Anfänge bis zum 18. Jahrhundert

von Prof. Dr. Hans-Heino Ewers

Die Identifizierung der Kinder- und Jugendliteratur mit kind- bzw. jugendgemäßer Literatur führte zu der bis in die 70er Jahre herrschenden Lehrmeinung, dass erst ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von einer Kinder- und Jugendliteratur im eigentlichen Sinne die Rede sein könne, dass es sich bei ihr also um eine Schöpfung des aufgeklärten, des pädagogischen Jahrhunderts handele. Es bedurfte nicht zuletzt einer kritischen Revision der eigenen Begrifflichkeit, um die Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur in ihrem ganzen Umfang wahrnehmen zu können. Denn die Kinder- und Jugendliteratur der frühen Neuzeit, deren Spuren sich teilweise bis ins Mittelalter zurückverfolgen lassen, unterscheidet sich grundlegend von ihrer Ausprägung in der Moderne. Dies hängt damit zusammen, dass Kindheit und Jugend nicht als eigenständige Lebensabschnitte begriffen wurden.

Das Kind war "definiert als Nicht-Erwachsener, der auf den Status des Erwachsenseins und auf den Stand, den es später im Leben einzunehmen hatte, hin erzogen werden sollte". "Daher bietet", so weiter Otto Brunken, "die Kinder- und Jugendliteratur dieser Zeit nahezu ausschließlich Modelle für künftiges Rollenverhalten in Familie und Gesellschaft, nicht aber altersbezogene Verhaltensmuster für die konkrete gesellschaftliche Erfahrung von Kindern und Jugendlichen." Die frühe Neuzeit steht ganz also im Zeichen einer Wesensbestimmung von Kinder- und Jugendliteratur als Enkulturations- bzw. Sozialisationsliteratur. Von den mannigfaltigen Funktionen der frühen Kinder- und Jugendliteratur ist an erster Stelle die der religiösen Erziehung und Belehrung zu nennen. In deren Zentrum steht das Vertrautmachen mit der Heiligen Schrift (Bibelauszüge; Historienbibeln, d. h. Nacherzählungen der biblischen Geschichten; Bilderbibeln; Spruchbücher und dergleichen mehr.), gefolgt von der Religionslehre in zumeist konfessionellem Sinn (elementare, "kleine" Katechismen, Bilderkatechismen, Katechismuslieder etc.) und der religiösen Erbauung (Der Seelentrost, um 1350). Sodann geht es um die Vermittlung ethischer Wertvorstellungen und standesspezifischer Verhaltensnormen (Lebensregeln und -maximen, Tugendlehren, Standeslehren, Klugheits- und Anstandsregeln, Lehrgespräche, elterliche Räte und Vermächtnisse; vgl. als erste volkssprachliche Erziehungslehre Der Winsbecke, für Mädchen die Winsbeckin, zw. 1210 und 1220).

Der Windsbecke Die Windsbeckin

Eine weitere Aufgabe der frühen Kinder- und Jugendliteratur ist die Unterweisung im richtigen und höflichen Benehmen (Zucht- und Sittenbücher, Anstandslehren, Tischzuchten, Komplimentierbücher etc.; eine erste deutsche Anstandsunterweisung in Der welhsche Gast von Thomasin von Zerklaere, 1215; von zentraler Bedeutung ist das Buch De civilitate morum puerilium des Erasmus von Rotterdam, 1530, dt. 1531 u. d. T. Zuechtiger Sitten/zierlichen Wandels/und hoefflicher Geberden der Jugent). Einen hohen Stellenwert nimmt die rhetorische Ausbildung ein, was sich in einer Fülle rhetorischer Schriften für Kinder und Jugendliche niederschlägt (Klassikerausgaben, Lehrwerke der Rhetorik, sodann das weite Feld der Schülergespräche – beispielsweise die Colloquia familiaria des Erasmus, 1518-1533 – und die Schuldramen). Schließlich geht es der frühen Kinder- und Jugendliteratur um die Vermittlung von Wissen und Weltkenntnis, um sachliche Belehrung also, was zur Ausbildung einer Vielzahl von Elementar- und Lehrbuchgattungen führt (aus der Fülle herausragend der Orbis sensualium pictus [...] Die sichtbare Welt. Das ist, Aller vornehmsten Welt=Dinge und Lebens=Verrichtungen, Vorbildung und Benahmung des Johann Amos Comenius, 1658).

 

Erstveröffentlichung: 28.05.2012

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