Arjuna (TV-Tokyo, 2001)

"Oh-oh, unserere Jūna ist mal wieder auf dem Warum-Kurs." – Ōshima Tokio

von Liesa Harzer

In diesem fabelhaften Anime vereinen sich moderne Strömungen der Philosophie wie Poststrukturalismus, Postmarxismus, Science Studies und Genderstudies im Rahmen eines Bhagavad Gita-Revivals. Arjuna widmet sich den sozialen und ökologischen Problemen unserer Zeit in einem Versuch, "die Welt so sehen wie sie ist". Ohne allzu mahnenden Zeigefingercharakter, Schwarz-Weiß-Denken oder Angst vor Sensibilitäten legt Arjuna besonders viel Wert auf Komplexität und Leichtfüßigkeit. Wer sich nicht abschrecken lässt, wird reich belohnt.

Quelle: OVA Films

Inhalt

Als Oberschülerin Jūna (有吉 樹奈, Ariyoshi Jūna) bei einem Motorradunfall mit ihrem Freund Tokio (大島 時夫, Ōshima Tokio) tödlich verunglückt und auf dem Weg ins Jenseits die Leiden der Erde erblickt, die im Begriff ist, von den sogenannten Rāja zerstört zu werden, begegnet ihr der als TI1 bezeichneten Chris Hawken (クリス・ホーケン, Kurisu Hōken). Im Tausch gegen ihr Weiterleben verlangt er von ihr, dass sie sich im Kampf gegen die Rāja der Organisation S.E.E.D anschließt, um die Welt und das Leben auf dieser zu retten und zu bewahren. Als Arjuna, der Inkarnation der Zeit, ausgestattet mit Pfeil und Bogen und mit der Kraft eines Krummjuwels, das ihr erlaubt sich mit der Erde zu synchronisieren, muss sie sich nun den sozialen und ökologischen Herausforderungen stellen. Dabei muss sie sich mit ihrer eigenen Unwissenheit und Zerstörungskraft, aber besonders auch mit den Folgen des menschlichen Handelns für die Erde auseinandersetzen. Hierbei soll sie die Nachfolge von Chris antreten, der ihr bei den vielfältigen Aufgaben zur Seite steht, wobei er sie dabei meistens nur noch mehr verwirrt und ihr immer wieder neue Rätsel aufgibt.

Auch Tokio versucht Jūna in ihrem neuen Lebenswandel zu folgen, wobei ihre extremer werden Sicht auf die Dinge ihn meistens in Unverständnis zurücklässt. Die größer werdende Entfremdung zwischen den beiden stellt eine Herausforderung für ihre junge Liebe dar. Teilweise hin- und hergerissen zwischen all den neuen Einsichten, mit ihren schönen, schrecklichen, meistens erstaunlichen Seiten, und den Problemen die sich aus ihrem Abwenden und Loslösen von einem alten Leben ergeben, versucht Jūna ihrer neuen Bestimmung nachzukommen und sich trotzdem treu zu bleiben, wobei die Auswirkungen der Rāja immer fataler werden und schließlich alles, was Jūna etwas bedeutet, auf dem Spiel steht. 

Hauptteil

Interessant an dieser Anime-Serie sind die Parallelen zur Bhagavad Gita ("Der Gesang Gottes"; kurz Gita), einer der zentralen Schriften des Hinduismus. In diesem spirituellen Gedicht handelt es sich um ein Gespräch zwischen dem Fürsten und Krieger Arjuna und seinem Freund und Wagenlenker Krishna. Ihr Dialog entwickelt sich angesichts eines Krieges zwischen zwei Heeren, wobei Arjuna, um seinen Pflichten nachzukommen, auch gegen Freunde und Verwandte kämpfen soll und deswegen von Zweifeln durchdrungen ist. Krishna spendet ihm Rat und zeigt ihm den richtigen Weg zu Handeln. 

Der Text wird hauptsächlich als Allegorie verstanden wobei Krishna als das göttliche, kosmische Selbst bzw. die innere Göttlichkeit betrachtet wird und Arjuna die menschliche Seele verkörpert, die sich auf dem Schlachtfeld des Lebens, mit den Heerscharen als Symbol für die menschlichen Schwächen, zu beweisen hat. Der Dialog entspricht somit einer Reflexion des kosmischen Selbst in jedem Lebewesen. Ebenso verbreitet, ist die Interpretation, dass hier von der Menschheit im Allgemeinen gesprochen wird, also dem Aufeinandertreffen von egoistischen Kräften und göttlicher Ordnung. 

Die Grundthematik kreist um die scheinbare Widersprüchlichkeit zwischen Dualismus (Zweiheit von Natur und Geist, Mensch und Gott) und Einheit (Auflösung der Grenze zwischen den Dingen), vor allem aber auch um das Handeln trotz und wegen dieser Widersprüche. Denn das Handeln, die Interaktion, ist das erste Gebot des In-Der-Welt-Seins, als Sinneswesen, als Mensch. 

Auch in der Serie befindet sich Jūna (Arjuna) in einem ständigen Dialog nicht nur mit Chris (Krishna), ihrem spirituellen Lehrer, sondern auch mit sich selbst und der Welt, wobei diese Reflexionen immer wieder neue Lektionen für sie bereithalten. Dabei treten für sie sowohl die Besonderheiten der einzelnen Dinge hervor, gleichzeitig verwischen aber die Grenzen z. B. zwischen Gut und Böse immer mehr. So verhält es sich untere anderem auch mit den Rāja, die in der Mythologie schlicht für „Bewegung, Energie, Leidenschaft“ stehen, gegen die zu kämpfen Chris Jūna immer wieder auffordert. Gleichzeitig versucht er jedoch, sie davon abzuhalten, die Rāja zu töten. Auch Jūnas Bogen ist der Gita entlehnt, als Arjunas magischer Bogen Gandhiva, und ebenso ihr Krummjuwel, das mit dem himmlischen Auge zu vergleichen ist, das Krishna Arjuna verleiht, damit er den höchsten Gott erblicke. Dabei sieht Arjuna auch den Herren der Zeit, der darauf verweist, wie die Menschen in voller Hast ihrem Untergang entgegen eilen, ähnlich den Verfehlungen der Menschen in unserer heutigen Zeit.

Das Heer, gegen das Arjuna kämpfen soll, ist gut mit Jūnas Situation zu vergleichen, muss sie doch auch der Engstirnigkeit, Bequemlichkeit und dem Unwissen ihrer Freunde und Bekannten entgegen treten. Die "dämonische, asurische Natur des Menschen" (sowohl in der Mythologie, als auch im Anime) zeigt sich in Gier und Zorn, die sich aus der Anmaßung ergeben, dass in der Welt nur nach dem Prinzip der Lust gehandelt werden könne. Auch Tokios Name scheint von symbolhafter Bedeutung, steht er sowohl für das Individuum als auch für die Stadt (Zivilisation, Menschheit), die trotz aller Schwächen, liebens- und schützenswert ist. Schlussendlich geht es darum, all diese Widersprüchlichkeiten in sich selbst und in den anderen (ob Freund oder Feind) zu vereinen, zu integrieren, um zu einem sinnvollen Handeln übergehen zu können und zu verstehen, dass "die Zielscheibe und das eigene Selbst eins werden müssen".

Fazit

Trotz der vermeintlich "schweren Kost" und der turbulenten Handlungsstränge bewahrt sich der Anime eine träumerische Leichtigkeit mit viel Witz und Sinn für zarte, atmosphärische Momente und schafft es dabei, nicht ins Esoterische abzudriften. Sehr gefühlvoll, besonders getragen von einer Ahnung von liebevoller Aussöhnung, könnte der Film eine Herausforderung sein, für all solche, die für so etwas nur Zynismus und Abwehr übrig haben. Die Anderen werden von den lebendigen Charakteren auf eine zwar sehr moralische, aber auch sehr berührende, gehaltvolle Reise mitgenommen. 

 

Titel: Arjuna
Originaltitel: 地球少女アルジュナ Chikyū Shōjo Arujuna ("Erdenmädchen Arjuna")
Produktionsland: Japan
Produktionsjahr: 2001
Dauer: 25 Minuten pro Folge
Altersfreigabe: Ab 12 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 5. September 2003
Verleih: OVA Films
Idee: Shōji Kawamori
Drehbuch: Eiichi Sato, Hiroshi Ohnogi, Kazuharu Sato, Shoji Kawanori
Synchronsprecher: Julia Kaufmann, Kim Hasper, Ozan Ünal, Martina Treger
Musik: Yoko Kanno
Art direction: Dai Ohta, Masanobu Nomura, Masaru Ohta
Produzent: Atsushi Yukawa, Fukashi Azuma, Hidetoku Itabashi, Minoru Takanashi

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