von Horst Schäfer

Kapitel 2:

1918-1933: Kinder- und Jugendkino in der Weimarer Republik

2.1 Kinder und Jugendliche in den Kinos der Weimarer Republik

2.2 Schul- und Unterrichtsfilme

2.3 Lichtspielhäuser: Vom Hort der geplagten Menschen zu den Kathedralen des Films

2.4 Vom Stummfilm zum Tonfilm

2.5 Kinder und Jugendliche als Kinobesucher

2.6 Kinder vor der Kamera

Hollywoods Kinderstars
Filmkinder in Deutschland
Der Weg zum Film und enttäuschte Hoffnungen
Filmkinder aus Deutschland: Ein Überblick

2.7 Kinder- und Jugendfilme der Weimarer Republik

Zu Beginn der 1920er Jahre bemerkten die Produzenten Hollywoods, dass Filme, in denen kleine ätherische oder gewitzte Kinder auftraten, eine fast unbegrenzte Attraktivität für das Publikum besaßen. Für ihre Wirkung und Ausstrahlung bedurfte es keiner Worte. Kinder wurden als wesentliches Element in das Starsystem integriert. Sie mussten sich wie die erwachsenen Stars allen Vor- und Nachteilen des Systems unterwerfen.

In seiner 1935 erschienenen Filmchronik Vom Werden deutscher Filmkunst schreibt Oskar Kalbus über Kinder als Darsteller – "Seine Majestät – das Kind" (Kalbus 1935, S. 130) u. a.:

"Kinder im Film sind das Entzücken jedes Kinobesuchers, vor allem der Damenwelt. In Amerika, das für alles Kinowirksame die feinste Nase hat, gibt es ganze Lustspielserien, in denen nur Kinder auftreten. Sie bilden eine regelrechte Truppe. Und Jackie Coogan hat bewiesen, dass man auch auf ein Kind als Hauptdarsteller große Spielfilme aufbauen kann.

Ich finde, dass der seltsame Reiz, den ein Kind im Film auf uns ausübt, besonders darin zu suchen ist, dass ein Kind nicht spielt, sondern lebt. Wir kennen wohl die Psychologie des Kindes aus Büchern und haben seine Sprache belauschen gelernt, keiner aber von uns kennt die Physiognomie des Kindes, seine Mienen und Gebärden, die uns geheimnisvoll sind und uns gewissermaßen als Naturerscheinung immer wieder entzücken." (Kalbus 1935, S. 130)

Hollywoods Kinderstars

Da der Kinderfilm in den 20er Jahren weder ein Genre noch ein Zielgruppen-Film war, gab es auch noch keine deutschen Kinderstars, mit deren Namen Filme beworben wurden. Anders war es mit zugkräftigen Namen aus Hollywood. Bedingt durch die politischen und wirtschaftlichen Umstände nach dem Ersten Weltkrieg kamen US-amerikanische Filme allerdings erst ab Anfang der 20er Jahre nach Deutschland.  Zu den ersten Kinderstars zählen  neben dem legendären "Biograph Girl" Mary Pickford auch Jackie Coogan und Baby-Peggy Margaret. 

Diana Serra Cary, besser bekannt als "Baby Peggy", wurde 1918 in Kalifornien als Tochter eines Western-Stuntmans geboren. Von ihrem dritten Lebensjahr an stand sie regelmäßig vor der Kamera. Sie wirkte in über 50 Stummfilmen mit und war das Vorbild für den berühmtesten aller Kinderstars: Shirley Temple, die erstmals 1932 kleinere Filmrollen spielte. International wurde neben Baby Peggy auch der Name Jackie Coogan erfolgreich vermarktet, der es als Partner in Charlie Chaplins The Kid (1920) zu Weltruhm gebracht hat. Chaplin entdeckte ihn in einem Varietétheater in Los Angeles, wo Jackies Eltern mit ihm auftraten. Er war damals sechs Jahre alt. Durch den Film wurde Coogan über Nacht weltberühmt. Chaplin wollte mit ihm weitere Filme machen, aber eine andere Firma machte den Eltern des Kindes ein großzügigeres Angebot. Danach wurde seine Rolle des kleinen Tramp in zahlreichen Filmen wie beispielsweise Oliver Twist (1924) ausgebeutet.

Gegen diese Vermarktung richtete der ungarische Schriftsteller, Filmkritiker und -theoretiker Béla Balázs seine polemische Kritik "Kinder und Tiere" in der Wiener Zeitung Der Tag am 2. März 1923:

"Die Weltkonkurrenz in Kinderstars hat angefangen und Gott weiß nur, wo das enden wird. Der kleine Jacky Coogan und die noch kleinere Baby Peggy 'laufen' – obzwar sie kaum erst das Gehen erlernt haben – in allen Kinos [...] Kinder auf dem Film zu sehen, hatte immer einen besonderen Reiz. Dieser bestand darin, dass die Kinder keine Komödie spielten. Sie zeigten ahnungslos-naive, echte Natur, die von keinem Publikum und keinem Apparat weiß. Es war der besondere Reiz der unbewusst beobachteten, spontanen Natur, derselbe, den die guten Tierfilme haben. Wenn aber Kinder und dressierte Tiere zu 'spielen' anfangen, bekommt es immer etwas Peinliches. Vor allem schon darum, weil in diesem Fall ja schon der Regisseur spielt. Kind und Tier werden zu Marionetten in der lenkenden Hand des erwachsenen Menschen, und die süße Unmittelbarkeit geht verloren." (Balázs 1982, S.173)

Mit dieser Kritik wollte Bálazs keineswegs die Leistung von Jackie Coogan herabsetzten. Ganz im Gegenteil, denn am 27. April 1923 schrieb er in Der Tag in der Rezension von The Kid über dessen Rolle, die er ganz in der Tradition der Kinderpoesie von Mark Twain sieht: "Der kleine Jacky Coogan nun ist der leibgewordene Hucklebery Finn. Der kleine Junge, der sich selbständig gemacht hat. Oder vielmehr das arme Proletarierkind, das vom Leben aus jedweder Obhut ausgestoßen, zu einer rührend-heroischen, tragikomischen Autonomie gezwungen wird. Er begründet seine eigene unabhängige Kinderwelt außerhalb der Erwachsenen, die ihn ausgestoßen haben. Das ist nicht mehr die rührselige Kinderpoesie der feinen Kinderstuben. Die ausgestoßenen, armen Waisenkinder haben in Jacky Coogan sozusagen ihr Klassenbewusstsein bekommen und dadurch ihre eigene, oft bitter-naive Poesie." (Balázs 1982, S. 178)

Jackie Coogan Rolle als kleiner Tramp wurde in zahlreichen Filmen ausgebeutet, bevor er sich von diesem Image befreien konnte. Über "Jackie Coogans Nachfolger" schrieb der Kölner Lokal-Anzeiger am 28. September 1928:

"Jackie Coogans Pagenkopf ist der Schere zum Opfer gefallen, der Knabe hat die Kinderschuhe ausgezogen und tritt jetzt in Jünglingsrollen auf, aber die meisten von uns erinnern sich wohl noch seiner Musterleistungen im Film, wo er uns durch seine Geschmeidigkeit und seinen Humor so oft entzückt hat. Jackies Kindheit muß sehr seltsam gewesen sein, denn noch ehe er lesen und schreiben konnte, verdiente er schon 80.000 Mark im Monat. Ein Glücks- und Wunderkind, wie es wohl nur selten vorkommt. Zum Glück hatte er einen vernünftigen Vater, der dafür sorgte, dass diese ungeheuren Summen nicht vertan wurden, sondern der für seinen Jungen ein fürstliches Vermögen ersparte, so dass Jackie Coogan sich um seine Zukunft keine Sorgen zu machen braucht. [...]

Jackies Platz im Film ist von einem Knaben namens Big Boy eingenommen, den wir wohl auch schon in amerikanischen Filmen gesehen haben. Big Boy ist jetzt fast drei Jahre alt, und die erste Filmaufnahme von ihm wurde gemacht, als er knapp drei Wochen alt war; so jung schon kann man beim Film 'zu etwas kommen'. Jetzt ist er der Führer der bekannten Film-Kindertruppe Our Gang, deren meisten Mitglieder drei- oder viermal so alt sind wie er selber. Big Boy mit seinem großen Derbyhut ist in Amerika äußerst populär. [...]

Bei uns in Deutschland kommen derartige Karrieren seltener vor, und wir brauchen nicht darum zu trauern, denn wenn das Kind auch die Möglichkeit erlangt, sehr große Summen zu verdienen, so wird es in den meisten Fällen doch gewaltsam dem glücklich unbewussten Zustand entrissen, den wir das Kinderparadies nennen und in dem jedes junge Menschenkind so lange wie irgend möglich verbleiben sollte. Auch die Laufbahn des berühmten Filmkindes hat ihre zwei Seiten."

Mit der Annahme, dass Coogan sich um seine finanzielle Zukunft keine Sorgen machen musste, irrte sich der Autor. Das Geld wurde zwar in einem Fonds angelegt; Coogan sollte es bei Erreichen der Volljährigkeit erhalten. Kurz bevor er volljährig wurde, verstarb sein Vater bei einem Autounfall. 1937 kam es zu einem aufsehenerregenden Prozess, den Jackie Coogan gegen seine Mutter und seinen Stiefvater führte und in dem er seine Einkünfte als Kinderstar einklagte. Von dem Geld war nicht mehr viel übrig geblieben und der Prozess endete mit einem Vergleich. Das Verfahren führte den Gesetzgeber dazu, die Einkünfte von Kinderstars unter Schutz zu stellen und sie einem Treuhandkonto anzuvertrauen.

Filmkinder in Deutschland

Mit der Etablierung der Kinos, der Ausweitung des Programms mit langen Spielfilmen und der Ausformung einzelner Genres befassten sich Journalisten und Kritiker zunehmend auch mit den in ihnen vorkommenden Charakteren. Kinder erhalten hierbei erstaunlich viel Aufmerksamkeit, gerade im Vergleich zu ihrer marginalen Rolle in der Nachbarskunst des Sprechtheaters.

Oskar Kalbus analysierte in seinem historischen Sachbuch Vom Werden deutscher Filmkunst, warum Kinder als Darsteller auf der Sprechbühne nie recht zur Geltung gekommen sind und nennt mit Gerhard Ritterband beispielhaft einen der ersten Kinderstars des Kinos der Weimarer Republik:

"Das Stimmchen ist zu dünn, zu zart, zerflattert zu leicht im großen Zuschauerraum. Daneben gehen die mimischen Feinheiten bei der weiten Entfernung des Beschauers von der Bühne gänzlich verloren, und es bleibt nur die Pose übrig. Anders im Film. Ein Kind auf der Leinwand nimmt darstellerisch immer die Herzen des Kinopublikums gefangen. Hier kann der kleine Künstler seine Mimik und Gesten zeigen zur Freunde aller, wenn es im Spiel kindlich und natürlich bleibt und außerdem der richtige Kinderregisseur am Werke war. Der Regisseur, der mit Kindern arbeitet, muss sich unbedingt in die Seele und das Wesen eines Kindes einfühlen können.

Als im Dezember 1919 der Lubitsch-Film Die Puppe in Berlin seine Premiere erlebte, holte sich in einer Nebenrolle ein lebensechter Lausbubenlehrling, halb Wilhelm Busch, halb Hans Thoma, wiederholten Soloapplaus: Gerhard Ritterband.

Richard Oswald hat wohl zum ersten  Mal in Deutschland ein Kind in den Mittelpunkt des Films gestellt, als er sich Dickens' Oliver Twist als Sujet für seinen Film Die Geheimnisse von London (1920) auswählte: die Tragödie eines Kindes! Es ist ein Film über ein Kind, aber kein Film für Kinder." (Kalbus 1935, S. 131) [1]

Der Weg zum Film und enttäuschte Hoffnungen

Eine Karriere wie die von Jackie Coogan war für viele ehrgeizige Mütter das Motiv, ihre Kinder beim Film unterzubringen. Je mehr Spielfilme produziert wurden, desto größer war das Angebot von Rollen und die Suche nach geeigneten Darstellern. "Tausende fühlen sich berufen und nur einer ist auserwählt" war die Überschrift eines Artikels im Kölner Lokal-Anzeiger vom 19. September 1928, in dem es um die Dreharbeiten des Trivialfilms Mary Lou von Friedrich Zelnik ging:

"Aber gerade bei Kindern ist es noch viel schwieriger, einen geeigneten Nachwuchs als für den erwachsenen Darsteller zu finden. Auch hier führt meistens der Zufall zu der Entdeckung des wirklichen Talents. So hatte auch Friedrich Zelnik bereits eine ganz Revue von kleinen Jungen an sich vorüberziehen lassen, ohne das Richtige zu finden. Da traf er einen Tages auf einer Gesellschaft einen kleinen schwarzen vierjährigen Bengel, dessen muntere und lustige Art alle amüsierte. Zelnik war mit den Eltern bald einig, hatte den Jungen ein paar Tage später im Atelier, wo es sich zeigte, dass der kleine Kerl sich ausgezeichnet photographieren ließ, und was – wenn man von einem Kinde so sagen darf – sein Spielen anbelangt, eine 'entschiedene Filmbegabung' war. Auch sein Künstlername war schnell gefunden und schon hielt der kleine vierjährige Bobby Burns stolz seinen ersten Anstellungsvertrag in den Händen. Der Ehrgeiz des Kleinen übertraf an den folgenden Tagen alle Erwartungen."

Der Traum vom Ruhm als Kinderstar im Kino ging nur für wenige in Erfüllung; die meisten Fimkarrieren endeten mit einer Enttäuschung. Das angestrebte Ziel zu erreichen glich oft einer Lotterie; auch wenn es nur wenige Gewinner gab, versuchten viele ihr Glück. Dass es dabei nicht immer mit rechten Dingen zuging und Betrüger bisweilen die Sehnsucht von Eltern und Kindern nach Berühmtheit für ihre Zwecke ausnutzten, beweist in diesem Zusammenhang eine Episode, die sich im März 1932 in Köln ereignete. Der Kölner Lokal-Anzeiger berichtete darüber am 30.März 1932:

"Anfang dieses Monats sollte in Köln ein ’Kinderfilmfest’ stattfinden. Veranstalter waren ein Herr Broda, der 'Filmmagnat', und eine Frau Direktorin Emmi Kelling. Die Organisation des Festes ließ eigentlich nichts zu wünschen übrig. Bei einer Druckerei wurden 10 000 Einladungen bestellt, zehn vom Arbeitsamt eigens angeforderte Erwerbslose verteilten die Zettel an den verschiedenen Schulen, eine Zeitung sorgte durch die Aufnahme eines Inserates  für weitere Bekanntmachung; ein entsprechender Vorverkauf von Karten setzte ein. Die Eintrittskarten waren sogar ziemlich teuer und kosteten bis zu 1,50 Mark. Dafür sollte es natürlich auch etwas noch nie Dagewesenes geboten werden. Wie das Programm versprach, trat ein Ballett auf; andere Darbietungen folgten in bunter Mannigfaltigkeit. Der Clou des Tages aber war die  Filmerei. Während der Darbietungen sollte ein Film gedreht werden, der später in einem Kölner Lichtspielhaus laufen sollte.

Welche Mutter könnte da widerstehen? So war es kein Wunder, dass der Saal überfüllt war, als das Fest beginnen sollte, denn von den Veranstaltern war niemand erschienen. Dafür stellten sich aber Vertreter der Druckerei und der Zeitung, die zettelverteilenden Erwerbslosen und noch eine Menge anderer ein, die eine mehr oder weniger lange und hohe Rechnung präsentierten. Auch die Saalmiete war noch nicht bezahlt. Dazu kamen eine Hotelzeche und eine unbezahlte Schreibmaschine.

Wie sich später herausstellte, hatten sich die Betrüger nach Mannheim gewandt, wo sie durch einen Funkspruch entdeckt und festgenommen werden konnten. Während der Mann bisher unbestraft war, hatte die Frau 'Direktorin' bereits in Ulm und Wiesbaden ähnliche Betrügereien verübt. Die in Köln 'erworbene' Schreibmaschine fand sich übrigens im Pfandhaus wieder, wo sie für 40 Mark versetzt worden war."

Filmkinder aus Deutschland: Ein Überblick

Exemplarisch sollen in diesem Abschnitte die Karrieren einiger deutscher Kinderfilmstars der Vorkriegszeit vorgestellt werden.

  • Peter Eysoldt

Jackie Coogans erster Film lief im Jahre 1923 in Deutschland an. Im gleichen Jahr fiel ein Kind in dem deutschen Film Mutter, dein Kind ruft! Das brennende Geheimnis (Rochus Gliese) wegen "seiner unglaublichen Schaupielbegabung" (Kalbus 1935, S. 131) auf: Peter Eysoldt. Eysoldt (auch Peter Berneis) wurde 1910 als Sohn des Kunstmalers Benno Berneis und der Schauspielerin Gertrud Eysoldt geboren. An ihrer Seite trat er 1923 in Mutter, dein Kind ruft! Das brennende Geheimnis erstmals als Kinderdarsteller vor die Kamera. Weitere gemeinsame Filme waren Ich hatt' einen Kameraden (Hans Behrendt, 1924) und Sein Chef (Hans Behrendt, 1925). In den beiden letztgenannten Filmen war Otto Gebühr sein Partner, ebenso in Die Schmuggler von Bernina (Walter Zürn, 1924).

Zur Filmographie von Peter Eysoldt zählt noch der Film Die Puppe vom Lunapark (Jaap Speyer, 1924). Die Jahre des Nationalsozialismus verbrachte er in London und in den USA, wo er u. a. in Hollywood als Drehbuchautor arbeitete. 1953 kehrte er nach Deutschland zurück und schrieben unter dem Namen Peter Berneis Drehbücher für Kinofilme und TV-Serien. Er starb am 4. November 1985 in München.

  • Wolfgang Lohmeyer

Es gibt  nur wenige authentische Aussagen über die meist kurzen Karrieren der Filmkinder, die nicht als Protagonisten, sondern als Nebendarsteller für das Ensemble in Familienfilmen benötigt wurden. Eine Ausnahme ist die Biographie von Wolfgang Lohmeyer Das Filmkind (Lohmeyer 1998). Wolfgang Robert Lohmeyer wurde am 15. November 1919 in Berlin geboren und war seit seinem 10. Lebensjahr als Kinderdarsteller im Film und auf der Bühne tätig. Gleich sein erster Film war ein großes Abenteuer. 1930 hatte er in dem Film Television / Sensation von morgen (Produzent: Samsonoff) eine kleine Rolle. Der Film wurde in Paris in den "Paramount Filmstudios Joinville" in mehreren Sprachfassungen (französisch, deutsch, englisch und italienisch) und in entsprechend unterschiedlichen Besetzungen gedreht. Die amerikanische Produktionsfirma Paramount wollte ihre Filme international vermarkten und jede Version mit einem anderen muttersprachlichen Regisseur drehen. Auch hervorragende Drehbuchautoren oder Theaterschauspieler mit großen Namen wurden verpflichtet. Paramount nutzte Steuervorteile in Frankreich und kaufte im Winter 1929/30 das Gelände Joinville südlich von Paris.

Die Produktion eines solch komplizierten Films erforderte exakte Konzeption, haargenaue Planung und internationale Kommunikation. Lohmeyers anschaulich beschriebene Erinnerungen sind eine wertvoller Quelle über die kurze filmgeschichtliche Ära außergewöhnlicher Produktionsbedingungen.

Auch der darauf folgende, im Zirkusmilieu spielende Film Der Sprung ins Nichts (Leo Mittler, 1931) wurde in Paris in vier Besetzungen gedreht. Die Auslastung des Studios ließ allerdings bereits nach wenigen Jahren nach. Neue Möglichkeiten der Nachsynchronisation machten diese aufwändigen Arbeiten überflüssig. Das Studio wurde 1933 geschlossen. Die in mehreren Versionen gedrehten Filme von Paramount sind weitestgehend verschollen.

Den Filmrollen folgten Angebote an Wolfgang Lohmeyer, auf  Berliner Bühnen in 'Kinderstücken' mitzuspielen – so in Bastelhans und Quasselgrete nach einer Vorlage von Vicki Baum. Seine Auftritte waren so erfolgreich, dass ihn Max Reinhardt engagierte; in dieser Phase seiner Laufbahn begegnete Lohmeyer auch Curt Bois.

Erwähnenswert ist nur noch der Spielfilm Nachtkolonne (James Bauer, 1931/32). Wolfgang Lohmeyer als Partner von Oskar Homolka, der einen Kindesentführer spielt, liefert hier eine seiner besten Leistungen als Kinderdarsteller. Allerdings wurde dieser Film aus der Rubrik "Psychologischer Kriminalfilm" wegen "sehr freier Szenen" für Jugendliche verboten. Eigentlich durfte der damals gerade zwölf Jahre alte Lohmeyer diesen Film nicht sehen. Bei der Premiere im Titania-Palast wurde er in der Ehrenloge versteckt und dort sah er die "rüden Szenen", die er nicht sehen durfte.

Die mit diesem Film verbundene Hoffnung, Lohmeyers Karriere könnte ebenso erfolgreich verlaufen wie die von Jacky Coogan, blieb leider unerfüllt. In der Zeit seiner Kinderrollen kam auch Emil und die Detektive (Gerhard Lamprecht, 1931) auf die Leinwand. Wolfgang Lohmeyer hätte die Rolle des Emil gerne gespielt, war dafür aber noch zu jung.

Später studierte Lohmeyer Philosophie und Germanistik in Berlin und Marburg. In den 1930er Jahren spielte er nur noch in Nebenrollen mit. Nach seiner Wehrmachtszeit und Kriegsgefangenschaft arbeitete er als Journalist, Drehbuchautor, Lektor und Redakteur in der Medienszene. Wolfgang Lohmeyer starb am 8. Januar 2011 in Traunstein.

  • Hanna Maron

Die 1923 als Hanna Meierzak (auch: Hannele Meierzak) geborene Schauspielerin Hanna Maron stand bereits im Alter von vier Jahren auf den Brettern des Deutschen Theaters und der Volksbühne). So war sie auch das Pünktchen in Erich Kästners Pünktchen und Anton. Sie spielte als Kind auch in späten Stumm- und frühen Tonfilmen mit. Zu ihrer Filmografie zählen Ehe in Not (Richard Oswald, 1929), Meineid (Georg Jacoby, 1929), Gigolo (1930), Nachtkolonie (Emerich Hanus, 1931), Das schöne Abenteuer (Reinhold Schünzel, 1932) und Heut' kommt’s drauf an (Kurt Gerron, 1933). Filmgeschichtlich besonders erwähnenswert ist ihr Mitwirken in dem Filmklassiker M (1931) von Fritz Lang.

1933 entschied ihr Vater, mit der Familie nach Palästina zu gehen. Nach einigen Umwegen und Unterbrechungen  setzte Hanna Maron in Tel Aviv ihre Karriere als Schauspielerin fort. Während des Zweiten Weltkrieges war sie Soldatin in der jüdischen Brigade der britischen Armee; später engagierte sie sich in israelischen Friedensorganisationen. Bei einem Terroranschlag im Februar 1970 auf einen EL-AL-Flug in der Transithalle des Münchner Flughafens wurde sie schwer verletzt. Dennoch stand sie bis zu ihrem Tod am 30. Mai 2014 immer wieder auf der Bühne oder vor der Kamera.

Hanna Maron, die sich später Channa Maron-Rechter nannte, galt als Grand Dame des israelischen Theaters. In einem Interview mit der Journalistin Susanne Knaul 2005 in Tel Aviv erinnerte sie sich an ihre Zeit als Kinderstar in Deutschland, an das Theaterleben, an den Regisseur Gottfried Reinhardt und den Schauspieler Emil Jannings: "Er hasste Kinder, vor allem die, die auf der Bühne standen." (Knaul 2005)

Einige Wochen vor ihrem Tod konnte Malte Herwig, Autor des SZ Magazin, Hanna Maron in ihrer Wohnung in Tel Aviv interviewen. Angesprochen auf ihre Filme an der Seite von Hans Albers, Emil Jannings und Peter Lorre und auf die Frage, ob sie sich daran erinnert, was sie sich von ihrer ersten Gage als Kinderstar gekauft habe, antwortete sie: "Nee, meine Mutter hat den Lohn einbehalten. Ich weiß gar nicht, wie viel ich damals verdient habe, aber in Schokolade wurde ich jedenfalls nicht bezahlt. Pünktchen und Anton war ja ein Riesenerfolg, und die Filme auch." (Herwig 2014)

Fußnoten

[1] Eine Kurzgeschichte über das Leben eines (fiktionalen) Kinderstars in der Filmindustrie schrieb der österreichische Erzähler Theodor Heinrich Mayer in "Hänschen", einer seiner 1921 publizierten Filmnovellen. Die Kurzgeschichte schildert das fiktive Schicksal eines Kinderstars und das seiner ehrgeizigen Mutter. Der Junge wurde in Rollen von acht- bis zehnjährigen Kindern eingesetzt. Die Filme waren so zugkräftig, dass sie eine Folge von Nachahmungen zur Folge hatten, die alle vom Erfolg des Originals zehrten und dessen Absatz beeinträchtigten. Die Faszinationen, die das Medium Film und sein Umfeld auf den kleinen Jungen ausübte, beschreibt Mayer wie folgt:

"Fast alle Tage verbrachte er (Hänschen) im Atelier, aß auch nicht mehr bei seinen Eltern, sondern zusammen mit den Kinoleuten, für die man eine eigene Küche eingerichtet hatte. Oft, wenn er im Atelier einsam dahinbrütete, nahmen die Apparate seine Phantasie so in Anspruch, dass er sich von Maschinen mit rätselhafter Kraft geschaffen dünkte und nur noch nach dem filmrollenden Scheinleben Verlangen trug, das er Tag für Tag um sich sah. Einmal zeigte man ihm im Depot die Originale seiner Films. Eine Anzahl metallener Büchsen mit Aufschriften lagen da; aber er betrachtete sie mit Ehrfurcht, als wären heilige Wunder darin gefangen. Erwuchs nicht eine kleine menschliche Ewigkeit aus diesen blanken Gehäusen, wenn sie den Kreis ihrer Bilder freigaben?" (Mayer 1921, S. 45)

Die Erzählung thematisiert gegen Ende die Beziehung des 'alternden' Schauspielers zu seinen 'unvergänglichen' Filmrollen und endet mit seinem Flammentod inmitten alter Filmkopien, die ein Wanderkino-Besitzer vorführt.


Literatur

  • Balázs, Bela: Schriften zum Film. Erster Band: "Der sichtbare Mensch". Kritiken und Aufsätze 1922 – 1926. Berlin: Hanser, 1982.
  • Herwig, Malte: "Ich spiele nicht! Das bin ich" In: Süddeutsche Zeitung (03.06.2014). S.11.
  • Kalbus, Oskar: Vom Werden deutscher Filmkunst. Berlin: Cigaretten-bilderdienst, 1935.
  • Knaul, Susanne: Pünktchen und der Krieg. In: taz (13.04.2005).
  • Lohmeyer, Wolfgang: Das Filmkind. Berlin: Rütten & Loening, 1998.
  • Mayer, Hans: Film Novellen. Leipzig: Staackmann, 1921.

Erstveröffentlichung: 08.08.2016

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