von Anna Zamolska

Mit Allerliebste Schwester, der Filmadaption des gleichnamigen Märchens von Astrid Lindgren, ist ein wehmütiges, ernstes Märchen entstanden, das sich von anderen Märchen-Verfilmungen durch seine ernste und traurige Stimmung abhebt und einige der schönsten Sinnbilder aus den Lindgrenbüchern aufgreift.

Inhalt

Das kleine Mädchen Barbro wohnt mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder in einem Haus mit Garten, in dem sie mit ihrem Plüschhund spielt. Sie hat bald Geburtstag und wünscht sich sehnlich einen richtigen Hund. Davon wollen die Eltern aber nichts wissen.

Barbro hat ein Geheimnis: Sie hat eine Zwillingsschwester, die im Goldenen Saal regiert, zu dem Barbro durch ein Loch hinter dem Rosenbusch "Salikon" im Garten gelangen kann. Ihre Schwester heißt Ylva-Li und nennt Barbro "allerliebste Schwester". Sie umsorgt sie, wenn Barbro zu Besuch ist und sieht ihr sofort den Kummer an, wenn Barbro traurig ist. Mit Ylva-Li verbringt Barbro eine märchenhaft schöne Zeit: im Goldenen Saal essen sie Pfannkuchen in Gesellschaft der vielen Tiere, u. a. zweier schwarzer Pudel, die Ruff und Duff heißen. Dann unternehmen sie einen Ausflug zum Schönsten Tal der Welt: Um dorthin zu gelangen, müssen sie durch den Angst-Wald reiten, in dem die Bösen lauern. Hinter dem Wald liegt die Wiese der Guten, wo sie fürstlich mit Kuchen und Naschereien bewirtet werden. Im schönsten Tal der Welt lauschen die beiden der Stille und den Geräuschen der Natur. Dort vertraut Ylva-Li ihrer Schwester an, dass sie tot sein wird, wenn Salikons Rosen verwelkt sind.

Verzweifelt läuft Barbro so schnell wie möglich wieder nach Hause, wo sich die Mutter um ihre Tochter große Sorgen gemacht hat. Am nächsten Tag, ihrem Geburtstag, wird sie von einem kleinen schwarzen Pudel geweckt – dem Geburtstagsgeschenk der Eltern.

Als sie mit ihrem Hund Ruff in den Garten geht, sieht sie, dass die Rosen verwelkt sind.

Quelle: Universum

Kritik

Diese Filmadaption der Kurzgeschichte Allerliebste Schwester von Astrid Lindgren aus dem Jahr 1988, bei der Göran Carmback Regie geführt und Lindgren höchstselbst das Drehbuch verfasst hat, ist ein ernster, bewegender Film. Sein Symbolgehalt ist vergleichbar mit dem der Brüder Löwenherz: Die Geschwisterliebe, die in dem Buch über die beiden Brüder thematisiert wird, findet sich auch in der Erzählung um Barbro und Ylva-Li. Mit ihrem märchenhaften Geschehen in unserer alltäglichen Welt erscheint Allerliebste Schwester wie eine kafkaeske Kurzgeschichte für Kinder.

Die traurige und märchenhafte Atmosphäre der Erzählung wird mit sehr schöner Filmmusik und unzähligen Naturaufnahmen überzeugend umgesetzt. Bereits in der Anfangsszene, die in verlangsamten Tempo Barbro bei einer Schmetterlingsjagd zeigt, wird eine nachdenkliche, innehaltende Stimmung erzeugt. Das durch eine Sommerwiese streifende Kind wird in dieser Szene zu einem Sinnbild aller Lindgren-Erzählungen.

Andere Szenen, in denen sich der Film auf dieselbe Art Zeit nimmt, erreichen gleichfalls diesen Sinnbild-Charakter von Lindgren-Motiven, die oft in ihren Büchern vorkommen – so z. B. die Reitszene durch den Wald, die einen sofort an Die  Brüder Löwenherz oder Mio, mein Mio denken lassen.

Der Goldene Saal mit dem Zwergdiener Nicko, der Quelle in der Mitte, und den verschiedenen Tieren (Kaninchen, Kätzchen, Hunde, Lämmer) vereint Merkmale von Märchen und Bilderbuch. Auch die auktoriale Erzählstimme, die Barbros Handeln begleitet, unterstützt den Märchencharakter der Erzählung.

Quelle: Universum

Die verschiedenen Naturbilder (Wälder, Wiesen, Küste, Strand, Tal) tragen zu einer vielseitigen Phantasiewelt bei, deren Gestaltung über die typischen schwedischen Wälder hinausgeht und so einen gleichsam universalen Charakter annimmt. Was auch filmisch schön inszeniert ist: Wenn die beiden Schwestern im Schönsten Tal der Welt den Geräuschen der Natur lauschen, lauschen mit ihnen auch die Zuschauer.

Getragen wird der Film von der besonderen Schauspielleistung der beiden Hauptdarstellerinnen Elin und Ulla Elgestad: Sie faszinieren mit ihrem ruhigen Mienenspiel, und es gelingt ihnen, zwei unterschiedliche Charaktere zu schaffen, die sie jeweils auf ihre eigene Art spielen. Die unglückliche Barbro, die sich von ihren Eltern nicht geliebt fühlt, macht einen weitaus kindlicheren Eindruck, als die tröstende Ylva-Li, die im Wald der Bösen keine Angst hat, und durch ihre beschützende Rolle reifer wirkt. Ylva-Li, die nur für Barbro da ist und ihr Leben lässt, um aus dem nun gereiften Leben ihrer Schwester zurückzutreten, ist für die kindlichen Zuschauer ein eindrucksvolles Beispiel uneigennütziger Liebe.

So ist das Endresultat eine wertvolle, nachdenklich stimmende Adaption, der es gelungen ist, die Atmosphäre der Lindgren-Märchen einzufangen, und die einen besonderen Platz unter den Märchen-Verfilmungen verdient.

Titel: Allerliebste Schwester
Originaltitel: Allrakäraste syster
Produktionsland: Schweden
Produktionsjahr: 1988
Dauer: 29 Minuten
Altersfreigabe: Ohne Altersbeschränkung
Verleih: Universum
Einspielergebnis: unbekannt
Regisseur: Göran Carmback
Drehbuch: Astrid Lindgren
Buchvorlage: Allerliebste Schwester
Darsteller: Elin und Ulla Elgestad (Barbro und Ylva-Li), Anki Liden (Mutter), Helge Skoog (Vater)
Kamera: Jens Fischer
Musik: Björn Isfält, Göran Ringbom
Schnitt: Jan Persson
Produzent: Waldemar Bergendahl

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