von Sindy Hildebrand

Dieser sonnige Herbsttag in dem Städtchen am Meer sollte alles andere als gewöhnlich werden. Ein kleiner Fremdling schlüpft neugierig ins Haus eines Jungen und mit ihm eine Fülle von Fragen. Damit beginnt in Pinguin gefunden! eine große Reise ins Ungewisse, die Zuschauer ab vier Jahren auf ein außergewöhnliches Abenteuer mitnimmt.

Inhalt

"Was mache ich mit einem kleinen Pinguin, der erst an meiner Tür klingelt, dann in mein Zimmer watschelt als sei er zu Hause und Gefallen an meinem Kofferradio findet? Wo kommt er her? Ging er verloren?" Viele Fragen scheinen dem kleinen Jungen, der gerade allein bei Radiomusik sein Frühstück verschlingen wollte, durch den Kopf zu gehen, als der unerwartete Besucher bereits in seiner Küche steht. Im Fundbüro ist der kleine Eindringling nicht als vermisst gemeldet, auch dem Tiergeschäft ging er nicht verloren. Erst in der Bibliothek kann der Junge so einiges über den kleinen Pinguin erfahren. Als ein großes Schiff im Begriff ist, aus dem Hafen auszulaufen, versucht er den Vogel mit diesem nach Hause zu schicken. Doch vergebens. Die Großen sehen und hören die Kleinen und ihre Probleme nicht. Also baut der Junge in seinem Zimmer selbst ein Boot und schon bald treten die beiden eine große Reise über den Ozean an. Unermüdlich rudern sie durch Tag und Nacht, Möwen weisen kreischend den Weg, Regen peitscht unaufhaltsam und riesige Wellen drohen die beiden zu verschlingen. Dann endlich – der Südpol mit tausenden Pinguinen ist erreicht. Allein tritt der kleine Junge die Rückfahrt an. Er schaut traurig aus: "Vielleicht hatte sich dieser Fremdling gar nicht verlaufen, sondern war in Wirklichkeit nur einsam? Und vielleicht war er nicht der Einzige?" (19:44 min)

Kritik

Pinguin gefunden! ist ein Animationsfilm aus dem Londoner Studio AKA, der auf dem Bestseller Lost and Found (engl. Ersterscheinung 2005) des nordirischen Zeichners und Autors Oliver Jeffers basiert, sich jedoch nicht als filmische Eins-zu-eins-Adaption des Kinderbuches erweist. Zwar greift der Kurzfilm die Story der Buchvorlage auf, doch eröffnet er diese nicht in medias res mit dem Klingeln des Pinguins an der Haustür des Jungen, sondern zeigt zunächst die Hafenbucht einer kleinen bunten Stadt im Herbst. Es ist die Erzählstimme, die diese als Ausgangspunkt einer ungewöhnlichen Geschichte bezeichnet, aber sie gibt nicht wieder, was der Zuschauer durch das Bild erkennt: Auf dem Bootssteg ist ein kleiner Pinguin zu sehen, der zielstrebig und gut hörbar in die Kleinstadt watschelt. Die nächste Einstellung zeigt einen kleinen Jungen, der dem Erzähler nach einen ganz gewöhnlichen Tag zu erwarten glaubt. Dass dieser alles andere als gewöhnlich werden wird, unterstreicht der folgende schnelle Wechsel an kurzen Szenen, die zum einen den durch die Stadt bis zum Fischladen wandernden Pinguin zeigen und zum anderen den kleinen Jungen, der über dem Fischladen wohnt und sich zum Frühstück bereit macht. Just in dem Moment, als er in sein Marmeladenbrot beißen will, klingelt es an der Tür. Der Erzähler verdoppelt jedoch nicht einfach die visuell dargebotene Begegnung der beiden Protagonisten auf sprachlicher Ebene, sondern kommentiert, was der Junge vermeintlich denken mag, nachdem er scheinbar ohne gezeigtes Erstaunen den Pinguin vor der Tür stehen sah. Im Verlauf der Geschichte wird sich erhärten, dass das Voiceover weniger erzählende, vielmehr kommentierende Funktion hat und in weiten Teilen der Film gänzlich ohne dieses auskommt. Diese Wortlosigkeit trifft auch auf den kleinen Jungen zu, der nur einmal, nämlich im Fundbüro (engl. Lost and Found), angedeutet hör- und sichtbar Sprache nutzt. Wie sein unerwarteter Besucher, der ab und an auch über ein Fiepen seine Emotionen kundtut, kommuniziert er vor allem durch Mimik, Gestik und Verhaltensweisen.

Die computeranimierten Protagonisten sind nicht nur sehr plastisch, rund und damit sehr niedlich gestaltet, ihr Agieren im Raum und ihre Verhaltensweisen sorgen für viele Momente des Schmunzelns aber auch der Traurigkeit, die so nicht beim Lesen und Anschauen des Buches aufkommen können. In einer Szene, die im Buch nicht zu finden ist, sich aber sehr gut in die Erzählung einfügt, setzt z. B. der Junge den kleinen ungebetenen Gast vor dem Tierladen aus und rennt davon, doch sogleich merkt er, wie unredlich sein Tun ist und kehrt zurück; ahnungslos und fröhlich rollt der Pinguin dem Jungen entgegen. Eine wichtige Rolle spielen im Film zudem die Requisiten Radio, Schirm und Koffer, die im Buch nicht oder nur marginal vorkommen: Der Pinguin interessiert sich sehr für das Radio des Jungen wie auch für den gelb-orangefarbenen Schirm, den er im Fundbüro für sich auserkoren hat und der ihm am Südpol als Boot dienen wird; auf seiner Rückfahrt fischt der Junge den hellblauen Koffer des Pinguins aus dem Meer, der Fotos enthält, die u. a. ihn und den Pinguin zeigen.

Allein schon die durch die Requisiten angedeuteten Szenen lassen erkennen, wie liebevoll und witzig die Geschichte von Oliver Jeffers durch den Regisseur Philip Hunt und sein Team visuell ausgestaltet und erweitert wurde und filmisch erzählt wird. Eine nur im Film zu findende Szene mit einem roten Riesenoktopus, der den bewusstlosen kleinen Seefahrern nach der stürmisch-gewittrigen Nacht auf dem Ozean hilft und sie wieder auf Kurs bringt, spiegelt dies besonders gut wider und stellt einen magischen Moment der Filmerzählung dar.

Die Sympathie, die der Oktopus für die beiden zeigt, dürften auch Zuschauer von Beginn an haben, gerade für den drolligen Pinguin, der ganz selbstverständlich den Jungen aufsucht, jeden Weg mit ihm geht und Schabernack macht, der den Jungen nie aus der Fassung bringt. Vielmehr scheint dieser es nicht sonderbar zu finden, dass der Pinguin sich im Automaten fotografieren lässt, einen eigenen Koffer packt und sich zum Schlafen in das Bett des Jungen legt. Empfindet er den Pinguin zunächst als unwillkommen, so erachtet der Junge es doch als notwendig, ihm zu helfen, an den Südpol zu gelangen. Deshalb auch der Bootsbau, der für den Jungen, der stets eine wollene Fischermütze trägt, nichts Besonderes zu sein scheint. Natürlich sind diese Handlungen Ausdruck der Fiktion, doch sie zeigen auch, dass die beiden von Anfang an dazu bestimmt waren, Freunde zu werden. Kleine wie große Zuschauer erkennen durch das außergewöhnliche Pärchen, dass Freunde sich nicht nur wortlos verstehen, sie nehmen sich auch so an, wie sie sind, egal wie sie aussehen oder woher sie kommen. Sie unterstützen einander bei ihren Vorhaben oder in Not, so wie der Pinguin, der beim Bootsbau hilft oder sich in die gefährlichen Fluten stürzt, um den Jungen zu retten, der das Gleiche tut, als der Vogel über Bord geht. Freunde teilen, so wie der Pinguin auch dem Jungen einen Fisch fängt, obwohl dieser ihm nichts von seinem Sandwich gibt. Doch erst als der Junge den Pinguin am Südpol absetzt und auf der Rückfahrt dessen Koffer mit den Fotos aus dem Wasser fischt, wird ihm bewusst, dass der kleine Vogel zu ihm kam, um ihn als Freund zu finden. Im Gegensatz zum Pinguin musste der Junge erst einen Lernprozess durchlaufen und gemeinsam mit ihm das Abenteuer auf dem Meer durchleben, um zu dieser Erkenntnis zu kommen. Angelehnt an die Buchvorlage und mit dem musikalischen Motiv des Filmes schließt dieser ohne Pathos mit dem Wiedersehen der beiden kleinen Freunde ab. "All das", so kommentiert das Voiceover die Freundschaft, "begann mit einem der einsam und verloren war und einem, der gefunden wurde. Aber wer wer war, wer kann das schon sagen." (22:37 min)

Auch wenn im Film selbst wenig Sprache hörbar ist und der Erzähler Gezeigtes eher kommentiert, Vermutungen äußert oder "Wahrheiten" formuliert, ist die Geschichte auch für kleine Zuschauer aufgrund ihrer einfachen und doch zugleich kraftvollen Bilder nachvollziehbar und ihre Botschaft eindeutig erfassbar. Auffällig ist, dass alle erwachsenen Figuren – die Eltern des Jungen, Kunden im Fundbüro, der Bibliothekar oder der Seemann – entweder nur sehr verschwommen oder nur bis zur Brusthöhe dargestellt werden. Ihre Gesichter sind also nie eindeutig zu sehen. Diese Darstellung spiegelt nicht nur die Wahrnehmungsperspektive eines Kindes wider und legt damit den Fokus auf die Hauptfiguren und deren Abenteuer. Sie vermag visuell auch jene abweisenden oder ignorierenden Handlungen zu betonen, die einige Erwachsene, wie z. B. der Bibliothekar oder der Seemann, gegenüber dem Jungen und seinem Anliegen zeigen, nämlich die Herkunft des Pinguins herauszufinden bzw. die Rückkehr in sein ursprüngliches natürliches Habitat zu ermöglichen.

Neben den niedlichen Hauptfiguren sowie den überzeugend gestalteten Landschaften und animierten Bewegungen der Figuren sowie des Meeres sind auch die verschiedenen Klangkulissen sehr gut getroffen. Sie unterstreichen wesentliche Merkmale der Szenen, wie zum Beispiel das Dröhnen der Schiffe im Hafen, das Platschen der Pinguinfüße oder den Schlag der Ruder ins Wasser. Fröhliche und traurige Stimmungen, Spannung und Dramatik, gerade bei dem gefährlichen Unwetter auf dem Meer, werden auch musikalisch zum Ausdruck gebracht. Auffällig ist ein den Film eröffnendes und schließendes musikalisches Leitmotiv, das auch im Verlauf der Erzählung immer wieder wahrzunehmen ist und so die Kontinuität der Handlung betont. Durch den Wechsel der Instrumentierung des Klangmusters von Klavier, über Synthie-Streicher zu Glockenspiel spiegelt es zugleich auch die Veränderung in der Beziehung der Protagonisten wider: So ruft das durch Klavier und Synthie-Streicher dargebotene Motiv eine eher melancholische Stimmung hervor und unterstreicht so das Alleinsein des Pinguins bzw. seine Suche nach einem Freund, während es in Form des Glockenspiels eine aufgehellte, fröhliche Stimmung vermittelt, die besonders die Szene des Wiedersehens begleitet. Sehr gut wird damit auch musikalisch die Entstehung der Freundschaft zwischen dem Pinguin und dem Jungen ausgedrückt.

Für Jugendliche und Erwachsene könnte ein Making-of zum Film interessant sein, leider bietet die DVD außer dem Kurzfilm kein Bonusmaterial.

Fazit

Zu Recht erhielt das qualitativ hochwertig produzierte Werk Pinguin gefunden! 2009 als bester Kinderanimationsfilm einen BAFTA Children‘s Award und wurde auf mehr als 60 internationalen (Kinder/Animations-)Filmfestivals u. a. als bester Kurzfilm ausgezeichnet. Auf unpathetisch herzerwärmende Weise verdeutlicht er, dass Freundschaft eines der wertvollsten Güter ist und nicht einfach so verloren gehen oder weggeworfen werden sollte. Manchmal ist sie erst auf den zweiten Blick erkennbar.

Titel:   PINGUIN GEFUNDEN!
Originaltitel:   Lost and Found
Genre:   Animationsfilm
Produktionsland:   Großbritannien
Produktionsjahr:   2008
Dauer:   ca. 24 Minuten
Altersfreigabe/Altersempfehlung:   ohne Altersbeschränkung/Empfohlen ab vier Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland):   04.06.2010
Verleih:   Edel Germany GmbH
Regisseur:   Philip Hunt
Drehbuch:   nach einem Buch von Oliver Jeffers
Musik:   Max Richter
Sprecher (engl./dt.):    Jim Broadbent/Otto Mellies
Produzent:  

Sue Goffe, Pam Dennis, Joan Lofts

Produktion:  

Studio AKA Ltd./E1 Entertainment UK Ltd.

 

 

Erstveröffentlichung: 25.08.2018


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