von Nele Cichon

Der Kunstanstifter Verlag wurde 2006 als kleiner, unabhängiger Verlag für Illustration gegründet. Mittlerweile vertreibt der Verlag verschiedenste Genres, vom Bilderbuch für Kinder und Erwachsene, über das Märchen, bis hin zum Reiseführer und behält dabei stets die Illustrationen im Fokus. Wichtig ist dem Team dabei die Förderung unbekannter Talente und das Arbeiten mit grenzüberschreitenden Themen. Dieses Konzept scheint sich zu bewähren: Der Joseph-Binder-Award in Gold, der Deutsch-Französische Jugendliteraturpreis, der Serafina Nachwuchspreis für Illustration und Nominierungen für den Deutschen Jugendliteraturpreis sind nur einige der bereits erzielten Erfolge. Die Lektorin des Kunstanstifter Verlags, Lena Anlauf, bietet mit diesem Interview einen Einblick in das Sortiment und das Konzept des Verlags.

Nele Cichon, Studentin an der Universität Bremen und Praktikantin bei KinderundJugendmedien.de, hat das folgende eMail-Interview für mit Lena Anlauf im Juni 2018 geführt.

Nele Cichon: Sie legen Ihren Anspruch auf qualitativ hochwertige Kinderbücher, was sind dabei Ihre Schwerpunkte im Kinderbuchbereich?

Lena Anlauf: Als »Verlag für Illustration« ist unser Schwerpunkt in erster Linie eine herausragende Bildsprache unserer Titel – im gelungenen Zusammenwirken mit einem überzeugenden Text. Unser Programm umfasst daher hochwertige Bilder ‒- sowie illustrierte Bücher für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Wir wollen uns mit Altersempfehlungen gern zurückhalten, da die Lektüreauswahl vom Kind selbst und nicht vom Alter abhängig sein sollte. Trotzdem kann man sagen, dass wir Titel publizieren, die schon für die Kleinsten funktionieren und auch solche, die eher für Jugendliche interessant sind.

Nele Cichon: Daran anschließend stellt sich die Frage, welche Kinderbücher in Ihrem Programm für Kinder und Erwachsene gleichermaßen interessant sind und warum?

Lena Anlauf: Generell würde ich sagen, dass alle unsere Kinderbücher für (an Illustration interessierte) Erwachsene mindestens genauso spannend sind wie für Kinder, da wir an diese dieselben ästhetischen wie inhaltlichen Qualitätsansprüche stellen wie an unsere »Erwachsenenliteratur«. Geschmack ist nicht vom Alter abhängig, das merken wir immer wieder, wenn beispielsweise ein Buch von Erwachsenen als 'schön, aber nichts für Kinder' eingeschätzt wird, gerade dieses aber Kinder, die es direkt in die Hand bekommen, fasziniert, weil es vielleicht gerade nicht den üblichen Sehgewohnheiten im Bilderbuchbereich entspricht. Ich würde mir wünschen, dass Kindern mehr eigener Geschmack und Sinn für Ästhetik zugetraut wird. Um diese zu fördern, brauchen sie Angebote, die nicht immer gleich und beliebig aussehen.

Natürlich gibt es aber auch Titel, die sich darüber hinaus ganz bewusst auf zwei Ebenen bewegen und deren Kernzielgruppe Kinder und Erwachsene sind. Ein Beispiel dafür ist Yaotaos Zeichen von der Bilderbuchkünstlerin Yi Meng Wu. Es umfasst 104 Seiten und erzählt eine chinesisch-französische Familiengeschichte aus den 1930er Jahren, die auf tatsächlichen Begebenheiten beruht und das Ankommen in fremden Kulturen thematisiert. Es ist eine spannende und berührende Geschichte für Kinder, die in aufwendiger Collagetechnik illustriert ist und sich auch zur Anschlusskommunikation ganz wunderbar eignet, aber aufgrund der hohen ästhetischen Qualität, ihrer Zeitlosigkeit sowie den historischen Tatsachen, die Yi Meng Wu in einem Archiv in Lyon recherchiert hat, ebenso ein sehr vielschichtiges Werk für erwachsene Leserinnen und Leser.

Nele Cichon: Sie haben viele Bilderbücher im Programm. Was macht Ihrer Meinung nach ein gelungenes Bilderbuch aus?

Lena Anlauf: Das ist sehr schwierig zu verallgemeinern. Es gibt natürlich Kriterien, die bei der Einschätzung helfen, ob Bild, Text oder deren Zusammenspiel handwerklich gut gemacht sind. Aber meistens reicht das nicht aus und man muss sich auf sein Bauchgefühl verlassen: Ein gelungenes Bilderbuch bewegt. Und das meistens auf den ersten Blick, beziehungsweise beim ersten Durchblättern. Bewegen können Bilderbücher, die einfach Spaß machen, humorvoll sind, ebenso wie solche, die nachdenklich stimmen oder Denkanreize geben. Eine Kombination aus beidem und eine überzeugende Interaktion zwischen Text und Bild sowie der Gestaltungsebene, die die für unseren Verlag auch sehr bedeutsame Materialität und Haptik der Bücher miteinschließt, macht vielleicht besonders gelungene Bilderbücher aus, die Potenzial haben, zu begeistern und zu berühren.

Nele Cichon: Auf Ihrer Homepage verweisen Sie u.a. auf skurrile, außergewöhnliche und provokante Bilderbücher. Gibt es einen bestimmten Grund dafür, dass sie diese Bilderbücher im Programm haben? Welche Intention steckt dahinter?

Lena Anlauf: Als kleiner, unabhängiger Verlag haben wir mehr Handlungsspielraum, etwas zu wagen, innovativ, originell und mutig zu sein. Wir wollen keine Mainstreamtitel produzieren, die mit Klischees spielen und bei denen man sich fragt, ob man sie nicht doch schon irgendwann anderswo gesehen hat. Unsere Bücher sollen im besten Fall zeitlos sein und nicht nach ein paar Monaten wieder aussortiert werden müssen. Um aus der Menge der Neuerscheinungen herauszustechen, hilft es, wenn ein Titel den üblichen Seh- und Lesegewohnheiten nicht entspricht, etwas Neues, Außergewöhnliches ist. Deshalb arbeiten wir auch häufig mit jungen, unbekannten Künstlerinnen und Künstlern zusammen, die frische Ideen auf den Buchmarkt bringen und dabei auch gern mit ihren Werken – auf intelligente Art und Weise – polarisieren dürfen. Sobald über einen Titel gesprochen und diskutiert wird, hat man doch schon etwas Wichtiges erreicht.

Nele Cichon: Wie sehen Sie die Zukunft der Independentverlage im Kinderbuchbereich?

Lena Anlauf: Ich bin überzeugt, dass gerade Independentverlage weiterhin eine gute Chance haben, mit besonderen Projekten, in denen viel Herzblut steckt, begeisterte Leserinnen und Leser zu finden. Deren Wahrnehmung und Wertschätzung für unabhängiges Verlegen steigt meiner Einschätzung nach in den letzten Jahren durch Aktionen wie den »Indiebookday« stetig an. Wie bereits erwähnt, kann man es als Indie-Verlag wagen, mutig zu sein, neue Themen anzusprechen und durch eine kleinere Titelproduktion jedes einzelne Buch im Programm wichtig nehmen. Gerade im Independentbereich der Branche ist außerdem das kollegiale Verhältnis zwischen den einzelnen Verlagen und zu den unabhängigen Buchhandlungen sehr angenehm und hilfreich, um sich gegenseitig zu unterstützen und am Leben zu halten.

Nele Cichon: Vielen Dank für das Interview!

 

Erstveröffentlichung: 30.08.2018


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