von Christoph Korfhage

Der 3D-Animationsfilm Oben (Originaltitel Up) aus dem Jahr 2009 ist eine Produktion der Pixar Animation Studios und der Walt Disney Company. Regie über den 96 Minuten dauernden Film führten Pete Docter und Bob Peterson. Die FSK gibt den Film ohne Altersbeschränkung frei, die JMK empfiehlt aufgrund der Thematisierung des Todes und Verfolgungsjagden mit "durchaus bedrohlich visualisierten Hunden" ein Mindestalter von sechs Jahren. [1] Diese Analyse des Films wird zunächst den Inhalt der vielschichtigen Handlung zusammenfassen. Anschließend sollen verschiedene Motive und Lehren dieses Werkes herausgearbeitet werden. Dabei wird aufgezeigt, welche unterschiedlichen Botschaften der Film aus den verschiedenen Blickwinkeln von Erwachsenen und Kindern zu vermitteln imstande ist.

Inhalt

Der Film beginnt mit einer etwa elfminütigen Eröffnungsszene. Der junge Carl Fredricksen sitzt in einem Kino und träumt seinem Idol, dem Abenteurer Charles Muntz hinterher. Später lernt er beim Spielen in einem alten Haus das Mädchen Ellie kennen, das ebenfalls von großen Abenteuern träumt. In Zeitraffer wird geschildert, wie sie Freunde werden, heiraten und zusammen in das alte Haus ziehen, in dem sie sich kennengelernt haben. Die beiden arbeiten in demselben Zoo, er als Ballonverkäufer, sie als Tierpflegerin. Ellie kann leider keine Kinder bekommen. Stattdessen verfolgen sie deshalb ihren gemeinsamen Traum, eines Tages zu den Paradiesfällen nach Südamerika zu reisen und sparen dafür. Doch immer wieder kommt etwas dazwischen, das gesparte Geld muss anderweitig verwendet werden und die Reise wird immer wieder verschoben. Die Jahre vergehen und schließlich bleibt der Traum unerfüllt: Carl hat die Flugtickets bereits gekauft, doch Ellie erkrankt und stirbt schließlich in hohem Alter. Der Witwer kehrt allein in das kleine Haus zurück.

Der Hauptteil beginnt und Carls Haus ist plötzlich von Bauarbeitern und großen Maschinen umringt. Sie wollen es abreißen, um Platz für große Hochhäuser zu schaffen. Als Carl versehentlich einen Bauarbeiter verletzt, wird dies zum Anlass genommen, ihn zu entmündigen und in ein Altersheim zu stecken. Doch Carl kommt diesen Plänen zuvor. Er knotet tausende mit Helium gefüllte Luftballons an sein Haus und erhebt sich mitsamt des ganzen Hauses in die Lüfte, um endlich nach Südamerika zu reisen. Versehentlich gerät auch der junge und ungeschickte Pfadfinder Russell mit in das Abenteuer. Er wollte dem alten Carl behilflich sein, um ein weiteres Pfadfinderabzeichen zu bekommen.

Notgedrungen werden die beiden ein Team und gelangen tatsächlich nach Südamerika. Carl erfährt, dass Russell von seinem Vater wenig Aufmerksamkeit erfährt. Am Ziel angekommen machen die beiden Bekanntschaft mit einem großen exotischen Vogel, der von ihnen Kevin genannt wird. Kevin ist eigentlich ein Weibchen und sucht seine Jungen. Außerdem lernen sie einen Hund namens Dug kennen, der mithilfe eines speziellen Halsbandes sprechen kann und ebenfalls ihr Freund wird. Dann taucht eine sprechende Hundemeute auf, welche die kleine Gruppe verfolgt. Sie gehören zum Abenteurer Charles Munz, der immer noch lebt und nach einem Betrugsvorwurf ein lebendes Exemplars eben jenen Vogels zu finden versucht, den Russell und Carl gerade entdeckt hatten. Bei einem gemeinsamen Abendessen mit ihrem Idol stellt sich heraus, dass Munz vor nichts zurückschrecken wird, um den Vogel zu fangen. Als Russell sich verplappert, fliehen er selbst, Carl und Dug mitsamt dem Vogel vor Munz, wobei Kevin verletzt wird. Sie wollen den Vogel mit Hilfe des fliegenden Hauses zu seinen Jungen bringen, doch kurz vor dem Ziel werden sie von Munz abgefangen. Der Bösewicht setzt das alte Haus in Brand. Carl gibt auf und überlässt den Vogel Munz, um sein Haus retten zu können. Mittlerweile sinkt das Haus immer tiefer und Carl will es unbedingt zu dem Platz über den Paradieswasserfällen bringen, um Ellies Kindheitstraum zu erfüllen. Es sinkt allerdings kurz vor dem Ziel zu Boden. Carl blättert in einem alten Album herum, das ihm Ellie kurz vor ihrem Tod überreicht hatte. Auf leer geglaubten Seiten unter der Überschrift "Was ich erleben will" findet Carl Fotos vieler kleiner Abenteuer, die er gemeinsam mit seiner Frau erlebt hat. Unter dem letzten Foto steht: "Danke für das Abenteuer – such‘ dir ein Neues! In Liebe, Ellie". Das gibt Carl neuen Mut, er wirft allen Ballast aus dem Haus und folgt damit Russell, der sich aufgemacht hatte, Kevin im Alleingang zu befreien.

Schließlich schaffen es Russell, Carl und Dug gemeinsam, den Vogel zu befreien und zu seinen Jungen zurückzubringen. Sie kehren mit dem Luftschiff von Charles Munz in die Heimat zurück, wo Russell das letzte Pfadfinderabzeichen überreicht wird. Russells Vater ist nicht anwesend, deshalb springt Carl ein und übergibt Russell voller Stolz den "Ellie-Orden", einen Kronkorken, den Carl einst von Ellie bekommen hatte. Die letzte Szene zeigt das fliegende Haus, dass durch einen Zufall genau an eben jene Stelle über den Paradieswasserfällen herabgesunken ist. Im Abspann zeigen zahlreiche kleine Fotos, dass Russell und Carl viel Zeit miteinander verbringen.

Verleih: Pixar

Analyse

Der Film verarbeitet viele verschiedene Motive und kann dem Zuschauer zahlreiche Lehren und Hilfestellungen mit auf den Weg geben. Interessant dabei ist, dass der Film mit den Figuren Carl und Russell zwei Protagonisten liefert, die sich als Identifikationsfiguren anbieten. Der Prolog und der darauf folgende Handlungsstrang sind offensichtlich vor allem an das erwachsene Publikum gerichtet. Im Mittelpunkt steht das Leben von Carl. Es wird gezeigt, mit welcher Geschwindigkeit das Leben dahinrast und wie viele Träume bei diesem Tempo doch auch der Strecke bleiben können. Das Motto ist eindeutig: Carpe diem – Nutze den Tag und lebe dein Leben, aber lass dich dabei nicht hetzen, das Leben ist schon flüchtig genug. Im Verlauf dieses Handlungsstrangs zeigt der Film an der Figur Carl, dass man immer nach vorne schauen muss, egal wie sehr einem das Schicksal in die Karten gespielt hat. Das Leben kann, so sehr es auch schon fortgeschritten sein mag, immer neue Überraschungen und Abenteuer bereithalten, die es zu bestreiten gilt. Carl scheint nach dem Tod Ellies verbittert und hat den Glauben an seine ehemaligen Ideale aus der Kindheit verloren zu haben. Mit Hilfe von Russell erkennt er aber schließlich, dass er mit seiner Frau Ellie ein erfülltes Leben voller kleiner Abenteuer geführt hat, auch wenn er den ganz großen Traum nicht mit ihr bestreiten konnte.

Für die erwachsenen Zuschauer scheint somit Carl die maßgebliche Identifikationsfigur zu sein. An die jungen Zuschauer richten sich dagegen vor allem Russell und seine von kindlichen Idealen getriebene Neugier. Russell bekommt von seinem Vater nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Er versucht, ihn mittels der zahlreichen Pfadfinderauszeichnungen stolz zu machen und sich dadurch seine Zuneigung  zu sichern. Als er in das Abenteuer mit Carl gerät, bilden er und Russell zunächst nur notgedrungen eine Zweckgemeinschaft, mit der Zeit lernen sie sich aber immer besser kennen. Immer wenn Carl zweifelt und resigniert, steckt ihn Russell mit seiner Aufrichtigkeit und den Idealen von Freundschaft und Treue an. Er möchte den Vogel Kevin und seine Jungen wieder zusammenbringen, egal welche Mühen es auch kosten mag. Als Charles Munz Carl schließlich vor die Wahl zwischen seinem Haus und dem Vogel stellt, resigniert dieser. Nur durch Ellies optimistischen Eintrag in dem Fotoalbum und Russells selbstlosem Einsatz für Kevin erinnert sich Carl an die wirklich wichtigen Dinge im Leben zurück. Diese Geschichte zeigt, dass auch zwischen zwei so ganz verschiedenen Menschen echte Freundschaft entstehen kann. Letztlich sind beide aufeinander angewiesen: Russell braucht eine Identifikations- und Vaterfigur. Carl entdeckt in Russell sich selbst, seine eigene Kindheit und damit auch die einstigen Ideale wieder, die ihm im Alter abhandengekommen waren. Kinder erkennen diesen tiefen Sinn wahrscheinlich nicht, schließlich erleben sie derartige Filme intensiv, anstatt sie distanziert auszudeuten. Aber mit der unbändigen Lust auf Abenteuer und der Unumstößlichkeit seiner kindlichen Ideale bietet Russell allemal ein gutes Vorbild für alle Kinder.

Neben diesen filmumspannenden Handlungssträngen sind es aber auch kleine Symbole, die dem Zuschauer zum guten Beispiel dienen. So lehnt sich beispielsweise der Hund Dug gegen seine "Hunde-Freunde" auf, um für seine neuen Herrchen Carl und Russell und den Vogel Kevin einzustehen. Später erkennen auch alle anderen Hunde, dass Munz sie nur für seine Zwecke ausnutzt und sie schließen sich Dug an. Daraus lernt der Zuschauer, dass es sich am Ende doch lohnt, für die richtige Sache einzustehen – die wahre Freundschaft. Ganz im Gegenteil zum Antagonisten Charles Munz. Seine Gier nach Anerkennung bringt ihn vom rechten Weg ab. Er versucht mit allen Mitteln, seine Reputation wieder herzustellen. Dabei nutzt er alles und jeden aus, er versucht sogar, Russell umzubringen, um an den Vogel zu kommen. Letztendlich muss er scheitern, er fällt bei der Jagd nach Russell und dem Vogel aus dem fliegenden Haus in die Tiefe.

Fazit und Ausblick

Zusammenfassend muss man die Außergewöhnlichkeit dieses Filmes herausstellen, die in der Fähigkeit liegt, auf eine unaufdringliche und liebenswürdige Art und Weise ernste wie unernste Themen des Lebens für Kinder wie auch für Erwachsene adäquat darstellen zu können. Er ist das paradigmatische Beispiel eines Family Entertainment Films [2]: Augenscheinlich ein Kinderfilm, aber mit viel mehr Tiefgang als auf den ersten Blick zu erwarten ist. Der emotionale Höhepunkt ereignet sich bereits nach elf Minuten, als Carl Fredricksen einsam und allein, nur mit einem Luftballon in der Hand von der Beerdigung seiner Frau in das kleine traute aber verlassene Haus zurückkehrt. Dann startet mit etwas Vorlauf das große Abenteuer, das viel Spaß, Witz und Albernheit für die ganze Familie mitbringt. Eingestreut vermittelt der Film ganz alltägliche aber trotzdem immer wahre Lebensweisheiten. Vielleicht liegt die Besonderheit darin, dass für jeden etwas dabei ist. Dass man Freude empfindet und gleichzeitig zum Nachdenken angeregt wird. Und vielleicht hat der Kinobesuch auch zu manch interessanter Unterhaltung zwischen Kindern und ihren Eltern geführt. Dass dieser Film etwas Besonderes ist, zeigen auch die vielen überschwänglichen Kritiken, die er ausgelöst hat. [3] Und mit einem Zitat aus einer dieser Kritiken soll diese Analyse auch schließen, denn das Empfinden direkt nach dem Anschauen ist kaum in passendere Worte zu kleiden. So schrieb Lars-Olav Beier im Spiegel:

"[Oben] lässt uns höchstes Glück und tiefste Trauer empfinden. Wer von Oben nicht zu Herzen gerührt wird, muss sich fragen, ob er eines hat. Vielleicht ist es noch nie zuvor einem Film gelungen, den Zuschauern das Tempo, mit dem das Leben dahinrast und dabei viele unerfüllte Träume zurücklässt, so eindringlich spüren zu lassen: Das Leben ist kein langer, ruhiger Fluss. Das Leben ist ein schneller, wilder Strom." [4]

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[1] JMK-Altersfreigabe, zugänglich auf der Internetseite des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur unter URL http://www.bmukk.gv.at/schulen/service/jmk/detail.xml?key=15971, zuletzt aufgerufen am 18.04.2013.
[2] Vgl. Definition von Dr. T. Kurwinkel auf kinderundjugendmedien.de, verfügbar unter http://kinderundjugendmedien.de/index.php/begriffe-und-termini/199-family-entertainment-film, zuletzt aufgerufen am 13.05.2013.
[3] Kritikerwertung von durchschnittlich 98% bei 280 Reviews, zusammengefasst auf http://www.rottentomatoes.com/m/up/, zuletzt aufgerufen am 13.05.2013.
[4] Vgl. Der Spiegel, Nr. 38 (14. September 2009), S. 165.

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Eine Rezension zu Oben finden Sie hier.

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