von Melanie Joannidis

Der Zeichentrickfilm Das letzte Einhorn aus den 80er Jahren ist ein Klassiker in der Geschichte des Kinderfilms. Dass der Film noch heute gerne gesehen wird, liegt nicht nur an der nostalgisch anmutenden Anime-Bebilderung der Fantasiegeschichte um ein Einhorn auf der Suche nach seinen verschollenen Artgenossen. Unvergesslich bleiben auch die in die Handlung verwobenen Titelmelodien der US-Band "America".


Inhalt

Ein Einhorn macht sich auf die Suche nach seinen Artgenossen. Als es erfährt, dass diese von König Haggard mit Hilfe eines roten Stiers festgehalten werden, entschließt es sich, sie zu befreien.

Auf seiner Reise begegnet das Einhorn dem Zauberer Schmendrick und der Räuberbraut Molly Grue, die sich als Freunde und Helfer anbieten. Um König Haggard auszuspionieren, ohne dass dieser von der Anwesenheit eines Einhorns in seiner Nähe erfährt, verwandelt Schmendrick es in eine menschliche Frau. Unter dem Namen "Lady Amalthea" gelangt das letzte Einhorn zusammen mit seinen Freunden ins Innere des Schlosses. König Haggard ahnt nichts von dem Verrat und lässt die Freunde gewähren.

In Haggards Schloss entwickelt Lady Amalthea menschliche Gefühle und verliebt sich in Prinz Lír, den Sohn des Königs. Währenddessen ahnt Haggard, der besessen ist von der Vorstellung, alle Einhörner der Welt zu besitzen, dass Lady Amalthea das letzte Einhorn ist. Er hetzt den roten Stier auf sie und ihre Freunde, die aus Haggards Schloss fliehen. Auf der Flucht folgt ihnen Lír, der Lady Amalthea nicht verlieren will. Schmendrick verwandelt Lady Amalthea in ein Einhorn zurück und Lír opfert sein Leben für sie, um sie vor dem roten Stier zu retten. Das letzte Einhorn ist über Lírs Tod so erzürnt, dass es den roten Stier vertreibt und die anderen Einhörner aus den Tiefen des Meeres, in denen sie festgehalten wurden, befreien kann.

Die befreiten Einhörner zerstören das Schloss von König Haggard, der mit dem zusammenbrechenden Mauerwerk im Meer untergeht. Danach wird Lír von dem letzten Einhorn zurück ins Leben gerufen. Während Schmendrick und Molly als Paar zusammenbleiben, muss sich das Einhorn von Lír trennen. Erfüllt von Freude und Trauer zugleich kehrt es zurück in seinen Wald.

Screenshot "Das letzte Einhorn", Verleih: ConcordeVerleih: Concorde

Kritik

Die Idee für den Film holten sich die Filmemacher Jules Bass und Arthur Rankin Jr. aus einer Erzählung von Peter S. Beagle. Dass es sich demnach um eine Literaturverfilmung handelt, ist weitestgehend unbekannt. Aber auch Beagle erfand die symbolträchtige Figur des Einhorns nicht neu, sondern bediente sich aus vergangenen Erzählungen. Im Mittelalter war das Einhorn dem Glauben nach ein pferdeähnliches Wesen, dem aufgrund seiner Unsterblichkeit viele positive Eigenschaften zugesprochen wurden. Im Film wird dieser uralte Glaube mittels handgemalter Zeichnungen originell umgesetzt. Das Einhorn eröffnet in seiner grazilen, schneeweißen Erscheinung mit wallender Mähne schon optisch eine riesige Projektionsfläche für die Träume und Sehnsüchte von Kindern. Der Vorspann ahmt mittelalterliche Kupferstiche nach; ebenso findet sich die Zeichnung eines Einhorns von Albertus Magnus (1545) mit dem Titel "De Animalibus" auf den Wänden des Schlosses von König Haggard wieder. Indem sie das Mittelalter noch einmal aufleben lassen, wirken die handgemalten und bewegten Bilder nostalgisch. Verschiedene Märchenelemente wie die Figur der alten hutzeligen Hexe, des jungen Zauberlehrlings, oder der verschrobenen Räuberbraut sind aber an den japanischen Anime angelehnt und gewinnen völlig neue Züge.

Neben der bildtechnischen Umsetzung sticht die Erzählhaltung des Films hervor. Diese weist viele Elemente eines Entwicklungsromans auf: sowohl Einhorn als auch Zauberer beginnen ihre Reise "unvollständig": Das Einhorn ist nicht fähig Mitleid zu empfinden, Schmendrick beherrscht das Zaubern nur schlecht. Nach einem Entwicklungsprozess, der in mehreren Stationen abläuft, haben beide dazugelernt: Schmendrick ist ein Zauberer geworden, der die wahre Magie beherrschen kann, das Einhorn ist in der Lage, Mitleid zu empfinden. Dies kann als ein Selbstfindungsprozess verstanden werden, wie er auch in Entwicklungsromanen vorzufinden ist.

Die verschiedenen Stationen dieses Selbstfindungsprozesses werden auch von den Titelsongs der US-Band "America" begleitet. Die Lieder wurden eigens für den Film komponiert und auf die Handlung abgestimmt. Während das Einhorn beispielsweise seine Reise zu König Haggard antritt, wird z.B. der Song "Walking Man’s Road" als Teil der Handlung eingespielt. Damit wird der Weg der Menschen, der sinnbildlich vor dem Einhorn liegt, auch akustisch als solcher gekennzeichnet. Die enge Beziehung zwischen der Bild- und Tonebene ist als eine der großen Stärken des Films hervorzuheben. Nicht zuletzt die Titelmelodie „The Last Unicorn“, bildet einen Rahmen um die gesamte Handlung: Im Vorspann wird das Einhorn durch den Songtext "I’m alive" als lebendiges und reales Wesen vorgestellt, im Abspann wird dies wiederholt und damit schließt sich der Kreis. Die Titelmelodie wurde schließlich ein bekanntes Wiedererkennungsmerkmal für den Film.

Trotz der Bezüge zur Erzähltradition des Mittelalters ist die US-japanische Produktion aber frei von gängigen Klischees. Ein happy end, wie man es aus den Märchen der Gebrüder Grimm gewohnt ist, gibt es nicht; die Liebe des Prinzen und des Einhorns bleibt unerfüllt. Dies ist das Opfer, das das letzte Einhorn erbringen muss, um die eigene Art zu erhalten. Statt also ein romantisches Klischee zu bedienen, liegt der Fokus des Films eher auf der Verherrlichung einer fantastischen Illusion. In der Figur des Einhorns siegt gleichsam die Unsterblichkeit über das Leben. Dies vermittelt Kindern die Botschaft, es sei wichtig, sich seine eigene Fantasie zu erhalten.

 

Screenshot "Das letzte Einhorn", Verleih: ConcordeVerleih: Concorde

Fazit

Genauso unvergänglich wie die Titelfigur des Films ist auch das Interesse der deutschen Fernsehzuschauer geblieben. Das letzte Einhorn wird fast jährlich zu Hauptsendezeiten ausgestrahlt. Auch nach fast dreißig Jahren scheint der Film nichts von seiner Beliebtheit eingebüßt zu haben. Das liegt nicht nur an der märchenhaft zeitlosen Fantasiewelt, die in Form handgemalter Bilder zum Leben erweckt wird. Es ist wohl auch das Zusammenspiel vieler kleiner Details, die den Film nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene sehenswert machen. Um den Film auch als älterer Mensch zu mögen, muss man allerdings in der Lage sein, sich an die Fantasie der Kindheit zurückzuerinnern.

 

Titel: Das letzte Einhorn
Originaltitel: The Last Unicorn
Altersfreigabe: Ab 6 Jahren
Produktionsland: USA, GB, Japan, Deutschland
Produktionsjahr: 1982
Dauer: 92 Minuten
Erscheinungsdatum (Deutschland): 2.10.1983
Verleih: Concorde
Einspielergebnis: unbekannt
Regisseur: Jules Bass, Arthur Rankin Jr.
Drehbuch: Peter S. Beagle
Buchvorlage: Peter S. Beagle, The Last Unicorn
Synchronsprecher (englisch / deutsch): Mia Farrow / Traudel Haas (Einhorn/Amalthea), Alan Arkin / Torsten Sense (Zauberer Schmendrick), Tammy Grimes / Barbara Ratthey (Molly Grue), Christopher Lee (König Haggard), Jeff Bridges / Joachim Tennstedt (Prinz Lír), Robert Klein / Frank Zander (Schmetterling)
Kamera: Tōru Hara
Musik: Jimmy Webb, America
Schnitt: Tomoko Kida
Produzent: Rankin/Bass Productions, ITC

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