brave Tochter. Die steht im Geschenkkarton plötzlich vor der Tür, während Sascha sich in einem Märchenland wiederfindet, in dem strenge Regeln herrschen, die von einem ziemlich gemeinen machtbesessenen Minister strengstens überwacht werden. Sascha muss nun ihren ganzen Mut und viel Fantasie aufbringen, um wieder zurück zu ihren Eltern zu finden und dem Spuk ein Ende zu bereiten. Ganz der kindlichen Fantasie verhaftet, lässt sich der Film in bester osteuropäischer Filmtradition zugleich als subtile Kritik an aktuellen russischen Verhältnissen interpretieren.

Zwischen Kindheit und Jugend

Vor einigen Jahren hat mit Viva Kuba schon einmal ein kubanischer Kinderfilm den Hauptpreis in Chemnitz gewonnen und den Weg für eine Auswertung in Deutschland geebnet. Das ist auch Benimm dich! (Conducta) von Ernesto Daranas Serrano zu wünschen, der im Juniorfilmwettbewerb gleich drei Preise erhielt, darunter auch den der internationalen Filmkritikervereinigung Fédération Internationale de la Presse Cinématographique (FIPRESCI).

Dank eines großartigen Darstellerensembles von Kindern und Erwachsenen vollkommen authentisch, entwirft dieser Autorenfilm das beispielhafte Porträt einer alten Lehrerin, die das Wohl ihrer Schutzbefohlenen über die Regeln des Schulapparats stellt. Nach einem Herzinfarkt soll sie in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet werden. Dennoch gibt sie nicht auf, um insbesondere dem elfjährigen Chala aus sozial schwierigen Verhältnissen das Leben im Erziehungsheim zu ersparen und ihm eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Denn der Junge soll nach dem Willen der Schulleitung aus der Klasse "entfernt" werden, zumal er sich von anderen Mitschülern nichts gefallen lässt und Hunde für illegale Wettkämpfe abrichtet, um sich und seine drogenabhängige Mutter über Wasser zu halten. Sieht man von einigen amüsanten Dialogszenen ab, etwa wenn die alternde Lehrerin ihre vorhandene Kompetenz durch einen Verweis auf die ebenfalls nicht mehr ganz junge kubanische Regierung untermauert, hat der Film nichts einseitig Ideologisches an sich und erzählt eine universelle Geschichte auf hohem internationalem Niveau.

Benimm dich! (Foto: Schlingel Festival)

Das große Geheimnis (Oorlogsgeheimen) von Dennis Bots, eine Koproduktion zwischen den Niederlanden, Belgien und Luxemburg und eine gelungene Literaturverfilmung nach einem Roman von Jacques Vriens, wird demnächst auch in den deutschen Kinos starten. Der bestens ausgestattete und überzeugend gespielte Film blendet zurück in das Jahr 1943 in ein von der deutschen Wehrmacht besetztes niederländisches Dorf, das von Kollaborateuren mit den Deutschen und Widerstandsgruppen in zwei Lager geteilt wird. Dadurch wird auch die unzertrennlich scheinende Freundschaft zweier Jungen auf eine harte Zerreißprobe gestellt, zumal eine neue Mitschülerin, die ihre jüdische Identität niemandem preisgeben möchte, nur einem der beiden ihre Gunst schenkt.

Ungeschminkte Lebensrealitäten

Großes packendes internationales Kino bot der Jugendfilmwettbewerb mit neun Filmen, die allesamt dicht an der Realität angesiedelt sind und zum Teil als extrem harte Kost für junge Kinogänger bezeichnet werden müssen, was dem Interesse der Kinozielgruppe aber allen Vorurteilen zum Trotz in keiner Weise entgegenstand. Auch hier blendete einer der Film in die Vergangenheit zurück, der litauische Film Die Exkursion (Ekskusanté) von Audrius Juzenas, der mit eindringlichen Bildern in Erinnerung ruft, dass das Stalin-Regime in Russland nach dem Zweiten Weltkrieg einen großen Teil der litauischen Bevölkerung in sibirische Straflager deportierte und dafür auch Viehwaggons benutzte. Der elfjährigen Maria gelingt die Flucht aus einem dieser Waggons, und es grenzt fast an ein Wunder, dass sie – ähnlich übrigens wie in dem deutschen Holocaust-Drama Lauf, Junge lauf – überlebt und mit Hilfe einiger Erwachsener zurück in ihre Heimat findet.

Unmittelbar aus der harten sozialen Wirklichkeit, mit der sich Jugendliche bis heute in vielfältiger Form konfrontiert sehen, erzählt Baby Ballon von Stefan Liberski, ein Film über eine adipöse Sängerin einer Band. Auch Blindes Vertrauen (If I Had Wings) von Allan Harmon – ein Film über einen 16-Jährigen Blinden, der nur mit Hilfe eines straffällig gewordenen, zur Gewalt neigenden Mitschülers seinen Traum realisieren kann, an dem Crosscountry-Lauf seiner Schule teilzunehmen – oder Mädchenbande (Bande de Filles), der dritte Film von Céline Sciamma, die mit Tomboy international bekannt wurde und nun einen fast schon ethnografischen dokumentarischen Film über eine schwarze Mädchengang in den Vororten von Paris drehte, setzen sich mit der sozialen Realität auseinander.

Ilmar Raag, der in Deutschland durch seinen Mobbing-Schocker Die Klasse (2007) bekannt wurde (beziehungsweise unbekannt blieb, weil hierzulande nur wenige es wagten, diesen wichtigen Film im Kino einzusetzen), beeindruckte auch mit Ich komme nicht zurück (Ja nje wernus), seinem neuen Film, der von einer im Waisenhaus aufgewachsenen jungen wissenschaftlichen Mitarbeiterin erzählt, die durch einen dummen Zufall in den Verdacht des Drogenschmuggels gerät. Auf ihrer Flucht vor der Polizei begegnet sie einem 13-jährigen Mädchen, das aus dem Waisenhaus geflohen ist, um zu ihrer einzigen noch lebenden Verwandten, der Großmutter, nach Kasachstan zurückzukehren. Als Warnung für empfindsame Gemüter und zugleich als cineastische Empfehlung: Bei diesem Plot ist das Ende des Films auch nicht annäherungsweise zu erahnen.

Die Jugendjury vergab dann ihren Preis an das äußerst sensibel inszenierte, ansonsten aber nicht weniger knallharte südkoreanische Drama Han Gong-ju von Lee Su-jin, weil es aus ihrer Sicht das Tabuthema der Gruppenvergewaltigung Minderjähriger "in einer fesselnden Komplexität aus Sicht des Opfers" aufgreift. Die 17-jährige Schülerin Han Gong-ju sucht ihr Trauma in einer neuen Umgebung, in einer anderen Stadt und an einer neuen Schule zu verarbeiten, wird aber von ihrer Vergangenheit eingeholt und obendrein von rachsüchtigen Eltern verfolgt, deren Söhne wegen der Vergewaltigung vor Gericht gestellt wurden.

Entdeckungen im Panorama

Nicht alle Filme des Programms waren "wettbewerbstauglich", darunter Kleiner Bruder (Bauyr) von Serik Aprymov aus Kasachstan, der schon auf dem goEast-Festival in Wiesbaden ausgezeichnet wurde und den Alltag eines kleinen Jungen zeigt, der sich ganz alleine durchs Leben schlagen muss und von allen verraten oder ausgenutzt wird, sogar von seinem eigenen Bruder. Mit bewundernswerter Zuversicht bewahrt er dennoch seine Integrität und seine Hoffnung und entlarvt damit alle Klischees als Lüge, die allein das soziale Milieu für menschliche Verfehlungen verantwortlich machen.

Das Leben ist schön (Foto: Schlingel Festival)

Nicht unerwähnt bleiben darf schließlich der polnische Film Das Leben ist schön (Life Feels Good) des in Lettland geborenen Regisseurs Janis Nords, der nach einer wahren Begebenheit entstand. Seit seiner Geburt leidet Mateus an einer zerebralen Bewegungsstörung, kann nicht sprechen und wird von seiner Umgebung als "vegetable" erachtet, als Mensch, der nur vor sich hinvegetiert und über keinerlei intellektuelle Fähigkeiten verfügt. Erst als junger Mann wird eine Therapeutin zufällig auf ihn aufmerksam und ermöglicht ihm, sich mit Hilfe eines standardisierten Zeichensystems anderen mitzuteilen. Ein ergreifender, trotz aller gezeigten Rückschläge optimistisch bleibender Film, der seinen Weg zumindest auf deutschen Festivals machen wird und auch Stephen Hawkins sicher gut gefallen würde.

 

Weitere Informationen über den Schlingel 2014 finden Sie auf der Homepage des Festivals:

www.f-schlingel.de

 

Die Hauptpreise im Überblick:

(Eine Übersicht zu allen Auszeichnungen und Jurybegründungen finden Sie hier)

Europäischer Kinderfilmpreis der sächsischen Kunstministerin: Ricky Rapper und der schlaue Leonard (Timo Koivusalo, 2014)

Juniorfilmpreis: Benimm Dich! (Ernesto Daranas Serrano, 2014)

Jugendfilmpreis: Han Gong-ju (Lee Su-jin, 2013)

Förderpreis der DEFA-Stiftung: und morgen mittag bin ich tot (Frederik Steiner, 2013)

Jugend- und Kinderfilmpreis des Goethe-Instituts: Rico, Oskar und die Tieferschatten (Neele Leana Vollmar, 2014)

 

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