von Anna Zamolska

Die Adaption des gleichnamigen Märchens von Astrid Lindgren unterscheidet sich durch den gruseligen Erzählfaden von den klassischen Lindgren-Filmen – und das nicht unbedingt in überzeugender Weise …

Inhalt

Jeden Morgen ist es dasselbe: Der kleine Bertil ist unglücklich, weil seine Eltern zur Arbeit gehen und er den ganzen Tag allein zu Hause hockt. Und jeden Morgen kommen die Eltern zu spät zur Arbeit in die Fabrik, weil sie so lang wie möglich bei ihrem Sohn bleiben wollen. Bis zu ihrer Rückkehr muss Bertil sich die Zeit vertreiben – das findet er aber langweilig und traurig. Seine einzige Abwechslung ist es, hinauf zu Tante Hulda zu gehen, einer leidenschaftlichen Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielerin. Doch das bereitet Bertil keine Freude, sodass er lieber allein unten in der Wohnung bleibt. Als er eines Morgens gelangweilt auf seinem Bett liegt, kommt plötzlich ein winziger Junge unter der Matratze hervorspaziert.


Quelle: Wild Utopia

Und als der kleine Nils Karlsson Däumling Bertil zeigt, wie er genauso klein werden kann wie er, beginnen für die beiden Tage voller Spiel, Spaß und Abenteuer. Der geschrumpfte Bertil kann nun in Nils' Wohnung mitkommen, die jener von einer Ratte gemietet hat. Dort machen sie mit abgebrannten Streichhölzern Feuer, richten das Zimmer mit Möbeln aus einer Puppenstube ein und baden in einer Zuckerdose. Die einzige falsche Note, die in dieser Spielfreude mitschwingt, ist Nils' furchtbare Angst vor seiner Vermieterin – einer großen Ratte, die droht, ihn zu zwicken, wenn er seine Miete (100 Gramm Käse) nicht bezahlen kann. Als die beiden die Ratte überlisten und sie von Tante Huldas Kater gefangen wird, haben alle Sorgen ein Ende. Bertil hat nun tagsüber einen Spielkameraden und die Eltern kommen nicht mehr zu spät zur Arbeit, weil sie von ihrem Sohn rechtzeitig hinausgescheucht werden.

Kritik

Wer das Märchen Nils Karlsson Däumling von Astrid Lindgren kennt, erwartet in dem schwedischen Film von 1990 mit dem gleichnamigen Titel eine ebenso heitere und spielreiche Handlung. Aber auch ohne die Vorlage zu kennen, kann man nicht umhin, bei diesem Film die Stirn zu runzeln – hat der Regisseur Staffan Götestam doch fast einen kleinen Gruselfilm für Kinder gedreht. Aus der Maus der Originalgeschichte, die von Ilon Wikland niedlich in Kleidchen und Schürze dargestellt wurde, ist in der Filmadaption eine große Ratte geworden, die Nils (Jonatan Lindoff) alle paar Minuten in regelrechte Angstzustände versetzt und ihn bis in den Schlaf verfolgt. Es vergeht keine Szene, in der nicht ein vor Angst gelähmter, weinender oder zitternder Nils gezeigt wird. Die furchteinflößende Ratte wird oftmals in Nahaufnahme dargestellt und ihre Präsenz von bedrohlicher Musik begleitet.

Ob die Jüngsten – der Film ist für Kinder ab fünf Jahren freigegeben – solche Szenen folgenfrei überstehen, sollte man zumindest hinterfragen. Aber nicht nur Nils wird eine Bürde aufgebunden: Bertils Alltag wird als tieftraurig dargestellt. Aus den Gesprächen mit den Eltern erfahren wir, dass Bertil (Oskar Löfkvist) früher gerne zu Hause zurückblieb, weil er die kleine Schwester Märta zum Spielen hatte, die vor einem Jahr gestorben ist. Durch seine Frage an die Eltern "Warum ist sie denn krank geworden?" und die ernsten Gespräche entsteht zu Beginn des Films eine bedrückende Stimmung, die darin gipfelt, dass Bertil das Fenster aufreißt und den verschwundenen Eltern hinterher schreit: "Kommt doch nach Haus! Ich will nicht immer allein sein!" Man könnte argumentieren, dass Götestam doch ein Recht darauf hat, den Kindern keine zuckersüße Wirklichkeit zu präsentieren; hier stellt sich jedoch die Frage, ob er in dieser realitätsnäheren Darstellung den Kindern nicht zu viel auflädt und durch Nils' Ängste nicht noch mit neuen Problemen belastet.

Dabei hat diese Verfilmung durchaus auch schöne Augenblicke zu bieten: Die Szenen, in denen die beiden Protagonisten Nils' Wohnung herrichten, möblieren und dort baden sind gut gelungen. Sie machen Spaß und regen die kindliche Fantasie an. Die Musik drückt hier die Spielfreude der Kinder aus und man bekommt zum ersten Mal das Gefühl, eine Lindgren-Adaption anzuschauen.


Quelle: Wild Utopia

Eine weitere positive Eigenheit dieser Adaption ist die schauspielerische Leistung der Kinder: Es macht Spaß zu beobachten, wie der anfangs lustlose Bertil in der Beschützerrolle des Größeren und Stärkeren aufgeht. Besonders anrührend spielt der kleine Nils, der mit seiner roten Wollmütze das niedliche Wichtelkind verkörpert. Obwohl Nils klein und hilflos ist, schafft Jonatan Lindoff das überzeugende Bild eines Jungen, der anders ist als Kinder wie Bertil – er ist ein Wichteljunge, der sonst allein im Wald unter einer Baumwurzel wohnt, und der eine erwachsenere Sprache benutzt. So ergänzen sich die beiden in ihren Rollen und schaffen unter diesem Gesichtspunkt ein harmonisches Bild im Film.


Quelle: Wild Utopia

Diese Harmonie wird jedoch immer wieder von den hysterischen Angstszenen unterbrochen, sodass man sich als junger Zuschauer nie ungehindert in die Spiele einfühlen kann, und der erwachsene Zuschauer den Gruselaspekt als permanent empfinden kann. Da man als Erwachsener nicht in dem Maß wie Kinder von diesen Szenen übermannt wird und diese mit Distanz betrachtet, kann man erkennen, wieviel Raum in diesem Film die Angst einnimmt.

Somit muss man sich bei dieser Verfilmung ernsthaft fragen, ob die Spielszenen hier nicht zu sehr von Furcht überschattet werden und sie, statt zu unterhalten und die Phantasie anzuregen, nicht eher Kinderängste schüren. In dieser Hinsicht ist diese Adaption etwas enttäuschend, was sich vermutlich darauf zurückführen lässt, dass das Drehbuch ausnahmsweise nicht von Astrid Lindgren geschrieben wurde.

Dies wäre nicht weiter auffällig, wenn der Regisseur nicht diesen neuen und merkwürdigen Erzählfaden der schon fast krankhaften Angst eingeflochten hätte, der nicht so recht zu Lindgren passt. Obwohl Astrid Lindgren selbst Grusel- und Spukgeschichten mochte, scheint dies jedoch die falsche "Art" Gruselgeschichte zu sein.

Hier wagt Götestam sich auf ganz andere Tiefen, wie auch in seiner anderen Märchen-Verfilmung Goldi, in der ähnliche Ängste thematisiert werden. Seine Adaptionen hinterlassen eher den Eindruck von "Ingmar-Bergman-Filmen für Kinder" als von Lindgren-Adaptionen, wie wir sie sonst kennen..

Fazit

Somit zähle ich diese Verfilmung zu den weniger Gelungenen unter den Lindgren-Adaptionen und halte sie nur für ältere Kinder (ab acht Jahren?) mit starken Nerven zumutbar.

 

Titel: Nils Karlsson Däumling
Originaltitel: Nils Karlsson Pyssling
Produktionsland: Schweden
Produktionsjahr: 1990
Dauer: 75 Minuten
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Erscheinungsdatum (Deutschland): 07.08.1997
Verleih: Wild Utopia
Einspielergebnis weltweit: unbekannt
Regisseur: Staffan Götestam
Drehbuch: Staffan Götestam
Buchvorlage: Astrid Lindgren
Darsteller: Jonatan Lindoff (Nils Karlsson Däumling), Oskar Löfkvist (Bertil), Britta Pettersson (Mutter), Charlie Elvegard (Vater), Ulla Sallert (Tante Hulda), Rattan Bubblan (Meister)
Kamera: Rolf Lindström
Musik: Anders Berglund, Staffan Götestam
Schnitt: Nina Vedberg
Produzent: Ingrid Dalunde, Waldemar Bergendahl

 


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