von Dr. Philipp Schmerheim

Snowpiercer, eine Filmadaption der gleichnamigen graphic novel, ist eine Wucht von einem postapokalyptischen Film. Mit eindringlichen Bildmotiven, aufgedrehten Schauspielern und einem zutiefst misanthropischen Menschenbild entwirft Regisseur Bong Joon-ho ein düsteres Endzeitszenario, in dem die Überlebenden einer globalen Eiszeit in einem durch eingeschneite Landschaften rasenden Zug um die wenigen verfügbaren Ressourcen kämpfen. Fans von rabenschwarzen Dystopien werden begeistert sein.


Inhalt

Im Jahr 2014 versucht die Menschheit, mit dem am Himmel versprühten Kältemittel CW-7 die Erderwärmung aufzuhalten – mit fatalen Folgen: Innerhalb kürzester Zeit überzieht eine dicke Eisschicht den ganzen Planeten. Nur einige Menschen überleben das globale Kälteinferno in einem kilometerlangen, gepanzerten Zug namens Snowpiercer. Dieser fährt zu Beginn der Filmhandlung seit 17 Jahren quer über den Globus, immer entlang einer in sich geschlossenen 380.000 km langen Gleisstrecke, die der Eisenbahnmagnat und Herrscher über den Zug Wilford (Ed Harris) hat anlegen lassen. Während die Passagiere in den vorderen Zugabteilen in dekadentem Luxus schwelgen, herrscht am Ende des Zugs das blanke Elend: Die Abteile sind eng, dunkel und verschmutzt, und das einzige Nahrungsmitteln sind schwarze, gallertartige Proteinriegel, die den hermetisch vom Rest des Zugs isolierten Hinterzüglern in täglichen Rationen verabreicht werden. Alle paar Jahre gibt es Revolten, die jedoch nie weit kommen.

Curtis (Chris Evans), der 34jährige heimliche Anführer der Menschen im hinteren Zugbereich, plant zusammen mit seinem Mentor Gilliam (John Hurt) und seinem besten Freund Edgar (Jamie Bell) einen weiteren Aufstand: Diesmal wollen die Revolutionäre bis an die Zugspitze vordringen, um Wilford zu töten und die Kontrolle über die "Maschine" zu übernehmen, eine Art perpetuum mobile, das die Energie produziert, mit dem das Ökosystem des Zugs in Gang gehalten wird. Gilliam ist die graue Eminenz des hinteren Zugteils, der bei früheren Aufständen mehr als ein Gliedmaß verloren zu haben scheint.

Verleih: MFA

Als die Soldaten wieder einmal einige Kinder aus dem hinteren Zugbereich entführen, beginnt der Aufstand: Curtis und seinen Mitstreitern dringen bis in den Gefängniswaggon vor und befreien dort den Schlüsselmeister Namgoong Minsu (Song Kang-ho) und seine Tochter Yona (Ko Ah-sung). Nur der von der Designerdroge Kronol abhängige Minsu, der alle Türen des Zugs konstruiert hat, ist in der Lage, die Barrieren zwischen den Waggons zu öffnen. Im Austausch für regelmäßige Kronol-Rationen lässt Minsu sich auf den Deal mit den Rebellen ein.

Während die Rebellen sich Waggon um Waggon an die Spitze vorarbeiten, müssen sie einige Hindernisse überwinden und verlustreiche Kämpfe gegen Wilfords Truppen führen. Schließlich beschließt Curtis, sich mit einer kleinen Truppe und Wilfords gefangengenommenen Sprachrohr Wilson (Tilda Swinton) als Geisel alleine durchzuschlagen. Auf der Reise durch den Zug warten nicht nur weitere tödliche Hindernisse auf die Rebellen, sondern auch Einblicke in ein für sie unvorstellbar dekadentes Leben. Als Curtis schließlich auf Wilford trifft, muss er jedoch feststellen, dass Vertrauen und Verrat nahe beieinander liegen, und dass auch Minsu eine eigene Agenda verfolgt.

Verleih: MFA

Kritik

Selten wurde eine postapokalyptische Sozial- und Umweltdystopie so eindrücklich wie hier in ein Science-Fiction-Gewand gekleidet: In dem klaustrophobischen Setting des Megazugs spielt sich ein archaischer Kampf zwischen den letzten Überlebenden der Menschheit ab, während die im gefrorene Zivilisations- und Naturlandschaft mit ihren Wolkenkratzerruinen, endlosen Bergzügen und tiefen Schluchten geradezu gleichgültig an Zuschauern wie Figuren vorbeizieht. In Snowpiercer ist der Mensch tatsächlich des Menschen Wolf, der – wie gegen Ende des Films klar wird – bei Hungersnöten auch nicht vor Kannibalismus zurückschreckt (einer der Protagonisten sagt: "I know what humans taste like. And I know that babies taste the best.").

Nicht nur aufgrund dieser sozial- und umweltkritischen Botschaft merkt man der 39-Mio-$-Produktion ihre Wurzeln als graphic novel an. Die visuelle Gestaltung des Films durch den Kameramann Hong Kyung-pyo greift auf die französische Vorlage Le Transperceneige von Jacques Lob, Benjamin Legrand und Jean-Marc Rochette zurück. Die in Einzelwaggons verortete Szenenabfolge lässt sich auf eine Reihe von ästhetisch unterschiedlichen Panels herunterbrechen, die jeweils für ein Zugabteil stehen und wiederum filmhistorische Einflüsse aufnehmen: das schmutzstarrende Elend der hinteren Abteile, die kühle Stahlästhetik der Versorgungsräume und des Gefängnisses, die kreischenden Willy-Wonka-Lollipop-Farben des Klassenraums, in dem der Zugnachwuchs indoktriniert wird, die Disco-Ästhetik der Bar- und Clubräume, der noble, verstaubte Orientexpress-Charme der Teesalons für die älteren Zugpassagiere und schließlich das vorderste Zugabteil, das wie eine Mischung aus dem Geburtsraum in Stanley Kubricks 2001 – A Space Odyssey und der Techno-Ästhetik von Matrix und Iron Man anmutet.

Zu großer Form läuft Tilda Swinton als Ministerin Wilson auf: In schrillen Businessanzügen, mausgrauer Hornbrille und mit Überbiss erinnert sie an eine noch durchgeknalltere Version von Effie Trinket aus Die Tribute von Panem. So belehrt sie mit hysterischem Tremor in der Stimme die Hinterzugbewohner, dass diese wie der Schuh am Fuß an ihrem angestammten Platz seien und sich davor hüten sollten, Wilsons Platz und den der anderen Vorderzugbewohner einzunehmen, denn schließlich würde ja nur die notwendige Balance zwischen allen Teilen des Zugs ihr aller Überleben sichern. All dies passiert, während ein Mann dafür bestraft wird, dass er mit Gewalt seinen Sohn vor dem Zugriff der Soldaten schützen will: Sein rechter Arm wird über eine Vorrichtung durch die Außenwand des Zugs geführt, wo er innerhalb von sieben Minuten völlig vereist und anschließend mit einem Vorschlaghammer zersplittert wird. Während sich Chris Evans als Revolutionsführer Curtis, Octavia Spencer als seine mütterliche Begleiterin und John Hurt als undurchschaubare graue Eminenz mit verbissenem Ernst durch den Plot kämpfen, nimmt Swinton das Szenario offensichtlich nicht sonderlich ernst, sondern als Spielwiese für schauspielerische Experimente.

Verleih: MFA

Bemerkenswert bleibt am Ende wieder, wie sehr sich in den gegenwärtigen populären Stoffen die Motive gleichen: In The Hunger Games fungiert der Luxuszug noch als Vehikel, in dem Katniss und Peeta eine Vorahnung des sie erwartenden Luxus entwickeln, während sie vor den Zugfenstern sehen können, wie viele Menschen unter dem Joch von Panem zu leiden haben, doch die eigentlichen Gladiatorenkämpfe finden woanders statt. In Snowpiercer wird der Zug selbst zu einer Gladiatorenarena.

Interessant aus gesellschaftstheoretischer Sicht ist die horizontale soziale Hierarchie, die Snowpiercer filmisch entwickelt: Hier stehen die Passagiere der vorderen Abteile an der Spitze der sozialen Pyramide. Die gängige vertikale Hierarchie in Filmen wie Metropolis (Fritz Lang, 1927) oder Blade Runner (Ridley Scott, 1982) wird gleichsam um 90 Grad gedreht. Dass Snowpiercer nicht nur bloß visuell selbstverliebtes Actionkino ist, wird auch durch den missionarischen Eifer der Figur Wilfords deutlich: Während er genüßlich ein medium rare gebratenes Steak verspeist, erzählt er dem traumatisierten, verschmutzten und verwundeten Curtis, dass jedes Ökosystem eine innere Balance besitzen müsse, um zu funktionieren, und dass in einem solchen System jedes Teil seinen angestammten Platz einnehmen müsse. Just in diesem Moment entdeckt Yona einen fünfjährigen Jungen unter dem Fußboden, der als menschliches Ersatzteil für ausgefallene Maschinenteile herhalten muss, die perfekte Konterkarikatur zu Wilfords vordergründig utilitaristischen Pseudo-Humanismus, aus dem eher die weltfremde Arroganz des kaltherzigen Kapitalisten spricht, der die Folgen der von ihm geschaffenen Welt nie persönlich erlebt, geschweige denn begutachtet hat.

Verleih: MFA

Fazit

Snowpiercer ist ein beeindruckender Vertreter des Science-Fiction-Genres, der auch aufgrund seiner intelligent eingewobenen sozial- und umweltkritischen Botschaften das Potenzial zu einem Genreklassiker hat. Empfindsame Zuschauer sollten aufgrund der brutalen Thematik und Szenen auf den Kinobesuch verzichten, allen anderen sei Snowpiercer ans Herz gelegt.

 

Titel: Snowpiercer
Originaltitel: Snowpiercer
Genre: Science Fiction
Produktionsland: Frankreich, Südkorea, USA
Produktionsjahr: 2013
Dauer: 126 Minuten
Altersfreigabe: Ab 16 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 03.04.2014
Verleih: MFA
Einspielergebnis weltweit: 67,4 Mio. US-$ (Stand: April 2014)
Regisseur: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Kelly Masterson
Buchvorlage: Jacques Lob, Benjamin Legrand und Jean-Marc Rochette: Le Transperceneige
Darsteller: Chris Evans, Tilda Swinton, Octavia Spencer, John Hurt, Ed Harris, Jamie Bell, Song Kang-ho
Kamera: Hong Kyung-pyo
Musik: Marco Beltrami
Schnitt: Steve M. Choe
Produzent: Park Chan-wook

Newsletter


Joomla Extensions powered by Joobi

Veranstaltungen

September 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
28 29 30 31 1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 1