Billy Elliot – I Will Dance (Stephen Daldry, 2000)

von Julia Turbahn

Stephen Daldry erzählt in seinem Debütfilm Billy Elliot – I Will Dance die Geschichte eines Jungen, der Tänzer werden möchte und zeigt, wie wichtig es ist an seinen Träumen festzuhalten.


Inhalt

Man schreibt das Jahr 1984, die Ära der eisernen Lady Margaret Thatcher. Die Arbeiter in der nordenglischen Stadt Durham wehren sich mit Protesten gegen die Schließung der Kohleminen. Das Geld wird immer knapper, sodass auch der wöchentliche Ballett- und Boxunterricht in der gleichen Halle stattfinden muss. Der elfjährige Box-Schüler Billy (Jamie Bell) entwickelt eine Faszination für die Schrittkombinationen und die Körperbeherrschung, welche die forsche Ballettlehrerin Mrs. Wilkinson (Julie Walters) ihren Schülerinnen vermittelt. Zunächst nähert sich Billy zaghaft dem Tanz, doch die Verbundenheit zur Bewegung ist so groß, dass er das Geld für den Boxunterricht heimlich in Ballettstunden investiert. "Jungs spielen Fußball, gehen zum Boxen oder zum Ringen, aber doch nicht zum Ballett! Ich bitte dich!" – Billys Vater Jackie Elliot (Gary Lewis) ist entsetzt, als er den Jungen im Ballettunterricht erwischt. Er spart jeden Cent, um seinem jüngsten Sohn den Boxunterricht zu ermöglichen. Doch die Ballettlehrerin erkennt das Talent des Jungen und gibt ihm ohne das Wissen des Vaters kostenlosen Privatunterricht, um ihn auf ein Vortanzen an der Royal Ballett School vorzubereiten.

Verleih: Universal

Kritik

In Billy Elliott – I Will Dance reflektiert Stephen Daldry über das Erwachsenwerden und das Suchen und Finden von dem, was unsere Leidenschaft entfacht. Durch die kindliche Ehrlichkeit und Direktheit der zentralen Person Billy thematisiert der Regisseur aber auch typische Geschlechterrollenzuweisungen und Homosexualität. Dabei bedient er keines der gängigen Klischees, wie es sich bei der Thematik von Jungen und Ballett anbieten würde. "Wenn du nicht wie ein Mädchen aussehen willst, benimm dich auch nicht wie eins", kommentiert die Ballettlehrerin Billys Sorgen, zwischen den Mädchen in weißen Tütüs seine Männlichkeit einzubüßen.

Vielmehr behandelt der Regisseur das Thema im Kontext von Billys Verbundenheit und Akzeptanz gegenüber seinem schwulen besten Freund Michael, der heimlich die Kleider und Schminke seiner Mutter ausprobiert. In der Weihnachtsnacht besorgt Billy Michael ein Tütu und tanzt für ihn alleine in der Turnhalle.  In Szenen wie diesen zeigt sich Daldrys Talent, mit Bildern anstelle von langen Dialogen zu arbeiten. Aktion und Reaktion der Protagonisten stehen im Vordergrund. So auch die des verbitterten, wortkargen Vaters. Als er betrunken seinen Sohn und Michael entdeckt und ihn zum ersten Mal bewusst tanzen sieht, verlässt er kommentarlos die Halle und läuft zu Mrs Wilkinsons Haus, um nach den anfallenden Kosten für das Vortanzen zu fragen: Die stumme Verkörperung seiner Zuneigung und Achtung des Talents seines Sohnes. Sehr fein zeichnet der Regisseur das Bild eines Mannes, der unter dem Verlust seiner Frau leidet und weniger gegen die Politik, als gegen die Ungerechtigkeit und Hilflosigkeit kämpft, seinen Kindern nicht das geben zu können, was sie verdienen.

Außerdem bedient Daldry sich der Sprache des Tanzes, die keiner Wörter bedarf, sondern Billys Emotionen mit Musik von T.Rex und The Clash eindrucksvoll vermittelt. Wütend tanzt und steppt er gegen die monotonen, einengenden Klinkerwände des trüben Durhams an, als sein Vater ihm das Tanzen verbietet. Vor Freude springt und dreht er sich nach neuen Fortschritten im Tanzunterricht auf der Straße, wodurch die trostlose Kleinstadt in Kombination mit blauem Himmel plötzlich viel freundlicher erscheint.

Geschickt verknüpft Daldry die Geschichte des Kampfes eines Jungen, der zufällig seine Leidenschaft entdeckt, mit dem Kampf der Bergleute gegen die politischen Entscheidungen, indem er Szenen aus dem Streik mit Szenen aus dem Tanzunterricht verknüpft. Der Charakter der verbitterten Ballettlehrerin, wunderbar sarkastisch und stark dargestellt von Julie Walters, verdeutlicht, dass die Situation wohlhabender Gesellschaftsschichten nicht unbedingt einfacher sein muss. Für sie ist der Tanz eine Möglichkeit der Flucht, um sich nicht mit ihrem betrunkenen, arbeitslosen Mann auseinandersetzen zu müssen. Nichtdestotrotz verkörpert sie eine starke Stütze für Billy, die ihn aber auch mit der Disziplin und Einsatzbereitschaft konfrontiert, die er benötigen wird, um als Tänzer Karriere zu machen.

Verleih: Universal

Fazit

Wer in diesem Film eine  zuckersüße „Lebe deine Traum"- Botschaft erwartet, wird mit einer feinen Studie einer Gesellschaft, deren Alltagsleben auch täglichen Kampf bedeutet, überrascht. Nicht jeder Traum kann in Erfüllung gehen: Billys demente Großmutter erzählt von den verschenkten Möglichkeiten in ihrem Leben, sein Bruder, sein Vater und auch Mrs. Wilkinson müssen sich weiterhin mit ihrem unveränderten Alltagsleben und Verpflichtungen auseinandersetzen. Trotz dieses bitteren Beigeschmacks erzählt der Film auf faszinierend behutsame Weise, wie man an seine Träume glauben sollte und der Glaube an den Traum eines anderen ebenso Kraft geben kann. Eine Botschaft, die Erwachsene und Jugendliche gleichermaßen berührt.

 

Titel: Billy Elliot – I Will Dance
Originaltitel: Billy Elliot
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2000
Dauer: 106 Minuten
Altersfreigabe: Ab 6 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 12.10.2000
Verleih: UIC
Einspielergebnis: $ 109,28 Mio.
Regisseur: Stephen Daldry
Drehbuch: Lee Hall
Darsteller: Jamie Bell (Billy Elliot), Julie Walters (Georgia Wilkinson), Jamie Draven (Tony Elliot), Gary Lewis (Jackie Elliot) Jean Heywood (Billys Großmutter), Stuart Wells (Michael), Nicola Blackwell (Debbie Wilkinson), Merryn Owen (Michael 25-jährig), Adam Cooper (Billy Elliot 25-jährig)
Kamera: Brian Tufang
Musik: Stephen Warbeck
Schnitt: John Wilson
Produzent: Greg Brenman, Jonathan Finn

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