von Sindy Hildebrand

Eine farbenprächtige Landschaft breitete sich vor den Notgelandeten aus. Üppiges Pflanzenwerk hatte sich des trübselig anmutenden Graus der Betonpfeiler bemächtigt und wucherte weit über Glasfassaden, Straßen und Wege hinaus. Blumen reckten ihre Kelche den Ankömmlingen entgegen, Tiere lauerten überall. "Die Stadt quoll über vor Leben, doch wo waren die Menschen?"(XX/01:41). Mit dem Auftakt Die Stadt der Überlebenden lädt die Hörbuchreihe Evolution Zuhörer ab 13 Jahren ein, an einer Abenteuerreise durch eine mögliche Zukunft teilzunehmen.

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Inhalt

Plötzlich erschüttern heftige Turbulenzen das Flugzeug. Uhrzeiger drehen sich im Kreis, Smartphones haben weder Netz noch GPS, ein stechender Geruch weckt auch den letzten deutschen Austauschschüler auf seiner Reise nach Los Angeles. Dann absolute Stille – bis die Maschine mit ohrenbetäubendem Lärm über den Runway poltert und mit einem letzten Rumpeln zum Stehen kommt – Zwischenstopp Denver International Airport.

Der Asphalt vor den Jugendlichen Jem, Lucie, Marek, Katta, Zoe, Olivia, Arthur und Paul sieht bröselig und uralt aus, Bänke zerfallen unter der Last wie Staub, das Flughafengebäude gleicht einem riesigen Gewächshaus. Sie entdecken schachbrettartig gemusterte Pflanzen, pinkfarbene Hummeln, gestreifte Riesenratten und türkisblaue Früchte. Im Flughafengebäude finden sie neben Elektroautos und Holotalkies die sprechende Servicedrohne M.A.R.S. Zusammen mit ihr und drei erwachsenen Begleitern fahren die Schüler in einem solarbetriebenen Schulbus Richtung Innenstadt, um Menschen und Informationen zu ihrer Lage zu finden. Auf dem Weg passieren sie zerfallene Gebäude, riesige Wasserflächen und ausufernde Schilfregionen. Abrupt wird ihre Weiterfahrt unterbrochen, denn etwas übelriechendes Schleimiges blockiert die Räder des Busses. Als sie sich in kleinen Gruppen zu Fuß durch Denver begeben, scheinen fremde Augen überall auf sie gerichtet zu sein: "Sss-sie gehören nnn-nicht hierher." (XVI/00:19) Immer furchteinflößender muten die größer werdenden schwarzen Punkte am Himmel und auf den Bäumen an. Angst und Panik breiten sich aus, als Lucie die Reisebetreuerin Connie tot im Baumgeäst hängend findet, ebenso schlimm trifft es den Flugzeugkapitän Bennett und den bewaffneten sky marshal Jäger. Währenddessen werden Jem und die anderen Jugendlichen von unzähligen verschiedenen Vögeln attackiert. Geschockt kehren die Schüler zum Bus zurück. Doch dann strömen von allen Seiten Wölfe auf diesen ein ... "[E]s schien, als habe die Natur ihnen den Krieg erklärt." (XLI/00:37)

Kritik

Acht deutsche Jugendliche schickt der Bestseller-Autor und Geograph Thomas Thiemeyer im ersten Teil seiner Evolution-Trilogie als Austauschschüler in die USA und lässt sie dort, neben anderen Passagieren, in einer postapokalyptisch erscheinenden Welt landen. Ähnlich wie in The Langoliers von Stephen King (Novelle 1990, Mini-Serie 1995) zeichnet sich diese durch eine beängstigende Menschenleere aus. Beeindruckend wirkt auf die Notgelandeten sowie die Zuhörerinnen und Zuhörer hingegen ihre außergewöhnliche Flora und Fauna, die sehr anschaulich und poetisch durch den Erzähler bzw. aus Sicht der fokalisierenden Figuren beschrieben werden. Angsteinflößend und bedrohlich zeigt sich diese Natur, als die Schüler auf ihrer Suche nach Menschen auf gallertartige Kreaturen und angriffswütige Tiere treffen. Bezeichnend ist, dass die Jugendlichen diese Attacken mehr oder weniger unversehrt überleben, während die einzigen namentlich genannten und zu Wort kommenden Erwachsenen nach knapp der Hälfte der Erzählung nicht mehr am Leben sind. Im Fokus von Evolution stehen somit Erlebnisse, Handlungen, Gedanken und Gefühle von Vierzehn- und Fünfzehnjährigen, die sich ohne erwachsene Entscheidungsträger und Moralinstanzen in einer unbekannten Welt zurechtfinden müssen. Denn obwohl sich die Romanschauplätze als außerfiktional existierende US-amerikanische Orte und Gegenden verifizieren lassen, wirken sie auf die Protagonisten und Zuhörer durch das Fehlen von Menschen sowie die auffällige Fülle und Dominanz an ungewöhnlichen Pflanzen und Tieren fremd bis unheimlich. Überraschenderweise zeigen sich die meisten Schüler jedoch kaum schockiert, panisch oder verzweifelt, als sie durch ihre Beobachtungen und Kommunikationen mit dem Roboter M.A.R.S. und dem Hologramm-Bibliothekar Roderick erkennen, dass sie durch eine Zeitreise in der Zukunft der Erde gelandet sind. Diese hat sich durch Klimawandel und extrem beschleunigte Evolutionsprozesse tiefgreifend verändert. Allein die Synästhetikerin Lucie und die Kämpfernatur Jem, aus deren Sicht vordergründig und überwiegend abwechselnd erzählt wird, lassen Gefühle des Heimwehs, der Panik, Verzweiflung und Einsamkeit deutlich werden. In der an Actionszenen, Wendungen und Überraschungseffekten bis zum Ende reichen Erzählung ist es dieses Liebespärchen, das bereits im ersten (Hör-)Buch der Reihe in Ansätzen Charaktertiefe zeigt.    

Handlungen, Diskussionen und Überlegungen der Jungen und Mädchen sowie Beschreibungen zur fremdgewordenen Welt werden in unregelmäßigen Abständen durch zwei Stimmen von zunächst nicht identifizierbaren Figuren unterbrochen. Diese beobachten die Menschen und fällen Urteile über ihr Verhalten. Da die Reisegruppe den Tod einzelner Lebewesen verursacht hat, obwohl sie sich ihrer verbrecherischen Taten nicht unmittelbar bewusst ist bzw. aus ureigenem Schutzinstinkt heraus handelte, rufen die unbekannten Stimmen die Tiere zum Angriff auf die 'Eindringlinge' auf. Dass diese untereinander kommunizieren und zusammenarbeiten, um die Suche nach Menschen und Informationen zu verhindern, bestätigt sich, als die Schüler von den Squids erfahren. Aufgrund ihrer hohen Intelligenz, ihres meisterlichen Anpassungsvermögens und ihrer Telepathiefähigkeit ist es diesen Kopffüßern innerhalb weniger Dekaden gelungen, die Menschen als bestimmende Spezies zu verdrängen, die sie als Bedrohung empfinden. Deshalb bezeichnet ihr Anführer ES, der nach 61 Kapiteln weder identifiziert ist noch in Erscheinung tritt oder zu Wort kommt, sie als "Gefahr. Sss-sie müssen vernichtet werden." (XXXVII/00:15)

Angetrieben durch ihren Überlebensinstinkt, ihre Neugier und vor allem die Hoffnung, überlebende Menschen am Cheyenne Mountain zu finden, trotzen die Zeitreisenden den durch die Squids provozierten Hindernissen und Gefahren. Dabei kommen ihre naturgegebenen Fähigkeiten und erlernten Fertigkeiten gut zum Einsatz, die ihnen als Figuren einen gewissen Wiedererkennungswert geben. So sieht Lucie Situationen, Gefühlsregungen, Auren u. ä. farbig, Olivia, Paul und Arthur kennen sich als 'Nerds' mit Computertechnik und den Naturwissenschaften aus und Zoe, die immer Pfeil und Bogen bei sich hat, weiß damit schnell und zielgerichtet umzugehen.

Dass sich die acht Haupt- sowie weitere Nebenfiguren schnell wiedererkennen und eindeutig voneinander unterscheiden lassen, ist auch der sehr guten Stimmenarbeit des Sprechers Mark Bremer zu verdanken. Durch Veränderung der Tonlage, Intonation und Lautstärke gelingt es ihm, die verschiedenen Figuren mit ihren Eigenschaften und Befindlichkeiten hervor- und voneinander abzuheben. So erscheint Lucie immer etwas vorsichtig und ängstlich, Marek gibt den überheblichen Macho, Katta antwortet schnippisch, Arthur ist eher von der nüchtern-trockenen Sorte. Selbstredend ist den Schülern auch eine saloppe Sprache mit Kraftausdrücken und Modewörtern eigen. Sehr gut getroffen ist das Deutsch der Reisebetreuerin, die mit starkem amerikanischen Akzent spricht. Den sympathisch skizzierten künstlichen Intelligenzen M.A.R.S. und Roderick, die an die Star-Wars-Droiden R2-D2 und C-3PO erinnern, gibt Bremer roboterähnlich klingende Stimmen, die durch entsprechende Tontechnik eine metallische Färbung erhalten. Als Erzähler versteht er es nicht nur, neutral und unaufgeregt zu berichten, er kann in dieser Funktion, aber auch in der Position der Figuren durch lauteres, schnelles und angespanntes Sprechen bedrohliche und bewegungsreiche Szenen sehr anschaulich erlebbar vermitteln. Das tut der Sprecher z. B., als die Jugendlichen auf ihrer Flucht vor den Tieren mit dem Bus über einem Abhang balancieren und in rascher Wechselrede um einen Ausweg aus der gefährlichen Lage streiten. Spannung wird nicht zuletzt erzeugt und bis zum Ende aufrechterhalten durch die beiden nicht identifizierten Späherstimmen, die in der Printversion des Jugendromans auf schwarzen Seiten mit weißen Wellenlinien wiedergegeben werden, welche den Redefluss durchbrechen. Diese setzt Bremer im Hörbuch als ein Flüstern in zwei verschiedenen Tonlagen und Lautstärken um, das sich durch langgezogene Reibe- und Nasal- sowie scharf ausgesprochene Verschlusslaute äußert, die zum Teil mit sehr viel Nachdruck artikuliert werden. Dadurch wirken diese Figurenreden stakkatoartig und abgehackt. Durch die Kombination von gezischelten, nasalierten und gepressten Lauten wird nicht nur deutlich, dass die beiden unbekannten Wesen sehr einfache Sätze formulieren, teilweise elliptisch, bisweilen kryptisch sprechen:

Sss---sie getötet. Sss---sie böse.

                      Wass tun?

Sss---sie mmm---müssen verschwinden.

                      Wass sss-sagt es?

Nnn---nicht wissen. Bisher keine Nnn---nachricht von ES. Mmm---müssen Entscheidung abwarten.

Mmm---müssen beobachten.

                      Sss---sie steuern auf die grauen Türme zu.

Sss---sagt den anderen Bescheid. (XIX)

Überzeugend kann durch diese Art der Stimmenmodulation, neben der unbekannten Identität, der verdeckten Position sowie des konspirativen Charakters der Beobachterfiguren, vor allem ihre Vorsicht und wachsende Wut gegenüber den Zweibeinern vermittelt werden. Ansonsten kommt das Hörbuch komplett ohne eröffnende, wiederkehrende oder schließende Klangmotive aus.  

Die ablehnende, aggressive Reaktion der namenlosen Figuren und Tiere auf Menschen lässt sich als Aufbegehren gegenüber einer Menschheit verstehen, die jahrhundertelang rücksichtslos die Lebenserhaltungssysteme der Erde ausgebeutet, beschädigt und zerstört hat, da sie sich als vermeintlich überlegen gegenüber allem anderen Leben verstand. Diese ökokritische Sicht wird jedoch stärker erst nach und nach in den Fortsetzungen Der Turm der Gefangenen und Die Quelle des Lebens (beide 2017) entfaltet, auf die der erste Teil von Evolution durch einen finalen Cliffhanger ebenso Lust macht. Interessant und zum Hören einladend wirkt auch das CD-Cover zu Die Stadt der Überlebenden, das aus der Vogelperspektive fünf Figuren in der unteren Bildhälfte zeigt, die sich auf einer auseinandergebrochenen Brücke befinden. Durch dichtes Grün blicken sie auf eine pflanzenüberwucherte Straße, auf der von ramponierten Autos umgeben ein großes orangefarbenes Tier fast im Bildmittelpunkt steht, das zu ihnen hinaufschaut.    

Fazit

Obwohl einige (Katastrophen-)Szenarien, Situationen oder Räume an andere bekannte Produktionen des Sci-Fi-Genres erinnern, wie z. B. an die TV-Serien Lost (2004–2010) oder The 100 (2014–2020), kann Thomas Thiemeyer in Die Stadt der Überlebenden ein ganz eigenes Zeitreise-Abenteuer mit Potenzial für eine ökokritische Reflexion entwickeln. Nicht zuletzt gelingt ihm dies durch den Aspekt der beschleunigten Evolution, den er in den Folgeromanen der Jugend-Dystopie weiter beleuchtet. Diese wurde in ihrer Printversion vom Leipziger Lesekompass 2017 empfohlen. Das Hörbuch überzeugt vor allem durch die variationsreiche Stimmenarbeit Mark Bremers und lädt Hörerinnen und Hörer ab 13 Jahren zu einem mehrtägigen bzw. 'mehrabendlichen' Hörmarathon ein, der über sieben Stunden Spannung und Überraschungen verspricht.

 

Titel: Evolution. Die Stadt der Überlebenden (Hörbuch)
Sprecher: Mark Bremer
Dauer: 460 Minuten
Altersempfehlung: Ab 13 Jahren
Produktionsjahr: 2016
Produktion: Rubikon Audioverlag

Erstveröffentlichung: 02.09.2019


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