Das Pferd auf dem Balkon (Hüseyin Tabak, 2012)

von Tina Wonscherowsky

"In dem Gewinnerdrehbuch geht es um eine besondere Freundschaft und einen ganz besonderen Protagonisten, der es nicht immer leicht hat. Aber ihm gelingen trotzdem tolle Dinge und er erlebt ein spannendes und verrücktes Abenteuer, was uns begeistert hat. Eine schöne und emotionale Geschichte." Mit dieser Begründung erhielt Das Pferd auf dem Balkon von einer Kinderjury den Kindertigerpreis für das beste Drehbuch 2014. Der Stadtabenteuerfilm um einen Jungen mit Asperger-Syndrom besticht mit seiner Themenvielfalt, die Kinder auf Augenhöhe anspricht. Dabei schreckt Regisseur Hüseyin Tabak auch nicht vor der sensiblen Thematik des Andersseins zurück.

Inhalt

Mika ist zehn Jahre alt und lebt in Wien. Er mag keine Witze, hasst Lügen und Freunde hat er auch nicht. Wenn das Abendessen nicht Punkt 19:17 Uhr auf dem Tisch steht, wird er wütend. Allein die Vorstellung, dass die blubbernde Tomatensoße wie ein Lavastrom auf die Nudeln trifft, macht ihn schon verrückt. Mika hat das Asperger-Syndrom, eine leichte Form von Autismus. Andere finden ihn seltsam, nur das neue Nachbarsmädchen Dana nicht. Bis auf seine Vorliebe für Mathematik, die findet auch sie komisch.

Eines Nachts entdeckt Mika auf dem gegenüberliegenden Nachbarsbalkon ein Pferd namens Bucephalus. Schnell baut er eine Beziehung zu dem Tier auf. Doch der Besitzer Sascha, ein spielsüchtiger Mathematiker, kann sich Bucephalus, den er in einer Tombola gewonnen hat, nicht leisten. Wegen seiner Schulden sind bereits zwei gemeine Gauner hinter ihm her. Mika merkt schnell, dass er Sascha finanziell aus der Patsche helfen muss, wenn er Bucephalus vor dem Schlachthof retten will. Dank seiner mathematischen Begabung schafft er es, zusammen mit Dana und der alten Dame Heidi von nebenan in einem Casino genug Geld zu gewinnen, um alle Geldprobleme zu lösen. Doch plötzlich ist Bucephalus verschwunden. Um seinen tierischen Freund wiederzufinden, macht sich Mika auf eine abenteuerliche Reise.

Kritik

Der Kinderfilm Ein Pferd auf dem Balkon ist eine Adaption von Milo Dors gleichnamigem Kinderbuch von 1971. Während das Buch den spielsüchtigen Mathematiker Sascha und sein Pferd in den Mittelpunkt der Handlung stellt, schafft Drehbuchautor Milan Dor, Sohn des Schriftstellers, mit Mika eine neue zentrale Figur. Somit werden Kinder nicht nur über thematische Bezüge zu ihrer eigenen Lebenswelt angesprochen, sondern finden in den jungen Darstellern zusätzliche Identifikationsmöglichkeiten.

"Manchmal fühle ich mich so, als wäre ich von einem anderen Stern. [...] Man sagt, ich sei anders, aber ist nicht jeder Mensch anders als alle anderen? Da ist es doch egal, ob ein paar Menschen ein bisschen mehr anders sind. Oder?" Mit diesem Monolog eröffnet Mika, aus dessen Perspektive der Film erzählt wird, das Hauptthema des Kinderfilms: Anderssein. Diese Eigenschaft verkörpern alle vorkommenden Figuren. Bucephalus lebt als verbrauchtes Rennpferd in der Großstadt. Lara, Mikas Mutter, ist alleinerziehend und manchmal mit ihrem Sohn überfordert. Heidi, die nette alte Dame von nebenan, die eine Ersatzoma für Mika darstellt, war einmal eine Tänzerin, an die sich heute niemand mehr erinnert. Eine eigene Familie hat sie nicht. Und Sascha lebt nach seiner Ehe nun allein und zurückgezogen auf der Flucht vor den Gaunern. Selbst Dana sticht mir ihrer Vorstellung, sie sei eine indische Prinzessin, Tochter eines Maharadschas, aus der Masse hervor. Und Mika ist eben ein bisschen mehr anders. Er hat das Asperger-Syndrom.

Dass Filme und Fernsehserien die Asperger-Thematik aufgreifen, ist zwar nicht neu – Beispiele sind unter anderem Im Weltraum gibt es keine Gefühle (Andreas Öhmann, 2010) oder Parenthood (2010-2015) – aber wichtig für die Sensibilisierung der Gesellschaft sind sie allemal. Das Pferd auf dem Balkon macht seine Zuschauer auf ungewöhnliche Weise mit der Hauptfigur bekannt: Anfangs wird man ins kalte Wasser geworfen. Einführende Szenen, in denen Mika seine Eigenarten auslebt, geben dem Zuschauer die Möglichkeit, sich ein unvoreingenommenes Bild von ihm zu machen. Erst nach einer viertel Stunde gibt er preis, dass er unter dem Asperger-Syndrom leidet. Während andere Schulkinder Mika in den Szenen zuvor nicht akzeptieren, werden die Zuschauer nun mit der neutralen Reaktion des erwachsenen Sascha und der gleichaltrigen Dana konfrontiert, die Mikas Asperger nicht problematisieren und damit auch den Filmzuschauern eine unvoreingenommene Interpretation von Mikas Verhaltensweisen nahelegen.

Ins Auge fällt die herausragende Umsetzung und Darstellung der Asperger-Thematik, insbesondere durch die schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers Enzo Gaier: "Ich verstehe keine Witze, ich mag keine Witze", sagt sein Mika. Asperger-Patienten legen jedes Wort auf die Goldwaage und können Ironie, rhetorische Fragen und auch Witze nicht verstehen. Diese und andere Charakteristika dieser Entwicklungsstörung verkörpert Gaier authentisch. Sein Mika verfügt über begrenzte Mimik und Gestik, vermeidet Blickkontakt, hat einen starren Blick und spricht mit einer ruckartigen, ungewöhnlichen Sprechgeschwindigkeit. Neben Milan Dor für das beste Drehbuch gewann Gaier dementsprechend für seine Rolle den Goldenen Spatzen 2013.

Doch neben den Schwächen hebt der Kinderfilm insbesondere die Stärken von Kindern mit Asperger hervor. Mika setzt seine außergewöhnliche Begabung für Mathematik für die Beschaffung des Geldes im Casino ein. Auch seine hohe Wahrnehmungsfähigkeit und sein fotografisches Gedächtnis helfen ihm dabei, Bucephalus wieder zu finden.

Im Verlauf der Geschichte jedoch schleichen sich einige Brüche in die kontinuierliche Darstellung des Asperger-Syndroms ein. So reagiert der sonst so gefühlslose Mika ungewöhnlich emotional auf die Rückkehr von Heidi aus dem Krankenhaus und die Störung seiner typischen, festen Rituale und Tagesabläufe, die ihm Sicherheit geben, werden im abenteuerlichen Treiben immer weniger von ihm beanstandet. Dies lässt sich jedoch auch auf die Entwicklung Mikas zurückführen: Zwar ist Asperger angeboren und unheilbar, doch durch seine neuen Freunde wie Dana und Sascha, die Mika so akzeptieren, wie er ist, und die Pferdetherapie mit Bucephalus verbessert sich die soziale Kompetenz des Jungen zusehends. Im Rahmen der dichterischen Freiheiten, die sich ein Kinderspielfilm nehmen kann, ist Mikas Entwicklung deshalb nachvollziehbar.

Auch audiovisuell wird das Asperger-Syndrom in Das Pferd auf dem Balkon auf besondere Weise umgesetzt, um die Gedanken und die Wahrnehmungswelt von Mika für die Zuschauer greifbarer zu gestalten. So entdeckt man spielerisch im Rahmen von zeitweise intern fokalisierten Szenen Mikas Welt aus seiner Perspektive, mit schiefen Fußballfeldern, deren Ecken rechtwinklig ausgerichtet gehören, oder vorgestellten Sternenbilder an der Zimmerdecke, die durch kurze Animationen verdeutlicht werden. Oft illustrieren kurze Traumsequenzen Mikas Vorstellungswelten, wenn er eine Aussage wortwörtlich nimmt, etwa Danas Behauptung, sie sei eine indische Prinzessin. Ist Mika mit einer Situation überfordert, wird seine sensorische Überempfindlichkeit durch verschwommene Bilder und verzerrte und viel zu laute Geräusche widergespiegelt.

Mit derlei Stilmitteln verdeutlicht Regisseur Hüseyin Tabak immer wieder die Schwierigkeiten des Alltagslebens mit Asperger. Die Abenteuer in Das Pferd auf dem Balkon kann auch Mika nur mit Unterstützung bestehen. Freundschaft erfährt eine besondere Bedeutung. Dabei werden die Nachbarn Heidi, Sascha und Dana sogar zu einer Ersatzfamilie für Mika. Insbesondere Dana ist eine wichtige Bezugsperson. Soziale Kontakte sind für Mika nicht leicht aufzubauen, insbesondere zu Gleichaltrigen. Doch Dana ist immer zur Stelle und erweist sich als sehr gute Freundin, die ihn in allen Situationen, auch den gefährlichen unterstützt. Das Roma-Mädchen wird heldenhaft eingeführt, ist stets mutig und sehr selbstbewusst. Dana bietet somit auch für Mädchen eine starke, weibliche Identifikationsfigur im Film.

Fazit

Freundschaft, Mut und Abenteuer treiben die Geschichte über Das Pferd auf dem Balkon an, ohne dass das Hauptthema der Andersartigkeit dem Zuschauer dabei aufgedrängt wird. Mit Kindern als Helden und weiteren skurrilen Charakteren, die als Identifikationsfiguren dienen, sowie mit vielen Szenen, die durch witzige Situationen aufgelockert werden, entspricht Das Pferd auf dem Balkon den Wünschen und Interessen von Kindern und Eltern an einem Kinderfilm. Tabaks Film greift viele ernste Themen auf, etwa das Leben eines Rennpferdes, Autismus oder Spielsucht, und regt sein Publikum dadurch zu weiterem Nachdenken und Hinterfragen an. Aufgrund des österreichischen Dialekts sind einige Szenen für Kinder eventuell schwerer zu verstehen. Dieser Film für die ganze Familie wird insbesondere für Grundschulkinder ab 8 Jahren empfohlen.

Titel: Das Pferd auf dem Balkon
Genre: Abenteuer, Tierfilm
Produktionsland: Österreich
Produktionsjahr: 2012
Dauer: 93 Minuten
Altersfreigabe: Ohne Altersbechränkung
Erscheinungsdatum (Deutschland): 19.09.2013
Verleih: Neue Visionen
Kinobesucher: n.b.
Regisseur: Hüseyin Tabak
Drehbuch: Milan Dor
Buchvorlage: Milo Dor: Das Pferd auf dem Balkon
Musik: Judit Varga
Kamera: Peter von Haller
Schnitt: Fabian Rüdisser
Produzent: Katja Dor-Helmer
Schauspieler: Enzo Gaier (Mika), Natasa Paunovic (Dana), Andreas Kiendl (Sascha), Nora Tschirner (Lara), Bibiana Zeller (Hedi)

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