von Natália Wiedmann

Ein Sommer in der kargen Schönheit der brandenburgischen Provinz, in dem Geheimnisse entdeckt und gewahrt, Mutproben bestanden, Abschiede betrauert und Freundschaften besiegelt werden. Joya Thomes Spielfilmregiedebüt ist ein durch Crowdfunding finanziertes, unabhängig produziertes Kleinod, das so zauberhaft und spröde zugleich ist wie dessen wunderbar eigensinnige Hauptfigur.

Inhalt

"Irgendwie sind alle komisch geworden dieses Jahr", meint die zehnjährige Lea (Lisa Moell) zum alten Wagenburg (Mex Schlüpfer), dem Musiker und Aussteiger, auf dessen Hof sie gern Zeit verbringt. "Und du nicht?", fragt der zurück. "Weiß nich", sagt Lea. Ist ja auch schwer zu bestimmen, schließlich gleicht nicht jede Veränderung im Leben einem großen Erdbeben - manchmal sind da erst nur fast unmerkliche Erschütterungen und eine Freundschaft deswegen nicht gleich kaputt, nur an der Ecke ein bisschen eingerissen. Bloß dass der Riss dann beharrlich weiter hochwandert.

Die kleinen Risse, die am Anfang von Leas Sommerferien stehen, werden sichtbar, als ihre Freundin Lara behauptet, sie würde dieses Jahr nicht ins Ferienlager fahren, mit anderen Mädchen abhängt und fragt, mit welchem Jungen Lea eher "gehen würde". Ein bisschen komisch ist sie jetzt also, Lara, und so fährt Lea alleine auf ihrem Fahrrad durch die Gegend und es drohen ganz schön einsame Ferien zu werden in der Weite der Mark Brandenburg. Bis Lea ein paar Jungs dabei beobachtet, wie sie ein leeres Fass klauen und an ihrem selbstgebauten Floß anbringen. Als sie sich das Floß heimlich ansieht und entdeckt wird, verscheuchen die Jungs Lea zunächst - sie sind eine "Jungsbande", da haben Mädchen nichts zu suchen. Die haben bloß immer Angst, behauptet der Anführer Nico (Denny Sonnenschein). Aber wenig später bekommt Lea doch noch die Chance, sich bei einer Mutprobe zu beweisen und dadurch in die "Kartoffelbande" aufgenommen zu werden. Sie soll das "größte Geheimnis Niendorfs" lüften, indem sie beim Feuerwehrmann in den Keller einsteigt und herausfindet, was er dort jeden Abend zur gleichen Uhrzeit macht. Ist der Vater der Zwillinge Tim und Tom möglicherweise ein Spion?

Lea ist nicht nur mutig genug, tatsächlich in den Keller zu steigen, sie ist vor allem integer genug, ein Geheimnis, das nicht ihres ist, nicht weiterzuverraten; den Jungs tischt sie souverän eine kleine Lüge auf und hat die Aufnahmeprüfung bestanden. Mit ihrem Eintritt in die Gruppe setzt auch eine Veränderung der Bandendynamik ein, die zunächst davon verdeckt wird, dass die "Kartoffelbande" den Verkauf von Wagenburgs Hof zu verhindern versucht. Doch Anführer Nico beobachtet die kleinen Veränderungen mit zunehmendem Argwohn, und als er Leas Lüge auf die Schliche kommt, verlangt er eine zweite, weitaus gefährlichere Mutprobe, damit sie in der Bande bleiben darf: An einer Stelle des Gleisbetts neben der Lichtung gibt es eine Kuhle, die groß genug ist, um sich hineinzulegen. Dort soll Lea ausharren, während der erste Zug des Morgens über sie hinweg donnert.

 (c) UCM.one

Kritik

Die Geschichte hat sie, so erzählt es die junge Regisseurin Joya Thome in einem Video, zusammen mit ihrem Co-Autor Philipp Wunderlich geschrieben, weil sie mit dem Theaterschauspieler Mex Schlüpfer drehen wollte und mit der jungen Lisa Moell, die sie im Jahr davor für ein anderes Projekt gecastet hatte. Man kann sich auch keine andere und bessere Darstellerin vorstellen für diese wunderbar eigensinnigen Königin von Niendorf, die auf ihr eigenes Tempo und ihre eigene Weise des Erwachsenwerdens beharrt, statt sich den ehemaligen Freundinnen anzupassen, und die zwar Anschluss an eine neue Gruppe sucht, aber nicht um jeden Preis. Lisas ernster Blick passt zur Geradlinigkeit der angenehm spröden Figur, und so schmal die aus der kurzen Latzhose und dem roten T-Shirt herausragenden Gliedmaßen auch sind, wirkt die Figur doch nie zerbrechlich, sondern wendig und widerständig.

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Bedauerlich bleibt zwar, dass Lea als Ausnahme entworfen wird und andere Mädchen- und Frauenfiguren vergleichsweise schlecht wegkommen, während es bei den Jungen und Männern zumindest andeutungsweise eine gewisse Bandbreite an positiven Identifikationsangeboten gibt. Sehr gekonnt umschifft das Drehbuch indessen die Falle, die Veränderung der Gruppendynamik auf das Geschlecht der Figur zurückzuführen und damit letztlich doch in überkommenen Rollenbildern steckenzubleiben: Leas Bandeneintritt verändert das Machtgefüge auf eine Art, wie es durch jede eigensinnige Figur geschehen würde, sie verändert es nicht als Mädchen, das (wie in vergleichbaren Skripten oft der Fall) aus Freunden Konkurrenten um ihre Gunst werden lässt und dadurch ungewollt die Gruppe auseinanderbringt. Sie bewirkt eine Veränderung der Regeln, aber weder die Freundschaft zwischen den Kindern, noch der Sommer oder die Kindheit sind am Ende dieser Geschichte selbst an einem Endpunkt angelangt, womit Königin von Niendorf einen Kontrapunkt zum Coming-of-Age-Klassiker Stand by Me bildet, der einem dadurch unweigerlich in den Sinn kommt, dass der Film ihm eine musikalische Referenz erweist: Eine beschwingte, sommerleichte Schlussszene im Freibad wird vom Chordettes-Hit "Lollipop" begleitet.

Am Anfang setzt jedoch der sanfte Gesang der Indieband "Nada Surf" die Stimmung: Während die Jungs der Kartoffelbande unter nachtblauem Himmel um das knisternde Feuer eines brennenden Heuballens tobt, stellt sich unter den Klängen von "Blonde on Blonde" das Gefühl der bittersüßen Melancholie ein, das beinah durchgehend über diesem unaufgeregt inszeniertem Film der leisen Zwischentöne liegt. Es bleibt nicht der einzige, wunderbar ausgewählte Song, der maßgeblich zur Stimmung des Films beiträgt, und so erinnern die im ungewöhnlich gewordenen Format von 4:3 aufgenommenen Bilder bisweilen an verträumte Schallplattencover. Kamerafrau Lydia Richter fängt die herbe Schönheit der brandenburgischen Landschaft in verschiedenen Lichtstimmungen ebenso gekonnt ein wie die beiläufig inszenierten Momente von Entfremdung oder Langeweile, liefert ganz starke Großaufnahmen der Kindergesichter, in denen diese gerade deswegen so viel zum Ausdruck bringen, weil sie schweigen und damit dazu einladen, sich eine eigene Vorstellung davon zu bilden, was in ihnen vorgeht. 

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Möglich, dass Thomes Inszenierungsentscheidungen ein Stück weit aus der Not geboren sind und diese in eine Tugend ummünzten: Ihr Spielfilmregiedebüt ist mit einem Budget von gerade mal 20.000€ produziert worden, von dem ein Großteil über eine Crowdfundingkampagne zusammenkam. Da wundert es nicht, dass der Film an einigen Stellen etwas ungeschliffen wirkt und gerade bei den Kinderdarstellern das Gesagte oft aufgesagt wirkt. Weil die Dialoge aber so karg bleiben wie die Umgebung und viel über Blicke und Stimmungen erzählt wird, fallen diese Schwächen kaum ins Gewicht. Auch möglich, dass Thomes Inszenierungsentscheidungen zugleich weit mehr sind als ein kluger Umgang mit den beschränkten Möglichkeiten und von einem Vertrauen in die eigene Bildsprache zeugen. Als Lea ihre zweite, lebensgefährliche Mutprobe überstanden hat, steht sie wortlos auf, wechselt einen Blick mit Nico, geht stumm zu ihrem Rad und fährt zurück ins Dorf. Die Jungen fahren schweigend hinterher, jedoch ohne zu ihr aufzuschließen. Und was gäbe es auch zu erzählen, das dieses Bild nicht schon erzählt?

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Vor allem aber spricht aus der Königin von Niendorf ein Vertrauen in das junge Publikum. So wie die Geschichte frei ist von den sprichwörtlichen "Helikoptereltern" und ausgerechnet ein Außenseiter für die Kinder die wichtigste erwachsene Bezugsperson ist, weil er ihnen auf Augenhöhe begegnet, so ist auch der Film selbst kein "Helikopterfilm", der hektisch darum bemüht ist, bloß keine Pausen und Langeweile aufkommen zu lassen und immer verbal sicherzustellen, dass auch ja die "richtige" Botschaft mit Bildungswert angekommen ist. Thome mutet dem jungen Publikum stattdessen zu, sich auch auf Bilder einzulassen, die nicht laut und lustig die Handlung vorantreiben, sondern eine Stimmung vermitteln, die auch mal von Langeweile und Einsamkeit erzählen, und sie überlässt ihrem Publikum die Freiheit, die Ereignisse selbst einzuordnen und sich selbst zu erschließen, was jeweils in den Figuren vorgeht. Sie traut ihrem Publikum zudem einen Film zu, der nicht das verklärte, einseitig positive und kunterbunte Bild eines Kindheitsidylls bietet. Die idyllisch anmutenden Szenen sind durchaus vorhanden, zumal der Film bewusst der Zeit entrückt zu sein scheint - Technologie spielt hier so gut wie keine Rolle und auch durch die immerselbe Kleidung wirken die Kinder geradezu "archetypisch". Das Niendorf des Films ist ein Ort, an dem die Kinder in Sicherheit und ohne Beaufsichtigung in großer Freiheit draußen spielen können, aber es ist gleichzeitig auch ein Ort, an dem man mitunter allein ist und nichts mit sich anzufangen weiß, an dem man für manche Gespräche lieber in den Keller geht, in dem finanzielle Probleme nicht ausgeblendet werden und nicht jeder Außenseiter am Ende doch noch seinen Platz in der Gesellschaft findet. Diese selbstverständlich miterzählten Ausschnitte sozialer Realität wie überhaupt die Ausschnitthaftigkeit des Films, in dem nicht jeder Erzählstrang zu einem glücklichen Ende oder überhaupt zu einem Abschluss geführt wird, sind so fein mit der zeitentrückten Coming-of-Age-Erzählung verwoben, dass die Geschichte geerdet und zauberhaft leicht zugleich wirkt, dass sie eben dieses Gefühl des ersten Songs vermittelt: das bittersüße Gefühl sanfter Melancholie.

 

Fazit

Selbst ungeschliffen leuchtet dieser kleine Edelstein unwiderstehlich anziehend zwischen den immergleichen Abenteuergeschichten hervor, die einheitlich bunt verpackt, gehaltlos und zuckrig wie Eiskonfekt in die Masse geworfen werden, als sei Kinderkino (und Kinderleben) ein einziger Karneval. Wer sich selbst als Erwachsener noch gut daran erinnern kann, dass Kindheit niemals nur ein idyllischer Raum ausgelassener Dauerfreude war, wer sich auf melancholische Stimmungen, ein langsames Tempo und eine offene Erzählweise einlassen kann, diese gar herbeisehnt, der hat das große Glück, sich von diesem Film, seiner wunderbaren Hauptdarstellerin und der herben Schönheit der Bilder verzaubern lassen zu können.

 

Titel: Königin von Niendorf
Genre: Kinderfilm, Abenteuerfilm, Coming-of-Age
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2017
Dauer: 67 Minuten
Altersfreigabe: Ab 0 Jahren
Kinostart (Deutschland): 15.02.2018
Veröffentlichungstermin der DVD: 17.07.2018 
Verleih: UCM.one
Regie: Joya Thome
Drehbuch: Joya Thome, Philipp Wunderlich
Darsteller: Lisa Moell (Lea), Denny Sonnenschein (Nico), Salim Fazzani (Robert), Mex Schlüpfer (Mark Wagenburg), Sophie Kluge (Bürgermeisterin), Cornelius Schwalm (Feuerwehrmann), Tino Mewes (Leas Vater) 
Kamera: Lydia Richter
Montage: Carola Bauermeister, Joya Thome
Musik: Conrad Oleg
Produktion: Joya Thome, Felix von Boehm
Altersempfehlung: Empfohlen ab 8 Jahren

 

Wir verlosen diesen Film als DVD: Schreiben Sie uns zur Teilnahme an der Verlosung einfach an dem Tag, an dem wir den Film vorstellen, eine E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! mit dem Titel des Films, Ihrem Namen und Ihrer Adresse. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Natalia Wiedmann und die Redaktion wünschen Ihnen viel Glück und drücken alle Daumen!

Erstveröffentlichung: 20.12.2018


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