von Dr. Philipp Schmerheim

Mehr als 20 Jahre brauchte Schauspielikone Jeff Bridges, um eines seiner Lieblingsprojekte auf die Leinwand zu bringen: The Giver – Hüter der Erinnerung ist eine liebevoll produzierte, letztendlich aber zu unausgegorene Filmadaption des im angloamerikanischen Sprachraum zum Jugendbuchklassiker avancierten gleichnamigen Romans von Lois Lowry.


Inhalt

Jonas (Brenton Thwaites) wächst zusammen mit seinen zwei Freunden Fiona (Odeya Rush) und Asher (Cameron Monaghan) in einer von der restlichen Welt isolierten utopischen Gemeinschaft auf, in der alle Unterschiede zwischen den Bewohnern abgeschafft worden sind – und damit auch alle Emotionen und die Fähigkeit, frei über das eigene Leben zu entscheiden. Ein Ältestenrat unter der Führung von Chief Elder (Meryl Streep) regelt genauestens den Tagesablauf, die Verhaltensregeln des Zusammenlebens und den Sprachgebrauch. Der Ältestenrat entscheidet über die Berufe der einzelnen Gemeinschaftsmitglieder und darüber, welche Männer, Frauen und Kinder sogenannte "Familieneinheiten" bilden. Alle Bewohner der Gemeinschaft tragen ähnliche Kleidung, und alle erhalten die gleiche Dosis Medizin, bevor sie ihrem Arbeitsalltag nachgehen. Jonas lebt in seiner Familieneinheit mit seinem Vater (Alexander Skarsgård), seiner Mutter (Katie Holmes), einer jüngeren Schwester (Emma Tremblay) und später auch mit einem unruhigen Säugling namens Gabriel zusammen.

An ihrem 16. Geburtstag erfahren die Jugendlichen, welchem Beruf sie zugeordnet werden, während die älteren Menschen, die ihre Aufgabe erfüllt haben, im "Anderswo" angeblich einen schönen Altersabend verleben dürfen. Jonas, der die Welt offenbar mit anderen Augen wahrnimmt als der Rest der Gemeinschaft, wird als neuer "Hüter der Erinnerungen" ausgewählt: Ihm kommt die Aufgabe zu, die Erinnerungen an die Zeit vor der Erschaffung der "Gemeinschaft" zu bewahren, eine Zeit, in der es zwar noch Empfindungen wie Liebe, Freundschaft und Glück gab, aber eben auch Trauer, Zorn, Hass und damit einhergehend Grausamkeit, Gewalt und Krieg.

Der bisherige Hüter der Erinnerungen ist ein mürrischer alter Mann (Jeff Bridges), der sich selbst "The Giver" nennt. Nach und nach überträgt er Jonas seine Erinnerungen, dessen Leben dadurch buchstäblich immer bunter und reicher wird. Weil er seine neugefundenen Emotionen nicht verlieren will, hört Jonas auch auf, seine Medizin einzunehmen, denn diese – so erfährt er vom "Giver" – unterdrückt seine Gefühle. Dadurch verliebt er sich auch zunehmend und entgegen aller Gemeinschaftsregeln in Fiona, die sich wiederum nur zaghaft auf seine Versuche einlässt, ihr diese neue Welt zu zeigen. Als Jonas aus Versehen Kriegserinnerungen des Givers miterlebt, will er aufhören, überfordert von seinen negativen Emotionen. Fiona zuliebe macht er jedoch weiter.

Eines Tages findet Jonas heraus, was die "Freigabe" wirklich bedeutet: Überflüssig gewordene oder nicht den Normen der Gemeinschaft entsprechende Menschen werden mit einem Serum getötet und wie Müll entsorgt. Als Jonas mithilfe des "Givers" sieht, wie sein eigener Vater ein 'überflüssiges' Zwillingsbaby tötet, ohne zu realisieren, was er da eigentlich tut, entschließt sich Jonas, zu handeln: Er will die geographische Grenze der Gemeinschaft überschreiten, womit aus unerklärten Gründen alle Gemeinschaftsmitglieder ihre Erinnerungen wiedererlangen würden.

Der "Giver" hilft ihm bei diesem Vorhaben. Jonas befreit Gabriel, der aufgrund seines unangepassten Verhaltens ebenfalls freigelassen werden soll, und flieht zusammen mit dem Säugling durch Wüsten und verschneite Gebiete bis an die Grenzen der ihm vertrauten Welt. Verfolgt wird er jedoch von Asher, der als Drohnenpilot von Chief Elder damit beauftragt worden ist, Jonas zu finden und dann zu "verlieren".

Verleih: studiocanal

Kritik

Seit dem Erscheinen des Romans The Giver im Jahr 1993 wollte Schauspiellegende Jeff Bridges ihn für die Kinoleinwand adaptieren, doch erst jetzt ist der Film der development hell Hollywoods entkommen.

Themen und Motive von Roman und Film sind durch literarische Vorläufer wie Thomas Morus’ Utopia, Orwells Nineteen-Eighty-Four, Aldous Huxleys Brave New World, Ray Bradburys Fahrenheit 451 oder Philip K. Dicks Time Out of Joint wohlbekannt: Eine – zumeist isolierte – Gesellschaft oder Gemeinschaft erschafft für ihre Einwohner eine strikt reglementierte, konstruierte Wirklichkeit, die vordergründig der Maximierung des allgemeinen Wohls und der Eliminierung von Schmerz, Gewalt und Furcht dient, letztendlich jedoch nur die Macht eines Kontrollapparats zementiert. Lediglich einzelnen auserwählten Heldenfiguren ist es vergönnt, die Wirklichkeit wie sie ist, zu erkennen und den Rest der Gemeinschaft aus der unverschuldeten Unmündigkeit zu befreien.

Seine Bild- und Tonsprache entlehnt The Giver ebenfalls den Genreverwandten des dytopischen Films wie The Truman Show, THX 1138, The Island, Alles was wir geben mussten, The Village und anderen Klassikern. Die Bewohner der Gemeinschaft laufen in grauen, hautengen und doch asexuellen Textilien aus glattem Material durch sterile Parkanlagen (in denen, eines der vielen kleinen Details der Filmausstattung, selbst die Bäume von den Gemeinschaftsgärtnern mit künstlichen Ästen bestückt werden), der Sprachgebrauch der Gemeinschaft ist à la Orwell genauestens reglementiert, und in ihrem Verhalten gemahnen die Gemeinschaftsbewohner an brave Kinder, die nichts von dem hinterfragen, was die Erwachsenen ihnen vorgeben. Charmant, wenngleich altbekannt ist es auch, wenn Jonas wie Dorothy aus Der Zauberer von Oz und die Teenager von Pleasantville simultan zu seinen Emotionen die Farbigkeit seiner bis dahin in Grautönen dargestellten Lebenswelt entdeckt, interessant und dennoch abgegriffen ist es ebenfalls, zu beobachten, wie Brenton Thwaites und Odeya Rush versuchen, die erwachenden Emotionen ihrer Figuren mittels veränderter Mimik und Gestik zu transportieren.

Letztendlich springt bei The Giver der Funke nicht auf seine Zuschauer über – vielleicht, weil das Kinopublikum im Jahr 2014 die Thematik des Films bereits zu oft gesehen hat, vielleicht, weil all die durchaus liebevoll arrangierten Bestandteile des Films unter der Regie von Action-Spezialist Phillip Noyce (Salt, Die Stunde der Patrioten) kein überzeugendes Ganzes ergeben.

Möglich ist, dass der Film ein Opfer des Schneidetisches ist: Mit 97 Minuten Laufzeit ist The Giver für Hollywood-Verhältnisse ungewöhnlich kurz, obwohl die Handlung mit allerlei Hintergrund-Storys vollgepackt ist – so hat der alte "Giver" eine Tochter (Taylor Swift), die eigentlich seine Nachfolge antreten sollte, dann aber ihrer Neugier zum Opfer fiel; und auch die komplexe Vorgeschichte der Gemeinschaft wird vom Film nur angedeutet. So wird der Zuschauer einerseits mit allerlei angerissenen Storylines überladen, zugleich jedoch durch eine dem klassischen Erzählschema verpflichtete Abenteuergeschichte gejagt, an deren Ende – natürlich – ein offenes und zu Fortsetzungen einladendes Happy End steht.

Verleih: studiocanal

Fazit

Ungeachtet der dramaturgischen und erzähllogischen Schwächen ist The Giver ein ambitionierter, zum Nachdenken anregender Film, der gekonnt versucht, den Kontrast zwischen einem Leben mit und ohne Emotionen mit filmischen Mitteln darzustellen. Für Jugendliche ab ca. zwölf Jahren ist die neueste Weinstein-Brothers-Produktion wunderbar geeignet, jüngere Kinder könnten von den Kriegsszenen verstört werden.

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