von Dr. Philipp Schmerheim

Peitschenschwingen kommt nicht aus der Mode: Der vierte Teil der Indiana-Jones-Reihe ist selbstironisches Popcornkino alter Hollywood-Schule – mit allerdings überflüssigen Anleihen beim Science-Fiction-Film.


Inhalt

Indiana Jones ist einer der Giganten des Hollywood-Kinos. 19 Jahre nach dem dritten Kino-Abenteuer Auf der Suche nach dem Heiligen Gral lassen George Lucas und Steven Spielberg ihren Erfolgsstoff wieder auf der Leinwand aufleben. Beide waren klug genug, ihren Helden in Würde altern zu lassen – schließlich ist Hauptdarsteller Harrison Ford bereits 70 Jahre alt (Stand 2012). Eine ruhige Gangart legt der abenteuerlustige Archäologieprofessor Indiana Jones dennoch nicht ein – schließlich steht auch im vierten Teil wieder die Zukunft der Welt auf dem Spiel.

Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels beginnt, wie bei Lucas und Spielberg üblich, mit einem spektakulären Vorspann: Indiana Jones ist in die Fänge von russischen Undercover-Soldaten geraten, die auf einer geheimen US-Militärbasis nach den sterblichen Überresten des Roswell-Aliens suchen, das mit seinem Raumschiff in den 40er Jahren über der namensgebenden US-Kleinstadt Roswell abgestürzt ist. Indiana Jones gelingt die Flucht und gerät dabei in einen Atomwaffentest. Die nukleare Explosion überlebt er, indem er sich geistesgegenwärtig im Inneren eines überdimensionierten Küchenkühlschranks einschließt.

Verleih: Paramount

Durch die schadenreiche Selbstrettungsaktion hat Jones allerdings jeden Kredit bei der Regierung verspielt und muss seinen Professorenjob aufgeben. Kurz bevor er enttäuscht seiner Alma Mater den Rücken kehren will, kommt Mutt Williams (Steven Spielbergs Lieblingsschauspieler Shia LaBeouf) wie einst Marlon Brando auf einer Harley Davidson in den Bahnhof gefahren. Er schlägt dem alternden Abenteurer die Schatzjagd seines Lebens vor: Indiana Jones soll dem halbstarken Schwarzlederjackenträger dabei helfen, den sagenumwobenen Kristallschädel von Akator zu finden, der zusammen mit zwölf anderen Kristallschädeln alles Wissen der Welt freigeben soll. Kein Wunder, dass auch die Russen hinter dem Totenkopf her sind – so leicht ist der Weg zur Weltherrschaft nie wieder.

Indiana Jones fällt aus allen Wolken, als er erfährt, dass Mutt sein Sohn – und wer die Mutter ist: Marion (Karen Allen), Jones‘ streitbare Freundin aus dem ersten Film Jäger des verlorenen Schatzes. Der Sohnemann hat vom Vater das Talent für schwierige Situationen geerbt, rettet seinem alten Herrn nach Anlaufschwierigkeiten jedoch auch mehrfach das Leben.

Vater und Sohn brechen gemeinsam nach Peru auf, um den Kristallschädel zu finden. Dabei müssen sie sich ständig der Nachstellungen der Russen erwehren. Spätestens nach einer Stunde gerät der Film zu einer endlosen Verfolgungsjagd, bei der die Gesetze der Physik außer Kraft gesetzt werden. Natürlich münden die Abenteuer schließlich im optisch beeindruckenden Finale – diesmal eine wahrlich außerirdische Begegnung der dritten Art, die auch eine augenzwinkernde Hommage an Steven Spielbergs zahlreiche Alien-Filme ist. Kenner von Spielberg-Filmen ahnen, wie der Film ausgeht.

Verleih: Paramount

Kritik

Der vierte Indiana-Jones-Film ist generell gespickt mit Eigenreferenzen auf das Werk Spielbergs und Lucas‘: So ist die Anfangsszene eine Hommage an George Lucas‘ ersten Kassenerfolg American Graffiti, oder ein Schwertkampf im peruanischen Urwald auf rasenden Militärjeeps zitiert die Speeder Bike-Jags in Rückkehr der Jedi-Ritter. Auch die ersten Indiana-Jones-Filme werden fortwährend zitiert. Der postmodernistische Verweisdschungel transformiert Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels in eine Quizshow für Mainstream-Cineasten.

Wie sein Publikum ist auch Indiana Jones älter geworden, doch die archäologischen Schätze der Welt zittern weiterhin vor ihm – denn wo er auftaucht, liegt bald alles in Schutt und Asche. Das liegt vor allem an Jones‘ Gegenspielern, die wie gewohnt in gottverlassenen peruanischen Katakomben hinter Totenmasken hervorspringen, um letztendlich doch in gewohnter Manier per Peitsche unschädlich gemacht zu werden. Insofern ist Indiana Jones ein uramerikanischer Leinwandheld in der Tradition der einsamen Outlaws des John-Ford-Westerns oder der Außenseiterfiguren in zeitgenössischen Comicverfilmungen wie Batman, Spiderman oder The Incredible Hulk: Wer die Welt retten will, muss Kollateralschäden in Kauf nehmen. Analogien zur politischen Wirklichkeit sind hierbei von den Filmemachern nicht immer beabsichtigt.

In brenzligen Situationen braucht der nun selbst zum Senior gewordene Indiana Jones öfter Hilfe, und der Sprung aufs Wagendach, der zwei Jahrzehnte zuvor noch ein Kinderspiel war, endet bisweilen schmerzhaft auf dem Hosenboden. Seinen Kopf zieht der Abenteuerarchäologe dennoch stets im letzten Moment aus der Schlinge, schließlich denkt er immer noch einen Tick schneller als seine Gegner.

Die Bösen, das sind diesmal nicht die Nationalsozialisten, sondern die Russen. Der Film spielt mitten in den 50er Jahren der antikommunistischen McCarthy-Ära, und der Kalte Krieg zwischen Ost und West ist bereits in vollem Gange. Zwar trinken Jones‘ Gegenspieler jetzt Wodka statt Bier, doch das Feindbild des Films ist so klar definiert wie immer: Zwei Meter große Übermenschen, hart wie Stalin, aber etwas schwer von Begriff; angeführt von kalten Mannsfrauen, die so intelligent sind, dass ihr Herz zu einem Eiszapfen erstarrt ist. Cate Blanchett brilliert in ihrer Rolle als skrupellose russische Wissenschaftlerin Irina Spalko, die vor Jones an den Kristallschädel gelangen will – nur manchmal blitzt ihr zu sehr die Freude aus den Augen, ihre Schauspielerkollegen an die Wand zu spielen.

Verleih: Paramount

Und wie ist der Film nun? Voller magischer Momente, aber ohne den Zauber, der den alten Folgen innewohnte. Kaum überraschend, denn Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels schreibt letztendlich nur die eigene, längst filmhistorisch gewordene Geschichte fort. Die Chemie zwischen den wunderbar für das Blockbuster-Kino geeigneten Darstellern stimmt, und auch die Story des Films ist zumindest interessant. Doch gegen die universalen kultur- und zeithistorischen Referenzräume der Bundeslade aus dem ersten und dem Heiligen Gral aus dem dritten Teil hat die Suche nach dem kulturhistorisch eher esoterisch konnotierten Kristallschädel einen schweren Stand. Hobbyarchäologen wird nicht entgangen sein, dass das Kristallschädelmotiv des Films sich an dem Mitchell-Hedges-Schädel orientiert, dessen augenscheinliche Perfektion Esoterikern als Beweis für die Präsenz außerirdischen Wissens in indianischen Hochkulturen diente.

Fazit

Jugendliche werden an dem Action-Spektakel ihren Spaß haben und Interesse an der ursprünglichen, insgesamt gelungeneren Trilogie finden. Und die älteren Kinobesucher werden sich leicht melancholisch an ihre ersten Kindheitsbegegnungen mit dem berühmtesten Archäologen der Welt erinnern.

 

Titel: Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels
Originaltitel: Indiana Jones and the Kindgom of the Crystal Skull
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2008
Dauer: 123 Minuten
Altersfreigabe: Ab 12 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 22.05.2008
Verleih: Paramount
Einspielergebnis: 758 Mio. $
Regisseur: Steven Spielberg
Drehbuch: David Koepp, George Lucas, Jeff Nathanson
Darsteller: Harrison Ford (Indiana Jones), Shia LaBeouf (Mutt), Karen Allen (Marion)
Kamera: Janusz Kamiński
Musik: John Williams
Schnitt: Michael Kahn
Produzent: Frank Marshall, Flávio R. Tambellini

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