Die Legende vom Weihnachtsstern (Nils Gaup, 2012)

von Anna Zamolska

Das norwegische Märchen um den verschwundenen Weihnachtsstern lässt bekannte Weihnachtsgestalten auftreten – die Reise zum Nordpol spricht mit ihrem klassischen, vielschichtigen Geschehen aber auch Erwachsene an.

Inhalt

In einem fernen Königreich feiert die Königsfamilie Weihnachten. Die kleine Prinzessin Goldhaar wünscht sich das Licht des Weihnachtssterns, der über dem Schloss leuchtet, an die Spitze des Tannenbaums. Die Königin erklärt ihr, dass der Stern für alle Menschen da sei, aber wenn Goldhaar ihm später sein Herz schenkte, würde der Weihnachtsstern immer über sie wachen. Zum Andenken an diese Erklärung schenkt die Königin der kleinen Prinzessin ein Herz-Medaillon, das sie immer tragen soll.

Dieses Gespräch belauscht der Graf (Stig-Werner Moe), der böse Vetter des Königs, der geheime Ambitionen auf den Königsthron hegt. Um das Königspaar ihrer Nachfolgerin zu berauben, schickt er Goldhaar durch eine List auf die Suche nach dem Weihnachtsstern – daraufhin hat man nie wieder etwas von der Prinzessin gehört. Aus Kummer über den Verlust ihrer Tochter stirbt die Königin und der König (Anders Baasmo Christiansen) verflucht den Weihnachtsstern. Sofort verschwindet der Stern vom Firmament. Ab nun gilt eine Prophezeiung: Goldhaar kann nicht zurückkehren, sollte  binnen von zehn Jahren niemand den Weihnachtsstern wiederfinden.

Am letzten Tag, bevor diese Zehnjahresfrist abläuft, gelingt es einem Mädchen namens Sonja (Vilde Marie Zeiner), einer Räuberbande zu entkommen, die sie gefangen hält, solange sie zurückdenken kann. Auf ihrer Flucht gelangt sie in den königlichen Palast und als sie von den Sorgen des Königs erfährt, entschließt sie sich, den Stern für ihn zu suchen, damit Goldhaar zurückkehren kann.

Auf ihrer Reise wird Sonja vom Grafen und seiner Komplizin, der Hexe (Agnes Kittelsen), verfolgt – mit der Hilfe des Wichtelkindes Mose (Eilif Hellum Noraker), auf dem Rücken des Nordwindes und mithilfe der klugen Unterweisung des Weihnachtsmanns (Knut Walle) gelingt es ihr dennoch, den Weihnachtsstern zu finden und sein Licht in ihrem Herz-Medaillon zurückzutragen. Auf dem Rückweg wird ihr das Medaillon jedoch von der Hexe entrissen, die damit ihre eigene Tochter (Sofie Asplin) als Goldhaar getarnt zum Palast schickt. Kurz bevor der getäuschte König auf Drängen des Grafen ein verzaubertes Schriftstück unterschreiben kann (angeblich einen Schwur, nie wieder den Weihnachtsstern zu verfluchen – in Wirklichkeit seine Abdankung zugunsten des Grafen), erscheint Sonja im Palast und deckt den Betrug auf. Der König erkennt in ihr seine verlorene Tochter und der Weihnachtsstern erscheint wieder am Himmel – gerade rechtzeitig zum Heiligen Abend.

Kritik

Die Legende vom Weihnachtsstern ist eine Filmadaption des norwegischen Weihnachtstückes Reisen til Julestjernen (dt. Die Reise zum Weihnachtsstern) von Sverre Brandt aus dem Jahr 1924, das in Norwegen zu den klassischen und meistgespielten Theaterstücken gehört und 1976 zum ersten Mal für den Film adaptiert wurde.

Nun hat sich Nils Gaup dieses traditionellen norwegischen Märchens angenommen und daraus einen magischen Märchenfilm für Kinder aus aller Welt geschaffen. Die Vermischung vieler bekannter Märchenmotive sorgt nicht nur für eine abwechslungsreiche Handlung, sondern lässt Kinder auf ihren intertextuellen Märchenkosmos zurückgreifen. So kommt in vielen Weihnachtsmärchen die Werkstatt des Weihnachtsmanns vor; die Flucht vor den Räubern und die Reise auf dem Bären erinnern an Andersens Schneekönigin; der Wind ist oft eine wichtige Figur in Märchen, beispielsweise in Peterchens Mondfahrt. Die schützende Mutterliebe (hier durch das Medaillon) ist ebenso ein häufig vorkommendes Märchenmotiv. Die Waldwichtel sind wiederum typische Märchenfiguren des skandinavischen Märchenschatzes, die uns durch den Tomte in vielen Büchern Astrid Lindgrens längst vertraut sind – so wissen wir auch, dass es in Skandinavien Brauch ist, dass die Kinder am Heiligen Abend eine Schüssel Weihnachtsgrütze für die Wichtel vor die Tür stellen.

Hinter dieser Kulisse der märchenhaften Reise zum Nordpol verbirgt sich eine tiefere, symbolische Erzählebene, die vorrangig durch die tiefsinnigen Dialoge geschaffen wird: Das Gespräch zwischen dem König und Sonja über die Reinheit des Herzens knüpft an die eigentliche Bedeutung von Weihnachten an – ebenso wie das Gespräch zwischen Sonja und dem Weihnachtsmann, das vom Glauben handelt. "Wer nicht mehr glaubt, der kann auch nicht mehr sehen", erklärt der Weihnachtsmann und hilft Sonja, den Weihnachtsstern durch ihren Glauben wiederzufinden.

Verleih: Polyband

Der Film lebt von dieser Vielschichtigkeit und tieferen Bedeutung jeder einzelnen Aussage. Selbst die widerspenstige Tochter der Hexe drückt ihren Freiheitswunsch mit einem Bild aus, wenn sie den Raben der Hexe ihre eigenen Gefühle zuschreibt. Versteckte Botschaften sind außerdem in vielen Feinheiten des Films auszumachen: So erfüllt die hochnäsige falsche Prinzessin mit der rosa Schleppe das gängige Prinzessinnen-Bild und wird durch den Kontrast mit der stilvoll gekleideten Prinzessin Goldhaar (kein Rosa!) als stereotypes Kitschbild markiert. Am Beispiel der falschen Prinzessin wird kleinen Mädchen außerdem gezeigt, was eine wahre Prinzessin ausmacht – Mut, Selbstlosigkeit und Ehrlichkeit.

Besonders schön mutet die Freundschaft zwischen dem König und seinen beiden Bediensteten an, der Dienerin Petrine (Evy Kasseth Røsten) und dem Diener Ole (Jakob Oftebro) – der König behandelt beide wie Familienangehörige und hört auf ihren Rat. Als Ausdruck seiner Freundschaft und ihrer Ebenbürtigkeit bittet er sie am Ende, an seiner und Goldhaars Festtafel Platz zu nehmen und mit ihnen das Mahl zu teilen – womit uns die letzte Botschaft erreicht.

Getragen wird der Symbolgehalt vom Spiel der norwegischen Schauspieler: Sie spielen eher zurückhaltend – dies ist besonders bei den "bösen" Figuren auffällig, die ihre Bösartigkeit entweder ins Komische verzerren (der Graf) oder sie mit sehr viel Haltung offenbaren (die Hexe) – sehr erholsam im Vergleich zu den bösen Kreaturen, die heute meistens ohne wutschnaubende, geräuschvolle, verzerrte Darstellungen nicht mehr auskommen. Besonders hervorzuheben ist das ruhige, konzentrierte und reife Spiel von Vilde Marie Zeiner, die Sonja verkörpert, und von dem Wichtelkind Mose, das von Eilif Hellum Noraker einfühlsam dargestellt wird.

Wie in allen Märchen- und phantastischen Kinderfilmen, die derzeit einen großen Aufschwung erleben, fliegt auch hier die Kamera über weite Landschaften, kommt hinter Wäldern hervorgeschossen und nimmt den Zuschauer so auf einen Adlerflug mit, der den Zuschauer mit wunderschönen Winterlandschaften überwältigt. Gedreht wurde in Tschechien (die Schlossszenen) und Norwegen.

Verleih: Polyband

Fazit

In dem alljährlichen Weihnachtstrubel zeigt der Film durch seinen reichen Symbolgehalt, was Weihnachten wirklich bedeutet: Die wichtigste Gabe des Abends ist das Licht des Sterns, der das ganze Königreich umfasst und die "dunkle Finsternis" verdrängt. Wenn das Herz glaubt und es dem Weihnachtsstern – und allem, wofür er steht – geschenkt wird, dann ist Weihnachten wirklich da.

Ein Film, der den Kleinsten (er ist ohne Altersbeschränkung) durch eine märchenhafte Reise den wahren Sinn von Weihnachten nahe bringt und Erwachsene durch seinen symbolischen Hintersinn zum Nachdenken einlädt.

Verleih: Polyband

 

Titel: Die Legende vom Weihnachtsstern
Originaltitel: Reisen til julestjernen
Produktionsland: Norwegen
Produktionsjahr: 2012
Dauer: 77 Minuten
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Erscheinungsdatum (Deutschland): 14.11.2013
Verleih: Polyband Medien GmbH
Einspielergebnis: nicht bekannt
Regisseur: Nils Gaup
Drehbuch: Kamilla Krogsveen
Buchvorlage: Sverre Brandt - Reisen til julestjernen
Darsteller: Vilde Marie Zeiner (Sonja/ Goldhaar), Anders Baasmo Christiansen (König), Agnes Kittelsen (Hexe), Stig-Werner Moe (Graf), Knut Walle (Weihnachtsmann), Eilif Hellum Noraker (Wichtelkind Mose), Evy Kasseth Røsten (Petrine), Jakob Oftebro (OLe), Sofie Asplin (Tochter der Hexe)
Kamera: Odd Reinhardt Nicolaysen
Musik: Johan Halvorsen
Schnitt: Per-Erik Eriksen
Produzent: Sigurd Mikal Karoliussen, Jan Eirik Langoen

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