von Prof. Dr. Hans-Heino Ewers

Als die epochale Zäsur, die die frühe von der modernen Kinderliteratur trennt – vorrangig um Kinderliteratur soll es im Folgenden gehen –, darf das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts, die Zeit der Spätaufklärung, gelten. Die (europäische) Aufklärung hält in ihrer anfänglichen und mittleren Phase an der traditionellen Wesensbestimmung von Kinder- und Jugendliteratur als Sozialisationsliteratur fest, und auch das aufstrebende Bürgertum, in Erziehungsdingen streng utilitaristisch gesonnen, nimmt mit den überkommenen lehrhaften Literaturformen vorlieb, die es lediglich auf den eigenen Wertekanon ausrichtet. Dennoch tritt beispielsweise in John Lockes einflussreichen Some Thoughts Concerning Education von 1693 schon die Forderung nach einer gewissen Kindgemäßheit der für das Kind bestimmten Literatur auf; Locke fordert "leichte, vergnügliche Bücher, die seinen Fähigkeiten angemessen sind", und hält Äsops Fabeln am geeignetsten. Die hier ins Auge gefassten Anpassungen an die besondere Natur des Kindes beschränken sich freilich auf die Darbietungsformen, die Art und Weise der Wissensvermittlung, die spielerisch und anschaulich (mittels verstärkter erzählerischer Einkleidung) sein sollen.

Im Verlauf des 18. Jahrhundert wird die pädagogische Intelligenz zum Motor eines Bewusstseinswandels, den man als die "Entdeckung der Kindheit" bezeichnet und der in Jean Jacques Rousseaus Emile ou sur l'éducation von 1762 sein überragendes Manifest gefunden hat.

Rousseaus revolutionäre Kindheitsphilosophie wurde bereits in den 70er Jahren von den deutschen Erziehungsschriftstellern, den sog. Philanthropen, rezipiert und zum Ausgangspunkt einer einschneidenden Kinderliteraturreform gemacht. Dieser Reform liegt die Rousseausche Auffassung zugrunde, dass die Kindheit eine qualitativ eigenständige Existenzform des Menschen darstellt, von der aus sich die gänzlich andersgeartete Welt der Erwachsenen als etwas vollkommen Unbegreifliches ausnimmt. Kinder jetzt schon mit Wissen und Kenntnissen über diese Welt auszustatten, ist demnach ein sinnloses Unterfangen; es erbrächte nur ein leeres Wortwissen. Für die Kinderliteratur ergibt sich hieraus ein geradezu vollständiger Austausch der Themen und Inhalte: Sie hat sich fortan auf die Darstellung kindlicher Lebenswelten zu konzentrieren. "Wozu dem Kind eine Lehre, welche nur Erwachsene angeht?", so fragt Joachim Heinrich Campe 1779 und fordert, dass sich die Kinderliteratur nicht nur nach der "Fassungskraft", sondern auch nach den aktuellen "sittlichen Bedürfnissen des Kindes" zu richten habe.
Die hier erstmals dem Sinn nach proklamierte thematische Konzentration auf kindliche Lebenswelten stellt sich im historischen Rückblick als eines der zentralen Merkmale moderner Kinderliteratur heraus. Sie bringt für die Kinderliteratur einen Schub der Verselbständigung und Isolation mit sich. In vorphilanthropischer Zeit besaß sie eher den Charakter einer allgemeinen Anfängerliteratur; bezeichnend dafür waren die häufig anzutreffenden Mehrfachadressierungen an ganz unterschiedliche Kreise ungebildeter Personen oder Schichten. Mit der Maßgabe, nunmehr in erster Linie von Kindern und deren aktuellen Erlebnissen zu handeln, wird aus der Kinderliteratur eine ausschließlich an Kinder gerichtete Anfängerliteratur. So sehr dies eine durchaus wohltuende stoffliche Entrümpelung bewirkt – im Zeitalter des Enzyklopädismus war der Bildungsballast in den Kinderbüchern geradezu erdrückend –, so sehr bedeutet es gleichzeitig eine thematische Verarmung dieses Literaturzweiges. Die Schuld an dieser Verarmung hat man später den philanthropischen Kinderliteraturreformern, den vermeintlichen Erfindern der später so genannten "spezifischen Kinderliteratur", zugeschrieben, die Verarmung selbst lediglich als Ausfluss falscher Vorstellungen und damit als prinzipiell vermeidbar angesehen. Aus heutiger Sicht stellt sich dies eher als Reflex einer objektiven gesellschaftlichen Veränderung dar, der zunehmenden Verselbständigung und Aussonderung nämlich des realen kindlichen Lebensraumes, die als Teil des umfassenden gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses anzusehen sind. Die philanthropische Kinderliteraturreform darf man unter dieser Prämisse als eine kulturelle Modernisierung bezeichnen. Derlei Ausdifferenzierungen gesellschaftlicher Teilbereiche gehen generell mit einer Einschränkung des Erfahrungshorizontes, der Möglichkeiten der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einher.
Die Kindheit gilt Rousseau darüber hinaus als eine Daseinsweise, die nur aus sich selbst heraus, d. h. vom Standpunkt des Kindes begriffen und beurteilt werden kann und darf. Die Konsequenz hieraus lautet: Es kann gegenüber dem Kind auf Seiten des Erwachsenen keinerlei legitime Autorität geben; jede direkte, jede autoritäre Erziehung ist als verfehlt anzusehen. Hinsichtlich der Kinderliteratur ist damit nicht nur eine Beschränkung auf Themen der kindlichen Lebenswelt verlangt, sondern auch die Anerkennung der kindlichen Lebenswelt als eines ganz und gar autonomen Daseinsbereiches. Eine in Rousseauschem Geist reformierte, moderne Kinderliteratur müsste demnach zugleich antiautoritäre Kinderliteratur sein. In der traditionellen Auffassung kinderliterarischer Kommunikation erscheint der kindliche Rezipient nicht als Träger zu respektierender eigener Werte und Geschmacksvorstellungen; Kinderliteratur dient nach dieser Sicht vielmehr der Übermittlung und Implantierung von Normen, wobei es sich stets um Vorgaben seitens der Erwachsenen handelt. Vom rousseauistischen Standpunkt aus wäre die traditionelle als autoritäre Kinderliteratur zu qualifizieren. Eine antiautoritäre Kinderliteratur hätte demgegenüber kindliche Erfahrungsweisen und Lebenswelten in ihrer Unabhängigkeit von den Erwartungen und Wertvorstellungen der Erwachsenenwelt zu thematisieren, in besonderen Fällen gar in offener Konfrontation mit diesen. Sie könnte damit nicht länger den Zweck erfüllen, der traditionell für alle Kinderliteratur als grundlegend erachtet worden ist – den nämlich der Vermittlung der zivilisatorischen Standards, der Verhaltensregeln und moralischen Werte, die in der Welt der Erwachsenen Gültigkeit besitzen. In der antiautoritären Kinderliteratur käme es auf den möglichst unverstellten Ausdruck der jeweiligen kindlichen Befindlichkeit, des kindlichen Fühlens, Erlebens und Wahrnehmens an – und zwar ganz ohne Rücksicht darauf, wie einseitig und "falsch", wie bedenklich und problematisch sich diese Subjektivität des Kindes in den Augen der Erwachsenen bzw. der Gesellschaft ausnehmen mag.

So sehr in den Frühstadien gesellschaftlicher Modernisierung in Deutschland auch die Idee einer reformierten, modernen Kinderliteratur der Kindheitsautonomie schon greifbar ist, so langwierig und zerklüftet gestaltet sich der Prozess ihrer Verwirklichung und Durchsetzung. Es bedarf einer Vielzahl wiederholter, im Grundtenor gleichlautender kinderliterarischer Reformanstrengungen, ehe Mitte des 20. Jahrhunderts die moderne, die "neue" Kinderliteratur auf breitere gesellschaftliche Akzeptanz stößt und zur herrschenden Richtung wird. Die beiden Grundideen der Kinderliteraturreform setzen sich hierbei auf höchst unterschiedliche Weise durch. Die zunehmende Ausdifferenzierung von Kindheit und familiärem Binnenraum im oberen, dann auch im mittleren Bürgertum bewirkt bereits im ausgehenden 18., frühen 19. Jahrhundert die Anbindung eines wachsenden Teils der Kinderliteratur an den eingeschränkten kindlichen Erfahrungshorizont. In zunehmendem Masse tritt einem in den modernen Kinderbüchern dieser Zeit eine aus dem gesellschaftlichen Leben herausgelöste, gegen äußere Einflüsse abgeschirmte kindliche Lebenswelt entgegen. In dieser haben freilich weiterhin erwachsene Autoritätspersonen das Sagen, die als Väter, Mütter, (Haus-)Lehrer, Gouvernanten etc. der separierten kindlichen Lebenswelt angehören. Letztere wird hier aufgefasst als ein von pädagogischen Autoritäten errichteter und beaufsichtigter Lebensraum, als pädagogische Provinz.

In Joachim Heinrich Campes Robinson der Jüngere (1779/80) wird die Anbindung der Kinderliteratur an den kindlichen Erfahrungshorizont auf vorbildhafte und zugleich spektakuläre Weise realisiert.

Es handelt sich nicht mehr um eine Bearbeitung, sondern um eine Travestie: die seltsamen Abenteuer eines Mannes werden zu einer Jugendgeschichte umgeformt. Die Erzählrunde der Rahmenhandlung mit dem Vater als Erzähler und moralischer Autorität darf als Musterfall einer pädagogischen Provinz im Sinne der Spätaufklärung gelten. Zuvor schon hatte Johann Gottlieb Schummel in Kinderspiele und Gespräche (1776-78) diese Provinz als eine des freilich lehrhaften, nützlichen Spieles bestimmt. Vergleichbares gilt für die Kinderwelt, wie sie in der Rahmenhandlung von Christian Felix Weißes Kinderzeitschrift Der Kinderfreund (1776-82) entworfen wird; auch hier spielen Gesellschafts- und Schauspiele eine hervorragende Rolle (1792 separat erschienen). In Christian Gotthilf Salzmanns erzählendem Moralischen Elementarbuch (1782) dagegen sucht der Vater mit seinen Kindern bisweilen gesellschaftliche Schauplätze außerhalb des kindlichen bzw. familiären Binnenraums auf. Die thematische Einschränkung der Kinderliteratur auf die Kindheit und deren Erfahrungshorizont stößt denn auch auf Vorbehalte. Als Gegenstück zu Campes Robinson-Travestie hat Johann Karl Wezel seinen für die Jugend gedachten Robinson Krusoe (ebenfalls 1779/80) konzipiert, der eine Geschichte von Erwachsenen bleibt und thematisch weit über den Horizont der jungen Leser hinausgreift. Generell bleibt die Kinderliteratur in Deutschland seit der philanthropischen Reform gespalten: Ein gewichtiger Teil beharrt darauf, dass sich Figuren welchen Alters auch immer als Vorbilder eignen, und bietet statt der "neuen" Kindergeschichten weiterhin moralische Erzählungen von Männern und Frauen untadeligen Wandels. In besonderem Masse gilt dies – und zwar bis hinein ins 20. Jahrhundert – für die katholische Kinderliteratur des süddeutschen Raumes, die in Christoph von Schmid (Genovefa, 1810; Die Ostereyer, 1812; Rosa von Tannenburg, 1823, u. a.) ihren wohl bedeutendsten Repräsentanten besitzt.

Die Beherzigung der anderen Grundidee der Kinderliteraturreform der Moderne hieße, den verselbständigten kindlichen Lebensraum als Reich kindlicher Freiheit anzusehen, diesen als einen von den Kindern selbst eroberten Freiraum zu respektieren. Zutritt hätte der Erwachsene auch jetzt noch – allerdings nicht mehr als Autoritätsperson. In der Autoritätsfrage verweigern die Philanthropen Rousseau die Gefolgschaft, und so entbehrt die von ihnen initiierte Kinderliteratur des antiautoritären Elements. Dennoch wartet das späte 18. Jahrhundert mit dem ersten antiautoritären Kinderbuch deutscher Sprache auf. Die Rede ist von einer weitgehend in Vergessenheit geratenen Gedichtsammlung für Kinder – lediglich das von Mozart vertonte Lied "Komm, lieber Mai, und mache/die Bäume wieder grün" hat sich gehalten –, die 1781 unter dem Titel Fritzchens Lieder erschienen ist, und deren Verfasser, Christian Adolf Overbeck, zeitweilig zur Dichtergruppe des "Göttinger Hain" zählte. Die kurze Vorrede darf als das erste deutsche Manifest antiautoritärer Kinderliteratur angesehen werden. Mit einigem Selbstbewusstsein verkündet der Verfasser, "dass dies die ersten Kinderlieder unter uns sind", nachdem es, so muss man ergänzen, bislang nur sichtbar vom Erwachsenenstandpunkt aus formulierte lyrische Texte für Kinder gegeben habe. Sodann folgt der Kernsatz: "Hier spricht, wenn ichs gut gemacht habe, wirklich ein Kind." Fritzchen ist dabei alles andere als eine kindliche Vorbildfigur, der nachzueifern wäre: "Mein Fritzchen – es wäre besser, wenn er Engel hätte seyn können: aber er ist nun mal ein Menschenkind. So lieb ihn auch mancher Leser einst gewinnen mag, so muss ich dem Leser doch sagen, dass er zum Ideal für die Kleinen nicht taugt."

 

Erstveröffentlichung: 30.05.2012

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