Erstveröffentlichung: 16.10.2020

von der Redaktion Kinderundjugendmedien.de

Im Hogrefe Verlag, einem Fachverlag für die Bereiche Psychologie, Psychotherapie, Psychiatrie, Gesundheitswesen, Medizin und Krankenpflege, erscheinen seit Kurzem auch Kinderbücher für die praktische Arbeit mit Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren in therapeutischen Zusammenhängen für Kinder. Das Herausgeber*innenteam ist hochkarätig und interdisziplinär besetzt mit ausgewiesenen Expert*innen aus der Wissenschaft: Prof. Dr. Hanna Christiansen (Marburg), Prof. Dr. Guy Bodenmann (Zürich), Prof. Dr. Tina In-Albon (Koblenz-Landau), Prof. Klaus Lomnitzer (Marburg) und Prof. Dr. Christina Schwenk (Gießen). Dabei agiert das Herausgeber*innenteam gemeinsam mit Studierenden der Kunst und der Psychologie, die die Buchprojekte in enger Abstimmung realisieren. Einerseits sind die Bücher selbst das Ergebnis eines interessanten fachbereichsübergreifenden Lehr- und Lernprojekts. Andererseits füllen sie eine lang schon klaffende Lücke im Buchangebot herkömmlicher Verlage, die zwar "Problembücher" an der ein oder anderen Stelle mit aufnehmen, aber nicht so konsequent. Im Hogrefe Verlag können nun für ganz spezifische Kontexte und Problemfelder genau zugeschnittene Bücher an einem Ort, in einer hochspezialisierten Buchreihe, gefunden werden. Themen, die angesprochen werden, sind zum Beispiel Trauer, Mobbing, Arbeitslosigkeit der Eltern oder Erkrankung eines Elternteils. Die Bücher richten sich besonders an Kinder, denn sie bieten neben einer Geschichte zum Selber- und zum Vorlesen auch Mitmachseiten. Sie adressieren aber auch Eltern, Angehörige und Therapeut*innen und beinhalten neben der eigentlichen Erzählung und den genannten Mitmachseiten Informationen zu den Belastungen für die Eltern sowie weiterführende Adressen und Kontakte.

Als Einführung und Präsentation dieser interessanten und wichtigen Buchreihe haben wir als Rezensentin Nina Thelen, angehende Kunsttherapeutin aus Nürnberg, gewinnen können, die die Bücher für uns näher angeschaut und uns Rede und Antwort gestanden hat.

Die kleine Eule Luna

Hallo Frau Thelen, vielen Dank, dass Sie sich zu einem Interview über die neue Reihe psychologischer Kinderbücher im Verlage Hogrefe bereit erklärt haben. Bevor wir über die Bücher sprechen, erklären Sie uns doch bitte kurz, was es mit Ihrem Studium auf sich hat.

Vielen Dank! Ich freue mich sehr über diese Gelegenheit.
Kunst- & Gestaltungstherapie (KGT) dient dazu, das Unbewusste im Menschen sichtbar werden zu lassen, um es in die eigene Biografie integrieren zu können. Als eine Methode der Humanistischen Psychologie basiert die Kunst- & Gestaltungstherapie auf einem ressourcenorientierten Ansatz, d.h. sie weckt und fördert das Potenzial und die seelischen Selbstheilungskräfte des Menschen. Durch die nonverbale Methodenvielfalt gelingt es der KGT, vor allem dort anzusetzen, wo Sprache aufhört. Es ist immer wieder erstaunlich, die Kraft und Wirkung der Bilder zu erfahren.

Das klingt spannend. Wie Sie wissen, liegt die Idee der Kinderbücher darin, Psychologie mit bildender Kunst zu vereinen. Es scheint so, als würden Ihr Studium und die Arbeit im Bereich Leseförderung ebenfalls beide Themenbereiche miteinander vereinen. Wie wurden sie denn auf die Buchreihe aufmerksam?

Durch meine Arbeit im Löwenladen (siehe Kurzbiografie unten) kam ich mit den Kinderbüchern in Kontakt. Als angehende Kunsttherapeutin war ich natürlich sofort von der Idee überzeugt, psychologische Kinderbücher mit bildender Kunst zu vereinen. Sie haben es ja bereits angesprochen, dass meine Arbeit und mein Studium sich ebenfalls miteinander verbinden lassen. Die Bücher sind klar und einfach geschrieben und liebevoll illustriert.

Abgesehen von der Idee Psychologie und Kunst zu vereinen – was ist Ihrer Meinung nach noch besonders an den Büchern?

Leider werden "unangenehme" Themen wie psychische Erkrankungen, Arbeitslosigkeit o.ä. nach wie vor eher "unter den Tisch gekehrt". Der offene Umgang mit solch einer Thematik fehlt meiner Einschätzung nach noch immer in unserer Gesellschaft. Und meistens werden die Kleinsten dabei vergessen.
Dabei halte ich es für wichtig, vor allem den Kindern das Verständnis dafür zu vermitteln. Man sagt als Erwachsener schnell: "Dafür bist Du noch zu klein, das verstehst Du sowieso noch nicht." Doch das stimmt nicht. Kinder sind neugierig, offen und haben vor allem das Recht zu verstehen, was gerade um sie herum passiert. Mal ganz abgesehen davon, wie sehr sie unter Situationen, wie sie in den Büchern behandelt werden, leiden. Oftmals geben sich die Kinder die Schuld daran, dass es zuhause Ärger gibt oder es den Eltern nicht gut geht. Sie werden damit leider oft alleine gelassen. Eine offene Kommunikation ist unerlässlich.

Und das kann durch Kinderbücher erfolgen?

Genau, wie könnte es einfacher vermittelt werden, als durch Kinderbücher? Man kann den Kindern auf leichte und spielerische Art schwierige Themen erklären, ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie damit nicht alleine sind und ihnen Wege aufzeigen, wie sie mit ihren Sorgen umgehen können. Und vor allem haben sie so die Möglichkeit, Resilienz zu entwickeln bzw. zu stärken. Ich sehe viel Potenzial darin, mit diesen Büchern zu arbeiten.

Wie und warum würden Sie die Bücher in Ihrer Arbeit als Counselor für Kunst- & Gestaltungstherapie verwenden?

Die Bücher haben mich sehr inspiriert und liefern weitaus mehr Möglichkeiten, als das "einfache" Vorlesen. Sei es in der Geschichte selbst oder die anschließenden Aufgaben, die wunderbar in den Büchern beschrieben werden. Für mich ist vor allem wichtig, dass das Kind einen sicheren Rahmen hat, in dem es sich ausdrücken darf. Sei es durch ein Rollenspiel, Farbe, Form oder durch viele andere, kreative Möglichkeiten.

Möchten Sie uns ein Beispiel nennen aus der Buchreihe psychologischer Kinderbücher?

Gerne. Nehmen wir zum Beispiel die Geschichte von Paul – der Junge mit dem roten Luftballon. Die Geschichte handelt von Mut und wie Paul über sich und seine Angst hinaus wächst. Viele Kinder können sich mit dem Jungen identifizieren und merken zuerst einmal, dass sie nicht alleine sind. Schon durch die Geschichte selbst werden sie ermutigt und bekommen einen Eindruck davon, wie es sein könnte, sich seiner Angst zu stellen, neue Freunde zu finden und so weiter. Begleitet auf seiner Reise wird Paul durch einen roten Luftballon, welcher sein Kraftsymbol darstellt. Gemeinsam mit den Kindern könnte man auf dieser Grundlage ein eigenes Kraftsymbol erarbeiten.


Paul und der rote Luftballon

Um welche Aufgaben handelt es sich in der Geschichte von Paul?

Es geht um Mitmach-Übungen für Kinder und Eltern. Zuerst wird sich mit der Emotion Angst beschäftigt und erklärt, dass es ganz normal ist, Angst zu haben. Anschließend folgen Ermutigungsübungen. Dort werden dem Kind Fragen gestellt, was es gut kann und / oder gerne macht. So findet es heraus, wo seine Stärken liegen und was es besonders macht. Es kann sein Verhalten sowie seine Gefühle reflektieren und verstehen. Außerdem werden Lösungen gesucht, ebenfalls durch Fragen, welche das Kind beantworten darf. Auch hier bietet sich ein großes Feld an Möglichkeiten, wie man diese Übungen mit Methoden aus der Kunst- & Gestaltungstherapie umsetzen könnte.

Sie haben bisher viel über die Arbeit mit Kindern gesprochen. Richten sich die Bücher auch an andere Personengruppen?

Die Bücher richten sich an Eltern, Freunde, Geschwister und Therapeuten. Sie bieten wichtige Informationen und das notwendige Verständnis. Erwachsene und gerade Eltern wissen oftmals nicht, wie sie mit ihren Kindern über bestimmte Situationen sprechen können. Gemeinsames Vorlesen und Lösen der Aufgaben schweißt zusammen und der offene Umgang mit der Thematik ist gegeben. Am Ende des Buches richten sich ein paar Zeilen direkt an die Eltern. Dort finden sich ebenfalls wichtige Informationen und Tipps.

Es geht also darum, dass Eltern und Kinder gemeinsam an der jeweiligen Situation arbeiten. Lässt sich nach Ihrer Meinung auch ein passender Rahmen in Schulen oder Kitas finden?

Ich kann mir gut vorstellen, dass es in Schulen oder Kitas beispielsweise einen "Thementag" dafür geben könnte. Wichtig ist mir vor allem das passende Setting, in dem die Bücher vorgelesen und behandelt werden. Für mich gehören Themen wie psychische Erkrankung, Arbeitslosigkeit der Eltern uvm. ganz klar in den Bereich der Aufklärung.

So dass auch andere Kinder ein gewisses Verständnis für ihr Gegenüber entwickeln?

Ja genau. Dies wird auch ganz wunderbar in der Geschichte "Dunkle Farben im Wunderland" aufgegriffen. Der Protagonist zieht sich immer mehr von seinem besten Freund zurück und dieser reagiert natürlich wütend darauf und versteht nicht, was auf einmal los ist. Als eine Auseinandersetzung zu heftigem Streit führt, greift die Lehrerin Frau Bolle ein und Muri der Kobold erzählt seinem Vogelfreund Avi, was bei ihm zuhause gerade los ist. In dieser Geschichte wird also auch vermittelt, dass es wichtig und richtig ist, sich Hilfe zu holen.

Dunkle Farben im Wunderwald

Was wünschen Sie sich für die Zukunft und wie lautet Ihr Gesamtfazit?

Mein Gesamtfazit lautet, dass ich es ganz toll finde, dass die Buchreihe konkret auf Lebenssituationen eingeht, die tagtäglich geschehen und die notwendige Aufklärung und den richtigen Umgang damit aufzeigen. Und vor allem schätze ich die Erlaubende Atmosphäre sehr, die in und durch die Bücher vermittelt werden.

Ich wünsche mir einen offeneren Umgang in unserer Gesellschaft mit solch einer Thematik. Und vor allem wünsche ich mir, dass vielen Familien, die in solchen Situationen leben, damit geholfen werden kann.

Zu guter Letzt: was möchten Sie den Leser*innen noch mit auf den Weg geben?

Es ist absolut in Ordnung, sich Hilfe zu holen. Niemand muss alleine mit seinen Problemen fertig werden. Man hat deshalb nicht versagt und vor allem muss einem das nicht unangenehm oder peinlich sein. Und natürlich – Kinder haben ein Recht zu verstehen, was um sie herum passiert. Ein guter Freund hat mal zu mir gesagt: "Alles verstehen, heißt alles verzeihen." Ich will damit nicht sagen, dass man alles verstehen und verzeihen muss. Doch manchmal reicht das notwendige Verständnis aus, um besser mit Krisensituationen o.ä. umgehen zu können.

Das ist doch ein gutes Schlusswort!
Vielen Dank Frau Thelen, für Ihre ausführliche und inspirierende Meinung zu den psychologischen Kinderbüchern! Wir wünschen Ihnen alles Gute für Ihren weiteren Weg.

Ich danke ebenfalls für das Interview! Und ich wünsche diesen wichtigen Kinderbüchern viel Erfolg!

 

Nina Thelen (*1996) studiert aktuell bei Faber Castell und dem Institut für humanistische Psychologie Counseling für Kunst- & Gestaltungstherapie und ist Managerin des Löwenladens Nürnberg. Der Löwenladen ist ein bunter Ort für Familien mit Kindern im Alter von 0 – 6 Jahren. Im Fokus des Ladens liegt die kostenlose Leseförderung. Die Intention ist klar: allen Kindern den Zugang zu Bildung ermöglichen.

 Weitere Informationen über die Buchreihe lassen sich hier finden.


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