von Prof. Dr. Hans-Heino Ewers

Die Rolle, die die Romantik bei der Durchsetzung einer "neuen", modernen Kinderliteratur gespielt hat, ist zwiespältig. Hinsichtlich ihrer ideologischen Grundpositionen gehört sie zu den entschiedenen Verteidigern der Kindheitsautonomie. Auch für sie gilt, dass alle an Kinder gerichtete Literatur kindgemäss, d. h von wahrhaft kindlicher Geistesart zu sein habe. Die romantische Einschränkung auf kindliche Poesie ist freilich nicht identisch mit der von den Philanthropen eingeführten Zentrierung der Kinderliteratur auf Kinderweltliches. Für die Romantiker ist das, was sich innerhalb der modernen Gesellschaft als ein separierter, autonomer Kindheitsbereich darstellt, in Wahrheit nur das Relikt eines vergangenen Weltzustandes, einer Stufe der Menschheitsentwicklung, die noch keinerlei Dissoziation der Lebensalter kannte, auf der Kinder und Erwachsene noch von ein und derselben aus heutiger Sicht kindlichen Geistesart waren. Auf Kinder sich einstellen muss deshalb für den modernen Erwachsenen heißen, die Vergangenheit inszenieren, die das Kind seinem Wesen nach verkörpert; es heißt in kinderliterarischer Hinsicht, ihnen allein die poetischen Formen darbieten, die dieser Vergangenheit entstammen, nur auf "ältere Poesie" also zurückgreifen. Die Romantik erklärt die überlieferte nationale Folklore und zwar in möglichst unveränderter, unbearbeiteter Gestalt zur einzig legitimen Kinderliteratur, während sie die moderne Kinderliteratur, wie sie aus der philanthropischen Reform hervorgegangen ist, gänzlich aus den Kinderhänden verbannt wissen möchte.

Diese Position hat ihre wohl prominenteste Umsetzung in den Kinder- und Hausmärchen (1812/15) der Brüder Grimm erfahren. Die anfängliche, insbesondere von Jakob Grimm vertretene Position, nach der allein eine selbst auf verbürgte Weise der Vergangenheit entstammende Poesie Kindern gemäß sein könne, ihnen also nur Reime, Märchen, Sagen, Schwänke etc. von nachweisbar hohem Alter dargereicht werden sollten, weicht dabei recht bald auf; die poetischen "Denkmäler der Vergangenheit" bleiben, so die Erfahrung, ohne nachhaltige Bearbeitung den Kindern des bürgerlichen Zeitalters fremd. Die Romantiker halten allerdings daran fest, dass eine der kindlichen Geistesart angemessene Kinderliteratur von vorbürgerlicher Vergangenheit, von sei es mythischer, sei es christlich mittelalterlicher oder frühneuzeitlicher Welt zu handeln habe. Hieran schliesst sich die Forderung an, dies, wenn schon nicht mittels alter Poesie, dann wenigstens in ihrer Formensprache, unter Verwendung ihrer Gattungen zu bewerkstelligen, zu Kindern also in Form und Stil der alten Volksdichtung zu sprechen. Von dieser Maßgabe wird im Laufe des 19. Jahrhunderts jedoch mehr und mehr abgerückt; vornehmlich in der Literatur für ältere, nicht mehr dem "Märchen-", sondern dem "Sagenalter" angehörige Kinder werden im Verlauf des 19. Jahrhunderts moderne Formen epischer Vergegenwärtigung von Vergangenheit aufgegriffen. An die Stelle der Sagensammlungen im Gefolge der Grimmschen Deutschen Sagen (1816-18) treten ab der Jahrhundertmitte (kultur-)historische Erzählungen und historische Romane "für die Jugend" (Oskar Höcker: Das Ahnenschloss, 1879-81). Die vergangenen Zeitabschnitte gelten dabei nicht mehr wie zu Beginn des Jahrhunderts als ein idealer, der Gegenwart überlegener Menschheitszustand; das Zeitalter des Nationalismus erblickt im Vergangenen nur noch die Vorgeschichte der gegenwärtigen Blütezeit der eigenen Nation. Die Aufweichung des Grimmschen Kinderliteraturprogramms fördert zu Tage, dass wir es hier in Wahrheit mit einer modernen Konstruktion von Kindheit als Vergangenheit zu tun haben.

Dass von Vergangenem poetisch auf zeitgemäße Weise zu handeln sei, bildet die Grundannahme aller literarischen Märchendichtung der Romantik. Diese tritt von Beginn an als eine Altes und Modernes mischende Dichtungsart auf und wird als solche von Achim von Arnim brieflich gegenüber den Brüdern Grimm verteidigt. Liegt in Clemens Brentanos sogenannten Italienischen Märchen, einer Bearbeitung einzelner Märchen G. B. Basiles "für deutsche Kinder" (zwischen 1805 und 1811; erste kinderliterarische Edition des Myrthenfräuleins 1830), das moderne Element in der Erzählweise, so geht Ludwig Tieck dazu über, dem Märchen eine moderne Thematik zu unterlegen. In Die Elfen aus dem ersten Band des Phantasus (1812; erste kinderliterarische Edition 1822) spitzt Tieck das im Volksmärchen unproblematische Nebeneinander von Diesseits- und Jenseitswelt zu einem Antagonismus zu und verwandelt das Märchen in eine allegorische Dichtung, die einen Gegensatz des modernen Lebens, den Gegensatz zwischen erwachsener aufgeklärter Rationalität und kindlichem Wundersinn, zum Ausdruck bringt. Zusammen mit E.T.A. Hoffmanns Elfenmärchen Das fremde Kind (1817) stellt Tiecks Märchen den Beginn einer Tradition moderner kinderliterarischer Märchendichtung dar, die thematisch auf den Gegensatz von Kindheit und Gesellschaft zielt.

Der gestiefelte Kater. Erstausgabe von 1797

In E.T.A. Hoffmanns Kindermärchen Nussknacker und Mausekönig (1816) tritt an die Stelle der märchenhaften Diesseitswelt die realistisch dargestellte moderne Wirklichkeit, an die des kindlichen Märchenhelden eine psychologisch-realistisch gezeichnete Kinderfigur. Deren fortlebender Wunderglaube bleibt solange un­befriedigt, bis sich die Erlebnismöglichkeit einer zweiten, einer jenseitigen Welt ergibt. Im vorübergehenden Aufenthalt in einer solchen Jenseitswelt bzw. im zeitweiligen Zusammensein mit einer Jenseitsgestalt im Diesseits sind all die Einschränkungen und Begrenzungen aufgehoben, denen die kindliche Phantasie, insbesondere der kindliche Wundersinn, im modernen Alltagsleben unterworfen sind. E.T.A. Hoffmann macht das Kind zum Bewohner zweier Welten und gibt damit dessen prekärer Situation, in eine seiner Geistesart entgegengesetzte Welt hineingepflanzt zu sein, einen literarisch präzisen Ausdruck. Den kindlichen Lesern wird damit ermöglicht, ihren Realitätssinn zu schärfen, ohne das gleichzeitig vorhandene Vergnügen am Unwahrscheinlichen, am Phantastischen unterdrücken zu müssen. Mit seinem Kindermärchen vom Nussknacker und Mausekönig (1816), wird E.T.A. Hoffmann zum Begründer der phantastischen Kindererzählung, einer Gattung, die im 19. Jahrhundert vorwiegend ausserhalb Deutschlands gepflegt wird – in erster Linie von H. Chr. Andersen (Die Blumen der kleinen Ida) -, die aber erst im viktorianischen England einen wirklichen Aufschwung erlebt (Lewis Carroll: Alices Adventures in Wonderland, 1865; George MacDonald: At the Back of the Northwind, 1868-69; Edith Nesbit: The Psammead, 1901; The magic city, 1910).

Die romantische Kinderliteraturreform hat also auf der einen Seite den Anteil traditionaler Formen und Gattungen an der Kinderliteratur erweitert. Wir haben es hier allerdings mit einer kinderliterarischen Traditionalität zu tun, die der Modernisierungsprozess allererst hervorgebracht hat: Volksmärchen, Sagen Volksbücher etc. werden erst in der Moderne zu sanktionierter Kinderliteratur. Dass deren kinderliterarische Verwendung eine Modernisierungsfolge darstellt, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass diese sich im Unterschied zu den kinderliterarisch überkommenen vormodernen Gattungen bis auf den heutigen Tag gehalten haben. Auf der anderen Seite hat die Romantik die Kinderliteratur um zwei moderne kinderliterarische Gattungen bereichert: zum einen um das moderne literarische Kindermärchen, das sich über G. v. Bassewitz' Peterchens Mondfahrt (1911) bis hin zu Otfried Preusslers Kleiner Hexe (1957) und Michael Endes Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer (1960) erstreckt; zum anderen um die phantastische Kindererzählung, die auch im 20. Jahrhundert noch im englischsprachigen und nun auch im skandinavischen Raum (Astrid Lindgren, Maria Gripe) ihre gültigste Ausprägung erfahren wird. Diese beiden Gattungen haben mit den aus dem späten 18. Jahrhundert stammenden Formen moderner Kinderliteratur die Thematik gemeinsam – das Kinderleben nämlich unter den Bedingungen der Moderne.

Erstveröffentlichung: 15.07.2012

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