von Christian Exner

Der hörbehinderte Junge Frankie bekommt Briefe aus der ganzen Welt von seinem Vater, der zur See fährt. Als das Schiff des Vaters eines Tages ganz in der Nähe vor Anker geht, droht eine Lebenslüge seiner Mutter aufzufliegen. Shona Auerbachs Debütfilm, in dem sie ein feines Gespür für Stimmungen und Zwischentöne beweist.



Inhalt

Für den neunjährigen Frankie ist es schon nichts Neues mehr: Dauernd zieht seine Mutter Lizzie zusammen mit ihm und seiner Großmutter Nell um. Eine Bleibe finden sie in der schottischen Hafenstadt Glasgow. Wahrscheinlich wird es nicht lange dauern bis zum nächsten Aufbruch. Frankie nimmt es gelassen hin. In seinem Leben ist vieles anders als bei den meisten Kindern. Seit er sich erinnern kann, ist sein Vater Davie als Seemann unterwegs. Er schreibt ihm Briefe aus allen Teilen der Welt. Und Frankie teilt ihm seine geheimsten Gedanken und Gefühle mit. Das Band zwischen ihnen reißt nie ab. Logischerweise ist Erdkunde Frankies Lieblingsfach. Seine Briefmarkensammlung wächst von Brief zu Brief. Was Frankie außerdem von Anderen unterscheidet, ist seine Hörbehinderung. Doch die bereitet ihm kaum Probleme. Denn er ist Meister im Lippenlesen und versteht es bestens, sich mit Gesten verständlich zu machen. Gelegentlich findet er es sogar ganz nützlich, seinen Behindertenbonus auszuspielen, um Erwachsene zu verunsichern.

Mit seinen Mitschülern hat er es nicht so leicht. Ricky ist eine harte Nuss. Wer, so wie Frankie, keinen Ehrgeiz beim Fußball entwickelt, ist bei ihm untendurch. Als Außenseiter abgestempelt zu werden, scheint jedoch eine gewohnte Erfahrung für Frankie zu sein. Er nimmt es nicht so schwer. Warum soll er sich um Freunde bemühen, wenn seine Mutter ihn bald schon in eine andere Stadt verfrachtet.

Verleih: Touchstone

Marie, die patente Imbissbudeninhaberin aus der Nachbarschaft, bietet Lizzie einen Halbtagsjob an. Doch die zögert ihn anzunehmen. Sie ist schon wieder auf dem Sprung. Oma Nell weiß, was ihre Tochter so rastlos macht. Sie hat sich vor Ewigkeiten von ihrem gewalttätigen Gatten Davie getrennt. Die Briefe an Frankie sind nicht von ihm. Lizzie schreibt sie selber und gibt sie in einem Postfach auf. So ist sie stets in die geheimsten Gedanken ihres Sohnes eingeweiht, kennt seine Sehnsüchte und steht in einem intensiven Dialog mit ihm, ohne dass er etwas davon bemerkt. Davie ist ständig auf der Suche nach seiner Frau und seinem Sohn. Dazu setzt er auffällige Suchinserate in der Zeitung auf.

Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Die "Accra", das Schiff, auf dem Frankies Vater angeblich zur See fährt, kündigt seine Hafenankunft in Glasgow an. Außerdem taucht plötzlich Lizzies Schwägerin auf. Davie liegt im Sterben. Er besteht darauf, seinen Sohn ein letztes Mal zu sehen. Lizzie beschließt, sich selbst ein Bild von Davie zu machen, ehe sie ihren Sohn zu ihm lässt. Inzwischen geht Frankie eine Wette mit Ricky ein, dass er seinen Vater treffen wird. Lizzie versucht verzweifelt einen Seemann aufzugabeln, der für einen Tag den Vater mimen soll. Das führt in Hafenkneipen zu unangenehmen Missverständnissen. Marie kommt Lizzie zur Hilfe. Sie kennt einen Mann, der sich auf dieses Spiel einlassen wird.

Lizzie trifft sich mit dem schweigsamen Fremden, übergibt ihm Frankies Briefe und bietet ihm ein Honorar. Ganz wohl ist ihr dabei nicht. Der große Tag für Frankie kommt. Der Fremde macht seinen Job gut. Der Seemann von der „Accra“ ist sogar so angetan von dem Jungen, dass er einen weiteren Tag mit ihm verbringen möchte. Auf das Geld kommt es ihm nicht an. Anfangs sträubt sich Lizzie dagegen, doch gemeinsam erleben sie einen weiteren vergnügten Tag am Meer. Lizzie kommt dem Mann näher, den Frankie spontan in sein Herz geschlossen hat.

Lizzies Treffen mit Davie endet im Desaster. Noch auf dem Sterbebett zeigt er sich als das aggressive Scheusal, das er immer war. Dass Davie schuld an Frankies Behinderung ist, vor dieser Erkenntnis hat Lizzie ihren Sohn immer bewahren wollen. Dies und das Geheimnis, dass er sein wahrer Vater ist, nimmt Davie mit ins Grab. Frankie hat einen neuen Brieffreund gefunden. Der fährt tatsächlich auf der "Accra" über die sieben Weltmeere. An ihn denkt der Junge voll Sehnsucht – genauso wie nun auch seine Mutter.

Verleih: Touchstone

Besprechung

Lieber Frankie erzählt eine anrührende Geschichte, die glücklicherweise nicht ins Kitschige umschlägt, obwohl man es bisweilen befürchten mag. Shona Auerbach gelingt ein behutsamer Film von einem innigen Verhältnis zwischen Mutter und Kind, der die Klippen von überzogener Melodramatik und purer Sentimentalität haarscharf umschifft. Melancholische Moll-Töne klingen in der traurigen Ballade dieser verletzten und enttäuschten Mutter zwar an, die die Sehnsüchte ihres behinderten Sohnes erfüllen will. Wie in einem Roadmovie von der Waterkant entfaltet sich eine Stimmung zwischen Sehnsucht, Aufbruch und Nostalgie. Etwas Altmodisches verbreiten die Interieurs, und einem guten alten Film scheinen auch die Figuren zu entstammen. Ein wenig holzschnittartig, aber anziehend und von zeitlosem Reiz. Die Regiedebütantin reduziert die Dialoge. Frankies Handicap legt es nahe, auf Symbole, Gesten und Stimmungen zu setzen. Eine Art "Taub-Stummfilm"-Erzählung, die sich an der Wahrnehmung ihres Protagonisten orientiert, dem Zuschauer aber keine Rätsel aufgibt. Das bekommt dem Film sehr gut. Wohltuend auch, dass das behinderte Kind als eigenständiger Charakter mit großem Selbstvertrauen und mit Charisma gezeichnet wird.

Überhaupt erweist sich die Ensembleleistung der insgesamt überzeugenden Darstellerriege als großer Vorzug. Sie schaffen es, die Inszenierung eines Stellvertreter-Vaters selbst dann noch plausibel zu machen, als der Junge beginnt, das Spiel der Erwachsenen zu durchschauen.

Verleih: Touchstone

Dem Zuschauer wird weder die Taubstummensprache von Frankie komplett entschlüsselt, noch wird er mit den schrecklichen Details des Familiendramas konfrontiert. Auerbach walzt die Gewalt-Thematik nicht aus. Sie sucht nach einer Lösung, mit der Mutter und Kind leben können. Dabei muss die Kontinuität des innigen Gedankenaustauschs im Briefwechsel nicht einmal aufgegeben werden. Das ist eine der schönsten Wendungen dieses Films, der in  jeder Szene eindeutig und klar ist, selbst wenn er vieles in Andeutungen belässt. Shona Auerbach zeigt ein sicheres Gespür in der Zeichnung des Milieus, in der Behandlung des Erziehungsdilemmas und im Umgang mit familiärer Gewalt. Dennoch hat ihr Film wenig gemeinsam mit den Sozialdramen und Sozialkomödien, die ein Gütesiegel britischen Kinos sind. Lieber Frankie konzentriert sich auf das Hier und Jetzt und auf eine märchenhafte Chance, das Glück zu finden. Die Regiedebütantin setzt auf ein hoffnungsvolles Ende, sie setzt auf große Emotionen und den wundersamen Ausweg, ohne dabei jedoch ins Register der Schwülstigkeit greifen zu müssen.

Fazit

Erwachsenen und Kindern gibt dieser zwar verhaltene aber doch sehr kraftvoll erzählte Film gleichermaßen etwas. Der Clou der Geschichte: Mit 9 Jahren und taub kann Frankie sehr viel mehr verstehen, als die Erwachsenen ihm zutrauen. Daher sollte man sich auch trauen,  Lieber Frankie mit Kindern zu schauen.

Titel: Lieber Frankie
Originaltitel: Dear Frankie
Genre: Drama
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2004
Dauer: 105 Minuten
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Erscheinungsdatum (Deutschland): 21.04.2005
Verleih: Touchstone
Einspielergebnis weltweit: k.A.
Regisseur: Shona Auerbach
Drehbuch: Andrea Gibb
Darsteller: Emily Mortimer, Gerard Butler, Jack McElhone, Sharon Small, Mary Riggins
Kamera: Shona Auerbach
Musik: Alex Heffes
Schnitt: Oral Norrie Ottey
Produzent: Caroline Wood, Gillian Berrie, Matthew T. Gannon/Pathé Pictures, Scorpio Films, Sigma Films, Scottish Screen

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