von Philipp Schmerheim

Mit Vaiana wagen die Disney Studios einen souverän erzählten Ausflug in die polynesische Mythologie und erweitern damit ihren bisher weitgehend auf abendländische Stoffe verpflichteten Erzählkosmos. Die Häuptlingstochter ergänzt zudem das Prinzessinnen-Universum des Konzerns um eine starke Frauenfigur, die ausnahmsweise ohne das ansonsten obligatorische romantische Techtelmechtel mit einer männlichen Retterfigur auskommt.

Inhalt

Die Häuptlingstochter Vaiana wächst behütet auf der paradiesisch anmutenden Insel Motunui mitten im Pazifik auf, die ihre Bewohner mit allem versorgt, was man zum Leben braucht. Von ihrem Vater Tui wird das Mädchen auf ihre zukünftige Rolle als Stammesoberhaupt vorbereitet. Von klein auf ist sie vom Meer fasziniert, doch die Bewohner von Motunui wagen sich schon seit Generationen nicht mehr über die Grenzen der Lagune hinaus.

Als die Fischernetze immer leerer werden und auch die Pflanzen an Land absterben, gerät die Versorgung der Inselbewohner in Gefahr. Von ihrer Großmutter erfährt Vaiana nun ein wohl gehütetes Geheimnis: Ihre Vorfahren waren einst Entdecker, die alle Inseln im Pazifik besiedelten. Als jedoch der gestaltenwandlerische Halbgott Maui das lebensspendende Herz der Inselgöttin Te Fiti stahl, um es den Menschen zu schenken, es beim darauffolgenden Kampf gegen den Vulkangott Te Ka wieder verlor, machten Monster die Meere unsicher, woraufhin Vaianas Vorfahren die immer gefährlicher werdenden Entdeckungsreisen einstellten.

Kurz darauf stirbt Vaianas Großmutter, überreicht dem Mädchen aber zuvor das Herz von Te Fiti, das Vaiana – ohne es zu ahnen – bereits als kleines Mädchen gefunden hatte. Entschlossen, ihre Insel zu retten, fährt die Häuptlingstochter gegen den Willen ihres Vaters mit einem in einer geheimen Höhle verborgenen Floß auf das offene Meer hinaus, um Maui zu finden und mit ihm zusammen Te Fiti ihr Herz zurückzugeben. Begleitet wird sie von ihrem tierischen Freund Heihei, ein buchstäblich dummes Huhn, das sich beständig gackernd in gefährliche Situationen bringt.

Der seit 1000 Jahren auf einer verlassenen Insel gestrandete Halbgott entpuppt sich jedoch als selbstverliebter Schnösel, der sich nur widerwillig auf die Rettungsmission einlässt. Bevor sie die Insel Te Fitis ansteuern können, müssen Maui und Vaiana verschiedene Abenteuer überstehen: So werden sie von gefährlichen Kokosnusspiraten verfolgt und dringen in die Schatzkammer einer Riesenkrabbe ein, um dort Mauis magischen Haken zurückzuerobern, mit dem er in der Lage ist, seine Gestalt zu ändern. Parallel dazu entwickelt sich zwischen der Häuptlingstochter und dem Halbgott eine Freundschaft, in der beide voneinander lernen.
Vor Te Fitis Insel kommt es schließlich zu einem Showdown mit dem (für Kinder im Vorschulalter eventuell zu bedrohlich inszenierten) Vulkangott Te Ka, dem sich Maui einst geschlagen geben musste. Vaiana muss sich nun der Herausforderung stellen, Te Ka zu überwinden, um Te Fiti ihr Herz zurückzugeben und den Fluch über die Inselwelt zu brechen.

Kritik

Nach Lilo & Stitch (2002) ist Vaiana der zweite thematisch im polynesischen Kulturraum verwurzelte Disney-Animationsfilm. Damit setzt der Konzern die bereits bei Aladdin (1992), Pocahontas (1995), Mulan (1998), Küss den Frosch (2009) und Baymax (2015) erkennbare Tendenz fort, zunehmend auch nicht aus dem traditionellen abendländischen Erzählfundus schöpfenden Geschichten zu auf die Leinwand zu bringen oder diese zumindest mit ethnisch gemischten Figuren zu besetzen.

Der Bezug zur polynesischen Kultur ist dabei kein bloßes Marketingvehikel: Regie führten zwar die aus dem Mittleren Westen stammenden US-Veteranen Ron Clements und John Musker, die zusammen bereits Basil, der große Mäusedetektiv (1986), Aladdin oder Küss den Frosch gedreht haben; sie haben die Geschichte aber in enger Zusammenarbeit mit Drehbuchberatern mit polynesischen Wurzeln entwickelt und den Film fast ausschließlich mit ebensolchen Schauspielern besetzt, darunter (im englischen Original) Nicole Scherzinger, Dwayne "The Rock" Johnson sowie Shooting Star Auli’i Cravalho als Stimme von Vaiana.

Die gewollte Ausweitung der Erzählzone wird auch narratoästhetisch markiert: Ähnlich früheren Märchenfilmen wie Schneewittchen (1937), Cinderella (1950), Die Schöne und das Biest (1991) und Rapunzel – Neu verföhnt (2010) eröffnet ein auktorial erzählter Prolog den Film, in dem die Vor- bzw. Hintergrundgeschichte dargelegt wird. Öffnet sich hierbei in Schneewittchen und Cinderella noch ein Märchenbuch, während in Die Schöne und das Biest die Einzelbilder auf Glasfenstern dargestellt werden, entpuppt sich der Prolog in Vaiana als den Inselkindern erzählte Unterrichtsstunde der Großmutter, die ihre Geschichte von der Erschaffung der Insel und dem Raub des Herzens zum Besten gibt und mit Stoffvorhängen unterstützt, auf denen in der polynesischen Zeichentradition gestaltete Bilder die Ereignisse nacherzählen.

Zeitgemäß ist in Vaiana auch die Protagonistin: Die Häuptlingstochter, die metafiktional-selbstreflexiv betont, keine Prinzessin zu sein, ist eine eigenständige und starke weibliche Figur, der anders als in den meisten Disney-Filmen statt eines männlichen Liebeskandidaten mit Maui eine charakterlich defizitäre Mentorenfigur beiseite gestellt wird, die erst durch Vaiana lernt, was wahre Stärke bedeutet. Untermauert wird das selbstreflexive Spiel des Films mit den eigenen überkommenen Erzählmustern durch wiederholte ironisch-metafiktionale Dialoge. So sagt Maui zu Vaiana, als er sie auf der verlassenen Insel kennenlernt: "If you wear a dress and you have an animal sidekick, you're a princess". (Eine weitere Dialogperle verknüpft die urmythische Welt von Vaiana mit unserem heutigen digitalen Purgatorium: "When you use a bird to write it, it's called tweeting".)

So sehr der Film mit Disney'schen Erzähltraditionen spielt, bricht er sie letztendlich nicht: Mit Heihei sowie einem Minischwein und einer Mini-Meeresschildkröte stehen Vaiana tierische Sidekicks zur Seite, die zudem als comic relief dienen; Heimat, Familie, Freundschaft und Bewährung in fremder Umgebung sind auch in Vaiana dominante Motive, und wie fast jeder Disney-Animationsfilm seit den Silly Symphonies der 1920er und 1930er Jahre integriert der Film ausführliche Musical-Sequenzen (auch wenn der Musical-Zwang wiederum selbstironisch kommentiert wird: "If you start singing, I'll start throwing up").

Überhaupt, die Songs: Geschrieben wurden sie von Opetaia Foa'i und Lin-Manuel Miranda, der kurz vor Kinostart mit dem von ihm geschriebenen Musical Hamilton weltweit bekannt wurde. Die Lieder haben eine erkennbare narrative Funktion: So etablieren sie im ersten Akt das Motiv der Heimat als sich selbst genügendes Paradies, markiert durch Dialogzeilen wie "The village of Motunui is all you need" oder "You must find happiness right where you are"; später markieren sie die Entwicklung Vaianas von einem jungen Mädchen zu einer ihrer Fähigkeiten gewissen, mutigen jungen Frau. Der von Miranda geschriebene Titelsong "How Far I'll Go" wurde für einen Oscar nominiert und machte die gerade einmal 15-jährige Hawaiianerin Auli'i Cravalho, die Vaiana spricht und singt, zum Hollywood-Shootingstar. (In der deutschen Synchronfassung ist die "Tina"-Darstellerin Lina Larissa Strahl aus Bibi & Tina zu hören; die Lieder werden von Debby van Dooren gesungen.)

Die Gesangseinlagen erinnern musikalisch, inhaltlich wie inszenatorisch deutlich an Frozen (2015): Sie intonieren den inneren Konflikt der Protagonistin, die zwischen Abenteuerlust auf die große weite Welt und der familiär bzw. gesellschaftlich verschriebenen Verpflichtung auf einen zwar heimeligen, aber eingeschränkten Lebensraum hin und her gerissen ist. Damit variiert Disney wieder eines der Grundthemen des Hollywood-Familienkinos, seit Judy Garlands Dorothy Gale 1939 in The Wizard of Oz "There's no place like home" murmelnd aus ihren (geträumten?) Abenteuern im Zauberland Oz aufwacht und die patriarchalische Weisheit anerkennt, dass es zu Hause immer noch am schönsten sei. Auch Vaiana realisiert letztendlich, wie schön es doch in ihrer Heimatwelt ist, in die sie ungleich selbstbestimmter zurückkehrt als noch ihre Vorgängerinnen.

Ästhetisch ist Vaiana ein Genuss – selbst wenn die liebevoll ausgestattete Blu-ray-Edition gegenüber dem 3D-Kinoerlebnis zurückstecken muss. Beeindruckend sind vor allem die lebensechten und filmästhetisch geschickt inszenierten Wasser- und Haaranimationen, die gemeinhin auch als Gradmesser für den Stand der Animationstechnik dienen. Die Blu-ray-Edition enthält eine Reihe von hochwertig produzierten Hintergrundvideos, die u.a. nähere Informationen über den Entstehungsprozess, die Musik des Films und die Bezüge zur polynesischen Kultur des Films geben.

Fazit

Mit Vaiana sind die Disney-Studios endgültig im globalisierten 21. Jahrhundert angekommen: Im Rahmen der bewährt-vertrauten Erzählstrategien greift das Insel-Märchen auf nicht-westliche Erzählstoffe zurück, verzichtet auf den ansonsten obligatorischen romantischen Erzählstrang. Damit reiht sich Vaiana in die wachsende Riege weiblicher Disney-Heldinnen ein, die nicht mehr dem traditionellen Prinzessinnen-Bild entsprechen wollen. Nicht zuletzt deshalb ist der Film für alle Kinder ab dem Grundschulalter ebenso zu empfehlen wie für Erwachsene.

Titel: Vaiana – Das Paradies hat einen Haken
Originaltitel: Moana
Genre: Abenteuerfilm, Animation, Musical
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2016
Dauer: 107 Minuten
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Erscheinungsdatum (Deutschland): 22.12.2016
Verleih: Disney
Einspielergebnis weltweit: 640 Mio. US-$ (Stand: Mai 2017)
Regisseur: Ron Clements, John Musker
Drehbuch: Jared Bush
Musik: Opetaia Foa'i, Lin-Manuel Miranda / Mark Mancina
Sprecher: Auli’i Cravalho/Lina Larissa Strahl und Debby van Dooren (Vaiana/Moana), Dwayne Johnson / Andreas Bourani (Maui), Temuera Morrison / Thomas Nero Wolff und Thomas Amper (Tui), Nicole Scherzinger / Maud Ackermann und Ricarda Kinnen (Sina), Jemaine Clement / Tommy Morgenstern (Tamatoa), Alan Tudyk (Heihei), Rachel House / Marion Martienzen (Gramma Tala)
Schnitt: Jeff Drahrim
Produzent: Osnat Shurer
Empfohlen ab sechs Jahren

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