von René Kegelmann

Der Löwe, der nicht schreiben konnte von Martin Baltscheit erschien erstmals 2002 als Bilderbuch im Bajazzo-Verlag. Die Geschichte vom verliebten Löwen, der nicht lesen und schreiben und daher der schönen Löwin, in die er sich verliebt hat, keinen Brief schreiben kann, wurde zu einem modernen Klassiker in der Grundschule. Doch auch das 2004 unter der Regie des Autors produzierte musikalische Kinderhörspiel hat große Stärken und entfaltet eindrucksvoll das spezifische und ganz eigenständige Potenzial der Gattung.

Inhalt

Als der Löwe sich in die schöne Löwin (Susanne Giegerich) verliebt und merkt, dass er nicht in der Lage ist, ihr einen Brief zu schreiben, wendet er sich zunächst an die Affen. Doch der von den Affen verfasste Brief entspricht nicht seinen eigenen Gefühlen. In der Hoffnung, einen besseren Brief zu bekommen, geht der Löwe der Reihe nach zum Nilpferd, dann zum Mistkäfer, zum Krokodil und schließlich zum Geier. Doch alle Tiere schreiben letztendlich nur über sich selbst: "Aber Neiiiin. So etwas hätte ich doch nie geschrieben!", gibt der Löwe seiner Enttäuschung immer wieder lautstark Ausdruck. Als er schließlich seinen ganzen Frust herausbrüllt, wird er endlich von seiner Angebeteten erhört.

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Kritik

Martin Baltscheit als Erzähler leitet den Hörer und die Hörerin im Hörspiel souverän durch die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben kann. Doch so sehr die Handlungsstruktur am Bilderbuch orientiert ist, so sehr weicht das 25-minütige musikalische Hörspiel von der Vorlage ab. Bereits in der Exposition wird deutlich, dass eine hörspielspezifische Besonderheit in der atmosphärischen Verdichtung liegt. Geräusche von Vögeln, Affengeschrei, Elefantentrompeten und Brüllen des Löwen im Dschungel vermitteln schnell einen Eindruck vom Handlungsort. Erst nach dieser kurzen atmosphärischen Einstimmung folgen die Ansage des Titels und eine erste kurze Passage des Erzählers: "Der Löwe konnte nicht schreiben. Aber das störte den Löwen nicht, denn der Löwe konnte brüllen und Zähne zeigen. Und mehr brauchte der Löwe nicht" (I/00:19).

Was im Bilderbuch durch die farbigen und flächigen Bilder Martin Baltscheits und die kurzen Erzählerpassagen linear und visuell erzeugt wird, verlagert sich im Hörspiel auf die akustische Ebene. Der Hörer taucht durch Geräusche, Stimmen und musikalische Elemente atmosphärisch ins Geschehen ein, und es entstehen rasch innere Bilder von den Figuren. Begünstigt wird die Plastizität der Figuren auch durch den stimmlichen Wechsel von Erzähler, der die Zuhörenden durchs Geschehen führt, und der Stimme des Löwen (Frank Bahrenberg) und auch der anderen Tiere, die jeweils eine eigene, sehr charakteristische Stimme erhalten. Gerade in diesem permanenten Wechsel von Erzählerstimme und Tierstimmen liegt eine der besonderen Stärken des Hörspiels. So stellt der Erzähler die Situationen vor, erklärt und kommentiert manches. Die Tierstimme greift das Gesagte dann durch eine eigene Stimme auf und gibt ihm eine charakterisierende Tiefe, wie zum Beispiel in folgender Szene:

Erzähler: Der Löwe konnte nicht schreiben. Aber das störte den Löwen nicht, denn er konnte brüllen und Zähne zeigen. Und mehr brauchte der Löwe nicht.
Löwe: Ich kann nicht schreiben. Dafür kann ich brüllen und Zähne zeigen. Mehr brauche ich nicht. (I/00:34)

Das Verfahren führt dazu, dass das Seelenleben der Figuren und natürlich insbesondere des Löwen, seine Gefühle, Wünsche und Ängste, im Hörspiel in den Mittelpunkt gerückt und ausgemalt werden. In den eingefügten längeren Liedern (Musik von Sven Hamers und Martin Baltscheit) wird das stimmlich hör- und erfahrbar, so zum Beispiel im Löwenlied:

Ich, der Löwe, wüsste gern,
wie ich die Löwin kennenlern'. […]
[U]nd auch mein Singen und Betören
wird sie beim Lesen doch nur stören. […]
Denn ich Löwe kann nicht schreiben, kann's einfach nicht […]. (I/01:35)

Durch den differenzierten Einsatz stimmlicher Mittel wird die Gefühlslage des Löwen, die zwischen Euphorie und Traurigkeit abwechselt, sehr gut spürbar. Am Ende wird die Stimme leiser und trauriger, auch das Lied wird langsamer. Dagegen schwillt es an anderer Stelle zu einer kleinen Liebeshymne an, die der Löwe euphorisch und begeistert vorträgt: "Diese Löwin hier ist so schön, sie ist einer Göttin gleich. Keine Göttin ist so schön, dass sie an die Schönheit dieser Löwin reicht" (I/02:56).

Auch die anderen Lieder im Hörspiel betonen besondere Stimmungslagen der tierischen Protagonistinnen und Protagonisten, die mit einer eigenen Persönlichkeit ausgestattet werden. So sind die Affen eine Bande schadenfroher Gesellen, die sich über die Schwäche des Königs der Tiere freuen, aber schließlich durch dessen Drohung, sie zu fressen, wieder auf den Boden der Realität kommen. In ihrem Affenlied rappen sie darüber, wie sie den Brief verfasst haben.

Die Nilpferddame (M. Karandas Rogée) hingegen hat eine tiefe, ruhige und bedächtige Stimme. Ihr Nilpferdlied kommt als Chanson daher und erzeugt das Bild einer älteren, verträumten Dame:

Ach, einen Liebesbrief,
den, der die Liebe rief,
so einen schreib ich heute dir
auf zartem rosa Glanzpapier. (V/00:00)

Der Mistkäfer (Marcel Wagner) trällert exaltiert, übermütig und albern sein Liedchen, das witzigerweise durch eine weibliche Radiostimme unterbrochen wird, die einen Stau am Wasserloch durchgibt. Aber auch sein Brief ist ebenso wie die seiner Vorgänger in den Augen des Löwen völlig missglückt. Schließlich kommt dieser auf Empfehlung des Krokodils (Patrick Feiter) zum Geier (Tom Zahner), der einsam auf einem Baum in der Wüste lebt. Winde heulen, untermalt von metallenen Gitarrenklängen. In hoher, näselnder und weihevoller Stimme umgibt den Geier eine Aura des dichterischen Genies, das von Inspiration und Eingebung faselt, um einen gelungenen Brief für den Löwen verfassen zu können. Doch auch sein Brief, wenngleich er zunächst zur Zufriedenheit des Löwen beginnt, endet nicht so, wie ihn dieser gerne hätte. Und jetzt brüllt der Löwe selbst los, schreit in die Welt, was er der Löwin sagen würde. In dieser eindringlichen Passage wird neben der Stimme des Löwen auch die Reaktion der Tiere im Dschungel atmosphärisch eingefangen. So wird durch Halleffekte das Trompeten der Elefanten, das Zwitschern der Vögel oder das Brüllen der Raubtiere verstärkt.

Fazit

Das Hörspiel Der Löwe, der nicht schreiben konnte ist weit mehr als eine interessante Ergänzung zum Bilderbuch. Vielmehr erhält es durch die stimmliche Vielfalt der Figuren sowie hörspielspezifische Elemente wie Geräusche und musikalische Einlagen eine eigene Qualität. Die Notwendigkeit, die Kulturtechniken Lesen und Schreiben zu beherrschen, wird wie im Bilderbuch am König der Tiere vorgeführt. Was hilft ihm alle Kraft und Stärke, wenn er seine Gefühle nicht zu Papier bringen kann? Diese Grundthematik wird im Hörspiel aber durch die differenzierte Ausgestaltung der Charaktere und deren jeweilige Beweggründe deutlich vertieft. Durch stimmliche Nuancierungen werden auch die Gefahr einer sozialen Isolation von Analphabeten sowie damit verbundene Konsequenzen emotional greifbar.

Auch wird im Hörspiel das Verliebtsein des Löwen durch die verschiedenen Lieder stärker akzentuiert. Man mag einwenden, dass die Thematik sowie einige anspruchsvollere Wörter in den Liedern (z.B. Kavalier, Weltenlauf, unsäglich, makellos), die sich möglicherweise vorrangig an die Zielgruppe der mithörenden Erwachsenen richtet, nicht jedem kleineren Kind sofort verfügbar sind. Aber selbst wenn die Lieder nicht buchstäblich verstanden werden, so sind sie doch auf der musikalisch-rhythmischen Ebene unmittelbar eingängig. Und der Geschichte selbst sowie der Emotionalität können auch kleine Kinder jederzeit folgen. Zudem ließen sich manche Elemente, wie beispielsweise die Perspektive auf verschiedene Figuren und deren sprachlich-stimmliches Verhalten oder die Rolle des Löwen innerhalb seiner Gesellschaft, vertiefend im literarischen Lernen sowie im fächerübergreifenden Unterricht erarbeiten.

Dem Hörspiel ist ein Booklet beigeben, das die Texte aller Lieder enthält. Die CD kann Kindern ab 6 Jahren empfohlen werden.

 

 

Titel: Der Löwe, der nicht schreiben konnte
Autor: Martin Baltscheit
Regie: Martin Baltscheit
Sprecher_innen: Martin Baltscheit (Erzähler), Frank Bahrenberg (Löwe), Susanne Giegerich (Löwin), M. Karandas Rogée (Nilpferd), Marcel Wagner (Mistkäfer), Patrick Feiter (Krokodil), Tom Zahner (Geier)
Dauer: 25 Minuten
Altersempfehlung: Ab 6 Jahren
Produktionsjahr: 2004
Produktion: Beltz & Gelberg [Ucello 2004]

 

 

 Erstveröffentlichung: 01.08.2018


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