von Veronika Funken

In ihren Kinderbüchern über das fiktive 'Bullerbü' schrieb Astrid Lindgren über die Kindheit und die ländliche Idylle im Schweden des beginnenden 20. Jahrhunderts. Mit der 13-teiligen Fernsehserie Die Kinder von Bullerbü aus dem Jahr 1960 gelang es Olle Hellbom, den einzigartigen Charme von Lindgrens Kinderbuchklassiker in bewegte Bilder zu übersetzen.

Inhalt

Die Kinder aus Bullerbü sind schnell aufgezählt, denn das Örtchen besteht nur aus drei Höfen. Auf dem Nordhof wohnen Anna und Britta, auf dem Südhof leben Lisa, Lasse und Bosse und auf dem Mittelhof sind Olle und seine kleine Schwester Kerstin zuhause. Eigentlich ist der Alltag nicht sehr aufregend. Es gibt Tage, "da ist einfach nichts Besonderes los". Dennoch haben die Erzähler Lisa und Olle stets etwas zu erzählen, etwa vom Schlittschuhlaufen im Winter oder von ihren phantasievollen Spielen auf dem Heuboden im Sommer. So nehmen uns die Kinder mit auf eine Reise durch die Jahreszeiten und Festlichkeiten im ländlichen Schweden in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Kritik

Da Astrid Lindgren selbst die Drehbücher zur TV-Adaption ihrer Kinderbuchreihe verfasst hat, ist es kaum verwunderlich, dass die Serienfolgen nichts von der Kindheitsidylle vermissen lassen, die die Bücher der Autorin über Bullerbü so zeitlos beliebt machen. Es handelt sich um kleine Geschichten, die im Grunde unspektakuläre Erlebnisse aus dem Alltag der Kinder erzählen. So berichtet Lindgren etwa von den Bräuchen zum Mittsommernachtsfest, von Streichen am 1. April oder davon, welchen Stellenwert das Weihnachtsfest für die Familien auf Bullerbü hat. Regisseur Olle Hellbom ist es gelungen, diese aus der Kinderperspektive geschilderten Anekdoten in ein Serienformat zu bringen und dabei die Ruhe und Beschaulichkeit der Vorlage durch eine unaufgeregte Bildsprache und sehr langen Einstellungen auszudrücken. Jede Folge erzählt eine eigene Geschichte und zu Beginn jeder einzelnen Episode stellen die Sprecher Lisa und Olle sich und die anderen ausführlich vor, so dass es eigentlich keine Rolle spielt, in welcher Reihenfolge man sich die Folgen ansieht.

Die Musik kommt vom schwedischen Komponisten und Saxophonisten Charles Redland, der auch den Kalle Blomquist-Film von 1967 vertonen durfte. Um die Hintergrundgeräusche der Natur (das Zwitschern der Vögel, das Rauschen der Bäche, das Knistern des Strohs…) hervorzuheben wird die Musik – abgesehen von der Anfangs- und Schlussmelodie - dezent eingesetzt. Nur an den wenigen Stellen, wenn es ein bisschen spannend wird, etwa bei spielerischen Verfolgungsjagden der Kinder untereinander, tritt die Musik verstärkend in den Vordergrund.

Die Serie verzichtet weitgehend auf innerdiegetische Dialoge; stattdessen spinnen die auktorialen Erzählstimmen aus dem Off, Lisa und Olle, einen erzählenden Dialog. Sie erzählen von bestimmten Tagen oder Wochen in ihrem Leben (Sommerferien, Weihnachten, Mittsommernacht,…) und übernehmen es im Zweifel auch, die Stimmen der anderen zu ersetzen.

Die Geschehnisse in den Erzählungen spielen beinahe ausschließlich in der Kinderwelt - das gilt bereits für die Buchvorlage. Dass Erwachsene nur eine marginale Rolle im Alltag der Kinder spielen, unterstreicht die Fernsehadaption durch ihre Bildsprache: So bekommt man die Eltern der Kinder entweder nur mit dem Rücken zur Kamera (etwa bei Szenen, in denen alle an einem Tisch sitzen) oder schemenhaft aus der Ferne zu sehen. Es geht um die Kinder, um ihre Welt, ihre Geschichten, ihre Perspektive. Den Erwachsenen wird auch nur dann eine Stimme verliehen, wenn sie unmittelbar am Leben der Kinder beteiligt sind - etwa die Lehrerin, als sie mit Humor auf den tierischen Unterrichtsbesuch (Lisa und ihr Lämmchen) reagiert oder der freundliche Verkäufer, der Lisa und Anna immer eine Süßigkeit schenkt, als sie den weiten Weg zum Laden mehrmals auf sich nehmen müssen, da sie jedes Mal etwas vergessen (Zähne ziehen tut nicht weh). Ansonsten sind die Kinder selbstständig unterwegs und finden das auch gut. Dank weniger, aber prägnanter Momente erscheinen die Eltern dennoch liebevoll und umsorgend, beispielsweise, wenn die Erwachsenen an Weihnachten mit den Kindern gemeinsam ausgelassen spielen.

Übrigens: Wer die Kinderbuchvorlage kennt, wird sich vielleicht wundern, warum Anna nicht Inga heißt wie in der in Deutschland bekannten Fassung. Anna ist der Name aus dem schwedischen Original, der von den Übersetzern seinerzeit als in Deutschland nicht zeitgemäß eingestuft und in Inga geändert worden war. In der deutschen Version der Fernsehserie ist aber auf diese Anpassung verzichtet worden.

Fazit

Die Kinder von Bullerbü ziehen seit Jahrzehnten Menschen überall auf der Welt in ihren Bann. Auf einer Hörspielkassette mit Liedern zu Astrid Lindgrens 80. Geburtstag wird gesungen: "Wir lebten gern in Bullerbü wie früher einmal Du…". Das Örtchen wird in den Büchern und in der Serie als Kinderparadies dargestellt, Freiheit, Gemeinschaft und Natur spielen eine wichtige Rolle. Der unaufgeregte Alltag wird mit Phantasie und freiem Spiel zum Abenteuer.

Erich Kästner bringt diesen Zauber auf den Punkt, wenn er von einer Begegnung mit Astrid Lindgren aus dem Jahre 1953 erzählt. Sie wären sich darüber einig gewesen, dass einen guten Autor für Kinderbücher ausmache, dass er "in unzerstörtem und unzerstörbarem Kontakt mit seiner eigenen Kindheit" stehe (Quelle: Einiges über Kinderbücher, Das große Erich Kästner Buch, S. 94). Das bedeutet keineswegs, die eigene Kindheit zu romantisieren, die gerade um die Jahrhundertwende nicht nur Natur und Freiheit, sondern auch Härte und Kälte bereithält. Vielmehr bedeutet es, eine "seltene Personalunion" mit dem Kind zu bilden, das man früher einmal war. Die kleinen Zuschauenden fühlen sich durch die kindliche Perspektive ernst genommen und können sich sofort in die Rollen von Lisa, Anna, Britta, Lasse, Bosse und Olle hineinversetzen, sich mit ihnen gemeinsam langweilen, Indianer spielen, die Natur entdecken, traurig und fröhlich sein. Man kann durchaus die Ansicht vertreten, dass die Serie aus heutiger Sicht veraltet ist und mit der aktuellen Lebenswirklichkeit von Kindern nicht mehr viel zu tun hat. Die Ruhe und Unaufgeregtheit in der Inszenierung gibt jedoch gerade jüngeren Zuschauern die Möglichkeit, die Bilder ausgiebig auf sich wirken zu lassen. Die Serie eignet sich daher für Kinder ab 3 Jahren, aber auch ältere Kinder können den Erzählungen durchaus noch etwas abgewinnen.

Folgen

1. Jeden Tag ist etwas los
2. Besuch bei einem Wassergeist
3. Zähneziehen tut nicht weh
4. Spuk auf dem Heuboden
5. Kerstin geht auf Abenteuer
6. Weihnachtsschmaus bei Tante Jenny
7. Lasse, der Eisläufer
8. April April
9. Lisa und ihr Lämmchen
10. Der Schuster und sein Hund
11. Flucht vor den Rothäuten
12. Mittsommernacht
13. Reise durch ein Jahr

 

Titel: Die Kinder von Bullerbü
Originaltitel: Alla vi bam i Bullerbyn
Buchvorlage: Astrid Lindgren: Wir Kinder aus Bullerbü
Produktionsland: Schweden
Produktionsjahr: 1960
Dauer: 13 Episoden à 25 Minuten
Altersfreigabe: Ohne Altersbeschränkung
Erscheinungsdatum (Deutschland): 05.10.1961
Verleih: universum
Regisseur: Olle Hellbom
Drehbuch: Astrid Lindgren
Musik: Charles Redland
Darsteller: Kaj Andersson (Bosse), Tove Hellbom (Kerstin), Jan Erik Husbom (Olle), Tomas Johansson (Lasse), Elisabeth Nordkvist (Anna), Lena Wixell (Lisa), Kim Åsberg (Britta)
Kamera: Stig Hallgren
Schnitt: Bengt Schöldström
Altersempfehlung: ​ab 3 Jahren geeignet

 

Erstveröffentlichung: 23.08.2018


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