von Dr. phil. Benjamin Moldenhauer

Gelungene Kinderfilme erlauben es den Erwachsenen, sich zu erinnern: an das kindliche Glück und damit auch daran, was sie hinter sich lassen mussten. Misslungene hingegen neigen dazu, die erwachsene Welt aus Pflicht und Arbeit zu reproduzieren und sie dem jungen Publikum als Spaß zu verkaufen.

Warum schauen Erwachsene Kinderfilme? Aus pragmatischen Gründen zum einen: Meist sind sie es, die vorsortieren, was der Nachwuchs zu sehen bekommen soll. Zum anderen aber auch zum eigenen Vergnügen, weil Kinderfilme hervorrufen können, was der erwachsene Zuschauer als Erinnerung an kindliches Glück erlebt. Das gelingt zu allererst den Filmen von damals: Vor kurzem habe ich Tage Danielssons Ronja Räubertochter-Verfilmung wiedergesehen, zum ersten Mal seit knapp dreißig Jahren. Es war noch vieles abrufbar, das Gewitter aus der Geburtsszene vom Beginn des Films, das Geräusch des Feuers in der Mattisburg, der Wald, einzelne Dialoge.

Aber auch Filme, die man als Erwachsener zum ersten Mal sieht, können einen in Berührung mit der eigenen Kindheit bringen. Dann jedoch nicht in Form eines Gefühls, das man als unwillkürliche Erinnerung erlebt, sondern als Einfühlung in kindliches Erleben und im besten Fall in eine kindliche (und damit eben nicht: kindische) Weltwahrnehmung. Wenn man das weiß und ein wenig steuern lernt, kann man die Bilder für sich nutzen, um wieder in Kontakt mit dem zu kommen, was man zwangsläufig hat hinter sich lassen müssen; dieser Kontakt stellt sich nicht her als Erinnerung, die ohne die Bilder schon präsent gewesen wäre, sondern als unwillkürliches Wiedererkennen von etwas, das aus dem Gedächtnis verschwunden war.

Die meisten Menschen haben – ein weitgehend gewaltfreies Aufwachsen einmal vorausgesetzt – ihre Kindheit zumindest in der Rückschau als eine in weiten Teilen glückliche Zeit erlebt. Dieses Glück aber kontrastiert mit der Realität des Erwachsenen – nicht, weil man als Erwachsener zwangsläufig unglücklich wäre, sondern weil man zu der Unbeschwertheit von damals naturgemäß nicht mehr imstande ist, stattdessen konstant dazu angehalten wird, zu tun, was eines Erwachsenen Pflicht ist.

Es ist auch diese Erinnerung an das Glück der Kindheit, die uns weitermachen lässt. Alexander Kluge spricht vom "Urvertrauen", das man in den ersten Jahren akkumuliert haben müsse, damit man weiter laufen kann bis zum Schluss, in dem hoffentlich legitimen Glauben, dass die Mühe sich lohnt. Theodor W. Adorno beschreibt die Erinnerung an das Glück als eine notwendigerweise melancholische: "Erinnerungsspuren der Kindheit, die scheinen, als ob allein ihretwillen zu leben sich lohnte". Nicht weniger authentisch aber, so Adorno weiter, sei "das Bewusstsein, dass dies Glück verloren ist und erst als Verlorenes zum Glück wird, das es so nie war".

Wenn Kinderfilme von Menschen verfertigt worden sind, die ihr Publikum ernst nehmen, kann es den Bildern gelingen, vom Glück der Kindheit zu erzählen, ohne dabei die ambivalenten und bedrückenden Aspekte des kindlichen Erlebens (das Glück, "das es so nie war") auszublenden. Ronja Räubertochter gehört für mich dazu. Großartig die Szene, in der der sehr besorgte Räubervater seine lebensdurstige Tochter zum ersten Mal in den Wald ziehen lässt und ihr im Laufen noch die letzten guten Ratschläge hinterherruft:

–  "Nimm dich vor den Wilddruden, den Graugnomen und den Borka- Räubern in acht!"
–  "Woher weiß ich denn, wer die Wilddruden, die Graugnomen und die Borka-Räuber sind?"
–  "Das merkst du schon!"
–  "Dann ist ja gut."
–  "Und pass auf, dass du dich nicht im Wald verirrst!"
–  "Und was mach ich, wenn ich mich im Wald verirre?"
–  "Dann suchst du dir den richtigen Weg."
–  "Dann ist ja gut."
–  "Und pass auf, dass du nicht in den Fluss fällst."
–  "Und was mach ich, wenn ich in den Fluss falle?"
–  "Dann schwimmst du!"
–  "Dann ist ja gut."
–  "Und pass ja auf, dass du nicht in den Höllenschlund fällst!"
–  "Und was mach ich, wenn ich in den Höllenschlund falle?"
–  "Dann machst du gar nichts mehr!"
–  "Dann ist ja gut. Dann werde ich eben nicht in den Höllenschlund fallen. Sonst noch was?"
–  "Den Rest wirst du selber merken. Und nun lauf."

In der Szene steckt viel Wahres, sowohl was Erwachsene, als auch was Kinder betrifft. Für Erziehungsberechtigte kann das, gerade heute, wo die Eltern ihre Brut teilweise noch bis in die Klassenzimmer verfolgen, sehr klärend wirken, als vorbildliche Haltung: Man versucht, dem Nachwuchs mitzugeben, was man weiß. Und dann lässt man ihn aber bitte auch ziehen.

Die Szene ist zudem ein schönes Bild für den Lebensdrang der Kinder, die, mit einem sicheren Zuhause im Rücken (und nicht im Nacken), in die Welt ziehen wollen. Der Wald als elternferner Raum fungiert in nahezu allen klassischen Erzählungen der Kinderliteratur und damit auch des Kinderkinos als Ort der Bewährung und der ersten Autonomieerfahrungen – ein eigener, naturnaher Kosmos von unverhoffter Schönheit, aber auch des Schreckens.

Mit Elternferne und Naturnähe sind die zwei wesentlichen Motive auch moderner Erzählungen für Kinder genannt, die Harry Potter-Verfilmungen etwa funktionieren in dieser Hinsicht sehr ähnlich. Die Elternferne bedingt – beispielsweise in Wo die wilden Kerle wohnen, Son of Rambow, Coraline oder den bislang zwei Rico, Oskar-Filmen, um meine fünf Favoriten der letzten Jahre zu nennen – die Möglichkeit der Selbstbehauptung, nicht immer, aber manchmal verbunden mit dem Versprechen, ein gelungeneres Leben zustande zu kriegen als die Elterngeneration.

Wem das alles zu verklärend klingt, der kann die Gegenprobe aufs Exempel machen und sich eine aufschlussreiche Produktion anschauen, in der die Figuren in eine durch und durch entromantisierte, und nicht nur in diesem Sinne sehr erwachsene Welt gestellt wurden. Die britische Serie Chuggington erzählt von lebendigen Lokomotiven, die im titelgebenden Ort ihre Ausbildung machen. Alles dreht sich in dieser Welt um Arbeit, Prüfungen müssen bestanden werden, und das Happy End jeder Folge besteht darin, dass die Hauptfiguren – "drei junge Loks, die noch viel lernen müssen" – eine vorgegebene Aufgabe trotz meist lustlos wegerzählter Hindernisse adäquat erledigen konnten. Es richtig zu machen, ist das zentrale Motiv der Serie. Das streberhafte Arbeitsethos kassiert noch das Magische ein: In Chuggington gibt es einen von allen bewunderten Superhelden namens Super-Lok", dessen Superkräfte darin bestehen, dass er fliegen kann; was es ihm wiederum ermöglicht, besondern schnell dort zu sein, wo etwas erledigt werden muss.

Nun kann man einwenden, dass Chuggington sich an ein jüngeres Publikum, nämlich an Vorschulkinder richtet, und schon deswegen nicht mit den klassischen Erzählungen der Kinderliteratur in einen Topf geworfen werden kann. Das mag sein. Allerdings kann man auch für dieses Alter schon andere, belebendere Filmerzählungen finden; die beiden Der kleine Rabe Socke-Filme zum Beispiel oder die Shaun das Schaf-Kurzfilme, die im Vergleich wie ein einziger Aufruf zum zivilen Ungehorsam wirken.

Mein Eindruck ist, dass sich in Chuggington eine Tendenz besonders klar zeigt, die man in abgeschwächter Form auch in anderen immens erfolgreichen Produktionen der letzten Jahre finden kann, in Bob, der Baumeister etwa oder der Conni-Reihe (und zumindest die letztere soll auch noch Kinder im Alter bis etwa zehn Jahren ansprechen). Es geht nicht mehr darum, einen imaginären Raum zu schaffen, in dem die Figuren sich gemeinsam mit den jungen Zuschauern in Gefahr begeben, Erfahrungen machen und eigene, genuin kindliche Lösungen finden dürfen. Es geht darum, etwas, das vorbildhaft von Erwachsenen vorgemacht wird, möglichst adäquat hinzukriegen.

In diesem Punkt wirkt Chuggington wie ein Remake der seit den fünfziger Jahren laufenden Serie Thomas, die kleine Lokomotive, die ähnlich funktioniert: Lokomotiven sind eilfertig dabei, alles richtig zu machen. Schlägt man eine der Bilderbuchvorlagen der Filme auf, springt einem der erzieherische Appellcharakter prompt entgegen: "Eines Tages brachte der dicke Kontrolleur den Lokomotiven schlechte Neuigkeiten. 'Wir haben momentan einen großen Wassermangel', sagte er. 'Daher darf keine Lokomotive mehr als einmal am Tag gewaschen werden. Nützlichkeit ist wichtiger als Sauberkeit!' Percy war bestürzt. 'Ich werde bei meiner Arbeit aber besonders schmutzig', beschwerte er sich. 'Ich muss gewaschen werden! Gordon dagegen wird nur gewaschen, damit er sich wichtig und bedeutend vorkommt.'"

Und so geht es immer weiter...

Die Gefahr der Verklärung kann man in Kauf nehmen: Die Kindheit ist in diesen Bildern nicht mehr verbunden mit dem Selbstidentischen und dem unmittelbaren Erleben; sie ist nicht mehr, was sie sein könnte, sondern erscheint vor unseren Augen wie die Probezeit in einem Großraumbüro, ein ganz reeller Höllenschlund. Man sieht die Wirklichkeit der Erwachsenen, in einer denkbar kalten und blöden, aber eben infantilisierten Variante. Mit so etwas vor Augen ist die Verbindung zu einer Zeit, in der der Wald noch eine andere Bedeutung hatte, als dass man zielgerichtet durch ihn durchfahren konnte, komplett gekappt. Sonst noch was?

 

Dieser Text erschien ursprünglich im Filmmagazin ray (http://www.ray-magazin.at) anlässlich des 27. Internationalen Kinderfilmfestival Wien, 14. bis 22. November 2015
. Website: www.kinderflmfestival.at


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