von Henriette Nagel

Zum letzten Mal vereinen sich großer Zauber, viel Gefühl und jede Menge Action auf der Kinoleinwand. David Yates, der bereits bei den letzten drei Harry-Potter-Filmen Regie führte, wagt sich nun zum letzten Mal an den Drahtseilakt, die Fans der Buchreihe und die Liebhaber des Actionkinos gleichermaßen zufrieden zu stellen.

Inhalt

Harry und seine besten Freunde Ron und Hermine suchen die noch übrigen Horkruxe, Teile von Voldemorts Seele, um diese zu zerstören und die Unsterblichkeit des Dunklen Lords zu beenden. Der letzte Horkrux ist in Hogwarts versteckt, doch nicht nur Harry und seine Freunde machen sich auf den Weg zum Schloss. Auch Voldemorts Armee ist auf dem Vormarsch und die alles entscheidende Schlacht rückt immer näher.

Kritik

Um einen sorgfältigen Blick auf die letzte Harry-Potter-Adaption werfen zu können, ist ein Rückblick auf Harry Potter und die Heiligtümer des Todes 7.1 unumgänglich, da beide Filme eine Einheit bilden. Der Handlungsverlauf des ersten Teiles wirkte auf jene Kinogänger, die nicht mit den Büchern vertraut sind, einerseits zäh, andererseits spiegelt die Darstellungsweise die Stimmung des siebten Bandes eingängig wieder: die Ruhe vor dem Sturm, der lang andauernde Kampf gegen ein Phantom. Es vergehen Monate, scheinbar ohne dass Harry und seine Freunde ihrem Ziel, Lord Voldemort zu vernichten, wirklich näher kommen. Im zweiten Teil der Adaption hingegen geht alles sehr schnell. Nach nur 30 Minuten ist das spektakuläre Finale bereits in vollem Gange: Die große Schlacht um Hogwarts und um die Freiheit der magischen Welt.

Nachdem der erste Teil von einigen Kritikern sogar als "ziemlich langweilig" bezeichnet wurde, wartet der zweite Teil mit actiongeladener Endzeitstimmung und großartigen Emotionen auf. Die Spezialeffekte, die bereits in den vorangegangenen Filmen zum Einsatz kamen, werden in 7.2 zu einem eindrucksvollen Höhepunkt getrieben. Vor allem die groß angekündigten 3D-Effekte überzeugen. Beispielsweise wird Hogwarts zum Schutz gegen Voldemorts Armee mit etlichen Zaubern belegt, die sich zu einem glitzernden Schutzschild vereinen. Dadurch entsteht eine gewaltige Kuppel blauen Lichts, die schließlich von Millionen feindlichen Zaubern durchbrochen wird.

Bedauerlicherweise sind einige Effekte, so eindrucksvoll diese auf der Leinwand auch sein mögen, fehl am Platz. So löst sich Voldemorts Körper in Kleinteile auf, die gen Himmel schweben und sich wie Ascheflocken verflüchtigen. Abgesehen von Harry ist niemand anwesend, um den spektakulär in Szene gesetzten Tod Voldemorts mit anzusehen.

Darüber hinaus findet an dieser Stelle eine genaue Verkehrung zur Romanvorlage statt. Anders als im Film dargestellt, lässt J.K. Rowling Voldemort inmitten der großen Halle, umringt von Menschenmassen, einen unspektakulären Tod sterben, wobei seine Leiche anschließend schlicht aus dem Weg geräumt wird. Diese Inszenierung der Demütigung Voldemorts war für den großen Kinosaal offenbar nicht imposant genug, sodass die Filmemacher zu einer - allerdings eindrucksvollen - actiongeladenen Darbietung gegriffen haben. Genauso eindrucksvoll ist Bellatrix Lestranges Tod visualisiert, in dem ihr Körper ähnlich dem Voldemorts in tausend Bruchstücke, die in alle Richtungen davon streben, zerspringt. Gleichermaßen ergeht es der Schlange Nagini, die im Moment ihrer Enthauptung zersplittert.

Diese beeindruckenden Visualisierungen des Todes lassen den Charakteren jedoch eine Ehrung zuteil werden, derer sie nicht würdig sind. Voldemort stirbt nicht den Tod eines gewöhnlichen Menschen, was für ihn die größte Erniedrigung bedeutet hätte. Demnach wird Voldemort nicht auf seine Schwäche, sterblich zu sein, reduziert, sondern durch die Auflösung seines Körpers in seinem Ansehen, kein gewöhnliches, sondern ein einzigartiges Wesen zu sein, bestärkt.

In einer weiteren Szene stürzt sich Harry mit Voldemort zusammen vom Dach, in dem beide gemeinsam halb fliegend, halb fallend auf die Erde herab stürzen. Ihre Gesichter verzerren und verschmelzen während des Falles teilweise miteinander. Jedoch bildet diese imposante 3D-Szene einen logischen Bruch im Gesamtgeschehen, da die Bildsprache den Eindruck vermittelt, Harry und Voldemort seien noch immer miteinander verbunden. Doch der Horkrux, dessen Seelenteil Voldemort unabsichtlich auf Harry übertragen hat, ist zu diesem Zeitpunkt im Film bereits zerstört worden, sodass keine Verbindung mehr zwischen den Kontrahenten besteht. Daher wird deutlich, dass an dieser Stelle ein Effekt zum Einsatz kommt, der zwar beeindruckend veranschaulicht ist, die Gesetze der magischen Welt, wie J.K. Rowling sie erschaffen hat, jedoch völlig außer Acht lässt.

Dasselbe gilt für die Verbindung von Voldemorts und Harrys Zauberstäben während ihres letzten Duells. Die Filmemacher haben in diesem letzten Teil erneut der Tatsache keine Beachtung geschenkt, dass der "Priori Incantatem" genannte Zauber nur zwischen Harrys und Voldemorts ursprünglichen Zauberstäben entstehen kann. Der Grund besteht darin, dass die Fasern der Stäbe von dem gleichen Tierwesen stammen und dadurch Zwillinge sind. Demnach hat Regisseur David Yates zu Gunsten eines weiteren visuellen Höhepunktes einen Logikfehler in Kauf genommen, der dem einen oder anderen Kenner der Bücher sicherlich auffällt. Auch das von einer verzierten Steinschale zur fliegenden Untertasse umfunktionierte Denkarium scheint einzig der Zurschaustellung der computertechnischen Fähigkeiten der Programmierer zu dienen.

Die große Schlacht in Hogwarts wird in weiten Teilen von einer fantastischen, die Dramatik der Szenerie imposant unterstreichenden Musik untermalt. Die Kampfgeräusche gehen darin nahezu unter. Die Kamerafahrten über das Schloss vermitteln zudem den Eindruck, die Welt könne jeden Moment untergehen, während Harry, Ron und Hermine sich einen Weg durch das Schlachtgetümmel bahnen.

Derweil finden die besonders emotionalen Momente des Films meist außerhalb des eigentlichen Geschehens statt. Einer dieser gefühlvollen Höhepunkte ist die Reise in Snapes Erinnerung. Harrys Schicksal und Snapes Rolle darin werden endlich enthüllt, in dem Snapes Liebe zu Harrys Mutter und seine Verzweiflung über ihren Tod sehr überzeugend dargestellt werden. Infolgedessen erkennt Harry, dass nur sein eigener Tod den Untergang des Dunklen Lords ermöglichen kann.

Während der Lesende der Romane durch die detaillierte Beschreibung der Gedanken zu jeder Zeit einen Einblick in die Gefühlswelt des Protagonisten gewinnt, musste für die Kinoleinwand ein anderer Weg gefunden werden. Um den Zuschauenden die gleichen Emotionen miterleben zu lassen, wurde zu diesem Zweck eine im Buch nicht vorkommende Abschiedsszene zwischen Harry, Ron und Hermine eingebaut. Das Gespräch zwischen den Dreien ist notwendig, damit das Publikum Harrys Entschluss, freiwillig in den Tod zu gehen, nachvollziehen, kann. Allerdings fällt Rons und Hermines Protest hinsichtlich Harrys Opfer etwas zu spärlich aus.

Eine weitere ergreifende Szene ist die, in der Harry den Stein der Auferstehung erhält und die Menschen, die er am meisten geliebt hat, von den Toten zurückkehren. In dieser Szene werden alle Ängste Harrys und sein großes Bedauern über den Tod aller von ihm geliebten Personen auf bewegende Weise formuliert, bevor er selbst Voldemort entgegentritt, um zu sterben.

Ebenso eindrucksvoll umgesetzt ist die Schlussszene, die neunzehn Jahre später auf dem Gleis 9 3/4 spielt und der Beschreibung im Roman entspricht. Mit Hilfe von Kostümen und Make-up werden Daniel Radcliffe und seine Schauspielerkollegen von jungen Schülern zu Erwachsenen, zu Ehepartnern und liebenden Eltern ihrer Kinder verwandelt. Harry lässt seinen Kindern all die Liebe zu Teil werden, die er selbst als Kind so schmerzlich entbehren musste. Die einfühlsamen Dialoge, Gesten und Blicke in den letzten Filmminuten bringen J.K. Rowlings Schlussworte des siebten Romans wirkungsvoll zum Ausdruck: Alles war gut.

Leider wird in dieser letzten Verfilmung die Aufmerksamkeit der Zuschauenden, die nicht mit den Büchern vertraut sind, unterschätzt. Beispielsweise verliert Dumbledore seinen Heiligenstatus, durch die Enthüllungen der Reporterin Rita Kimmkorn bereits in Teil 7.1. Auf der Feier zu Bill und Fleurs Hochzeit erfährt Harry, dass Dumbledores Vater drei Muggel ermordet hat. Jedoch werden die Tathintergründe, dass diese Muggel verantwortlich dafür waren, dass Dumbledores Schwester Ariana ihren Verstand verloren hat, im Film nicht erläutert. Darüber hinaus macht Dumbledores Bruder Aberforth im 2. Teil von Harry Potter und die Heiligtümer des Todes Dumbledore für den Tod ihrer Schwester verantwortlich. Die Umstände, die zu Arianas Tod führten, bleiben jedoch erneut im Verborgenen. Demnach erhält der Zuschauende sowohl in Teil 1 als auch Teil 2 einige Hinweise darauf, dass Dumbledore kein ausnahmslos guter Mensch war, wie es den Anschein hatte, jedoch werden keine der angeführten Anschuldigungen erklärt oder gar entkräftet.

Ein aufmerksamer Zuschauender könnte das Kino dadurch mit einigen unbeantworteten Fragen verlassen, die nur durch die Lektüre der Romane beantworten werden können. Selbstverständlich kann kein so umfangreiches Werk ohne den Verlust von ausgewählten Szenen für die Leinwand produziert werden. Dennoch wäre in diesem Falle weniger mehr gewesen, denn es bleibt die Frage offen, weshalb der Drehbuchautor Steve Kloves derartige Hinweise im Film untergebracht hat, wenn er nicht vorhatte, diese anschließend zu enträtseln.

Des Weiteren spielen die Heiligtümer des Todes eine große Rolle in beiden Filmen, trotz dessen wird nicht aufgeklärt, weshalb es Harry möglich ist, ins Leben zurückzukehren, nachdem Voldemort ihn getötet hat. Der Umhang, der unsichtbar macht, wird im 2. Teil nicht mehr im Zusammenhang mit den beiden anderen Heiligtümern, dem Elderstab und dem Stein der Auferstehung, erwähnt. Dass Harry als Besitzer des Umhangs und des Steins, sowie als Herr über den Elderstab zum Gebieter des Todes wird, wird nicht erklärt. Andere Aspekte der Handlung wurden schlicht abgeändert, um unbeantwortete Fragen zu vermeiden. Zum Beispiel führt in den Büchern eine verzwickte Verkettung der Ereignisse dazu, dass Harry das Rawenclaw-Diadem, einen der Horkruxe, findet. Den entscheidenden Hinweis entdeckt der Leser bereits im sechsten Band, in dem Harry ein Buch im Raum der Wünsche versteckt und die Stelle mit einem angelaufenen Diadem kennzeichnet, von dem er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß, dass es Rowena Rawenclaws Diadem ist. Da diese Verkettung filmisch kaum umsetzbar ist, hat David Yates das Problem ideal gelöst, indem Harry im Film die Fähigkeit gegeben wurde, die Horkruxe zu hören, was ihm ermöglicht, sie aufzuspüren.

Fazit

Trotz einiger logischer Brüche können sowohl die Fans der Romane als auch die Liebhabenden des Actionkinos mit David Yates letzter Harry-Potter-Verfilmung sehr zufrieden sein. Doch so gelungen dieser abschließende Film auch sein mag, schwingt das Bedauern mit, dass Harry Potter nie wieder die Kinoleinwand erobern wird.

 

Titel: HARRY POTTER UND DIE HEILIGTÜMER DES TODES TEIL 2
Originaltitel: Harry Potter and the Deathly Hallows Part 2
Buchvorlage: Joanne K. Rowling
Genre: Fantasy
Produktionsland: UK
Produktionsjahr: 2011
Dauer: 130 Minuten
Altersfreigabe: Ab 12 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 14.07.2011
Verleih: Warner Bros.
Einspielergebnis weltweit: 1.328,1$
Regisseur: David Yates
Drehbuch: Steve Kloves
Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Daniel Radcliffe (Harry Potter), Emma Watson (Hermine Granger), Rupert Grint (Ron Weasley), Ralf Fiennes (Lord Voldemort) 
Kamera: Eduardo Serra
Schnitt: Mark Day
Produzent: David Heyman, David Barron, J.K. Rowling 

 

Erstveröffentlichung: 24.02.2012


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