von Dr. phil. Gerrit Althüser

An einen Ort jenseits des Regenbogens wünscht sich ein Mädchen – und gelangt kurz darauf aus der tristen Einöde des Landlebens in das fantastische Land Oz. Aus dem Schwarzweißfilm wird nun ein Farbfilm. Das Mädchen macht sich auf eine abenteuerliche Reise durch das bunte und magische Land. Man folgt ihr gern, denn das Filmmusical Der Zauberer von Oz ist auch acht Jahrzehnte nach seiner Premiere noch sehenswert.

Inhalt

Ein Wirbelsturm bringt das Mädchen Dorothy Gale von einer Farm in Kansas in das magische Land von Oz. Um ihren Hund Toto vor der mürrischen Nachbarin Miss Gulch zu beschützen, hatte Dorothy bereits vorher versucht, von der Farm auszureißen, auf der sie bei ihrer Tante und ihrem Onkel lebt. Während die Geschehnisse in Kansas in Schwarzweiß dargestellt wurden, erstrahlt die Märchenwelt von Oz im knallbunten und damals neuen Dreistreifen-Technicolor. Dorothy wird hier zunächst als Heldin gefeiert, da das Haus, mitsamt dem sie nach Oz geschleudert wurde, genau auf der bösen Hexe des Ostens gelandet ist, die das Zwergenvolk der Munchkins unterjocht hatte. Dorothy kommt dadurch zwar in den Besitz der magischen roten Schuhe dieser Hexe, zieht allerdings auch den Hass ihrer Schwester, der bösen Hexe des Westens, auf sich, die mehrfach versuchen wird, an Dorothy Rache zu nehmen. Die gute Hexe Glinda hingegen gibt Dorothy, die wieder heim will, den Ratschlag, die Hilfe des Zauberers von Oz in Anspruch zu nehmen. Sie soll dazu der gelben Steinstraße bis zur Smaragdstadt folgen, der Heimat des Zauberers.

Auf ihrer Wanderung trifft Dorothy auf die Vogelscheuche, die statt des Strohs im Kopf gerne Verstand hätte, den Zinnmann, der sich ein Herz wünscht, und den Löwen, dem jeglicher Mut fehlt. In der Hoffnung, dass auch ihnen der Zauberer helfen kann, schließen sie sich Dorothy an. Trotz aller Angriffe der bösen Hexe des Westens erreichen sie die Smaragdstadt, müssen aber erfahren, dass man ihnen nur helfe, wenn sie den Besen eben jener Hexe brächten. Nach einigen abenteuerlichen Strapazen, bei denen Dorothy sogar zwischenzeitlich in Gefangenschaft gerät, schaffen sie es schließlich – allerdings eher zufällig –, die Hexe zu besiegen und in den Besitz des Besens zu gelangen.

Zurück in der Smaragdstadt werden sie vom Zauberer wieder hingehalten. Dann stellt sich heraus, dass er nicht einmal ein wirklicher Zauberer ist: Der inmitten von Feuer und Rauch schwebende Kopf mit donnernder Stimme, als der er erschienen war, ist eine Projektion, die ein Mann hinter einem Vorhang bedient hat. Der ‚faule Zauber‘ fliegt auf, als der Hund Toto den Vorhang beiseite zieht. Erstaunlicherweise kann der nun entpuppte Zauberer dennoch helfen, oder sogar gerade, weil er enttarnt wurde. Der Vogelscheuche gibt er ein Diplom, dem Löwen einen Orden und dem Zinnmann eine schlagende Uhr in Herzform. Ihnen fehle es nicht so sehr an Verstand, Mut oder Herzlichkeit als an dem Ausweis davon. Ebenso wie der Zauberer nur eine Fassade war, werden hier mit deutlicher Satire soziale Zuschreibungen als solche entlarvt.

Lediglich das Vorhaben des Zauberers, Dorothy mit einem Ballon nach Kansas zurückzubringen, misslingt, als der Ballon ohne sie davonfliegt. Abermals greift Glinda ins Geschehen ein und erklärt Dorothy, wie sie mithilfe der roten Zauberschuhe nach Hause zurückkehren kann. Wieder in Schwarzweiß erwacht diese in ihrem heimatlichen Bett. Wie in Carrolls Alice in Wonderland (1865) wird das fantastische Geschehen als Traum entlarvt, obschon Dorothy selbst es für real hält. Dass der Zauberer dem Schausteller Professor Marvel ähnelt und ihre Begleiter den drei Farmarbeitern – es waren ebenso wie bei der bösen Hexe des Westens und Miss Gulch auch jeweils dieselben Schauspielerinnen und Schauspieler –, fällt ihr jedoch auf.

Kritik

Die Verfilmung des Kinderbuches von L. Frank Baum aus dem Jahr 1900 zählt zu den absoluten Klassikern des Kinderfilms und ist in seinem Einfluss kaum zu überschätzen. Eine netzwerkanalytische Studie aus dem Jahr 2018 erklärt den Film sogar vor Star Wars (George Lucas, 1977) und Psycho (Alfred Hitchcock, 1960) zum einflussreichsten Film aller Zeiten (vgl. Bioglio/Pensa 2018). Die Handlung dürfte auch vielen Kindern bekannt sein, die das Original nicht gesehen haben, da es nicht nur mehrere Remakes bzw. Neuverfilmungen des Stoffes gibt, sondern der Stoff auch regelmäßig für das Kindertheater adaptiert wird. Die meisten Adaptionen lehnen sich dabei explizit an die Filmversion an und nicht so sehr an den Roman von Baum. Textzeilen wie "Toto, I have a feeling we're not in Kansas anymore" oder "There is no place like home" sind zu geflügelten Worten geworden. Ebenso sind Motive wie die gelbe Steinstraße, die Smaragdstadt oder die roten Zauberschuhe längst zu bildungsbürgerlichem Allgemeingut avanciert. Nach Dorothys Hund Toto hat sich sogar eine Rockband benannt. Es ist heute kaum möglich, den Film zu schauen, ohne an vielen Stellen an andere Filme und Serien erinnert zu werden, die sich interpiktoral auf den Zauberer von Oz beziehen. Allein die Szene, in der die Vogelscheuche, der Löwe und der Blechmann sich vor dem Schloss der bösen Hexe des Westens verstecken und dann drei Wachen ihre Rüstungen abnehmen, um getarnt in die Festung einzudringen, dient als deutliches Vorbild für Frodos und Sams Versteck vor dem Schwarzen Tor Mordors im zweiten Herr-der-Ringe-Film (The two Towers, Peter Jackson, 2002), während der Tanz, den die Wachen vor dem Schlosstor aufführen, in der Simpsons-Episode Rosebud von Mr. Burns' Wachmännern getanzt wird (in einer Sequenz, die darüber hinaus sehr stark von Analogien zu Citizen Kane (Orson Welles, 1941) geprägt ist). Da auch Kindermedien sich nicht selten auf den Zauberer von Oz beziehen (wie beim Faible der bösen Hexe Rabia für rote Schuhe in Bibi Blocksberg (Hermine Huntgeburth, 2002)), können schon jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer ähnliche Beobachtungen machen.

Zu erwähnen ist des Weiteren die ausgeprägte Rezeption des Films in der queeren Szene. Mehr noch als die grelle Camp-Ästhetik des Kindermusicals trug die Offenheit der Figur Dorothy anderen gegenüber dazu bei sowie ihre Fähigkeit, jeden so zu akzeptieren, wie er ist. Insbesondere gilt dies für den häufig als Identifikationsangebot angenommenen Löwen, der sich selbst wortspielerisch als "dandy lion" bezeichnet. Daneben schien das Lied Over the Rainbow die eigenen Sehnsüchte nach einer besseren, toleranteren Welt widerzuspiegeln. Dass die Regenbogenflagge ihre Inspiration diesem Lied verdankt, wie es häufig behauptet wird, dürfte hingegen ein Mythos sein.

Ein solcher Klassiker lässt sich natürlich schwer bewerten, man kann sich aber die Frage stellen, wie der Film aus heutiger Perspektive einzuschätzen ist. Ästhetisch erscheint manches heute vielleicht überdreht oder kitschig, insgesamt aber vermag die Geschichte noch immer zu überzeugen und spricht durch Klarheit im Aufbau bereits jüngere Kinder an, während ältere Rezipienten und Rezipientinnen schon einen Blick für den kulturellen Einfluss des Films entwickeln können. Auch der Humor hat sich erstaunlich gut gehalten. Wenn der Löwe in einem Anfall von Panik vor dem Zauberer davonrennt, dann urplötzlich aber einen Hechtsprung durch die Kulissen macht, wird heute ebenso gelacht wie vor 80 Jahren.

Neben der Gleichheitsbotschaft, die die LGBT-Community an dem Film faszinierte, die sich aber ebenso auf andere Formen von Diversität übertragen lässt, sind auch die satirische Kritik an gesellschaftlicher Oberflächlichkeit und Maskerade ungebrochen aktuell. Das Diplom als Ausweis von Intelligenz oder der Orden als Beleg für Mut gehören hierzu, aber ebenso die Tatsache, dass Dorothy und ihre Begleiter nach ihrer Ankunft in der Smaragdstadt zunächst in einer Art Schönheitssalon landen und fachmännisch gestylt werden. Das Lob auf die Vielfalt hingegen wird durchaus nicht in gesellschaftskritischer Absicht vorgetragen; gleich zweimal erklingt der Wappenspruch der USA, „E pluribus unum“ (Aus vielen Eines), so dass der Film auch als säkularer amerikanischer Mythos gelesen werden kann, eine Feier der liberalen amerikanischen Schmelztiegelgesellschaft. Deutlich konservative Tendenzen zeigen sich, wenn Dorothy mehrfach hintereinander beteuert, dass es keinen Ort gibt wie das Zuhause. Auffällig ist, dass sie sich dort am Ende des Films wieder wohlfühlt, wobei das reale Problem noch überhaupt keine Lösung erfahren hat. Darauf, dass Miss Gulch Toto nicht mehr loswerden möchte, gibt der Film keinen Hinweis.

Fazit:

Der Zauberer von Oz ist ein absoluter Klassiker, für viele auch ein Kultfilm, vor allem aber noch immer ein Film von überraschend hohem Unterhaltungswert. Mögen sich manche ästhetischen Vorlieben im Laufe der Zeit geändert haben, hat der Film insgesamt erstaunlich wenig Staub angesetzt. Auch die Interpretationsangebote, die der Film liefert, sind weiterhin relevant, zumal er im Laufe seiner Rezeptionsgeschichte noch an Bedeutungspotentialen hinzugewonnen hat. Man muss den Film also nicht aufgrund seines kanonischen Status‘ empfehlen, man kann ihn für Zuschauerinnen und Zuschauer ab 6 Jahren empfehlen, weil er immer noch mit Genuss und Freude anzusehen ist.

 

Literatur

Bioglio, Livio und Ruggero G. Pensa: Identification of key films and personalities in the history of cinema from a Western perspective. In: Applied Network Science 3, 2018.

 

Titel: Der Zauberer von Oz; Alternativtitel: Das zauberhafte Land
Originaltitel: The Wizard of Oz    
Genre: Musical, Fantasy
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1939
Dauer: 98 Minuten
Altersfreigabe: FSK 0
Erscheinungsdatum (Deutschland): 19. April 1951 (West-Deutschland)
Verleih: Metro-Goldwyn-Mayer (MGM)
Einspielergebnis: $26.120.583
Regisseur: Victor Fleming
Drehbuch: Noel Langley; Florence Ryerson; Edgar Allan Woolf
Buchvorlage: Der Zauberer von Oz von Lyman Frank Baum
Darsteller:

Judy Garland: Dorothy Gale; Frank Morgan: der Zauberer von Oz / Professor Marvel; Ray Bolger: Vogelscheuche / Hunk; Jack Haley: Zinnmann / Hickory; Bert Lahr: Löwe / Zeke; Billie Burke: Glinda, die gute Hexe des Nordens; Margaret Hamilton: Böse Hexe des Westens / Miss Almira Gulch; Clara Blandick: Tante Emily; Charley Grapewin: Onkel Henry

Kamera: Harold Rosson
Musik: Herbert Stothart; Harold Arlen
Schnitt: Blanche Sewell
Produzent: Mervyn LeRoy

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