Disney Redux - Von einem kleinen Bären, der auszog, den Zeichentrickfilm zu retten

von Christian Segerer, B.A.

Wieder einmal schickt Disney seinen bärigen Helden Winnie Puuh auf eine Odyssee quer durch den Hundertmorgenwald. In seinem neuen Leinwandabenteuer muss sich der unbedarfte Stoffbär auf die große Suche machen – nach seinem plötzlich verschwundenen Freund Christopher Robin, Esel I-Aahs abhandengekommenen Schwanz, neuen Honigvorräten, und letzten Endes auch nach dem Zauber des klassischen Trickfilms in Zeiten von Computeranimation und 3D-Kino.

Inhalt

Eigentlich könnte das Leben für einen genügsamen Zeitgenossen wie Winnie Puuh recht einfach sein. Schließlich braucht es nicht mehr als einen Topf voll Honig, damit der kleine Bär mit sich und seiner Welt zufrieden ist. Doch wieder einmal war sein Appetit zu groß beziehungsweise der Honigtopf zu klein. Notgedrungen macht sich der Puuh-Bär daran, neue Vorräte zu beschaffen und trifft dabei auf den schwermütigen Esel I-Aah. Dieser ist noch angeschlagener als sonst, weil ihm unter ungeklärten Umständen sein Schwanz abhandengekommen ist. Ehrensache für Winnie und die anderen Tiere aus dem Hundertmorgenwald, ihren Freund bei der Suche nach seinem verlorenen Körperteil zu unterstützen. Als wäre damit nicht schon Aufregung genug in den sonst so beschaulichen Wald gekommen, taucht plötzlich auch noch eine mysteriöse Nachricht von Christopher Robin auf. Der kleine Junge, so die Interpretation der altklugen Eule, scheint vom furchterregenden »Balzrück« entführt worden zu sein. Mit vereinten Kräften begeben sich Winnie und die anderen Waldbewohner auf eine abenteuerliche Such- und Rettungsmission.


Kritik

Winnie der Puuh-Bär und ebenso seine Mitstreiter, sei es nun etwa der hyperaktive Tigger oder das ängstliche Ferkel, blicken auf eine beachtliche Karriere zurück. Vor über achtzig Jahren entsprangen sie der Feder des englischen Autors Alan Alexander Milne, der so die Stofftiere seines Sohnes Christopher Robin literarisch zum Leben erweckte. 1966 bannte Disney die Figuren erstmals auf Zelluloid und etablierte sie als ein Kernstück seiner gewaltigen Merchandisepalette, die bis heute dafür sorgt, dass Winnie und Co zu den weltweit bekanntesten Kinderzimmerhelden zählen.

Es mag nicht besonders überraschen, dass Disney seine Publikumslieblinge noch nicht in den Ruhestand entlassen will, wohl aber die Form ihres neuesten abendfüllenden Leinwandabenteuers. Nachdem in den letzten Jahren vor allem rein computergenerierte Clownsfische und sprechende Autos, unterstützt von möglichst ausgefeilten 3D-Effekten, für klingelnde Kassen bei Disney sorgten, wäre auch für Winnie und seine Freunde eine Modernisierungskur zu erwarten, oder besser gesagt zu befürchten, gewesen. Tatsächlich aber präsentiert man dem jungen, Junggebliebenen oder hoffnungslos nostalgischen Zuschauer einen im besten Sinne klassischen Trickfilm.

Statt auf einen offensichtlichen technischen Überbau setzt Winnie Puuh auf die Liebe zum Detail, die in jeder Einstellung des komplett durchgehend von Hand animierten Films sichtbar wird. Eng orientiert am Stil der klassischen Puuh-Verfilmungen der 60er und 70er Jahre beleben die Zeichnungen so den viel gerühmten Zauber der Disney-Filme wieder, den die meisten wohl schon verloren geglaubt hatten. Die kurzweilige und vielschichtige Erzählweise des Films ist es schließlich, die ihn über den Status eines bloßen Anachronismus erhebt, und dafür sorgt, dass »Winnie Puuh« auch bei den jungen, schon mit CGI sozialisierten Zuschauern funktionieren kann.

Der Film führt seine spleenigen, aber durchweg sympathischen und liebevoll charakterisierten Figuren, durch spannende und witzige, mit Blick auf die Hauptzielgruppe freilich nie allzu aufregend gestaltete, Abenteuer. An keiner Stelle lässt die Erzählung wirklich daran zweifeln, dass der Puuh-Bär im Zusammenhalten mit seinen Freunden auch die brenzligsten Situationen meistern kann. Der Rest erledigt sich, wenn sich die vermeintlichen Gefahren als Missverständnisse entpuppen, so etwa der gefährliche Kidnapper »Balzrück« als falsch gelesene Nachricht »Bin bald zurück!« von Christopher.


Fazit

Damit wird Winnie Puuh auch zur gelungen Unterhaltung für die jüngsten Zuschauer. Die Älteren erfreuen sich derweil am Ausflug in die eigene Zeichentrick-Vergangenheit oder am kreativen und intelligenten Spiel mit der Narration. Wenn Winnie und seine Freunde durch ihre eigene Erzählung jagen und stolpern, tun sie dieses buchstäblich – über die immer wieder eingeblendeten Buchseiten, die den Weg der Geschichte vorgeben. Spätestens, wenn der tapsige Bär Buchstaben übereinanderstapelt und so seinem heiß geliebten Honig entgegenklettert, geht dann auch dem Intertextualitätstheoretiker das Herz auf. Von einem gelungen Kinderfilm über den Wert der Freundschaft wird Winnie Puuh zu einem Loblied auf die Kraft des Trickfilms und auf die Kraft der Fantasie.


Titel: Winnie Puuh
Originaltitel: Winnie the Pooh
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2011
Dauer: 64 Minuten
Altersfreigabe: Ohne Altersbeschränkung
Erscheinungsdatum (Deutschland): 14.04.2011
Verleih: Walt Disney
Einspielergebnis: $ 33 Mio.
Regisseur: Stephen J. Anderson, Don Hall
Drehbuch: Burny Mattinson
Buchvorlage: A.A. Milne
Synchronstimme (dt.): Roland Hemmo (Erzähler), Michael Rüth (Winnie Puuh), Tilo Schmitz (I-Aah), Santiago Ziesmer (Ferkel), Cedric Eich (Christopher Robin)
Kamera: Julio Macat
Musik: Henry Jackman
Schnitt: Lisa Lindner
Produzent: John Lasseter, Peter Del Vecho, Clark Spencer

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