von Anna Zamolska

Verwünscht verbindet Versatzstücke aus den klassischen Disneyfilmen zu einem modernen Märchen. Der Zusammenstoß der Märchenwelt mit unserer Wirklichkeit sorgt für manche komische Situation, wirft aber augenzwinkernd auch die Frage auf, ob Märchen noch in unsere moderne, hektische Welt passen.

Inhalt

Die Zeichentrickfigur Giselle lebt in ihrer animierten Welt – einem Land namens Andalusien – zusammen mit ihren Freunden, den sprechenden Waldtieren, in einer Waldhütte und wartet auf ihren Traumprinzen. Als sie Prinz Edward trifft, entschließen sie sich spontan zu heiraten. Die Hochzeit wird jedoch von der neidischen Stiefmutter Edwards, Königin Narissa, in letzter Sekunde verhindert, da sie ihren Thron nicht aufgeben will, den sie mit seiner Heirat sofort verlieren würde. Sie stößt Giselle in einen Brunnen, der in eine andere Welt führt.

Giselle fällt wie Alice im Wunderland ins Kaninchenloch, verwandelt sich auf ihrer zwischenweltlichen Reise in einen Menschen (Amy Adams) und landet in unserer Welt, mitten in New York.

Völlig verloren in der lauten und fremden Welt wird Giselle schließlich von dem kleinen Mädchen Morgan (Rachel Covey) und seinem alleinerziehenden Vater Robert (Patrick Dempsey) aufgenommen. Dieser ist Scheidungsanwalt und verlobt, ohne an die Liebe zu glauben. Obwohl Robert und Giselle völlig verschiedene Vorstellungen von Liebe, Romantik und einer Beziehung haben, unterhalten sie sich gerne miteinander und lernen, sich gegenseitig zu verstehen.


Quelle: Disney

Während Giselle allmählich in der neuen Welt zurechtkommt und ihr neues Zuhause und seine Bewohner liebgewinnt, stürzen immer mehr Zeichentrickfiguren durch den Brunnen in unsere Welt: Prinz Edward (James Marsden), das Streifenhörnchen Pip, Nathaniel (Timothy Spall) – der Spion und Handlanger der bösen Königin – und Narissa (Susan Sarandon) selbst. Während der Prinz Giselle sucht, setzt Nathaniel alles daran, sie mit drei vergifteten Äpfeln auszuschalten. Schließlich gelingt es Narissa, Giselle mit dem letzten Apfel zu vergiften. Giselle kann nur der „wahren Liebe Kuss“ retten, der die „größte Macht auf Erden“ innehat. Wie sich nun herausstellt, verbindet nicht Giselle und den Prinzen wahre Liebe, sondern Giselle und Robert. Nach dem erlösenden Kuss kommt es zum entscheidenden Kampf zwischen Narissa, die sich in einen Drachen verwandelt, und Giselle, die ihren Geliebten – Robert – retten muss. Es gelingt Giselle, den Drachen zu besiegen. Sie bleibt bei Robert und Morgan und ist in ihrer neuen Welt glücklich.

Prinz Edward und Roberts Freundin Nancy finden als zurückgelassene Partner zusammen und gehen gemeinsam nach Andalusien zurück.

Kritik

Wer die alten Disney-Klassiker kennt, wird an dem Film Verwünscht von Kevin Lima aus dem Jahr 2007 zweifellos seinen Spaß haben, denn während der 103 Minuten Spielzeit kann man eine Unmenge an intramedialen Verweisen entdecken: Figuren, Texte, Settings, Musik, Farben und Gesten werden anderen Filmen (nicht nur von Disney) entnommen und zitiert.

Der Film reiht sich jedoch nicht nur in die bisherigen Disney-Märchenfilme ein, sondern wirft eine völlig neue Frage auf, die in dieser Weise noch nicht thematisiert wurde: Was für eine Bedeutung haben Märchen heute für uns und welchen Platz nehmen sie in unserer Welt ein?

Mit dem Übertreten der Grenze zwischen Märchen und Realität durch die Märchenfiguren werden zwei völlig verschiedene Welten miteinander konfrontiert – die Bewohner beider Welten müssen zunächst lernen, die anderen und ihre Umgebung zu verstehen.

Durch die unmittelbare Begegnung der Welten des Märchens und unserer alltäglichen Wirklichkeit kommt es zu allerlei Missverständnissen und verzwickten Situationen – Mensch und Märchenfigur legen der Welt jeweils die Schablonen ihrer eigenen Vorstellungen auf und lernen, diese zu hinterfragen. Giselle lernt, dass die Dinge in unserer Welt komplizierter sind als im Märchen; ihre Veränderung ist am deutlichsten erkennbar, als sie Prinz Edward wiederfindet und „nachdenkt“, bevor sie in sein Duett einstimmt, was ihn vollends verwirrt.

Durch ihre Gespräche lernt auch der Mensch (Robert) von der Märchenfigur und zusammen mit Robert lernt auch der Zuschauer. Die scheinbar lachhaften Verhaltensweisen und Ansichten von Giselle zeigen sich zunehmend als gar nicht so widersinnig, wie es in dieser Welt scheinen könnte, in der es kein „glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ gibt und ein Märchenbuch durch ein Sachbuch ersetzt wird, damit das Kind keine falschen Vorstellungen von der Realität entwickelt. Mit dieser Vorstellung wird in dem Film auch auf die Kritik referiert, mit der oft an Disneyfilme herangegangen wird – die Filme würden den Kindern eine falsche Vorstellung von der Wirklichkeit vermitteln.

Giselles "märchenhaftes" Verhalten bringt viel Freude und Verwunderung in den grauen Alltag der Menschen und wird zunehmend von Robert akzeptiert und bewundert. Dadurch, dass die Märchenfiguren in unserer Welt ihre Fähigkeiten nicht verlieren (Giselle kann immer noch mit Tieren kommunizieren und die Königin immer noch zaubern), kommt es zu vielen lustigen und innovativen Szenen, die Märchenhaftes mit unserer Wirklichkeit zusammenfließen lassen.

Die Verwandlung der Zeichentrickfiguren in Menschen aus Fleisch und Blut ist in diesem Film sehr überzeugend und durchweg gut gelungen. Hierfür haben sich die Schauspieler sehr sorgfältig mit ihren Charakteren auseinandergesetzt und ihre Bewegungen genau studiert – besonders Amy Adams, die ihre Zeichentrickfigur in den Animationssequenzen genau beobachtet hat, und die wiederum als Modell für die Zeichner der Trickfigur diente (genauer nachzulesen in dem Interview mit Lima: www.awn.com/articles/production/enchanted-disney). Das Ergebnis ist ein harmonisches Zusammenspiel der animierten und der realfilmischen Giselle.

Quelle: Disney

Die Auseinandersetzung des Films mit dem Märchen an sich ist durch das intramediale Spiel mit anderen Märchenfilmen Disneys gegeben. Bereits die ersten Sekunden sind ein intramedialer Verweis auf die Anfangssequenzen klassischer Disneyfilme, die meistens mit einem Märchenbuch beginnen, das sich öffnet und die ersten Bilder der Geschichte zeigt, in die wir zusammen mit der Kamera eintauchen. Verwiesen wird hier bereits durch die Farbtöne und die Inszenierung (das Märchenbuch steht auf einem Buchständer in einem steinernen Raum) auf Disneys Dornröschen. Innovativ und zeitgemäß ist an dieser Stelle, dass das Buch sich als Pop-Up-Buch öffnet. Die erste Kamerafahrt führt uns zu einer Waldhütte, die der Dornröschens sehr ähnlich sieht. Waldtiere wie in Schneewittchen und Dornröschen begleiten die Prinzessin, sodass man von Anfang an das Gefühl hat, ein einziges, großes Dornröschen-Zitat vor Augen zu haben. Prinzessin Giselle ist für sich schon eine Mischung aller Disney-Prinzessinnen – vor allem vereint sie Dornröschen und Arielle in sich.


Quelle: Disney

Das Gewebe an Disney-Anspielungen dient als Grundgerüst, um ein neues Märchen zu erschaffen, denn auch im weiteren Verlauf der Geschichte, die sich vorrangig in unserer Welt abspielt, tauchen märchentypische Elemente auf: die Widersacherin der Protagonistin, Magie, ein Ball (der um Mitternacht unterbrochen wird), ein Drachenkampf. Die verschiedenen Märchenstränge werden zu einem neuen Handlungsstrang verwoben, dem aber innovative Ideen hinzugefügt werden: Z. B. rettet die Prinzessin am Ende ihren Geliebten, sodass hier ein Rollentausch stattfindet. Eine weitere schöne Idee ist, dass der vergiftete Apfel, von dem Giselle abgebissen hat, zu demjenigen rollt, der sie erlösen kann.

Fazit

Der Film ist somit nicht nur als bloßes Spiel mit den bisherigen Disneyfilmen zu sehen, sondern als selbständiges innovatives Werk, das sich mehr oder minder seriös mit der Frage beschäftigt, welche Rolle das Märchen in unserer Gesellschaft spielt.

Als Antwort auf diese Frage lässt sich in dem Film die Botschaft erkennen, dass Märchen doch ihren berechtigten Platz haben, weil sich viele insgeheim nach ihnen sehnen, wie das vor allem bei der Figur von Nancy erkennbar ist. Am Ende verschmelzen Märchen und Realität zu einer neuen märchenhaften Welt für die kleine Familie, die zusammengefunden hat – eine märchenhafte Welt, die dem Zuschauer ans Herz gelegt wird und damit der freundliche, humorvolle Rat, sich nicht gegen Phantasie, Spiel und Träume zu verschließen und sich verzaubern zu lassen.

 

Titel: Verwünscht
Originaltitel: Enchanted
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2007
Dauer: 103 Minuten
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Erscheinungsdatum (Deutschland): 20.12.2007
Verleih: Walt Disney
Einspielergebnis: 340,5 Mio. US-$
Regisseur: Kevin Lima
Drehbuch: Bill Kelly
Darsteller: Amy Adams (Giselle), Patrick Dempsey (Robert), James Marsden (Prinz Edward), Timothy Spall (Nathaniel), Susan Sarandon (Königin Narissa), Idina Menzel (Nancy), Rachel Covey (Morgan)
Kamera: Don Burgess
Musik: Alan Menken, Stephen Schwartz
Schnitt: Gregory Perler, Stephen A. Rotter
Produzent: Barry Josephson, Barry Sonnenfeld

Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

Februar 2018
Mo Di Mi Do Fr Sa So
29 30 31 1 2 3 4
5 6 7 8 9 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 1 2 3 4