von Juliane Sacher B.A.

Anders heißt nicht immer gleich auch besser – das ist eine Erkenntnis, der sich nicht nur die Titelheldin in Henry Selicks Grusel-Animationsfilm Coraline stellen muss, sondern die auch für den Film an sich gilt. In seiner Andersartigkeit liegt wenig inhaltlicher Mehrwert, der Schauwert allerdings ist dafür besonders hoch und lohnt das Angucken allemal.

Inhalt

Coraline (und nicht "Caroline", auf diesen kleinen Unterschied legt sie sehr viel Wert) ist elf Jahre alt, unangepasst, rebellisch, neugierig und deshalb schnell anfällig für Langeweile. Und langweilig ist ihr in dem großen, alten und auf den ersten Blick ziemlich öden Mietshaus auf dem Land, in das sie gerade mit ihren Eltern eingezogen ist: Sie vermisst ihre Freunde, ihre Eltern haben nie Zeit für sie, und im Haus wohnen sonst nur noch verschrobene Alte. Mr. Bobinsky experimentiert in der Mansarde mit einem Springmauszirkus, während Ms. Spink und Ms. Forcible, zwei ehemalige Showstars, zusammen mit ihren lebenden und ausgestopften Scotch-Terriern im Souterrain einstauben. Eines Nachts jedoch geschieht etwas, was Coraline aus der Eintönigkeit reißt: Durch einen Tunnel im Wohnzimmer gelangt sie in eine magische Parallelwelt und lernt dort ihre "anderen Eltern" kennen. Diese gleichen ihren richtigen bis auf die Knopfaugen und einen weiteren wichtigen Unterschied: Sie schenken Coraline die Aufmerksamkeit, die sie in ihrem richtigen Leben vermisst, erfüllen ihr alle Wünsche.

Bald klettert Coraline jede Nacht durch den Tunnel. Bei ihrer anderen Familie genießt sie leckere Mahlzeiten, lässt sich vom magischen Garten und den tollen Unterhaltungsprogrammen der Nachbarn verzaubern und taucht damit tief ein in diese fremde und zugleich vertraute Welt, die ihr so viel mehr verspricht. Bald fasst sie den Entschluss, nur noch dort leben zu wollen. Allerdings: Der Preis dafür ist hoch. Als Coraline das dunkle Geheimnis der Parallelwelt entdeckt und herausfindet, welche Konsequenzen ihr Übersiedeln hätte; ist nicht nur sie selbst, sondern sind auch ihre richtigen Eltern in großer Gefahr. Und nur sie allein kann sich dieser entgegenstellen.

Verleih: Universal Pictures

Kritik

Ein Mädchen gelangt durch einen Tunnel hinter einer kleinen Tür aus der normalen, langweiligen Alltagswelt in eine wundersame, magische Traumwelt und muss am Ende deren böse Herrscherin in einem Spiel schlagen – dass der Film Coraline Handlungsmotive aus Lewis Carrols Alice im Wunderland übernimmt, wäre selbst dann offensichtlich, wenn es nicht auch noch eine sprechende Katze (oder im Falle des Filmes einen Kater) geben würde. Auch lassen sich weitere Bezüge zu anderen Märchen und Filmen erkennen: Unter anderem erinnert die Verführung Coralines durch ihre Lieblingsspeisen an Hänsel und Gretel, ebenso wie die Idee der hexenähnlichen alten Vettel in Verkleidung, die Coralines Seele fressen will. Und ähnlich wie im "Märchen vom Schlaraffenland" kann Coraline in der Welt hinter der Tür alles essen und haben, was sie sich wünscht. Inhaltlich greift Coraline viele Motive auf, vermischt sie und führt sie verändert weiter – zugespitzt möchte man sagen: Inhaltsverschnitt statt eigener zündender Ideen. Vor allem märchen- und filmsozialisierten älteren Kindern und erwachsenen Zuschauern wird inhaltlich wenig Neues geboten. Das Gleiche gilt auch hinsichtlich der zwar wichtigen, aber eben auch schon fast übermäßig postulierten Botschaften wie "Überwinde deine Ängste", "Man kann sich seine Familie nicht aussuchen" oder "Zuhause ist es am Schönsten", die den Film zumindest auf dieser Ebene doch recht konventionell daherkommen lassen.

Dass der Inhalt von Coraline letztendlich nicht vollkommen zur Nebensache wird, dafür sorgt die Figurenzeichnung des Films, der seinen Protagonisten ambivalente und deshalb interessante Charakterzüge verleiht. Coraline als Heldin beispielsweise ist egoistisch, schnell eingeschnappt und störrisch gegenüber ihren Eltern – Kindern bietet sich hier viel Raum für Identifikation. Die thematisierten Konfliktsituationen sind auch in der Lebenswelt der kindlichen Zuschauer von Bedeutung. Coraline ist dabei Hauptfigur. Ein weiterer Schwerpunkt liegt zudem auf der Doppelfigur der anderen Mutter, die als Antagonistin das Böse verkörpert. In die anderen Figuren (ihr Leben, ihre Gedanken und Gefühle) werden nur weniger umfangreiche Einblicke gewährt, was zugleich einen gewissen Reiz birgt: Der Film lässt hier Spielraum für unterschiedlichste Interpretationen und macht neugierig auf die verschiedenen Lebensgeschichten.

Die bereits benannte Gefahr, dass der Inhalt zur Nebensache wird, ist bei Coraline besonders hoch, denn Ästhetik und Gestaltung stehlen letzterem oft die Show. Beide Aspekte scheinen dabei nur ein Ziel zu haben: eine anständige Gruselatmosphäre zu erzeugen. Bestimmt von dieser Intention bietet Coraline ein ungewöhnliches und zugleich faszinierendes Seherlebnis, das besonders durch seine das Stop-Motion-Verfahren aufgreifende Animation bestimmt wird: Zum einen sind da die Figuren, die mit überdimensionierten Köpfen und recht schmalen Körpern puppenartig wirken, zugleich aber durch ihren Gesichtsausdruck und kleine Makel wie Falten, Augenringe und schiefe Nasen lebendig werden. Zum anderen ist da das kulissenartige Setting, in dem die Figuren durch Detailaufnahmen, Zooms oder schiefe Bildausschnitte immer wieder expressionistisch in Szene gesetzt werden. Mitunter fühlt man sich in alte Grusel-Stummfilmklassiker wie Das Cabinet des Dr. Caligari versetzt.

Verleih: Universal Pictures

In ihrer Farbgestaltung unterscheiden sich die zwei Welten: Die richtige Welt wird bestimmt von Grautönen, es ist Herbst, der Nebel wabert, und auch im Haus scheint alles ausgeblichen und trostlos. Die andere Welt dagegen ist bunt, aber die Farben sind nicht freundlich, sondern dunkel und intensiv; das wirkt manchmal bedrohlich und unheimlich. Ebenso unheimlich ist auch die Musik, eine Melange aus Kinderliedern ähnlichen Gesangsstücken mit erfundener Sprache und Zirkusmusik in schiefem Walzertakt. Letztendlich sind also Gestaltung und Ästhetik in ihrem Zusammenspiel von Bildsprache und Musik auf Grusel ausgelegt.

In Deutschland ist Coraline für Kinder ab sechs Jahren freigegeben, Eltern sollten jedoch aus folgenden Gründen genau überlegen, ob der Film für ihr Kind in diesem Alter schon geeignet ist: Er verhandelt kindliche (und auch allgemein menschliche) Grundängste wie die Angst vorm Verlust der Eltern oder vor Erblindung. Zudem Liegt der Grusel hier oft im Detail und wird auch durch abstoßende Bilder (wie von der käferessenden anderen Mutter oder dem verfaulenden Gesicht des anderen Vaters) erzeugt, die lange im Gedächtnis bleiben. Der Film setzt, in der Tradition des Horrorgenres, durchaus auf Schockeffekte und zögert die Auflösung der Spannung bis kurz vor Filmschluss hinaus. Schließlich sind die Idee der "anderen Eltern" sowie der Prozess der Visualisierung des Bösen in der Parallelwelt und die Rückwandlung der anderen Mutter komplexe Themen, die für viele Kinder schwierig zu verarbeiten sein könnten.

Gleichzeitig können diese Aspekte älteren Kindern, aber auch einem jugendlichen oder erwachsenen Publikum erst den gewissen Kick geben – wie bei einer guten Schauergeschichte ist es reizvoll, sich seinen eigenen Ängsten zu stellen und sie zu überwinden. Dank der detailreichen Umsetzung eröffnen sich zudem selbst bei wiederholtem Sehen dazu immer neue Möglichkeiten.

Verleih: Universal Pictures

Fazit

Der Film Coraline erzählt eine klassische (um einmal das oft abwertend verwendete "konventionell" zu vermeiden) Schauergeschichte, glänzt dabei allerdings durch eine ausgefallene Optik. Inhaltlich werden bekannte Motive aufgegriffen und neu verarbeitet, wohingegen das viel reizvollere Moment in der Grusel-Retro-Ästhetik des Films liegt. Die macht Coraline nicht besser als andere Kinderfilme, hebt ihn aber angenehm aus der meist quietschbunten und glatten Kinder-Animationsfilmwelt hervor. Seine Atmosphäre kann jüngeren Kindern Angst und Älteren Spaß machen, die Devise sollte dementsprechend lauten: Zusammen gucken lohnt sich!

 

Titel: Coraline
Originaltitel: Coraline
Genre: Fantasy, Horror
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2009
Dauer: 101 Minuten
Altersfreigabe: ab 6 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 13.08.2009
Verleih: Universal Pictures International
Einspielergebnis weltweit: 46,64 Mio. US-$
Regisseur: Henry Selick
Drehbuch: Henry Selick
Buchvorlage: Neil Gaiman: Coraline
Darsteller: Dakota Fanning, Teri Hatcher, Ian McShane
Kamera: Pete Kozachik
Musik: Bruno Coulais, They Might Be Giants
Schnitt: Christopher Murrie, Ronald Sanders
Produzent: Claire Jennings, Mary Sandell

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