von Martina Paikert

Eine Ratte vom Land als Koch in einem Pariser Gourmetrestaurant? Das kann es gar nicht geben! Oder doch? In dem Pixar-Animationsfilm Ratatouille geht es genau darum. Der Rattenjunge Rémy versucht seinen Traum zu leben, auch wenn es dabei verständlicherweise Probleme über Probleme gibt, mit denen er fertig werden muss.


Inhalt

"Jeder kann kochen!" Das war das Motto des verstorbenen Sternekochs Gusteau, der vor seinem Tod Besitzer eines Fünf-Sterne-Restaurants in Paris war und sich als Kochbuchautor und Star seiner eigenen Koch-Show größter Beliebtheit erfreute. Selbst der Rattenjunge Rémy, der mit seiner Familie in einem alten Bauernhaus auf dem Lande lebt, ist großer Fan von Gusteau.Rémy hat eine außergewöhnlich feine Nase. Diese ermöglicht es ihm nicht nur, vergiftetes von "sauberem" Futter zu unterscheiden, was ihn für seine Kolonie nahezu unentbehrlich macht. Sein besonders feiner Geruchssinn macht Rémy auch zu einem ganz hervorragenden Koch.

Als seine Familie entdeckt wird und in aller Eile fliehen muss, wird Rémy von den anderen Ratten getrennt und landet alleine in Paris. Schnell führen der Zufall und seine feine Nase Rémy in das Gourmetrestaurant von Gusteau, in dem seit dessen Tod der ehemalige Sous-Chef Skinner das Regiment führt.

Verleih: Disney (Pixar)

Als Rémy mit ansehen muss, wie der gerade eingestellte Küchenjunge Linguini eine Suppe ruiniert, vergisst er sämtliche Vorsicht, die für eine Ratte in der Gesellschaft von Menschen angebracht wäre. Es gelingt ihm, die Suppe zu retten und in eine Köstlichkeit zu verwandeln, die sogar Gnade vor den Augen einer zufällig an diesem Abend anwesenden Restaurantkritikerin findet. Doch anstatt den Lohn für seine wunderbare Suppe einstreichen zu können, wird Rémy entdeckt und soll von Linguini aus der Küche entfernt und getötet werden. Linguini hat jedoch bereits das Talent des "kleinen Kochs" erkannt und schließt ein Abkommen mit ihm, das beiden zum Vorteil gereicht. Die Ratte Rémy kann ihre große Leidenschaft fürs Kochen ausleben, und der Küchenjunge Linguini bekommt die Chance, in der Küchenhierarchie aufzusteigen.

Damit könnte alles gut und der Film zuende sein. Wäre da nicht Rémys Familie, die ihren verlorenen geglaubten Sohn wiederhaben und am liebsten vorher die Restaurantküche plündern will, ein Restaurantkritiker, der dem "Gusteau’s" endgültig den Todesstoß versetzen will und der Restaurantchef Skinner, der das Geheimnis von Linguinis Herkunft kennt und bereit ist, alles zu tun, damit dieses nicht ans Licht kommt.

Verleih: Disney (Pixar)

Kritik

Eines der zentralen Motive dieses "rattenscharfen Leckerbissens" (Berliner Kurier Online) ist die Entwicklung Rémys von einem jungen Rattenjungen mit dem Wunsch, sein Talent auszuleben, zu einer selbstbewussten Ratte, die ihrem Herzen folgt. Die plötzliche Flucht aus der Heimat und die Trennung von seiner Familie zwingen Rémy dazu, sich an seine veränderte Situation, außerhalb der Sicherheit und Eingebundenheit seines Clans, anzupassen. Es gelingt ihm jedoch nicht, sein Leben wirklich in die eigenen Pfoten zu nehmen. Stattdessen rutscht er direkt in eine quasi-symbiotische Beziehung mit dem Küchenjungen Linguini, die zwar zunächst für beide Partner Vorteile bringt, für Rémy jedoch wieder eine Form von Abhängigkeit bedeutet.

Erst nach einem Streit mit seiner wiedergefundenen Familie und mit seinem Freund Linguini gelingt es Rémy, sich wirklich darüber klar zu werden, wer er eigentlich ist und was er will. Natürlich ist er Mitglied seiner Rattenfamilie, die er genauso liebt wie sie ihn, und natürlich ist er auch der Freund von Linguini, aber vor allem ist er ein Koch!

Nachdem Rémy mittels dieser Erkenntnis zu sich selbst gefunden hat, gelingt es ihm, sich zu einer eigenständigen, selbstbewussten Persönlichkeit zu entwickeln. Zwar ist er weiterhin Teil von verschiedenen Beziehungen, jedoch beruhen diese nicht länger auf Abhängigkeit und Verpflichtung, sondern auf Freundschaft und Loyalität. Seine Familie akzeptiert seinen Wunsch nach Unabhängigkeit und der Erfüllung seiner Träume, und in dem mit Linguini eröffneten Bistro kann Rémy den Kochlöffel schwingen, ohne sich verstecken und sich selbst in den Schatten stellen zu müssen.

Diese Entwicklung, die zunächst von einer Abhängigkeit in die andere führt, um schließlich in einem gleichberechtigten Beziehungsgeflecht zu münden, durchläuft in verkürzter und vereinfachter Form Entwicklungsschritte, die auch viele Kinder und Jugendliche auf dem Weg des Erwachsenwerdens zu bewältigen haben.

Durch die Wahl des Protagonisten und des Schauplatzes, der nicht unbedingt typisch für die Lebenswelt des angesprochenen Publikums ist, gelingt es den Filmemachern jedoch, diese Botschaft nicht allzu deutlich und moralisierend wirken zu lassen. Somit erhält sich Ratatouille seine Leichtigkeit und seinen Humor, während die Botschaft, ähnlich wie bei einem raffinierten Gericht, das sein eigentliches Aroma erst nach und nach entfaltet, knapp unter der Oberfläche bleibt und sich nicht aufdrängt. Rémys Talent als Koch beruht auf seinem äußerst feinen Geruchs- und somit auch Geschmackssinn. Beide Sinne lassen sich mit den Mitteln des Films schwer darstellen. Umso bemerkenswerter ist die Lösung der Filmemacher für dieses Problem: In Ermangelung von "Geruchs- oder Geschmacksfernsehen" werden diese Sinnesempfindungen durch Formen, Farben und Klänge dargestellt. Der süß-fruchtige Geschmack einer reifen Erdbeere wird so zu sanften runden Formen in harmonischen Rot-Tönen, begleitet von lieblichen Violinenklängen, den kräftigen Geschmack eines französischen Käses nimmt der Zuschauer auf visuell-auditiver Ebene durch eckige Formen, kräftige kontrastreiche Farben und eine zackige Begleitmusik wahr.

Verleih: Disney (Pixar)

Auch im Bereich der Figurenrede bedient sich Ratatouille einer interessanten Methode, um die Eingeweihten der Gourmetwelt von den restlichen Figuren zu trennen. Alle Figuren, die direkt mit gutem Essen und dem Restaurant Gusteau’s verbunden sind, sprechen in der deutschen Synchronfassung mit französischem Akzent, die Außenstehenden, zu denen zunächst auch Linguini gehört, tun dies nicht. Mit Hilfe dieser Verteilung der Akzente gelingt es, den Eintritt Linguinis in die exklusive Welt der Haute Cuisine zu verdeutlichen. Nach einigen Tagen der Einweisung in die Küche des Gourmetrestaurants antwortet Linguini nicht mehr mit einem schnöden "Ja" auf eine Frage, sondern mit einem wohlbetonten "Oui!".

Fazit

Als Family-Entertainment-Film der Spitzenklasse bietet Ratatouille beste Unterhaltung. Durch die liebevolle, raffinierte Gestaltung von Bild und Ton gibt es auch beim zweiten und dritten Anschauen immer wieder neue Aspekte zu entdecken.

 

Titel: Ratatouille
Originaltitel: Ratatouille
Genre: Animationsfilm; Komödie
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2007
Dauer: 111 Minuten
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Erscheinungsdatum (Deutschland): 03.10.2007
Verleih: Disney
Einspielergebnis weltweit: 623,7 Mio. US-$ (Stand: November 2014)
Regisseur: Brad Bird, Jon Pinkava
Drehbuch: Brad Bird, Jim Capobianco, Jan Pinkava
Synchronsprecher: Patton Oswalt/Axel Malzacher (Rémy), Brad GArrett/Donald Arthur (Auguste Gusteau), Lou Romano/Stefan Günther (Linguini)
Production Design: Harley Jessup
Musik: Michael Giacchino
Schnitt: Darren T. Holmes
Produzent: Brad Lewis

Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Dezember 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
27 28 29 30 1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 31