von Holger Twele

Das Kinderfilmfest Berlin, das 2004 um einen zweiten Wettbewerb für jugendliche Filmfans erweitert und 2007 in "Generation" umbenannt wurde, feierte dieses Jahr seinen 40. Geburtstag. Dem künstlerischen Anspruch wie auch innovativen Entwicklungen gleichermaßen verpflichtet, gehört diese Sektion der Berlinale längst zu den besonders begehrten Programmen. Dieses Jahr überzeugte vor allem die Programmauswahl Kplus, wobei überraschend allein drei deutsche Wettbewerbsbeiträge ins Rennen um den Gläsernen Bären gingen. Thematische Schwerpunkte gab es diesmal vor allem in den Bereichen ungewöhnlicher Familienkonstellationen und Geschichten aus der Schule, wobei Überschneidungen eher die Regel waren. Ergänzend zu einigen Abenteuergeschichten verzauberten einige Filme gerade nicht durch große Ereignisse, sondern durch kleine präzise, mehr oder weniger unspektakuläre Alltagsbeobachtungen. Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über die wichtigsten Filme des Kplus-Programms.

Thema FAMILIE

Oskars Amerika

In der norwegisch-schwedischen Produktion Oskars Amerika von Torfinn Iversen träumt der Junge Oskar davon, die Ferien mit seiner Mutter auf Pferden in der amerikanischen Prärie verbringen zu können. Stattdessen reist die Mutter, die in Wirklichkeit  eine Entziehungskur macht, angeblich auf Jobsuche alleine dorthin. Oskar muss zu seinem Großvater aufs Land, der mit Kindern nichts am Hut hat. So freundet er sich mit dem Außenseiter Levi an, der geistig etwas zurückgeblieben scheint und von den anderen Dorfbewohnern ignoriert wird. Nachdem die Mutter nicht zurückkommt, wollen beide mit dem Boot von Levis Urgroßvater über den Atlantik rudern. Es sind dunkle Familiengeheimnisse, die das Leben der beiden Protagonisten überschatten und denen sie in ihren Träumen entfliehen möchten. Von der Anlage her vielversprechend, verspielt der Debütfilm aber einen Teil seiner Glaubwürdigkeit durch etliche dramaturgische Schnitzer, etwa wenn der Großvater seinen Enkel in den ersten Tagen kaum aus den Augen lässt und dann nicht einmal mitbekommt, dass Levi und Oskar tagelang zusammenhängen.

As duas Irenes

Auch As duas Irenes (Zweimal Irene) von Fabio Meira ist ein Debütfilm. Er gehört zu den Filmen, die man gerne gesehen hat, die aber für Kinder nur bedingt geeignet sind. Als die13-jährige Irene zufällig sieht, dass in der brasilianischen Stadt noch ein anderes Mädchen mit dem gleichen Namen lebt, drängt sie sich in das Leben der anderen Irene und wird alsbald zu ihrer besten Freundin. Der Vater führt offenbar ein Doppelleben und hat zeitgleich zwei Familien gegründet. Weniger die Auseinandersetzung mit dem Vater als mit der eigenen Identität und tastenden Schritten in die Welt der Erwachsenen stehen in diesem stillen Film im Zentrum, der Irene beim Beobachten und Vergleichen zwischen den beiden Müttern und den so unterschiedlich geratenen Töchtern zeigt. Nebenbei wird hier der Kinobesuch tatsächlich noch zum Ort der ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, was amüsant anzusehen ist und dem Film eine retrohafte Stimmung verleiht.

Estiu 1993

Es ist eine kleine Geschichte nur, aber mit einer erst sechsjährigen Hauptdarstellerin von beeindruckender Intensität: Der spanische Film Estiu 1993 (Sommer 1993) von Carla Simón zeigt, wie die kleine Frida nach dem Tod ihrer Mutter nicht nur mit dem Verlust zurechtkommen muss, sondern auch hofft, in der Familie ihrer Tante akzeptiert und angenommen zu werden. Das ist schwerer als gedacht, denn Frida hat eine Allergie, noch ist nicht klar, ob sie wie die Mutter das Aids-Virus in sich trägt und ihre jüngere Cousine Anna ist zugleich Spielkameradin, aber auch starke Konkurrenz in der Gunst der Tante. Dem Film gelingt es, diese täglichen Minitragödien in intimen Bildern und Großaufnahmen, in Alltagshandlungen vom Baden, Waschen und Spielen zu inszenieren, mal sommerlich unbeschwert, dann wieder dunkel bedrohlich. Auf der Berlinale erhielt die Regisseurin dafür den Preis für das beste Debütwerk, zudem zeichnete die Internationale Jury der Sektion Generation Kplus den Film mit ihrem großen Preis aus (zusammen mit dem koreanischen Film Werden wer ich war, s.u.)

Piata lod

Die Kinderjury vergab ihren Gläsernen Bären für den Besten Film an den slowakisch-tschechischen Film Piata lod (Das fünfte Schiff) von Iveta Grófová, der Traum und Realität auf wundersame Weise miteinander verschmelzen lässt. Die zehnjährige Jarka träumt von einer heilen Familie, doch die Mutter geht lieber ihre eigenen Wege. Der Nachbarsjunge Kristian dagegen fühlt sich von seinen reichen Eltern ständig überbehütet. Als Jarkas Mutter verschwindet und Jarka am Bahnhof ein zurückgelassenes Zwillingspaar im Kinderwagen sieht, fasst sie spontan einen Entschluss. Zusammen mit Kristian will sie im verwunschenen Garten der Großmutter hoch über Stadt verantwortungsbewusst für die beiden Babys sorgen und ihnen das geben, was sie nie erfahren durfte, echte Zuneigung. Im weiteren Verlauf nimmt der Film immer märchenhaftere Züge an, belässt den Kindern also zumindest im Traum eine Chance auf ihr Glück. Ein ganz ähnliches Thema griff übrigens 1994 der polnische Film Wrony (Krähen) von Dorota Kędzierzawska auf, der bis heute zu den Klassikern von Generation zählt.

Thema SCHULE

Die Häschenschule – Jagd nach dem goldenen Ei

Der auf ein junges Publikum abzielende Animationsfilm Die Häschenschule – Jagd nach dem goldenen Ei von Ute von Münchow-Pohl bedient sich einer bekannten Marke, des bis heute immer wieder aufgelegten Bestsellers von Albert Sixtus von 1924. Als Kinofilm wäre die idyllische Welt dieser Häschenschule, in der Osterhasen auf ihre Aufgabe vorbereitet werden, wohl zu trivial und idyllisch, zumal sich auch das Schulsystem seitdem stark geändert hat. Daher wagt sich der Film an eine Neuinterpretation anhand des coolen Hasenjungen Max aus der Großstadt. Er landet durch ein Missgeschick in der Häschenschule, findet dort nicht ganz freiwillig zu sich selbst und wird zum Helden. Obwohl der Film an einigen Stellen konservativ wirkt, wendet er sich zugleich vehement gegen jede Form von Schubladendenken und Vorurteilen auf beiden Seiten.

 

Uilenbal

Nicht immer ist die Natur so nett, wie man sie gerne hätte. Diese Erfahrung macht auch der Junge Meral, der gerade in die Stadt gezogen ist. In der neuen Wohnung freundet er sich mit einem Mäuserich an und nimmt ihn kurz entschlossen mit ins Landschulheim. Dort allerdings wird der Mäuserich von einer Eule gefressen. Nach dem ersten Schock versuchen die Kinder herauszufinden, was mit dem Mäuserich geschehen ist. Kurzweiligen Naturkundeunterricht mit musikalischen Gesangseinlagen liefert Simone van Dusseldorp mit ihrem Film Uilenbal (Der Fall Mäuserich), wobei das Thema Freundschaft und Zusammenhalt unter den Kindern zwar eigentlich im Mittelpunkt steht, aber durch den ungewöhnlichen "natürlichen" Zugang eine eher unterhaltsame Note erhält.

Tesoros

An der mexikanischen Pazifikküste scheint die Schule fast so wie Ferien zu sein. Die Schule ist direkt am Strand, man kann schwimmen und baden oder den Schildkrötenbabys zusehen, wie sie schlüpfen und zum nassen Elixier hin streben. Maria Novaro begleitet einige dieser Kinder in Tesoros bei ihren kleinen und großen Erlebnissen. Der siebenjährige Dylan, der mit seiner Familie gerade erst hergezogen ist, glaubt fest daran, auf einer vorgelagerten Insel einen Schatz des britischen Piraten Francis Drake zu finden, und begeistert mit seiner Idee bald die ganze Klasse. Seine ältere Schwester fühlt sich in der fremden Umgebung zunächst gar nicht wohl, doch ganz selbstverständlich wird sie von den anderen integriert, und als sie das Tauchen lernt, kann sie zur Schatzsuche sogar noch etwas beitragen. Die Langsamkeit der Geschichte korrespondiert mi der schönen Umgebung und dem anderen Zeitempfinden, das noch nicht von Hektik geprägt ist und dennoch immer neue Überraschungen parat hält.

Shi Tou

Deutlich mehr mit sich und ihrer Umgebung zu kämpfen haben die jungen Protagonisten in den beiden folgenden Filmen aus Asien. 

Shi Tou (Steinkopf) von Zao Xiang greift die Situation von Kindern in China auf, deren Eltern als Wanderarbeiter in die Großstädte gezogen sind und oft nur selten nach Hause kommen. So ergeht es auch dem zehnjährigen Zhu, der von den anderen Kindern "Steinkopf" genannt wird. Als Musterschüler erhält er einen neuen Fußball, den er jedoch für sich selbst behalten und später vor seinem Vater damit prahlen will. Als sein bester Freund und die anderen Kameraden davon Wind bekommen, muss sich Zhu entscheiden, was ihm wichtiger ist, der persönliche Egoismus oder Freundschaft und Solidarität. Eine zutiefst moralische Geschichte, die nur deshalb etwas an Stringenz verliert, weil die Lehrer, die den Kindern eigentlich Vorbild sein sollen, alle reichlich autoritär sind und selbst falsch reagieren, zumindest aus westlicher Perspektive.

Becoming who I was

Auf eine eher unbeschwerte Kindheit kann Angdu in Becoming who I was zurückblicken. Da er in seinem früheren Leben ein buddhistischer Meister war, wird er nun als Heiliger verehrt und vom Dorfdoktor liebevoll erzogen. Doch das Zentrum seines Glaubens liegt im nordindischen Hochgebirge und der Konflikt zwischen Tibet und China erschwert die Kontaktaufnahme. Als keines der tibetischen Klöster ihn als Nachkomme akzeptiert, muss Angdu das heimische Kloster verlassen. Zusammen mit dem alten Dorfdoktor macht sich der Junge nun auf den beschwerlichen Weg ins Hochgebirge, um dort vielleicht doch noch herauszufinden, wer er wirklich ist. Acht Jahre lang haben Chang-Yoong Moon und Jin Jeon aus der Republik Korea das Schicksal des Jungen mit der Kamera verfolgt, wobei ihnen Bilder der farbenprächtigen Unbekümmertheit genauso gelungen sind wie die Tristesse tiefverschneiter Gebirgslandschaften, bei denen der Nebel die Sicht von den Augen nimmt. Die Internationale Jury der Generation Kplus hat auch diesen dokumentarischen Film mit dem Großen Preis ausgezeichnet.

THEMA Abenteuer

Auf Abenteuerreise begeben sich vier weitere Filme, auch wenn die Protagonisten das selbst vermutlich nicht einmal so bezeichnen würden.

Upp i det blå

Upp i det blå (Schraube locker) von Petter Lennstrand beginnt damit, dass die kleine Pottan ihre Ferien auf einem Ponyhof verbringen soll. Doch die vielbeschäftigten Eltern setzen sie irrtümlich vor einem Recyclinghof ab und weg sie. Was leicht ein Sozialdrama werden könnte, entwickelt sich schnell zu einer abgedrehten Fantasiegeschichte, in der Raum und Zeit außer Kraft gesetzt sind, es nur so von lebenden Puppen und abgedrehten Erwachsenen wimmelt und am Ende eine Weltraummission startet, die dann auch noch ihrer eigenen Rettung bedarf.

Wallay

Ganz anders hatte sich auch der 13-jährige Ady aus Frankreich seine Ferien vorgestellt, die er nach dem Willen seines Vaters in Westafrika bei seinen engsten Verwandten verbringen soll. Doch der Empfang ist äußerst kühl, zumal Ady für seinen persönlichen Bedarf regelmäßig Geld unterschlagen hatte, das der Vater seiner Familie nach Burkino Faso überwies. Nun soll er nicht nur seine Großmutter und die anderen Familienmitglieder kennenlernen, sondern auch seine Schuld eingestehen und Sühne tun. Fast dokumentarisch nähert sich Berni Goldblat in seinem Spielfilmdebüt Wallay einer scheinbar fremden Kultur, die auf den zweiten Blick freilich ganz anders ist, als der in der Großstadt aufgewachsene Ady und mit ihm das Publikum zunächst dachten. Damit das Verständnis nicht allzu schnell entsteht und oberflächlich bleibt, soll Ady neben der Initiation auch seine Beschneidung in dem muslimisch geprägten Land nachholen, was ihm verständlicherweise nicht sehr behagt. Der Regisseur lebt selbst in Burkina Faso und hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein interaktives Filmverständnis zu fördern, was ihm mit diesem Werk zweifelsfrei gelungen ist.

Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper

Einen Afrika-Bezug weist schließlich auch der Animationsfilm Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper von Toby Genkel und Reza Memari auf, der in einer Koproduktion mit vier Ländern entstanden ist. Am Anfang stand die Idee, warum ein Spatz im Herbst nicht wie die Störche nach Afrika zieht. Der an der Akademie für Kindermedien bereits 2010 entwickelte originäre Animationsfilmstoff wurde mit viel Liebe zum Detail, überbordender Fantasie und reichlich Humor umgesetzt, bleibt unterhaltsam und spannend. Auch harte Szenen bleiben nicht erspart, etwa wenn die Eltern des Spatzen Richard gleich zu Beginn gefressen werden und eine Storchenfamilie, die sich seiner annimmt, ihn im Herbst allein zurücklässt. Doch Richard fühlt sich längst wie ein Storch und mit Hilfe einiger neuer Freunde, einer verschrobenen Eule und einem selbstgefälligen Wellensittich wagt er tatsächlich den Weg nach Afrika.

Amelie rennt

Die deutsch-italienische Produktion Amelie rennt von Tobias Wiemann ist ebenfalls ein originärer Filmstoff, den Natja Brunckhorst entwickelt hatte. Das Thema an sich lockt das Publikum sicher nicht gleich scharenweise ins Kino. Die 13-jährige Hauptfigur aus Berlin ist an Asthma erkrankt – und mitten in ihrer Pubertät möchte sie davon am liebsten nichts wissen. Eine Spezialklinik in Südtirol soll ihr helfen, doch sie verweigert sich total und rennt weg. Mitten in den Bergen begegnet sie dem zwei Jahre älteren Bauernsohn Bart, der sich ihrer annimmt, sie auf die Idee bringt, einen Berggipfel zu erklimmen und oben über ein Bergfeuer zu springen, das der Tradition nach Heilung versprechen soll. Doch die Umsetzung dieses schwierigen Themas hat es in sich. Neben den beiden Hauptdarstellern, die den Film tragen und sehr authentisch machen, und ernstzunehmenden Erwachsenenfiguren lebt die Geschichte durch imposante Aufnahmen der Natur und der Berge jenseits klassischer Postkartenidyllik. Ein Film mit gutem Kinopotenzial, dem die Kinderfilmjury eine Lobende Erwähnung aussprach.

 
Eine Übersicht über die Auszeichnungen auf der Berlinale finden Sie hier.

[Erstveröffentlichung: 28.02.2017]

Bester Langfilm
(Internationale Jury Generation Kplus):
Werden wer ich war (Chang Yong Moon und Jin Jeon, 2017)
Estiu 1993 (Carla Simón, 2017)
Bester Kurzfilm
(Internationale Jury Generation Kplus):
Aaba (Amar Kaustik, 2016)
Bester Film
(Kinderjury Generation Kplus):
Piata Iod (Iveta Grófová, 2017)
Bester Kurzfilm
(Kinderjury Generation Kplus):
Promise (Xie Tian, 2016)
Bester Langfilm
(Internationale Jury Generation 14plus):
Shkola nomer 3 (Yelizaveta Smith und Georg Genoux, 2016)
Bester Kurzfilm
(Internationale Jury Generation 14plus):
The jungle knows you better than you do (Juanita Onzaga, 2016)
Bester Film
(Jugendjury Generation 14plus):
Butterfly kisses (Rafael Kapelinski, 2017)
Bester Kurzfilm
(Jugendjury Generation 14plus):
Wolfe (Claire Randall, 2016)

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