von Prof. Dr. Hans-Heino Ewers

Im Unterschied zu seiner Kindheitslehre hat Rousseaus nicht minder provokante Auffassung des Jünglingsalters zumindest auf die offizielle Jugendliteratur des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts keinerlei Wirkung gezeitigt. Es blieb der Erwachsenenliteratur vorbehalten, der neuen, gestreckten Adoleszenz und der damit gegebenen Chance einer autonomen Identitätsbildung (die Möglichkeit des Scheiterns eingeschlossen) literarisch Ausdruck zu verleihen. Zu denken wäre hier an den Werther, den Anton Reiser, den Wilhelm Meister, den Sternbald oder andere romantische Künstlerromane, im 19. Jahrhundert an den Grünen Heinrich oder den Nachsommer. Es gibt Zeugnisse dafür, dass der Werther d i e Jugendlektüre des ausgehenden 18. Jahrhunderts gewesen ist;

Die Leiden des jungen Werther. Erstausgabe von 1774.

in den Augen der Literaturpädagogen der Zeit geriet er zum Inbegriff jugendgefährdender Romanlektüre. Der altbekannte Vorbehalt gegen die schöne Literatur lebt auf jugendliteraturpädagogischer Ebene fort und verhindert die Herausbildung einer modernen Jugendbelletristik. Als sanktionierte Jugendliteratur kennt die Spätaufklärung auf der einen Seite moralische Lehrwerke, zumeist in der traditionsreichen Form des Elterlichen Vermächtnisses (J. H. Campe: Theophron, oder der erfahrene Rathgeber für die unerfahrene Jugend, 1783, und Väterlicher Rath für meine Tochter, 1789), sowie Verhaltenslehren und Klugheitsregeln (John Truslers Anfangsgründe der feinen Lebensart und Weltkenntniss, übersetzt von K. Ph. Moritz, 1799), auf der anderen Seite die überaus zahlreichen Reisebeschreibungen der Zeit (Campes 18teilige Sammlung interessanter und durchgängig zweckmässig abgefasster Reisebeschreibungen für die Jugend, 1785-93).
Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts bildet sich eine, nach Geschlechtern getrennte Jugendbelletristik größeren Umfangs heraus. Charakteristisch für diese ist die Konservierung von Erzählmustern, die auf der Ebene der Unterhaltungsliteratur für Erwachsene außer Mode geraten sind. Bezüglich der belletristischen Mädchenliteratur Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts handelt es sich um die aus dem 18. Jahrhundert stammenden moraldidaktischen und empfindsam-sentimentalen Erzählmuster, ehe sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der psychologisch subtilere, insofern modernere sogenannte "Bachfischroman" herausbildet (Clementine Helm: Backfischchens Leiden und Freuden, 1863; Emmy von Rhoden: Der Trotzkopf. Eine Pensionsgeschichte für erwachsene Mädchen, 1885; Henny Koch: Papas Junge, 1900).

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Als Literatur für männliche Jugendliche hält sich die ebenfalls dem 18. Jahrhundert entstammende didaktische Abenteuerliteratur, bei der es sich vorwiegend um Robinsonaden handelt (Heinrich Laubes Übersetzung von Frederick Marryats Masterman Ready unter dem Titel Sigismund Rüstig, 1843), ehe sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auch auf dieser Ebene eine Abenteuerliteratur neuerer Art durchsetzt, wie sie auf erwachsenenliterarischer Ebene bereits in den 20er, 30er Jahren durch Autoren wie J. F. Cooper, F. Gerstäcker und Ch. Sealsfield zum Erfolg gelangt ist (S. Wörishofer: Robert des Schiffjungen Fahrten und Abenteuer, 1877; F. J. Pajeken: Bob der Fallensteller, 1890; Karl May: Der Schatz im Silbersee, 1891).

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Bis weit hinein ins 20. Jahrhundert bleibt die spezifische Jugendliteratur für beiderlei Geschlecht weitgehend traditionalen, vormodernen literarischen Mustern verhaftet. Dem entspricht es, dass sie sich so gut wie gar nicht auf das Jugendkonzept der Moderne einlässt. Die literarische Gestaltung der modernen, gestreckten Adoleszenz, die ihrem Wesen nach einen äußerst krisenhaften Ablösungs- und Selbstfindungsprozess darstellt, bleibt auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch der Erwachsenenliteratur vorbehalten (E. Strauss: Freund Hein, 1902; H. Hesse: Unterm Rad, 1906; R. Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törless, 1906). Das Jugendkonzept der Moderne ist auch zu diesem Zeitpunkt noch ein auf männliche Jugendliche oberer Schichten eingegrenztes Phänomen und auch hier weit davon entfernt, entwicklungspsychologisch als Normalfall zu gelten. Die an traditionalen Jugendkonzepten orientierte originäre Jugendliteratur darf insofern als Widerspiegelung gesellschaftlicher Normalität angesehen werden. Die Abfolge von Reformbemühungen, wie sie für die Kinderliteratur seit dem späten 18. Jahrhundert charakteristisch ist, sucht man in der Geschichte der Jugendliteratur bis in die 60er, 70er Jahre unseres Jahrhunderts vergeblich.

 

Erstveröffentlichung: 08.06.2012

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