von Gerd Klingeberg

Von ihrem Ferienaufenthalt in den Bergen hatten sich Max und seine Schulfreundin Ella vor allem interessante Gipfeltouren versprochen. Stattdessen erfahren sie, dass kurz zuvor im Nachbarort ein brutaler Überfall auf eine Touristin verübt worden ist. Zudem ist plötzlich auch noch die Tochter des Arztes spurlos verschwunden. Schuld an allem, so wird allgemein behauptet, sei Jakob, ein verhaltensauffälliger junger Mann, der ebenfalls seit Tagen nicht mehr auffindbar ist. Auf spannende Weise wird erzählt, wie Max und Ella diese mysteriöse Geschichte aufklären und sich dabei sogar in Lebensgefahr begeben.

Dietrich-Lüders, Monika: Ella und Max ...und die singenden Schmetterlinge.
Sujet Verlag Bremen 2019.
250 Seiten, 14,80 €
ISBN 978-3-96202-026-2.
Empfohlen ab 10 Jahren.

Inhalt

Eigentlich hatten sich der 13-jährige Max und seine gleichaltrige Schulfreundin Ella auf eine angenehme Ferienwoche in den Bergen gefreut. Aber schon die Ankunft im Ferienheim gestaltet sich für beide eher unerfreulich. Vor allem der dicke Dennis benimmt sich äußerst abweisend gegenüber seinen Mitbewohnern. Schon bald erfahren die beiden von einem tätlichen Angriff auf eine Frau während eines Volksfestes im benachbarten Ort. Bislang tappt die Polizei noch weitgehend im Dunkeln. Doch in der Bevölkerung kursiert bereits das Gerücht, bei dem Täter handele es sich um Jakob, einen etwas sonderbaren jungen Mann, der seit einem zwanzig Jahre zurückliegenden Verkehrsunfall, bei dem seine Mutter getötet wurde, mit niemandem mehr redet. Jakobs plötzliches Verschwinden scheint die Vermutung, dass er der Schuldige sei, tatsächlich zu rechtfertigen. Als dann auch noch Maja, die Tochter des Arztes, allem Anschein nach Opfer einer Entführung wird, sucht der ganze Ort nach Jakob als dem vermeintlichen Täter. Doch für Max und Ella ist die Angelegenheit keineswegs so klar; Jakob passt ihrer Meinung nach überhaupt nicht in das Bild eines Kriminellen. Ihre Recherchen gehen daher in eine ganz andere Richtung, bringen sie aber auch in eine höchst gefährliche Situation. Und was schließlich bei der Lösung des Falles ans Tageslicht kommt, das ist ungeheuerlich und erschreckend...

Kritik

Mit ihrem zweiten Ella und Max-Roman präsentiert die in Bremen lebende Autorin eine durchgehend gut strukturierte Detektivgeschichte für junge Leserinnen und Leser, in der es um die Macht und die Gefahr von Vorurteilen geht, die sich aber auch mit dem Tabuthema "häusliche Gewalt" auseinandersetzt.

Eine genauere zeitliche Einordnung der auktorial im Präteritum geschilderten Geschichte ist nur bedingt möglich. Es mag ein wenig "oldschool" anmuten für einen weitgehend realistisch erzählten Roman, ist aber durchaus ansprechend, dass darin nur ein einziges Mal die Benutzung eines Handys – noch dazu lediglich für ein simples Telefonat – erwähnt wird (S. 244) und auch sonst keinerlei modernes technisches Equipment für den Fortgang einer recht spannenden Handlung erforderlich ist.

Die Verlegung des Plots in den fiktiven Ort Wildbachbrunn in der Bergwelt der Alpen sorgt für einen typischen Fremdheitsdiskurs, also eine Situation, in der sich die Protagonisten Max und Ella ohne Elternunterstützung bewähren müssen. Die Örtlichkeit gibt zudem reichlich Anlass für ausführliche, teils recht poetische Naturschilderungen:

"Etwas ging ihm nicht mehr aus dem Kopf: der mutige Kampf der Ameise gegen den großen schwarzen Käfer und ihre unbekümmerte Rückkehr in die Reihe ihrer Verwandten. […] Er spürte, wie die Bäume bereits darüber sprachen. Von seinem Mooslager aus konnte er sehen, wie die Buchen verschwörerisch ihre Köpfe über ihm zueinander neigten. Ihre Blätter säuselten sich das Geheimnis zu. Mit den Ästen wedelten sie dabei gelassen, denn sie waren alle einer Meinung." (S. 195/196)

Der etwas ungewöhnliche Buchtitel ergibt sich ebenfalls aus der besonderen Weise, mit der Jakob die Welt wahrnimmt:

"Wenn er sich ganz still verhielt und wartete, dann konnte er die Schmetterlinge singen hören. Sie tanzten über den blühenden Brennnesseln, und er war überzeugt, dass sie sangen, weil sie sich ungestört fühlten." (S. 11)

Im Fokus der Geschichte steht einerseits der Landarzt (!) Doktor Lechner, eine frappant an den klassischen Dr.Jekyll-und-Mr.Hyde-Typus (R. L. Stevenson) erinnernde Figur. Die etwas überzeichnet dargestellte Zwiespältigkeit Lechners, der im Ort höchstes Ansehen genießt, wird erst von Max und Ella vor den (scheinbar) ahnungslosen Einheimischen entlarvt. Einen Gegenpol bildet andererseits Jakob, ein junger Mann, der seit einem traumatischen Geschehen in seiner Kindheit äußerst menschenscheu ist, aber ein intensives Verhältnis zur Natur hat und sich am ehesten in der Einsamkeit des Waldes und der Berge wohl und sicher fühlt, der sich aber genau wegen dieses unangepassten Verhaltens verdächtig macht. Schon früh deutet sich an, dass diese beiden Personen im Roman ein gemeinsames Ereignis miteinander verbindet; worum genau es sich dabei handelt, das wird spannungsfördernd erst zum Ende hin erzählt.


Etwas uneindeutig ist die Rolle des Jungen Dennis: Das Verhalten des unsympathischen, dicklichen und außerdem noch ziemlich dummen Loser-Typen wird zwar mit einer Krankheit der Mutter leidlich erklärt; aber obwohl er – wenngleich nur mehr oder weniger zufällig – einen Anteil am positiven Ausgang des Geschehens hat, bleibt er der Unsympath für seine Umgebung. Etwas bedenklich ist das gänzlich negative Bild, das von der Bevölkerung des Ortes gezeichnet wird: Sie wird allzu stereotyp als tumbe, gesichtslose Masse charakterisiert, die sich von Gerüchten leiten lässt. Und nachdem sich ihre Mutmaßungen als völlig falsch herausgestellt haben, reden sich natürlich alle aus allem heraus und stellen sich sogar als Opfer dar. Eine derart wenig differenzierte Darstellung erscheint jedoch gerechtfertigt beim Thema "häusliche Gewalt". Im Buch wird daher gar nicht erst der Versuch gemacht, die Brutalität des Täters in irgendeiner Weise zu begründen oder etwa zu relativieren; es stellt stattdessen nahezu ausschließlich und sehr eindrücklich die ungeheure Belastung seitens der Opfer – hier mit den Gedanken der Arzttochter Maja – in den Fokus:

"Es wird schon gehen, es muss gehen! Ich muss es schaffen, über die Grenze zu fliehen, bevor er mich findet, bevor mich jemand nach Hause zerrt. … Sie haben ja alle keine Ahnung, sie können leicht reden. Ich weiß aber genau, was passieren wird, wenn er mich erwischt. Wenn‘s gut geht, wird er mich nur beleidigen, spitze, gehässige Bemerkungen und Drohungen machen. Dann wird er mich in meinem Zimmer einsperren und mit Mama Streit anfangen. … Das wird der Anlass sein, sie zu schlagen. Auch wenn sie schweigt, ist das ein Grund, sie zu prügeln, weil es ihn ärgert. Ein Grund findet sich immer. … Und es hört uns keiner. Was bei uns passiert, stellt sich niemand vor." (S. 188, 189)

Fazit

Der Jugendroman Ella und Max und die singenden Schmetterlinge bezieht grundsätzlich und sehr deutlich Stellung gegenüber einer allein von Vorurteilen geprägten Haltung. Man mag die im Buch vertretene kompromisslose und bisweilen deutlich polarisierende Herangehensweise aus Erwachsenensicht als überzogen kritisieren; eine derart klare Positionierung ist jedoch gerechtfertigt bei jungen Leserinnen und Leser ab 10 Jahren, für die das Buch geeignet ist: Jede wie auch immer geartete Relativierung wäre bei einer solch schwerwiegenden Thematik dazu angetan, ein Großteil der Kinder dieses Alters unnötig zu verunsichern. Es bietet sich zudem auch für Ältere an als geeignete Diskussionsgrundlage zum Umgang mit Vorurteilen wie auch zum Tabuthema "häusliche Gewalt".

 

Erstveröffentlichung: 25.06.2019


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