von Dr. Sebastian Bernhardt

Marc-Uwe Kling ist nicht auf Gesellschaftssatire für Erwachsene festgelegt, mit Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat beweist er ganz klar, dass auch das Verfassen und Vorlesen von Kinderliteratur zu seinen Stärken zählt.

Inhalt

Große Aufregung bei Tiffany: Es sind Ferien und der Kindergarten hat geschlossen, also ist sie mit ihren älteren Geschwistern und ihren Großeltern zu Hause, während die Eltern arbeiten. Gleich im ersten Satz wird klar, dass ein Problem vorliegt, denn die Oma ruft verzweifelt: "Es geht nicht mehr" (I/00:37). Die Oma sitzt vor dem Computer und meint, sie habe das Internet kaputt gemacht. Scheint es zunächst so, als sei das Internet nur zu Hause ausgefallen, so stellt sich nach und nach heraus, dass die gesamte Stadt, ja laut dem Erzähler sogar die ganze Welt offline ist.

Tiffany selbst ist noch zu jung, um zu verstehen, was das Internet überhaupt ist. Deswegen versuchen die anderen Familienmitglieder, es ihr zu erklären. Nach und nach stellt sich heraus, wie wichtig das Internet für die Freizeitaktivitäten ihrer Geschwister und Großeltern, für die Arbeit ihrer Eltern und sogar für die Navigation ist, denn ohne Internet verfährt sich ihr Vater sogar auf dem Weg nach Hause. Zu Tiffanys großer Freude rückt die Familie zusammen und übt sich in gemeinsamen Spielen, die auch ohne Technik funktionieren. Bis zum Schluss bleibt die Frage offen, ob die Oma wirklich schuld daran ist, dass das Internet nicht mehr funktioniert…

 

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Kritik

Marc-Uwe Klings Art des Vorlesens oder besser gesagt des Vortragens ist seit dem durchschlagenden Erfolg der Känguru Chroniken und der Folgebände unverwechselbar geworden. Sein unaufgeregtes Vorlesen des Erzählertextes, aus dessen Betonung stets eine erfrischend ironische Distanziertheit spricht, in Kombination mit den verstellten Stimmen für die unterschiedlichen Figuren, bringt eine humoristische Dynamik in die inszenierten Lesungen. Diese Art der Performance setzt Kling auch in Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat ein und erzeugt so ein großes Hörvergnügen für Jung und Alt.

Das Grundthema ist eine kindgerecht verpackte, für einige Kinder vielleicht sogar versteckte, Gesellschaftskritik: Es geht um die Technik-Abhängigkeit der Menschen. Nachdem das Internet in der Stadt zusammengebrochen ist, können Firmen ihre Arbeit nicht fortsetzen, Lieferdienste keine Waren mehr ausliefern, Privatpersonen finden mangels Navigation nicht mehr nach Hause und weder Oma und Opa noch die älteren Kinder können sich zu Hause beschäftigen. Nur die kleine Tiffany freut sich, dass durch den Wegfall des Internets alle wieder mehr Zeit für gemeinsame Aktivitäten haben. Dass das Kindergartenkind nicht so abhängig von Internet und Technik ist wie die anderen, deutet darauf hin, dass es noch nicht so stark in die gesellschaftlichen Konventionen eingebunden ist und daher auch nicht deren Abhängigkeiten spürt. Darüber hinaus stellt es sich als durchaus sozialkritisch heraus, wenn nur das Kleinkind von sich aus etwas mit seiner Zeit anzufangen weiß.

Die Gesellschaftskritik wird satirisch verpackt, die Geschichte von Komik getragen, was die zum Teil bitterbösen Zwischentöne ästhetisch verfremdet und einen trotz der kritischen Implikationen kindgerechten Hörgenuss ermöglicht. Die Komik erfüllt ihre entlastende Funktion in dieser Satire hervorragend. Nachdem zum Beispiel das Internet ausgefallen ist, hat der Opa zunächst die Idee, es mithilfe seines Werkzeugkastens aufzuschrauben (vgl. II/03:43). Tiffanys älterer Bruder Max macht sich über diese Idee lustig, aber später taucht tatsächlich ein IT-Monteur auf, der betont, er habe das Internet aufgeschraubt und so den Fehler gefunden. In diesem Falle liegt eine Komik durch den Bruch mit den Erwartungen vor.

Durchgehend ist die Komik innerhalb des Textes mehrfach adressiert: Angefangen beim Running Gag, dass die Oma ebenso wie der Opa und später sogar der IT-Monteur im Internet immer doppelklicken und das auch noch jeweils mit einem tatsächlich ausgesprochenen "Klick, Klick" kommentieren, über die immer wieder angesprochene "politische Phase" von Tiffanys ältester Schwester Luisa bis hin zur Auseinandersetzung mit "Artefakten" der Technikgeschichte wie z.B. dem Kofferradio bietet der Text auch Passagen, die vornehmlich von Menschen nachvollzogen werden können, die schon über ein größeres Weltwissen verfügen. Ein Beispiel dafür ist auch der scheiternde Humor des Vaters, der einen MS-DOS-Witz macht und dafür nur ein Mitleidslachen seiner jüngsten Tochter, sonst aber gar keine Reaktion erhält.

Spannend ist, dass in dem Text am Ende keine klare Position in Bezug auf zentrale Aussagen festzuhalten ist. Weder wird geklärt, ob die Oma wirklich und dann auch noch aus Versehen das Internet kaputt gemacht hat, noch wird klar, ob die Enkel nun auf die Großeltern aufpassen oder umgekehrt. Teilweise ist nicht einmal festzustellen, aus wessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Beispielsweise übernimmt der Erzähler, als der Vater nach Hause kommt und sich dafür rechtfertigt, den Weg ohne Navigationsgerät nicht gefunden zu haben, plötzlich eine sprachliche Eigenheit des Vaters:

'Aber wenn ich mich nicht verfahren hätte', sagte Papa, 'dann wär' ich nicht an dem Stand mit den frischen Berteeren vorbeigekommen.' Berteeren hatte Tiffany, als sie noch kleiner war, immer zu Erdbeeren gesagt […]. 'Das heißt Erdbeeren', sagte Tiffany auch gleich. Papa zog eine riesige Schale Berteeren aus seiner Aktentasche. Ein ganzes Kilo Berteeren. (III/04:55)

Hier übernimmt der Erzähler also offensichtlich plötzlich die Sicht des Vaters und bringt sprachspielerische Komik in den Text, die bei Kindern sehr beliebt ist. Das Vertauschen von Buchstaben bringt Kindern, die gerade die Regeln der Sprache lernen, besonders viel Spaß, weil sie dadurch angeregt werden, die Regeln lustvoll zu unterwandern und damit die Mühen des Spracherwerbs für einen Moment hinter sich zu lassen.

Trotz der komplexen gesellschaftlichen Anspielungen bleibt die Darstellung einem kindlichen Niveau angemessen. Das Erzähltempo ist langsam, kompliziertere Begriffe werden erläutert und dadurch, dass die Geschehnisse in weiten Teilen aus der Sicht des Kindergartenkindes erzählt werden, bleibt die Geschichte im subjektiv nachvollziehbaren Bereich: Bei aller Zeitdiagnostik handelt es sich im Kern um die mit Leichtigkeit erzählte Geschichte Tiffanys, die sich freut, dass ihre Familie endlich mal wieder Zeit für gemeinsame Spiele, gemeinsames Musizieren und gemeinsame Gespräche hat.

Die Soundgestaltung von Vredeber Albrecht unterstützt die anschauliche Erzählhaltung mit dezent eingesetzten Geräuschen (Türklingeln, Klicken, Motorengeräusche) und die musikalischen Einlagen (Anfangsmusik, Abspann und ein Musikstück, das die älteste Tochter der Familie hört) von Boris Löbsack gliedern sich stimmig in das ironische Grundsetting ein. Besonders für Kinder ist es lustig, dass das Punk-Musikstück der imaginären Band "Die Bäume" in zwei Versionen eingespielt wird: Nach dem ersten Mal wird erzählt, dass Tiffanys älterer Bruder Max den Standpunkt vertrete, dass die Band keine Musik mache, sondern nur brüllend in die Welt hinausschreie, was ihr nicht gefällt und daraus folgert, sie hätte sich "Die Babys" nennen sollen, woraufhin die Musik erneut kurz eingespielt und von Babygeschrei begleitet wird (vgl. II/01:30).

Nicht recht organisch in die sonst sehr stimmige Geschichte passt die kurze Auseinandersetzung zu den "Kacknazis", die der kleinen Tiffany schlicht und ergreifend als "böse Menschen" (vgl. II/01:48) erklärt werden. In einer sonst stimmigen Geschichte über die Abhängigkeit des Menschen von der Technisierung wirkt diese – sicherlich nicht falsche – Bemerkung dennoch wie ein Fremdkörper und wird auch nicht weiter in die Geschichte eingebunden.

Fazit

Marc-Uwe Klings Hörbuch ist für das gemeinsame Hören von Kindern, Eltern und vielleicht auch Großeltern zu empfehlen. Die Mehrfachadressierung der Komik bietet für alle Altersgruppen Anlässe zum Schmunzeln oder Lachen und auch die Geschichte kommt unbeschwert erzählt mit einer wenig komplexen Handlung auf der Oberflächenebene daher, verhandelt aber in der Tiefenstruktur anspruchsvolle, sozialkritische Themen. Deswegen ist Anschlusskommunikation mit den Kindern wichtig und fruchtbar. Voraussetzung für erwachsene Hörer: Man darf sich selbst nicht zu ernst nehmen, wenn man den Text hört!

Gerade mit mehreren Geschwistern in einem Haushalt bietet dieses Hörbuch die Möglichkeit der gemeinsamen Rezeption, eben weil sich für unterschiedliche Altersgruppen auch jeweils unterschiedliche inhaltliche und komische Dimensionen aufschließen. Schon Kinder ab dem Alter von sechs Jahren können der Geschichte folgen, aufgrund der ironischen Brüche ist es aber sicher fruchtbarer und erheiternder, den Text mit Kindern zu hören, die schon über eine ausgeprägte literarische Kompetenz verfügen, also ab dem Alter von acht Jahren aufwärts. Begleitend empfiehlt es sich, zusätzlich das Buch mit den Illustrationen zu betrachten, aus denen noch weitere komische Widersprüchlichkeiten abzuleiten sind.

Die beiden weiteren auf der CD enthaltenen Kurzgeschichten sind nicht minder amüsant: Während in Der Ostermann der Sohn des Weihnachtsmannes so gar nicht in dessen Fußstapfen treten möchte, wird in Prinzessin Popelkopf mit Märchenmotiven gespielt und eine Hinterfragung der oberflächlichen Fixierung auf die äußerliche Schönheit von Menschen vorgeführt.

 

Titel: Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat (Hörbuch)
Autor und Sprecher: Marc-Uwe Kling
Regie, Schnitt, Sounddesign & Produktion: Vredeber Albrecht
Komposition: Boris Löbsack
Dauer: 40 Minuten
Altersempfehlung: Ab 8 Jahren
Produktionsjahr: 2018
Produktion: Silberfisch

 

 Erstveröffentlichung: 18.5.2020


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