Hänsel und Gretel (Walter Janssen, 1954)

von Almut Kaiser

Zwei Kinder die sich im Wald verirren, getrieben von Hunger und Angst um sich und Ihre Eltern, entführt von einer grausamen, alten Frau: Eine Geschichte die noch heute, 200 Jahre nach der Erstverfassung der Gebrüder Grimm, für Schrecken und Aufruhe sorgt. Dies ist das Märchen von Hänsel und Gretel, einem Geschwisterpärchen, das sich und seinen Eltern ein besseres Leben ermöglichen will, indem sie sich auf die Suche nach einem versteckten Schatz in einem Hexenhäuschen machen und sich dabei in große Gefahr bringen.


Inhalt

In einem kleinen, bescheidenen Häuschen im Wald leben die Geschwister Hänsel (Jürgen Micksch) und Gretel (Maren J. Bielenberg) zusammen mit ihren Eltern. Die kleine Familie ist sehr arm und verdient nur ein wenig Geld mit dem Verkauf von selbst hergestellten Besen. So mangelt es immer wieder an ausreichend Nahrung, um den Hunger der Vier zu stillen. Eines Tages erzählt der Vater (Jochen Diestelmann) der beiden Kinder ihnen von einem Schatz, der versteckt im Häuschen im Walde zu finden sei. Voller Hoffnung auf ein besseres Leben machen sich Hänsel und Gretel nachts heimlich auf die Suche nach dem jenem Schatz, der ihnen ein besseres Leben verspricht.

Um auf ihrem Weg im großen und dunklen Wald nicht die Orientierung zu verlieren, legt Hänsel immer wieder Kieselsteine an den Wegesrand. Doch sein Vorrat an Kieselsteinen geht rasch zu Ende, sodass die Geschwister die weiteren Meter ihres Weges mit Brotkrümeln markieren müssen. Diese werden allerdings von einem Vogel gefressen. Nach langem Irren durch den Wald, erreichen die beiden ein Häuschen, gebaut aus leckerem Lebkuchen und verziert mit allerlei Süßigkeiten. In diesem Haus lebt eine alte bucklige Frau (Barbara Gallauner), die die beiden zum Essen in ihr Haus einlädt.

Wie sich jedoch herausstellt, handelt es sich bei der buckligen Frau um eine böse Hexe, die Hänsel zum Mästen in einen Käfig steckt und Gretel die häuslichen Arbeiten vollrichten lässt. Nach langen Tagen der Arbeit und Angst überwältigt Gretel die böse Hexe und schubst sie beim Feuermachen in den Ofen. Infolgedessen zerstört sich das Hexenhaus und Gretel kann ihren Bruder aus dem Käfig befreien. Die beiden bergen den wertvollen Schatz und könnten so ihnen und ihren Eltern ein besseres Leben bereiten.

Kritik

Die Verfilmung des Märchens Hänsel und Gretel durch den Regisseur Walter Janssen zeigt eine liebevoll gestaltete Kulisse, die den Zuschauer in den Wald der Geschichte einlädt und ihn am Geschehen teilhaben lässt.  Die Aufnahmen wurden  im Filmstudio der Schongerfilm in Inning am Ammersee aufgenommen und zeigen einen für damalige Verhältnisse hohen Stand der Technik. Doch ein Film lebt nicht nur von Technik und Kostümen, sondern vor allem von der Geschichte, die er erzählt. Vergleicht man die Geschichte des im Jahre 1954 gedrehten Films mit der Version der Brüder Grimm von 1812, so fallen viele Unterschiede auf: Der Film verdeckt viele grausame Details, die kennzeichnend für das Grimm'sche Märchen sind.

So ist im Originalmärchen die Mutter von Hänsel und Gretel eine egoistische und arglistige Persönlichkeit, die für ihr eigenes Wohlergehen die Kinder im Wald aussetzen will. Als Strafe dafür stirbt die Mutter, kurz nach der erfolgreichen Rückkehr ihrer Kinder. Im Film hingegen ist die Mutter (Ellen Frank) sorgsam, liebevoll und freut sich über die Rückkehr ihrer geliebten Kinder. Es gibt keine Anzeichen von Habgier oder Arglist, und so wird im Film die Rolle einer liebenden und fürsorglichen Mutter aufrecht gehalten. Auch der Vater, der seiner Frau im Original hilft, die Kinder in den Wald zu führen, wird im Film als noch führsorglicher dargestellt. Somit wird die eigentlich zerrüttete Familie, die gezeichnet ist von Verzweiflung und Arglist, im Film als liebende Familie dargestellt.

Diese Darstellung passt allerdings auch in die Entstehungszeit des Filmes: Im Nachkriegsdeutschland der Wirtschaftswunderjahre litten die meisten Familien noch an den Nachwirkungen des Krieges und akzeptierten die Vorstellung eines zerrütteten Familienlebens nicht. Trotz dieser Abweichungen gibt der Film dennoch die Grundintention der Originalfassung wieder.

Schritt für Schritt baut sich die Geschichte auf; der Zuschauer wird von Anfang an die Hand genommen und kann sich in den Kulissen des Waldhäuschens, des Waldes und des Hexenhäuschens wiederfinden. Zur besseren Einfühlung in das Geschehen werden neben lebendigen Waldtieren auch weitere Figuren in die Geschichte mit aufgenommen, um die einzelnen Geschehnisse zu verstärken.

Die Kameraführung ist einfach und ruhig gehalten. Die Motiv-und Farbwahl ist bunt aber auch trist und somit der Stimmung des Filmes angepasst. Diese Anpassung erleichtert es dem Zuschauer, sich in die Geschichte einzufühlen.

Fazit

Zwar zeigt die Verfilmung des Märchens Hänsel und Gretel nicht die ganze "Wahrheit" des Original-Märchens, doch kann man insgesamt von einem zeitgemäßen und gelungen Werk von Walter Janssen sprechen. Die Geschichte wird spannend, bunt und finster zugleich inszeniert und bereitet Freude bei Jung und Alt.

 

 

Titel: Hänsel und Gretel
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 1953
Dauer: 52 Minuten
Altersfreigabe: Ohne Altersbeschränkung
Erscheinungsdatum (Deutschland): 03.08.1954 (Kinostart: 27.08.1954)
Einspielergebnis: unbekannt
Regisseur: Walter Janssen (Bearbeitet von Gerhard F. Hummel)
Buchvorlage: Gebrüder Grimm
Darsteller: Hänsel (Jürgen Micksch), Gretel (Maren J. Bielenberg), Vater (Jochen Diestelmann), Mutter (Ellen Frank), Hexe (Barbara Gallauner), Dicke (Wolfgang Eichberger)
Kamera: Wolf Schwan
Ausstattung: Günther Strupp
Produzent: Schongerfilm

Newsletter